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Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt , 31.10.2018 :

Gedenken an Familie Wertheimer

Jöllenbeck. Anlässlich des Volkstrauertages am Sonntag, 18. November, lädt der Ortsverband des Sozialverbandes Deutschland ab 11.15 Uhr zu einer Gedenkfeier in die Aula der Realschule ein. Das Programm gestalten der Feuerwehrmusikzug Bielefeld, der Posaunenchor Jöllenbeck und die Sängergemeinschaft. Friedhelm Schäffer spricht über die jüdische Familie Wertheimer. Die Ansprache hält Pastor Michel. Im Anschluss an die Feierstunde findet die Kranzniederlegung am Ehrenmal statt. Abweichend von den gewohnten Abläufen geht es zum Gedenkstein der Familie Wertheimer. Mit der Gedenktafel vor dem Combi-Markt wird an das Unrecht erinnert, das dieser Familie durch die Nationalsozialisten zugefügt wurde. An der Gestaltung der Veranstaltung wirken auch Jungen und Mädchen der Realschule mit. Es gibt einen Fahrdienst auf dem Parkplatz der Schule.

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Neue Westfälische - Bielefeld West, 04.07.2017:

Gedenktafel beschädigt

Wertheimer: Unbekannte haben die Tafel zerstört, die an das Schicksal der jüdischen Familie erinnert / Heimatverein stellt Anzeige / Politiker unterstützen Neuanschaffung

Von Sylvia Tetmeyer

Jöllenbeck. "Wir haben Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt", erklärt Udo Biermann. Der Vorsitzende des Heimatvereins berichtet, dass Polizeibeamte den Schaden bereits in Augenschein genommen haben. Für Bezirksvertreter Reinhard Heinrich (Grüne) handelt es sich nicht um "Vandalismus" im herkömmlichen Sinn. Die Tafel sei "eine Gedenktafel der besonderen Art, die vornehmlich an das Unrecht erinnert, das der Familie Wertheimer zugefügt wurde".

Vor Eröffnung des Combi-Marktes (früher: Jibi) 2012 hatte es zahlreiche Diskussionen um den Erhalt der alten Produktionsgebäude gegeben. 1889 hatten die Brüder Wertheimer eine Seiden- und Plüschweberei an der Jöllenbecker Straße eröffnet. Sie waren damals der größte Arbeitgeber im Ort. Eduard Wertheimer nahm sich vor der drohenden Deportation 1942 das Leben, sein Bruder Paul emigrierte nach England.

Erinnerungsstätte wird bis Ende des Jahres geschaffen

Bis 1993 produzierte das Unternehmen Alcina am Standort. Anschließend verfielen die Backsteingebäude zusehends. Ende November 2008 wurde die Ruine abgerissen. In den Folgejahren setzten sich Politik, Verwaltung, Heimatverein und Anwohner für eine Gedenkstätte ein. Reinhard Heinrich hielt den Kontakt zu Sonia Lauber Sampson, Enkelin von Paul Wertheimer. Während einer Gedenkveranstaltung im September 2012 wurde die Tafel am Findling enthüllt. Jochen Rath, Leiter des Stadtarchivs, sprach vor rund 200 Anwesenden. Lauber Sampson war mit ihrem Ehemann aus Portugal angereist, ihre Kinder kamen aus London zur Feierstunde.

Im Oktober 2016 wurde ein "Stolperstein" für Eduard Wertheimer an der Regerstraße verlegt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht nur ein Anliegen des Bezirksvertreters Reinhard Heinrich, dass die Tafel erneuert werden muss. Während der Sitzung erhielt er Zustimmung von den übrigen Politikern, die 400 Euro aus ihren bezirklichen Mitteln für eine neue Tafel zur Verfügung stellen. "Wir haben sie bereits in Auftrag gegeben", sagt Uwe Biermann. Über die Kosten könne er noch keine Angaben machen, weil es auf die Menge des Textes ankomme. Insgesamt hat der Heimatverein in den vergangenen Jahrzehnten über 30 Infotafeln an Gebäuden und Bauwerken angebracht. Damals hätten die 40 mal 60 Zentimeter großen Schilder noch aus Blech bestanden.

Beschädigungen habe es bislang noch nicht gegeben. "Allerdings wurde die Tafel am ehemaligen Jugendzentrum ZAK besprüht", erzählt Biermann. Da das Gebäude in einem schlechten Zustand und kaum nutzbar sei, sei hier zunächst kein Ersatz geplant. Der Heimatverein werde jedoch neben dem Friseurpavillon, der im Januar abgebrochen werden musste, bis Ende dieses Jahres eine Erinnerungsstätte schaffen.

Bildunterschrift: Nicht vollständig: Wolf-Udo Schaerk (Heimatverein, v. l.), Reinhard Heinrich und Udo Biermann sind traurig, dass an der Gedenktafel, die an das Schicksal der jüdischen Familie Wertheimer erinnert, nun eine Ecke fehlt.

