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Lippische Landes-Zeitung , 26.03.2020 :

St. Marien und die "Judensau"

Lemgo. Die antisemitische Darstellung gilt als eine der ältesten ihrer Art in Deutschland. Bundesweit gibt es Diskussionen, doch St. Marien will die Figur nicht verbergen.

Seite 17

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Westfalen-Blatt, 11.02.2020:

"Wir verstecken die Schande nicht"

St. Marien in Lemgo ist eine von 22 deutschen Kirchen mit einer "Judensau"

Von Christian Althoff

Lemgo (WB). In der vergangenen Woche hat das Oberlandesgericht Naumburg entschieden, dass das im 13. Jahrhundert entstandene "Judensau"-Relief an der Stadtkirche von Wittenberg nicht entfernt werden muss - weil es heute mit einer Erklärtafel ein Mahnmal sei und keinen beleidigenden Charakter mehr habe.

"Dieses Urteil hat uns wieder daran erinnert, dass wir eine der wenigen Kirchen in Deutschland sind, die ebenfalls ein solches antisemitisches Relief haben", sagt Matthias Altevogt, Pfarrer der Evangelisch-lutherischen St.-Marien-Kirche in Lemgo. Bundesweit sind 22 "Judensau"-Darstellungen an oder in Kirchen bekannt, außerdem vier an Profanbauten. St. Marien (1320 geweiht) und der Kölner Dom sind die einzigen Kirchen in Nordrhein-Westfalen, bei denen die Existenz solcher Darstellungen bekannt ist.

Mittelalterliche "Judensau"-Bilder, -Reliefs und -Skulpturen stellen einen Menschen im intimen Kontakt mit einem Schwein dar - mit einem Tier, das nach den jüdischen Speisegesetzen als nicht koscher gilt. Prof. Dr. Hans-Walter Stork, Mittelalter-Kunsthistoriker, Theologe und Direktor der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek in Paderborn: "Wir finden diese Reliefs in mehreren europäischen Ländern. Die dargestellten Menschen sind klar als Juden zu erkennen: Entweder durch den konisch zulaufenden Hut, der der damaligen jüdischen Tracht entsprach, oder durch einen gelben Flecken auf der Brust." Juden hätten seit dem 13. Jahrhundert in mehreren Ländern Europas eine gelbe Markierung tragen müssen. "Das haben sich nicht erst die Nazis ausgedacht", sagt der Kunsthistoriker. Dass sich heute "Judensau"-Darstellungen fast nur noch in Kirchen fänden, liege daran, dass Kirchen sehr auf das Bewahren ausgerichtet seien.

Die Ausgrenzung und Verächtlichmachung der Juden, auch durch die "Judensau"-Darstellungen, habe ihren Ursprung in der Vorstellung, Juden hätten den Messias, der einer von ihnen gewesen sei, nicht als solchen erkannt und ihn ans Kreuz geschlagen, sagt der Kunsthistoriker und Theologe. So findet sich in der Lemgoer Kirche St. Marien, die um 1526 lutherisch wurde, nicht nur ein "Judensau"-Relief, sondern an der Säule, die die Kanzel trägt, eine weitere antisemitische Darstellung. Pfarrer Matthias Altevogt: "Sie zeigt Jesus vor der Kreuzigung. Er ist an Händen und Füßen gefesselt und wird von zwei Juden ausgepeitscht. Dabei lag zu Lebzeiten Jesu die Gerichtsbarkeit alleine bei der römischen Besatzungsmacht. Juden waren für Bestrafungen überhaupt nicht zuständig."

Doch dieses Juden-Bild habe sich bis ins 20. Jahrhundert gehalten. "Noch bis 1950 wurde die so genannte Enterbungstheorie vertreten", sagt der Pfarrer von St. Marien. "Sie besagte, dass Gott die Juden als auserwähltes Volk für immer verworfen habe, weil sie Jesus getötet hätten, und die Kirche Christi damals an ihre Stelle getreten sei." Auch solche Vorstellungen hätten den Holocaust mit möglich gemacht.

Das Lemgoer "Judensau"-Relief befindet sich im Eingangsbereich der Kirche vor einer Halbsäule in etwa 1,90 Meter Höhe und ist damit deutlich sichtbarer als Darstellungen in manchen anderen Kirchen. Der 1977 gestorbene israelische Historiker Isaiah Shachar schreibt in seinem 1974 erschienenen Werk "The Judensau", das Lemgoer Relief gehöre zu den sechs ältesten noch vorhandenen. Es sei in seiner Darstellung einzigartig, denn bei den meisten Darstellungen würden Juden von einer Sau gesäugt. Die 93 Zentimeter hohe Sandsteinfigur in Lemgo zeige dagegen einen hockenden Juden, der ein Schwein umarme. Shachar bezeichnet die Darstellung als obszön. Liesel Kochsiek-Jakobfeuerborn, die seit Jahrzehnten Stadtführungen zum Thema "Jüdisches Leben" in Lemgo anbietet, wird deutlicher: "Die Skulptur zeigt Sodomie." Lange sei die "Judensau"-Darstellung in St. Marien kein Thema in Lemgo gewesen, aber in ihren Stadtführungen sei sie immer vorgekommen. "1995 hat sich die Kirche dann entschlossen, Erklärtafeln anzubringen."

Zur Diskussion in Wittenberg um eine Entfernung des Reliefs sagt Pfarrer Altevogt, in Bezug auf St. Marien halte er ein Entfernen für falsch. "Wir wollen die Schande nicht verstecken." Im Gegenteil: Er wolle mit dem Gemeindevorstand besprechen, ob man die beiden Reliefs und ihre Geschichte nicht noch deutlicher herausstelle.

Von den ehemals etwa 100 Lemgoer Juden haben drei den Holocaust überlebt.

Bildunterschrift: In St. Marien in Lemgo zeigt das "Judensau"-Relief einen Juden in enger Umarmung mit einem Schwein. Stadtführerin Liesel Kochsiek-Jakobfeuerborn, die Führungen zum Thema "Jüdisches Leben in Lemgo" anbietet, spricht von einer Sodomie-Darstellung. Ihre nächste Führung findet am 15. Februar um 14 Uhr statt, Treffpunkt ist am Turm von St. Marien.

Bildunterschrift: Der Lemgoer Pfarrer Matthias Altevogt mit dem 700 Jahre alten Relief, das die Auspeitschung Jesu durch zwei Juden zeigt.

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Am 25. März schrieb Katrin Kantelberg ("Lippische Landes-Zeitung") über das "Judensau"-Relief - eine 93 Zentimeter hohe Sandsteinfigur im Eingangsbereich der Evangelisch-lutherische St.-Marien-Kirche, Lemgo.

Am 11. Februar 2020 berichtete Christian Althoff ("Westfalen-Blatt") über das "Judensau"-Relief - eine 93 Zentimeter hohe Sandsteinfigur im Eingangsbereich der Evangelisch-lutherische St.-Marien-Kirche, Lemgo.

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www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/k-l/1181-lemgo-nordrhein-westfalen

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