www.hiergeblieben.de

Westfalen-Blatt / Bad Oeynhausener Zeitung , 11.10.2017 :

Portrait eines Hitler-Biographen

Publizist Stefan Aust stellt eigenes Buch über Konrad Heiden vor

Von Gabriela Peschke

Bad Oeynhausen (WB). Er beschreibt ihn als minutiösen Beobachter nationalsozialistischer Machenschaften, als Intimkenner des Hitler-Regimes: Stefan Aust legt mit seinem Buch "Hitlers erster Feind" über den Publizisten Konrad Heiden einen neuen Blick auf Hinter- und Untergründe des Dritten Reiches frei. Am Montag hat der Herausgeber von "Welt" und "Welt am Sonntag" Auszüge daraus in der Aula des Schulzentrums Nord vorgestellt.

Konrad Heiden sei lange in Vergessenheit geraten, sagte Stefan Aust gleich zu Beginn. Warum? Weil es "namhaftere" Hitler-Biographen gebe. Doch dieser engagierte Publizist, der nach Austs Recherchen mit journalistischem Spürsinn oft hautnah an den Ereignissen des Nationalsozialismus dran war, habe glasklar und eindringlich die Zeichen der Zeit gedeutet, vieles vorhergesehen und, unter anderem als Journalist der "Frankfurter Zeitung", seinen Beobachtungen eine Stimme verliehen. Viel später, als Konrad Heiden vor den Nationalsozialisten in die USA floh, verdichtete dieser seine redaktionellen Arbeiten zu einem Buch: "Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit", eine viel beachtete Hitler-Biographie in zwei Bänden, erschien 1936/37 in der Schweiz.

"Dieses Buch bekam ich zu meinem 60. Geburtstag geschenkt. Erst Jahre später habe ich es gelesen - aber komplett in einer Nacht", erläuterte Stefan Aust auf die Frage, wie er mit Konrad Heiden in Berührung gekommen sei. Die Faszination über dessen schriftstellerisches Werk war Stefan Aust auch am Montagabend anzumerken. Begeistert beschrieb er, wie er es sich zur Aufgabe gemacht habe, diesen "Zeitzeugen" und "ersten Feind Hitlers" mit einem eigenen Buch wieder mehr ins Licht der öffentlichen Wahrnehmung zu holen.

Das Publikum lauschte aufmerksam seinen Ausführungen. Da saßen Schüler des zehnten Jahrgangs der Realschule Nord genauso wie ältere Besucher. "Uns verbindet vielleicht alle das gleiche Interesse, nämlich wie solche Machtverhältnisse wie im Dritten Reich überhaupt zustande kommen konnten", vermutete Abudim Tihic. Der gebürtige Bosnier war mit seiner Frau zu der Lesung gekommen, "weil man als Ausländer besonders wachsam ist und aus der deutschen Vergangenheit lernen will".

"Er beschrieb politische Ereignisse mit einer abgeklärten, Distanz."
Stefan Aust über Konrad Heiden

Nicht umsonst heißt Austs Buch "Hitlers erster Feind". Denn der junge Sozialdemokrat Konrad Heiden sei seit Beginn seiner journalistischen Laufbahn kritisch gegenüber den Nationalsozialisten eingestellt gewesen, wie der Autor erläuterte. "Er beschrieb politische Ereignisse mit einer abgeklärten, bisweilen "coolen" Distanz, die uns in der Rückschau das Grauen erahnen lässt", sagte Aust. Er zitierte Heidens Charakterisierung des Nationalsozialismus als "Taumel ohne Rausch, Marsch ohne Ziel".

Heiden sei "bewusst Journalist und eben nicht Historiker" gewesen, das mache seine Beobachtungen so unmittelbar und "spannend", bekräftige Aust. "Und ich habe dann versucht, seine Geschichte mit meinen Worten wiederzugeben", ergänzte er. Diese nivellierte Distanz in den Ausführungen Heidens, der den Röhm-Putsch mit den Worten beschrieben habe "So sieht es aus, wenn Hitler das Personal wechselt", sie fasziniert den gestandenen Journalisten Stefan Aust noch immer, das trat deutlich hervor.

Doch da meldete sich eine Stimme aus dem Publikum zu Wort: Wie weit denn die Aufgaben eines "guten Journalisten" gingen? Von Stefan Aust gab es eine klare Antwort. Er zitierte den Herausgeber des "Spiegel", Rudolf Augstein, mit dessen Maxime: "Schreiben, was ist" und plädierte für Tatsachen-Journalismus.

Und so widmete sich dieser Abend nicht nur einer bemerkenswerten Publikation, sondern streifte auch den Diskurs über Macht und Möglichkeiten des Journalismus. Stefan Aust jedenfalls bereicherte das Publikum mit eloquenten Ausführungen zu einem Publizisten, der ohne ihn weiter dem Vergessen preis gegeben wäre.

Bildunterschrift: Der Journalist und Publizist Stefan Aust liest auf Einladung der Volkshochschule Bad Oeynhausen aus seinem jüngstem Buch "Hitlers erster Feind - der Kampf des Konrad Heiden" und erläutert Einzelheiten zur Entstehungsgeschichte des Werks.


zurück