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Westfalen-Blatt / Bielefelder Zeitung, 17.09.2012:

Wertheimer-Gedenktafel enthüllt

Sonia Lauber Sampson dankt dem "Zeichen der Versöhnung" gegenüber den jüdischen Webereibesitzern

Von Volker Zeiger

Bielefeld (WB). "Wir gehören noch mal zu Bielefeld": Mit diesen Worten hat Sonia Lauber Sampson die Enthüllung der Gedenktafel am früheren Standort ihrer elterlichen Seidenweberei Wertheimer gewürdigt.

Die Besitzer Paul und Eduard waren von der NS-Diktatur 1936 zum Verkauf ihrer Fabrik gezwungen worden. Einer wanderte aus, der andere nahm sich das Leben.

Während der einstündigen Feierstunde mit Ansprachen am Samstag enthüllten Sonia Lauber Sampson, Tochter von Paul Wertheimer, Bezirksbürgermeister Mike Bartels und Heimatvereinsvorsitzender Hans-Heinrich Klußmann die Tafel. Erläutert werden Gründe des Betreiberwechsels, der Werdegang der Brüder und der Weberei.

Im Mittelpunkt standen die Wertheimer-Nachkommen. Sonia Lauber Sampson, einzige der Familie, die Deutsch spricht, wandte sich in einer wohl formulierten Ansprache an die umstehenden gut 200 Besucher der Veranstaltung. "Fast achtzig Jahre sind seit der Auswanderung vergangen, aber Bielefeld hat uns nicht vergessen: Sie strecken die Arme zu uns aus", sagte sie zu den Jöllenbeckern. Denn diese "verstehen, dass sie sich erinnern" müssten.

Sie selbst habe ihr Interesse an der Stammbaumforschung erst vor zwei Jahren vertieft. "Ich hatte damals Zweifel, aber ich erfuhr, dass Sie nach Versöhnung suchen", sagte die 66-Jährige. Sie entschuldigte sich für ein zögerliches Verhalten und ihre scheinbare Skepsis: "Sie müssen verstehen, dass sich solche Gedanken damals einschlichen." Am Ort der großväterlichen Fabrik zu sein, sich zu erinnern und die Bemühungen der Gastgeber zu erleben, "ist mir ein Privileg". Ihre 97-jährige Mutter habe die Reise nach Jöllenbeck nicht antreten können, dafür sei die Familie Lauber Sampson mit Ehemann, Töchtern, Sohn, Schwiegersohn gekommen. Den Akt der Enthüllung nannte sie einen "wichtigen Meilenstein zur Entwicklung von Jöllenbeck" und: "Wir gehören zu London, Portugal und noch einmal zu Bielefeld."

Im Gespräch mit dem Westfalen-Blatt sagte Sonia Lauber Sampson, dass früher mütterlicherseits "nie" über die Auswirkungen der nationalsozialistischen Diktatur auf ihre Vorfahren gesprochen worden sei. Das sei, seit sich ihre Tochter Raquel mit der Familiengeschichte befasse, anders. Ihr Großvater Paul, den sie nie kennen lernte, hatte nach der seiner Auswanderung aus Jöllenbeck in London eine Seidenweberei eröffnet und betrieb sie gut zwanzig Jahre lang. "Als Kind war ich dort gewesen", sagte die Enkelin. Sie selber arbeitete als Sozialarbeiterin, "war später Managerin in einer medizinischen Klinik". Später leitete sie einen Betrieb, der Druckerzeugnisse herstellte.

Die Zeremonie während der Enthüllung der Tafel auf dem Grundstück des neu gebauten Jibi-Marktes zwischen Jöllenbecker Straße und Husemanns Kamp begleiteten Chor und Bläserklasse der Realschule. Hauptschüler trugen das Gedicht "Poetry of the Holocaust" von Pavel Friedmann, geschrieben in einem Lager am 4. Juni 1942, vor. Der Chor schloss mit dem Lied "We are the world".

Bildunterschrift: "Wir gehören noch mal zu Bielefeld": Diese Aussage von Sonia Laube Sampson (links), unterstreicht die Wertheimer-Nachfahrin am Gedenkstein zusammen mit ihrer Familie: Raquel Sampson, Alan Kennedy, Jonathan Sampson, David Sampson und Maya Lauber.

Aus den Ansprachen

Bezirksbürgermeister Mike Bartels wies in seiner Ansprache darauf hin, dass mit der Tafel "ein Vorgang vor dem Vergessen bewahrt" werden solle. Denn Vergangenheit ende nie.

Heimatvereinsvorsitzender Hans-Heinrich Klußmann wies auf die von Heimatfreunden seit 1984 angebrachten Tafeln vor historischen Objekten hin - 28 bis heute. "Der Heimatverein fühlt sich verpflichtet, das weiterhin zu tun." Die Wertheimer-Tafel war 1987 am alten Fabrikgebäude angebracht worden, wurde vor dem Abriss 2009 verwahrt, danach bemühten sich Heimatverein und Politiker um einen aussagekräftigeren Standort. Jibi-Geschäftsführer Thomas Budde stellte das Areal unter den Buchen am Husemanns Kamp für den Findling mit der Tafel auf Dauer zur Verfügung.

