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Neue Westfälische , 18.05.2017 :

Mehr Suizidversuche unter Asylbewerbern

Verzweifelt: In NRW und Niedersachsen starben dabei 2015 und 2016 mindestens 13 Flüchtlinge

Von Carolin Nieder-Entgelmeier

Düsseldorf / Hannover. Die Zahl der Suizidversuche von Asylbewerbern in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen ist im vergangenen Jahren stark gestiegen. Die Organisation "Pro Asyl" beklagt seit langem, dass die psychische Verfassung von Asylsuchenden werde immer prekärer wird.

In den nordrhein-westfälischen Landeseinrichtungen meldete die zuständige Bezirksregierung Arnsberg im Jahr 2015 vier vollendete und 37 versuchte Suizide, im Jahr 2016 waren es bereits 111 versuchte und sechs vollendete Selbsttötungen. In der Unterbringungseinrichtung für Ausreisepflichtige in Büren haben von Mai 2015 bis November 2016 vier Asylbewerber versucht, sich das Leben zu nehmen. Landesweit dürfte die Zahl der Suizidversuche und Selbsttötungen von Asylbewerbern deutlich höher liegen, denn nach Angaben des Innenministeriums gibt es keine landesweite Erfassung dieser Fälle, sondern lediglich für die Landeseinrichtungen der Flüchtlingsunterbringung.

In Niedersachsen gab das Innenministerium bekannt, dass Kommunen im Land drei Suizide und 50 versuchte Selbsttötungen gemeldet haben. 2015 seien lediglich 19 Versuche registriert worden.

Studien zufolge sind 40 Prozent der Asylsuchenden in Deutschland durch Traumata seelisch belastet. Mit der Zahl der Flüchtlinge steigt auch statistisch die Zahl der psychisch belasteten Flüchtlinge, erklärt die Psychotherapeutin des Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge "Refugio", Katrin Schock. Die Frage nach dem Grund für einen Anstieg der Suizidversuche lasse sich auf Grund der individuellen Biografien nicht pauschal beantworten. "Belastete Flüchtlinge suchen Schutz in Deutschland. Wenn dieser Schutz infrage gestellt wird, etwa durch Abschiebeandrohungen, kann dies destabilisierend wirken."

Kai Weber vom Niedersächsischen Flüchtlingsrat ergänzt, dass es immer mehr Flüchtlinge gebe, die auf Grund eines verweigerten oder behinderten Familiennachzugs verzweifeln: "Es sind vor allem Familienväter, die sich um ihre Familien in Herkunftsländern sorgen und schuldig fühlen, weil sie hier in Sicherheit leben, während ihre Familien weiterhin in Not sind."


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