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16.04.2010 :
Für die Nazis war er nur ein "Mischling ersten Grades" / Zeitzeuge Elfried Naumann blickt zurück auf NS-Zeit
Von Ludmilla Ostermann (Text und Foto)
Sennestadt (WB). Heute ist 65 Jahre her, dass Elfried Naumann als "Mischling ersten Grades" von den Nationalsozialisten ins Arbeitslager nach Frankreich geschickt wurde. Vor 100 Schülern des Hans-Ehrenberg-Gymnasiums hat er jetzt anlässlich der Ausstellung "Die Bielefelder Deportationen" auf sein Leben während der Nazi-Zeit zurückgeblickt.
Bereits während seiner Kindheit in Bad Lippspringe erlebte der heute 85-Jährige die Ausgrenzung vom gesellschaftlichen Leben. Er wurde als Sohn eines christlichen Vaters und einer jüdischen Mutter geboren und galt durch diese Konstellation als "Mischling ersten Grades". Als Junge wollte Naumann in die örtliche Pfadfindergruppe eintreten: "Der Leiter verwehrte mir die Mitgliedschaft aufgrund meiner Abstammung."
Obwohl die damaligen Ereignisse lange zurückliegen, erinnert sich Elfried Naumann noch genau an die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die Repressalien, die er erfahren musste. Seine detaillierten Beschreibungen füllten die damaligen Geschehnisse wieder mit Leben. Die Schüler, die sich im Unterricht mit dem Nationalsozialismus befassen, hörten dem Zeitzeugen aufmerksam zu.
Naumann erzählte von einem Besuch bei Verwandten in der Gaststätte "Kyffhäuser". Das ehemalige Gebäude am Kesselbrink diente als Sammellager für die Insassen der Deportationszüge aus Bielefeld. "Einen Tag vor ihrer Abreise haben meine Mutter und ich meinen Tanten noch Bettwäsche gebracht", erinnert er sich. Zwei Postkarten erreichten Familie Naumann noch von der Zugfahrt der Tanten, die in Auschwitz starben: "Meine Lieben! Fahre gerade nach Breslau ... " ist auf einer zu lesen. "Das Bettzeug brauchten sie nicht. Es wurde eine Reise in den Tod", sagt Naumann.
Flucht glückt mit falschen Papieren
Mit 18 bekam er die Weisung, der Organisation Todt beizutreten, einer nach militärischem Vorbild organisierten NS-Bautruppe. "Das ist jetzt 65 Jahre her", erklärte Naumann. "In Frankreich arbeitete ich in unterirdischen Stollen. Es war bitterkalt. Wenn das Licht ausfiel, wurde es stockfinster."
Nach der Flucht mit gefälschten Papieren und einem weiteren Arbeitseinsatz im Sauerland kehrte er 1945 zu seinen Eltern nach Bad Lippspringe zurück. "Wegen der Nürnberger Rassengesetze durfte ich nicht studieren. Dabei wollte ich immer Journalist werden", sagt Elfried Naumann. Nach der Befreiung machte er eine Ausbildung beim Westfälischen Volksblatt in Paderborn und erfüllte sich seinen Traum. Für Naumann gab es nie eine berufliche Alternative, wie er den Schülern schmunzelnd erklärte: "Schon als Kind hatte ich immer die besten Noten in den Aufsätzen."
Bildunterschrift: Auf einem Bild der Ausstellung "Die Bielefelder Deportationen" ist auch er zu sehen: Elfried Naumann (links) erzählt von der NS-Zeit. Angelika, Fury und Deborah (von links) hören dem Zeitzeugen aufmerksam zu.
brackwede@westfalen-blatt.de
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