Dr. Jochen Rath, Leiter des Instituts Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek, ging auf das Erinnern an die Vergangenheit ein. Es sei schwer, junge Menschen heute dafür zu motivieren. Er appellierte an diese Generation, dass sie Verantwortung für das Erinnern tragen müsse und sich auch aktiv mit der Juden-Verfolgung auseinanderzusetzen habe.

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Westfalen-Blatt / Bielefelder Zeitung, 07.09.2012:

Familie kommt zur Einweihung

Seidenweberei der Gebrüder Wertheimer: Gedenktafel erinnert bald wieder an das Schicksal

Von Stefanie Hennigs (Text und Foto)

Jöllenbeck (WB). Ihr Vater Paul Wertheimer musste vor 76 Jahren das Familienunternehmen verkaufen, gezwungen von den Nationalsozialisten. Bei Erika Lauber ist trotzdem nichts von Verbitterung zu spüren. An das Schicksal der Familie erinnert bald wieder eine Gedenktafel.

Erika Lauber (97) wird nicht dabei sein, wenn die Gedenktafel am früheren Standort der Seidenweberei der Gebrüder Wertheimer an der Jöllenbecker Straße / Ecke Husemanns Kamp enthüllt wird. Aber ihre Tochter Sonia Lauber Sampson, deren Mann David und ihre drei Kinder werden am 15. September erwartet. Dann wird auf Einladung des Heimatvereins Jöllenbeck und der Bezirksvertretung die Einweihung der Gedenktafel gefeiert.

Reinhard Heinrich hat die 97-jährige Dame kürzlich in London besucht. "Sie war nicht in einem Minimum verbittert oder hat Vorwürfe geäußert", zeigt sich der Jöllenbecker Lokalpolitiker von der Haltung Erika Laubers beeindruckt, die als junge Frau die damalige Auguste-Viktoria-Schule besuchte.

Die Gedenktafel informiert über die Geschichte der Firma: Die Familie Wertheimer hatte seit 1858 eine Samt- und Seidenweberei geführt. 1882 wurde die "Seidenweberei Gebrüder Wertheimer" gegründet, 1889 die Betriebsstätte an der Jöllenbecker Straße errichtet. Die jüdische Familie musste auf Druck der Nationalsozialisten 1936 ihr Unternehmen verkaufen, wobei sie um einen Großteil des Verkaufserlöses betrogen wurden. Paul Wertheimer wanderte nach England aus, sein Bruder Eduard nahm sich 1942 vor der angekündigten Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt das Leben.

An dieses dunkle Kapitel in der Geschichte erinnert die Gedenktafel ebenso wie an die spätere Nutzung des Gebäudes als "Ravensberger Seidenweberei GmbH" und, nach der Aufgabe der Weberei, durch das Unternehmen Alcina bis 1993. Als das Gebäude 2008 endgültig abgerissen wurde, wurde auch die damalige Gedenktafel eingelagert. Jetzt, direkt vor dem gerade entstehenden Jibi-Markt, soll sie wieder einen festen Platz haben.

Zur Einweihung sprechen Bezirksbürgermeister Mike Bartels, Heimatvereinsvorsitzender Hans-Heinrich Klußmann, Stadtarchiv-Leiter Dr. Jochen Rath und Wertheimer-Urenkelin Sonia Lauber Sampson. Während sie aus Portugal anreist, kommen ihre drei Kinder aus London. Eingeladen ist auch der Jöllenbecker Wilhelm Rabe, berichtet Bezirksamtsleiter Gerhard Holtmann. Der 98-Jährige habe als Lehrling in der Seidenweberei gearbeitet.

"Wir wollen erinnern, informieren und gedenken", fasst Hans-Heinrich Klußmann den Zweck der Gedenktafel zusammen. Den Text haben Heimatverein und Politik in Zusammenarbeit mit Dr. Jochen Rath abgestimmt. Auch Friedhelm Wittenberg und Heinz Gößling hätten ihren Teil dazu beigetragen, dass die Erinnerung an die Familie wach gehalten wird.

Die öffentliche Feierstunde, in der die Tafel enthüllt wird, beginnt am Samstag, 15. September, um 11 Uhr auf dem Grundstück des neuen Jibi-Marktes. Musikalisch umrahmt werden die Reden von Bläsern und Sängern der Realschule, die Hauptschüler tragen ein Gedicht vor.

Bildunterschrift: Am 15. September wird die Gedenktafel am Standort der früheren Seidenweberei offiziell enthüllt. Gestern zeigten sie bereits (von links) Hans-Heinrich Klußmann, Gerhard Holtmann, Hans Klöne, Mike Bartels und Reinhard Heinrich.


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