www.hiergeblieben.de

Lippische Landes-Zeitung , 25.07.2019 :

Als die Jugend in Lemgo rebellierte

Zeitreise in die 60er: Mit Reden, Streichen und Satire-Beiträgen sorgten die Abiturienten am EKG und MWG für den Eklat / Die Polizei hob ein "Liebesnest" aus, Schulleiter und Alt-Nazi Wilhelm Kemper ließ Schülerzeitungen beschlagnahmen

Von Katrin Kantelberg

Lemgo. In den 60er Jahren suchte die Jugend nach neuen Wegen. Sie wehrte sich gegen überkommene Traditionen, gegen Althergebrachtes und verkrustete Strukturen. Vor allem in den Großstädten gingen die jungen Leute auf die Barrikaden, doch auch in der Provinz formierte sich Protest. Dabei waren es vor allem die Schüler der Gymnasien, die ihre Gesellschaftskritik in Reden, Flugblättern und Demos propagierten: Auch in Lemgo, am damals sehr konservativen Engelbert-Kaempfer-Gymnasium für Jungen und am eher liberal geführten Marianne-Weber-Gymnasium für Mädchen, kam es zum Eklat.

Am Weber-Gymnasium war es die damalige Stufensprecherin Margret Lutter, die mit ihrer Rede zur Abitur-Feier am 31. Mai 1968 Empörung auslöste und die Feier fast zum Platzen brachte. Für heutige Verhältnisse eine sehr gemäßigte Rede, wie Lemgos Museumsdirektor Jürgen Scheffler bewertet, setzte sich Margret Lutter doch kritisch mit Aufgabe und Funktion der Schule in der Gesellschaft auseinander, regte an, statt der üblichen Feier über "Indifferenz, Lethargie und autoritäre Strukturen" zu diskutieren. Eltern und Lehrer reagierten empört, der übliche Applaus blieb aus, mit Mühe kam noch ein Abschlussfoto der Absolventinnen in den Kasten. Im Anschluss überschlugen sich die Kommentare, zuhauf gingen bei der Lippischen Landes-Zeitung kritische Leserbriefe ein. Und auch Schulleiterin Käte Ättner, die die Rede zuvor im Wesentlichen abgesegnet hatte, distanzierte sich in einem Brief von Lutter, was die Schülerin wiederum zu einer öffentlichen Replik reizte.

Dass es überhaupt zu dieser Rede kommen konnte, so Jürgen Scheffler, war wohl auch der eher liberalen Führung von Schulleiterin Käte Ättner zu verdanken. Ganz anders sah es am EKG aus. Dort führte der frühere Nationalsozialist und Himmler-Mitarbeiter Wilhelm Kemper ein strenges Regiment. Das Lehrerkollegium war alt, junge Kollegen kaum vertreten: "Die Schülerschaft war in Bewegung, nur die Lehrer bewegten sich nicht", bringt es Florian Lueke auf den Punkt. Der 32-Jährige ist heute selbst Lehrer für Geschichte, Sport und Sozialwissenschaften am Engelbert-Kaempfer-Gymnasium und hat sich intensiv mit dessen Vergangenheit befasst.

Ende der 60er Jahre waren es vor allem die Klassen der Oberstufe, die sich für mehr Freiheit und Mitbestimmung engagierten. 1968 kam es zu einer ersten unabhängigen Schülergewerkschaft, per Flugblatt prangerten die Schüler "Repressionen seitens der Lehrer" an, und in der bis dato sehr gemäßigten Schülerzeitung Mosaik kam es - erstmals von der Schulleitung unzensiert - zu "unerhörten" Veröffentlichungen: Es gab nackte gezeichnete Frauen, Kritik an Lehrern und in einem Extrablatt wurde gar satirisch eine Hasch-Ecke und die Umwandlung von schulischen Garten in Freudenhäuser gefordert.

Der Schulleiter reagierte prompt, beschlagnahmte alle Exemplare, denen er habhaft werden konnte und rief den "Notstand des Gymnasiums" aus. Die Lehrer hatte er dabei auf seiner Seite. Ein Vertreter, der es wagte, zu einer pädagogischen Arbeitsgemeinschaft zu laden, wurde einvernehmlich gemobbt.

Erste Ausbrüche der Schüler hatte es am EKG schon 1964 gegeben, über die auch die Bild-Zeitung berichtete. So hatten die Abiturienten zu einem Theater-Abend geladen. Als die Gäste kamen, hing an der Decke eine Glühbirne, die Schüler waren weg. Ein Abi-Scherz, der gar nicht gut ankam und Folgen hatte. Als Sanktion gab es keine Ehrungen, die Zeugnisse wurden zugeschickt, wie Florian Lueke erzählt.

Überhaupt war das Klima in der lippischen Provinz ausgesprochen streng und bieder, wie auch ein Beispiel von Mai 1968 offenbart. Jugendliche - Jungen und Mädchen - hatten sich unbeaufsichtigt auf einem privaten Dachboden zur Feier getroffen. Ein Skandal für damalige Verhältnisse, zu dem sogar die Polizei anrückte. Als "Party-Skandal" machte die Feier in den Zeitungen Schlagzeilen. Die LZ titelte damals vom "Liebesnest", das die Kripo ausgehoben habe.

Mit dem Beginn der 70er Jahre setzte sich dann auch in Lemgo mehr und mehr modernes Gedankengut durch. Schulleiter Wilhelm Kemper hatte das Kaempfer-Gymnasium 1969 verlassen, ihm folgte der Sozialdemokrat Wolfgang Ulrich, der die kommenden Reformjahre offen begleitete.

Die 68er

Die 68er Jahre in Lemgo waren auch Thema einer Ausstellung, die Museumsleiter Jürgen Scheffler konzipierte und im vergangenen Jahr - passend zum 50-Jährigen der Generation präsentierte. "#mehralsdagegen. Schülerprotestbewegungen 1968ff." nannte sich die Ausstellung, die im Hexenbürgermeisterhaus gezeigt wurde. Sie gab einen Überblick über das Aufbegehren der Schüler in Westfalen und Lippe und thematisierte auch die Rede von Margret Lutter am Marianne-Weber-Gymnasium. Die einstige Schülerin ist heute Soziologieprofessorin und kam zur Eröffnung vorbei, dabei hielt sie ihre damalige Rede auch noch einmal im Weber-Gymnasium. Dokumente der Ausstellung, von zeitgenössischen Zeitungsartikeln über Fotos und Hintergrundinformationen, sind heute noch im Hexenbürgerhaus abzufragen. Auch ein Film der Rede von Margret Lutter kann eingesehen werden. (kk)

Bildunterschrift: Mit Ach und Krach zum Abschlussfoto: Die Absolventinnen des Marianne-Weber-Gymnasiums nach der "Brand-Rede" von Stufensprecherin Margret Lutter (Dritte von rechts). Sie hält das umstrittene Manuskript noch in der Hand.

Bildunterschrift: Satire: In der Schülerzeitung des Kaempfer-Gymnasiums wurde der Direktor als gottgleiches Wesen karikiert.


zurück