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Lippische Landes-Zeitung , 15.10.2019 :

"Der tägliche Rassismus nervt viele"

Kein Zutritt: Kontroverse unter Lesern nach LZ-Artikel über Jordanier, denen die Mitgliedschaft in einem Detmolder Fitness-Studio verwehrt wird / Detmolder Jurist und Antidiskriminierungsstelle ordnen Inhalte ein

Von Erol Kamisli

Detmold. Nach unserem Bericht "Rassismus-Vorwürfe gegen Fitness-Studio" hat es viele Reaktionen in den Sozialen Medien sowie per Mail und Telefon gegeben. Einige machen auf das "Hausrecht" des Betreibers aufmerksam.

Andere Kommentatoren verweisen auf Artikel 3 des Grundgesetzes, das eine Gleichbehandlung aller Menschen vorschreibe. Wir haben bei der AWO-Antidiskriminierungsstelle für OWL und beim Detmolder Juristen André Pott nachgefragt. Die Geschäftsführung des Fitnessstudios war immer noch nicht für eine Stellungnahmen gegenüber der LZ bereit.

Hausrecht

"Ich würde von Vertragsrecht sprechen, der Betreiber kann entscheiden, mit wem er einen Kontrakt eingeht und mit wem nicht", sagt Rechtsanwalt André Pott. Wenn jedoch einem potenziellen Kunden der Eintritt aus rassistischen und anderen diskriminierenden Gründen verwehrt werde, könne dieser klagen. "Doch dies muss man dem Studiobetreiber beweisen oder eine schlüssige Indizienkette vorlegen." Wenn, wie in diesem Falle, der jordanische Student und sein deutscher Kumpel sich gleichzeitig angemeldet haben sollten, doch einer komme auf die Warteliste und der anderen könne gleich trainieren, dann wäre dies eine Indiz, das für eine Klage spricht, sagt Sophie Brzezinski von Antidiskriminierungsstelle der Arbeiterwohlfahrt OWL in Gütersloh. Menschen mit ausländischem Aussehen klagten ihr gegenüber regelmäßig über Ablehnung an Disko-Türen, Fitness-Studios und anderen Orten. "Schmerzhaft" seien solche Vorfälle für die, die sie erleben. "Dabei kommen die Betroffenen erst bei einer Wiederholung der unangenehmen Erfahrung - der tägliche Rassismus nervt viele", sagt sie. Sie fühlen sich aussortiert, gedemütigt - vor allem dann, wenn sie längst in Deutschland integriert oder hier geboren sind. Deutsche Gerichte hätten dazu schon eindeutige Urteil gefällt.

Urteile

So habe das Landgericht Aachen 2017 einem Kläger 2.500 Euro "Entschädigung wegen diskriminierenden Vertragsbedingungen einer Fitnessstudio-Kette" zugesprochen. Die Richter in Aachen hätten einen Betreiber wegen "geschlechts- und herkunftsbezogener Diskriminierung verurteilt", sagt Brzezinski. Mehrere Anträge des aus Sierra Leone stammenden Klägers auf Aufnahme waren seit 2014 abgelehnt worden, während den Aufnahmebegehren deutscher Staatsangehöriger problemlos entsprochen worden war - Aktenzeichen 2 S 26/17.

Auch das Amtsgericht Hannover habe 2017 eine Diskothek dazu verurteilt, 1.000 Euro wegen Verstoßes gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) zu zahlen und es künftig zu unterlassen, dem Kläger auf Grund seiner ethnischen Herkunft den Zutritt zu verwehren. Dabei habe das Gericht ausdrücklich auf die Abschreckungswirkung des Urteils verwiesen - Aktenzeichen 549 C 12993/14.

Grundgesetz Artikel 3

In den Fitness-Studio-Ablehnungsfällen greift das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das auf dem Artikel 3 basiert, sagt Pott. Das Grundgesetz ziele eher auf Behörden und nicht Privatunternehmen, dafür sei das AGG da - das auch Antidiskriminierungsgesetz genannt werde. Dieses Gesetz soll das "Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität verhindern", so er Jurist. Mit diesem Gesetz können Personen Rechtsansprüche gegen "Arbeitgeber und Private" geltend machen, wenn diese ihnen gegenüber gegen die gesetzlichen Diskriminierungsverbote verstoßen, fügt Pott hinzu. Mit seinem Inkrafttreten sei das Beschäftigtenschutzgesetz abgelöst worden.

Bildunterschrift: Pro und Contra: Zahlreiche Kommentatoren diskutieren in den Sozialen Netzwerken über das Thema "Ablehnung von Diskotheken, in Fitness-Studios und anderen Orten".

