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Bielefelder Tageblatt (OH) / Neue Westfälische , 17.01.2004 :

Eine verführerische Masse / "Tatort Stadion – Rassismus und Diskriminierung im Fußball" – so heißt die Ausstellung, die jetzt nach Bielefeld kommt / Gibt es so etwas auf der Alm?

Von Ansgar Mönter

Bielefeld. Fußballspiele sind multikulturelle Veranstaltungen. Auf dem Platz spielen Kicker aus vielen Ländern, auf den Rängen sitzen und stehen Männer und Frauen, Weiße und Schwarze, Arbeiter und Industrielle, Einwanderer und Deutsche. Der Fußball eint Hunderttausende an den Wochenenden in die Bundesliga-Stadien. Doch das Massenspektakel hat auch eine Kehrseite: Rassismus und Diskriminierung. Die Ausstellung "Tatort Stadion" thematisiert diese Tendenzen. Sie ist ab dem 26. Januar vier Wochen in Bielefeld zu sehen.

Akut wurde das Thema in den 80er-Jahren auch in Bielefeld. Damals entdeckten die Rechtsextremen das Stadion als Agitationfeld. Der stadtbekannte Neonazi Michael Kühnen antwortete 1983 auf die Frage, wo er rechte Gesinnungsgenossen rekrutiere: "Unter Skinheads und Fußballfans."

Mit Flugblättern vor und auf der Alm stellten sich die Neonazis als "Deutsche Fußballfans" dar, die gegen Polizei und "Sozialspitzelkontaktarbeiter" kämpfen. Mit diesem Wort verunglimpften sie die Mitarbeiter des gerade gegründeten Fan-Projekts in Bielefeld.

Die braune Propaganda suchte sich einen vermeintlich fruchtbaren Nährboden. Denn paramilitärisch organisierte Fan-Cliquen wie "Blue Army" oder "Ostwestfalenterror (OWT)" zeigten "eine Vorliebe für einfache Lösungen, eine enorme Ausländerfeindlichkeit und eine relativ hohe individuelle Gewaltbereitschaft", schrieb 1986 das Fan-Projekt Bielefeld in einer Untersuchung. Allerdings warnten die Verfasser zugleich, Fußballfans einfach mit Neonazis gleichzusetzen. Blue Army oder OWT seien trotz ihres Gebarens keine rechtsradikalen Gruppierungen wie die "Borussenfront" aus Dortmund.

Dennoch: Rassismus und Diskriminierung zogen ein ins Fußballstadion – auch in Bielefeld. Anfang der 90er-Jahre schmähten manchmal Hunderte im Stadion mit gutturalen Urlauten schwarze Fußballer. Neonazis waren auf Werbetour im Block, verteilten Flugblätter und schwenkten Fahnen.

"Selbstregulierung der Szene funktioniert"

Diese Tendenzen sind in Bielefeld heute immer weniger zu beobachten. Es gibt zwar noch Rechtsextreme auf der Alm, sie agieren aber nicht mehr offen. "Rechte Politik taucht nicht mehr auf", bestätigt Ole Wolff vom Fan-Projekt, "weil die Selbstregulierung der Fanszene einigermaßen funktioniert".

Bei den "Ultras" zum Beispiel – der mittlerweile stärkste Fan-Gruppe – muss jedes Mitglied den Verzicht auf Gewalt und extreme Äußerungen schriftlich fixieren.

In den anderen hierarchisch organisierten Fan-Organisationen achten die Anführer auf die Einhaltung der Regeln. Unter den rund 20 Köpfen der Szene "gibt es einen Wertekodex, der Gewalt und Politik im Stadion verbietet", erläutert Wolf Kranzmann, Vorstandsvorsitzender des "Schwarz-Weiß-Blauen Dachs", der übergeordneten Organisation aller Fan-Clubs. Rechtsextreme hätten keine Chance. "Wir sind eine geschlossene Szene, diese Leute kommen bei uns nicht rein", sagt Thomas Stark von den Ultras. Dass nach außen hin manchmal der Eindruck entstehe, es gebe diskriminierende Übereinstimmungen in der Menge, liegt laut Kranzmann an der bewusst härteren Ausdrucksweise der Subkulturszene. "Fans wollen provozieren und Grenzen überschreiten." Es gehe schließlich darum, den Gegner zu treffen. Das ist das Spiel. Mehr nicht. Sprechchöre wie etwa "Schwuler Labbadia" beim Spiel 2002 gegen den Karlsruher SC würden oft missverstanden von Außenstehenden. "Eine Diskriminierungsabsicht sehe ich darin nicht", sekundiert Thomas Stark.

