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Bielefelder Zeitung / Westfalen-Blatt , 19.02.2008 :

Irith Michelsohn abgewählt / Opposition setzt sich durch: Jüdische Kultusgemeinde hat neuen Vorstand

Von Manfred Matheisen und Carsten Borgmeier (Fotos)

Bielefeld (WB). Die Jüdische Kultusgemeinde Bielefeld hat den bisherigen Vorstand mit Irith Raub Michelsohn und Paul Yuval Adam abgewählt. An der Spitze stehen jetzt Anna Petrowskaja (44) und Dr. Mark Mazur (42).

Der Ausgang der Wahlen zur Gemeindevertretung am vorigen Sonntag ist überraschend. Zwar hatte sich in den vergangenen Monaten eine starke innergemeindliche Opposition gebildet, es war aber allgemein damit gerechnet worden, dass sich die umstrittene Vorsitzende Michelsohn und ihr Stellvertreter würden durchsetzen können. 173 von 198 vor allem aus Russland stammende Wahlberechtigte nahmen an der Abstimmung teil. Sie wählten fünf Repräsentanten, die aus ihrer Mitte den Vorstand benannten. Die Opposition gewann alle Sitze in dem Gremium, Anhänger von Michelsohn und Adam konnten sich nicht durchsetzen.

Irith Michelsohn war innerhalb der Jüdischen Kultusgemeinde die treibende Kraft zum Kauf der evangelischen Paul-Gerhardt-Kirche. Bis zum Herbst dieses Jahres soll das Gotteshaus in eine Synagoge mit einem jüdischen Gemeindezentrum umgewandelt werden. Etliche Gemeindemitglieder waren mit dem Vorgehen von Frau Michelsohn nicht einverstanden und warfen ihr in diesem Zusammenhang "Alleingänge" vor.

Missstimmigkeiten innerhalb der Kultusgemeinde gab es schon seit einigen Jahren. Kritisiert wurde vor allem der als "autoritär" bezeichnete Führungsstil der Vorsitzenden. Aus Protest verließen vor Jahresfrist 30 Mitglieder die hiesige Gemeinde und schlossen sich der Jüdischen Gemeinde in Herford an.

Irith Michelsohn betonte in einer Stellungnahme zur Wahl, sie und Paul Yuval amtierten weiter, bis sie die Geschäfte in einer konstituierenden Sitzung an den neuen Vorstand übergeben würden. Einen Zeitpunkt dafür nannte sie nicht: "In Berlin hat das zehn Wochen gedauert, die Gemeinde ist aber auch wesentlich größer." Möglicherweise werde sie die Wahl überprüfen lassen. Kontakt zu dem neu gewählten Gemeindegremium will sie nicht aufnehmen: "Dazu habe ich keine Veranlassung."

Die designierte Vorsitzende Anna Petrowskaja ist studierte Historikerin. Mit ihrem gleichberechtigten Vorstandspartner, dem Zahnarzt Dr. Mark Mazur, bat sie um Verständnis, sich zu inhaltlichen Fragen erst zu äußern, wenn die Geschäfte übergeben worden sind.

Mark Mazur betonte, das Wahlergebnis dokumentiere die Unzufriedenheit der Gemeinde mit Vorgängen in der Vergangenheit. Er sehe "eine gute Bewegung", die in Gang gesetzt worden sei: "Wir werden in den drei Jahren unserer Amtszeit alles in unserer Macht stehende tun, um den guten Ruf der Jüdischen Kultusgemeinde wieder aufzubauen."

Was den Umbau der Paul-Gerhardt-Kirche anbelangt, sagte Frau Michelsohn, der amtierende Vorstand werde selbstverständlich die Pläne wie gehabt verfolgen. Der Evangelische Kirchenkreis geht ebenso davon aus, dass es bei dem Verkauf bleibt. Sprecherin Astrid Weyermüller: "Die Besitzübergabe hat stattgefunden und der Vertrag ist bislang ordnungsgemäß erfüllt worden. Wir zweifeln nicht daran, dass das auch weiterhin der Fall ist." Gegen den Verkauf der Kirche hatte es massive Proteste innerhalb der evangelischen Kirche in Bielefeld gegeben. Eine Bürgerinitiative hielt das Gotteshaus 96 Tage besetzt.

Die Kosten für den Erwerb und den Umbau hat der Paul-Gerhardt-Kirche hat Frau Michelsohn auf 2,5 Millionen Euro beziffert. 600.000 Euro sollen aus Eigenmitteln aufgebracht werden. Das Land Nordrhein-Westfalen beteiligt sich mit einem Zuschuss in Höhe von 1,78 Millionen Euro an dem Projekt, die Stadt Bielefeld steuert 254.000 Euro bei. Nach Auskunft des Chefs des städtischen Amtes für Finanzen, Joachim Berens, sind bislang 430.000 Euro vom Land und 61.500 Euro von der Stadt abgerufen worden. Seit wenigen Tagen zeigt ein großes Bauschild vor der Paul-Gerhardt-Kirche, wie das Gebäude nach der Umgestaltung aussehen wird.

Bildunterschrift: Die ehemalige evangelische Paul-Gerhardt-Kirche wird umgebaut zum Jüdischen Gemeindezentrum mit Synagoge Die jetzt abgewählte Vorsitzende Irith Michelsohn hat das Projekt maßgeblich vorangetrieben. Der Kirchenkreis geht davon aus, dass der Vertrag weiterhin erfüllt wird.

Bildunterschrift: Paul Yuval Adam: abgewählt ...

Bildunterschrift: ... aber noch im Amt: Irith Raub Michelsohn ...

Bildunterschrift: ... und der gleichberechtigte Partner Mark Mazur.

Bildunterschrift: Designierter Vorstand: Anna Petrowskaja.


bielefeld@westfalen-blatt.de

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