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Lippische Landes-Zeitung, 12./13.10.2019:

Rassismus-Vorwürfe gegen Fitness-Studio

Kein Zutritt: Einem Studenten und einer Medizinerin aus Jordanien wird die Mitgliedschaft verwehrt / Sie glauben, dass es an ihrer Herkunft liegt - der Betreiber kommentiert dies nicht

Detmold. "Ich bin verletzt, fühle mich ausgeschlossen und diskriminiert", mit diesen Worten beschreibt Hassan Mumir (Name von der Redaktion geändert) aus Jordanien seine Gefühle, wenn er an den "Wartelistenbrief" eines Detmolder Fitnessstudios denkt. Denn Langhantel und Rudergerät bleiben ihm vorenthalten.

Der 27-jährige Student hatte sich im Juni gemeinsam mit seinem Freund Heinz Brenner in dem Studio angemeldet. "Heinz wurde ohne Probleme genommen, doch für einen Menschen mit schwarzen Haaren gelten offenbar andere Regeln", sagt Mumir. Er vermutet seine Herkunft als wahren Absagegrund, nicht eine Überfüllung.

Ein weiterer deutscher Bekannter machte daraufhin den Test, meldete sich beim Fitness-Studio an - und wurde prompt angenommen. Von Wartelisten sei da keine Rede gewesen. Brenner fühlt sich durch dessen Erfahrungen bestätigt: "Das ist übler Rassismus. Derzeit läuft eine Rabatt-Aktion des Studios über die Sozialen Medien. Wenn alles so voll ist, warum diese Aktion?" Er werde fortan auf seine Besuche in der Mucki-Bude verzichten, auch wenn er seine monatlichen Beiträge weiter zahlen muss, betont Brenner.

Hassan Mumir lebt seit mehr als zwei Jahren in Detmold, spricht akzentfrei die deutsche Sprache, macht seinen Master im Fach Bauingenieurwesen an der TH OWL und arbeitet nebenbei in einem Bauplanungsbüro. "Ich bin finanziell unabhängig und habe mich bewusst für Deutschland entschieden, da das Land in Jordanien einen exzellenten Ruf hat", sagt der Student. Er habe immer wieder sehr positive Erfahrungen gemacht. Bei vielen Kleinigkeiten des Alltags habe er weggesehen: Etwa, wenn die Gesprächspartner langsam oder besonders deutlich redeten, weil sie glaubten, seine Deutschkenntnisse seien so schlecht. "Die meinen es ja nicht böse, sondern wollen nur helfen", sagt der angehende Bauingenieur. Manchmal aber reiche es auch ihm, wie jetzt, als er sich im Fitnessstudio angemeldet habe. Diese Absage habe ihn sehr verletzt: "Ich bin extra nach Deutschland gekommen, weil hier die Demokratie, Gleichberechtigung und Menschenrechte geachtet werden." Doch er habe lernen müssen, dass diese Rechte in gewissen Bereichen leider nur für Einheimische gelten würden.

Seit der "Ablehnung" habe er sich kein neues Studio gesucht, weil er keine Lust auf weitere Absagen habe. "Er treibt alleine Sport, weil er sich unerwünscht fühlt", sagt Brenner. Hassan ziehe sich zurück, weil er so etwas in unserem Land und dieser Stadt nicht erwartet habe: "So torpedieren einige Rassisten Integration", schimpft Brenner.

Mit einer Ablehnung des selben Fitness-Studios muss auch eine angehende Dermatologin, die in Jordanien geboren ist, leben - allerdings gab es in diesem Fall eine klare Aussage, berichtet ihr Kollege Dr. Markus Dickel. "Sie wurde mit der Begründung abgelehnt, dass das Studio schlechte Erfahrung mit Ausländern gemacht habe. Das ist unglaublich. Die Frau ist Medizinerin, voll integriert, spricht die Sprache, und sie muss sich übelste Diskriminierung und Beleidigungen gefallen lassen", sagt der Mediziner. Er ärgere sich über diese Ausgrenzung und den schleichenden Rassismus in der Gesellschaft.

Der Leiter des Detmolder Fitness-Studios wollte sich auf mündliche und schriftliche LZ-Anfragen nicht zu den Vorwürfen äußern.

Bildunterschrift: Gehen von Diskriminierung aus: Heinz Brenner ist befreundet mit dem 27-jährigen Jordanier, der in Detmold studiert. Der Student, der anonym bleiben will, vermutet, dass er auf Grund seiner Herkunft nicht in einem Fitness-Studio in der Detmolder Innenstadt trainieren darf.

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Am 12. Oktober berichtete die "Lippische Landes-Zeitung" über Rassismus-Vorwürfe gegen ein Detmolder Fitness-Studio, dass einem Studenten sowie einer Medizinerin aus Jordanien die Mitgliedschaft verweigert.

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