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Lippische Landes-Zeitung , 17.11.2012 :

Dieses Erbe wiegt schwer / "Die Erinnerung wach halten" - Interview mit Dr. Oliver Arnhold zur Entjudung in Theologie und Kirche, LZ vom 9. November

Dr. Oliver Arnhold hat in seiner Erforschung des Eisenacher Entjudungsinstitutes von 1939 einen außerordentlich wichtigen und so in Form und Inhalt bisher nicht bekannten Beitrag zur Erhellung und Aufarbeitung der Kirchengeschichte vorgelegt. Kirche und Christentum sind mit diesem erschütternden historischen Befund aufgefordert, Verantwortung für eine Theologie zu übernehmen, in deren Wirkungsgeschichte das Heil der Einen gleichzeitig das Unheil der Anderen bedeutete.

Doch gerade dieses Heil, das nach christlichem Verständnis Sündenvergebung und Auferstehung der Toten unaufgebbar beinhaltet, ist schon immer Mitte jüdischen Glaubens und Evangelium seit Abraham. Somit ist das, was christlichen Glauben ausmacht, seit Abraham möglich und wird in Tod und Auferstehung Jesu Christi verdeutlicht.

Das Eisenacher Entjudungsinstitut ist in seiner perfiden, unchristlichen Erscheinungsform und Zielsetzung, alles Jüdische aus dem Neuen Testament entfernen zu wollen, Teil der systematischen Vernichtung des europäischen Judentums und ist nur im Zusammenhang des Holocaust verstehbar. Nicht nur unsere jüdischen Mitbürger, die in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet wurden, nur weil sie dem jüdischen Glauben angehörten, sollten endgltig ausgelöscht werden, sondern ebenso sollte das Neue Testament von seinen jüdischen Wurzeln und Inhalten "gereinigt" werden.

Dieser Wunsch, jüdischen Glauben und jüdische Kultur zu vernichten, ist allerdings keine Erfindung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, sondern geht schon auf den Antijudaismus der Kirchenväter zurück. Ich zitiere Chrysostomos (349 - 407): "Wie ein gemästetes und arbeitsunfähiges Tier taugen die Juden nur noch für den Schlächter, uns sind darin nicht besser als die Schweine und Böcke." (Ad. Jud. Lit.)

Die Erinnerung ist daran wach zuhalten: Die Nazis beriefen sich in der so genannten "Reichskristallnacht", in der sie die Synagogen in Deutschland niederbrannten, auf den Reformator Martin Luther. Ich zitiere aus seiner Schrift "Über die Juden und ihre Lügen" von 1543: " ... das man ihre Synagogen und Schulen mit Feuer anstecke, und was nicht brennen will, mit Erde überhäufe, dass kein Mensch einen Stein davon sehe ewiglich ... "

Adolf Hitler sah sich in seinem Juden-Vernichtungsprogramm als politischer Vollstrecker eines zweitausendjährigen Juden-Hasses, dessen Ziel immer die Vernichtung des Judentums war. Dieses Erbe des christlichen Antijudaismus wiegt bleischwer für Kirche und Christentum.

Christlicher Verkündigung fällt es nach wie vor schwer, die jüdische Botschaft des Jesus von Nazareth, der keinen neuen Glauben installieren und schon gar keine Kirche, wie wir sie kennen, gründen wollte, authentisch in eine christliche Verkündigung und Theologie zu integrieren.

Nach 1945 begann die Kirche, erst sprachlos, das Geschehene für sich zu ordnen. Um so mehr ist Dr. Oliver Arnholds Erforschung des Eisenacher Entjudungsinstitutes von 1939 ein Meilenstein für eine anstehende Aufarbeitung der Kirchengeschichte im Zusammenhang des christlichen Antijudaismus und so von unschätzbarem Wert. Ihm gilt mein Dank.