Wie schmal der Grat ist zwischen spielerisch gemeinter Provokation und Diskriminierung, will "Tatort Stadion" laut Marc Neumann unter anderem zeigen. Er ist Jugendbildungsreferent beim Ausstellungsveranstalter DGB. Er verspricht sich eine Sensibilisierung der Fans. In der Szene allerdings herrscht Misstrauen gegenüber der Ausstellung. Viele hegen den Verdacht, als Arminia-Anhänger pauschal in die rechte Ecke gestellt zu werden. Sie wollen sich nicht "instrumentalisieren" lassen, weder von rechts noch von links.

Sozialarbeiter Wolff vom Fan-Projekt hält diese Befürchtungen für unbegründet, obwohl er in Teilen der Masse einen "latent vorhandenen unterschwelligen Rassismus" ausgemacht hat. Die Verhaltensregeln der Fanszene deckeln diesen, bekämpfen können sie ihn kaum. So kommt es gelegentlich vor, dass Einzelne im Schutz der Menge Wörter wie Asylant oder Jude als Beleidigungen nutzen. "Auf der Alm dicke Fresse, zu Hause eine kleine Leuchte", kommentiert Kranzmann dieses Verhalten.

Die Massen sind verführerisch. Und die Masse verführt. Die Bielefelder Fanszene setzt die Selbstregulierung dagegen. Mit Erfolg, betrachtet man die Entwicklung der vergangenen 20 Jahre. Zudem ist die eher konservativ geprägte traditionelle Bielefelder Fanszene nicht allein im Stadion. Es gibt eine ebenso große – jedoch unstrukturierte – Fan-Fraktion aus dem so genannten linken Spektrum.

Zurzeit sind offene Diskriminierung und Rassismus Randerscheinungen auf der Alm und Neonazis ohne Chance. "Die Fans", sagt Wolff, "wollen sich ihre Subkultur nicht kaputt machen lassen von denen".


"Tatort Stadion": Die Begleitveranstaltungen

Die Ausstellung "Tatort Stadion" läuft vom 26. Januar bis 20. Februar in der Volkshochschule (VHS), Ravensberger Park, jeweils montags bs freitags von 10 bis 13 und 15 bis 18 Uhr. Anmeldungen und Führungen unter Tel. 9 64 08 22.

Zur Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm:

Montag, 26. Januar, 18.30 Uhr, VHS: Eröffnung;

Dienstag, 27. Januar, 19.30 Uhr, VHS, Talkrunde: "Keine Politik im Stadion?";

Freitag, 30. Januar, Falkendom, Meller Straße 77, ab 19 Uhr: Party mit Konzert und Kickerturnier;

Dienstag, 3. Februar, 19.30 Uhr, VHS: Talkrund: "WM 2006 – Was erwartet die Fans?";

Donnerstag, 5. Februar, VHS, 19.30 Uhr: Film-Dokumentation: "Hooligans – Netzwerk der Gewalt";

Dienstag, 10. Februar, VHS, 19.30 Uhr: Dietrich Schulze-Marmeling zu "Davidstern und Lederball";

Donnerstag, 12. Februar, VHS, 19.30 Uhr: Diskussion zu Sexismus im Fußball, anschließend der Film: "Kick it like Beckham";

Dienstag, 17. Februar, VHS, 19.30 Uhr: Vortrag Dr. Arthur Heinrich zu "Der DFB und das Fachamt Fußball während der Nazi-Zeit";

Donnerstag, 19. Februar, VHS, 19.30 Uhr: Fußball und Popkultur – Vortrag und Diskussion zu "Rechtsrock".

17./18.01.2004
lok-red.bielefeld@neue-westfaelische.de

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