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Neue Westfälische - Bad Oeynhausen , 11.10.2017 :

Stefan Aust spürt Hitlers Feind nach

Auf Einladung der Volkshochschule: Der ehemalige Spiegel-Chefredakteur liest aus seinem Buch und berichtet den 70 Zuhörern in der Aula der Realschule Nord über das Wirken des Journalisten Konrad Heiden

Von Nicole Bliesener

Bad Oeynhausen. Er habe selbst kaum etwas über Konrad Heiden gewusst, als er zum Geburtstag dessen Hitler-Biografie geschenkt bekam, gesteht Stefan Aust den etwa 70 Zuhörern in der Aula der Realschule Nord. Das änderte sich. Aust recherchierte. Die Erinnerung an den Kampf des Hitler-Gegners der allerersten Stunde hat Stefan Aust zum Thema eines Buches gemacht, das im Herbst 2016 erschienen ist.

Die Volkshochschule Bad Oeynhausen-Minden hatte Stefan Aust am Montagabend zu einer Lesung eingeladen. Moderiert wurde die Veranstaltung von NW-Redakteur Dirk Windmöller. Wobei sich der Abend weniger als Lesung denn als hochinteressanter Bericht über Leben, Arbeit und Wirkung von Konrad Heiden entpuppte.

Der 1901 in München geborene Konrad Heiden hat als Journalist in den 1930er Jahren Hitlers Aufstieg und den der NSDAP aus der Nähe miterlebt. Er arbeitete zunächst als Hilfsredakteur für den bayrischen Korrespondenten der Frankfurter Zeitung. Schnell entwickelte sich Heiden zu einen Spezialisten für die gerade aufkommende Nazi-Bewegung. Er berichtete von Versammlungen und Aufmärschen.

"Ihn zu lesen ist noch heute eine erhellende und faszinierende Erfahrung", sagt Aust. Fasziniert haben ihn die präzisen Beschreibungen und die Weitsicht in den Texten von Konrad Heiden - lange vor Hitlers Machtergreifung.

An Hand weniger Zitate macht Stefan Aust Konrad Heidens präzise Beschreibung der Lage in den frühen 30er Jahren deutlich: "Alles Unsinn, alles gelogen, und zwar dumm gelogen, und überhaupt alles so lächerlich, dass jeder, so meinte ich, das doch sofort einsehen müsse." Oder die Beschreibung des Publikums bei einer Hitler-Rede in München. "Stattdessen saßen die Zuhörer wie gebannt, und manchem stand eine Seligkeit auf dem Gesicht geschrieben, die mit dem Inhalt der Rede schon gar nichts mehr zu tun hatte, sondern das tiefe Wohlbehagen einer durch und durch umgewühlten und geschüttelten Seele widerspiegelte."

"Konrad Heiden konnte Steno", erzählt Stefan Aust. Er sei in der Lage gewesen, alles genau zu protokollieren. Die Texte habe Heiden später für seine Bücher verwendet. "Er musste erstaunlich wenig umschreiben", sagt Aust. So voller Weitsicht waren seine Beobachtungen gewesen. "Heiden hat von Anfang an auch die Lage in Deutschland beschrieben. Er hat aufgezeigt, aus welcher Situation heraus Hitler Fuß fassen konnte", so Aust.

Der Kampf gegen das Regime brachte Konrad Heiden in Lebensgefahr. Im März 1933 ging er zunächst ins Saarland, wenige Monate später flüchtete er in die Schweiz, dann ging er nach Frankreich. Im Juni 1940 emigrierte er schließlich in die USA.

Seine zweibändige Hitler-Biografie erschien bereits 1936 und 1937 in der Schweiz, gleichzeitig erschien die englische, amerikanische und französische Ausgabe.

Journalist und Autor

Stefan Aust, geboren 1946 als Sohn eines Landwirts in Stade, ist Herausgeber der Welt und der Welt am Sonntag.

Seine journalistische Karriere begann Aust 1966 bei der Zeitschrift Konkret und den St. Pauli Nachrichten. Ab 1970 arbeitete Aust beim NDR, von 1972 bis 1986 für das Fernsehmagazin Panorama.

Ab 1988 war Aust Chefredakteur von Spiegel TV und von 1994 bis 2008 Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel.

Von 2010 bis 2013 war er Gesellschafter und Geschäftsführer des Nachrichtensenders N24.

Er schrieb zahlreiche Bücher, darunter der internationale Bestseller "Der Baader Meinhof Komplex" und "Hitlers Menschenhändler. Das Schicksal der Austauschjuden" (2013, mit Thomas Ammann).

Bildunterschrift: Im Gespräch: NW-Redakteur Dirk Windmöller (l.) und der Journalist und Autor Stefan Aust. Der ehemalige Chefredakteur des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" las aus seinem aktuellen Buch "Hitlers erster Feind".


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