Bernhard Meier-Limberg
Auf der Heide 33
Lemgo

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Lippische Landes-Zeitung , 09.11.2012 :

Interview / Die Erinnerung wach halten / Zur "Entjudung" in Theologie und Kirche

Kreis Lippe. Heute jährt sich die Reichspogromnacht zum 74. Mal - die Nacht, in der in Deutschland Synagogen und jüdische Einrichtungen brannten. Es ist wichtig, die Erinnerung wach zu halten und daraus zu lernen, sagt Dr. Oliver Arnhold, Lehrer am Grabbe-Gymnasium Detmold und Dozent an den Universitäten Bielefeld und Paderborn.

Herr Arnhold, wie kann Erinnerungskultur aussehen?

Dr. Oliver Arnhold: Dazu gehört zum Beispiel, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen und ihre Aussagen in Filmen und Dokumenten zu sichern. Schulische Projekte mit Jugendlichen, Austausch mit Menschen in Israel und wissenschaftliche Beschäftigung mit der NS-Zeit können helfen, die Erinnerung wach zu halten und Unrechtsstrukturen zu erkennen.

Sie haben ein Buch verfasst, "Entjudung - Kirche im Abgrund". Worum geht es?

Arnhold: Auf der Grundlage einer Entschließung von elf evangelischen Landeskirchen wurde 1939, ein halbes Jahr nach der Pogromnacht, in Eisenach das "Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" gegründet. Die dort tätigen Theologen wollten den heute für uns abwegigen Nachweis führen, dass Jesus gar kein Jude gewesen sei, um Kirche und Theologie dem Nationalsozialismus anzupassen. Sie haben das Neue Testament überarbeitet und alle jüdischen Bezüge herausgenommen, ein "entjudetes" Gesangbuch und einen antijüdischen Katechismus verfasst.

Haben sie damit bei den Nazis etwas erreicht?

Arnhold: Nein. Die NSDAP, die sich 1933 noch kirchenfreundlich gab, weil sie die Kirchen auf dem Weg zur Machtstabilisierung brauchte, hatte das Interesse verloren. Die Gleichschaltung war durch die Entstehung der Bekennenden Kirche und die damit verbundene Spaltung in der evangelischen Kirche gescheitert. Mit Hilfe des Instituts versuchten Theologen eine Synthese von Christentum und Nationalsozialismus, aber ohne Erfolg. Dies rettete allerdings nach 1945 manchem Mitarbeiter die Karriere. Einige haben später wieder ein Pfarramt bekommen, andere waren wissenschaftlich tätig, so Walter Grundmann als bekannter Kommentator des Neuen Testaments. Seine rassistischen Theorien hat er nach 1945 fallen gelassen, aber seine religiös begründete Juden-Feindschaft, hat er nicht abgelegt.

Wie kam es zur Aufarbeitung in der Kirche?

Arnhold: Die war dadurch erschwert, dass Institutsmitarbeiter nach 1945 wieder führende Posten innerhalb der Kirche und der Fakultäten an den Universitäten bekleideten. Die Geschichte des Instituts wurde erst in den 90er-Jahren wissenschaftlich erforscht, und etwa zeitgleich setzt sich auch in der Kirche die Sichtweise durch, dass das Judentum nicht die Feindin, sondern die Wurzel des Christentums ist.

Inwieweit fand die "Entjudung" ihren Weg nach Lippe?

Arnhold: Es gab natürlich auch in Lippe deutsche Christen, die von dem kirchlichen "Entjudungsprogramm" überzeugt waren. So hat auch ein Exemplar des "entjudeten" Neuen Testaments seinen Weg in die Theologische Bibliothek der Landeskirche gefunden.

Arbeiten Sie aktuell an dem Thema weiter?

Arnhold: Derzeit erarbeite ich zusammen mit Studierenden, dem Schulreferenten der Lippischen Landeskirche, Andreas Mattke, und Harald Schroeter-Wittke, Professor in Paderborn, eine szenische Lesung zum Thema, die auf dem Evangelischen Kirchentag im Mai 2013 in Hamburg aufgeführt werden soll. Ferner ist ein Unterrichtsmodell für die gymnasiale Oberstufe in Planung.

Das Interview führte Birgit Brokmeier, Pressesprecherin der Lippischen Landeskirche.

Bildunterschrift: Im Interview: Dr. Oliver Arnhold.

17./18.11.2012
detmold@z-online.de

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