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Blick nach Rechts , 06.08.2012 :

Bröckelnde Front der NS-Nostalgiker

Von Andrea Röpke

Der alljährliche braune Aufmarsch im August in Bad Nenndorf stößt szeneintern offensichtlich auf zunehmend geringeres Interesse - vor Ort werden die knapp 500 Neonazis durch massiven zivilgesellschaftlichen Gegenprotest behindert.

Immer deutlicher macht sich ein Zersetzungsprozess bei den Neonazi-Organisatoren des alljährlichen "Trauermarschs" in Bad Nenndorf bemerkbar. Von der anfänglichen, für die Demonstrationen zum ehemaligen Alliierten-Verhörzentrum "Wincklerbad" verantwortlichen niedersächsischen Führungsmannschaft ist nur noch Matthias Schulz aus Verden übrig geblieben. Der führende Schaumburger Neonazi Marcus Winter ließ sich am vergangenen Samstag, wenn, dann nur kurz sehen. Sein ehemaliger Kompagnon Marco Siedbürger befindet sich ebenso wie der langjährige Nenndorf-Redner Sven Skoda im Gefängnis und Ersatz-Organisator Christoph Huxhold scheint kein Interesse mehr zu haben.

Der emsige Schulz fungierte 2012 als Anmelder des "Marschs der Ehre" mit knapp 500 Teilnehmern, darunter über 70 Frauen. Unterstützt wurde er vor allem von Bernd Stehmann aus Ostwestfalen, Sascha Krolzig aus Hamm und Hamburger Kadern wie Thomas Wulff. Für Ordnerdienst und Trommlergruppe übernahmen die JN-Funktionäre Andy Knape und Christian Fischer offensichtlich die Verantwortung. Der umstrittene Dieter Riefling aus Hildesheim trat in diesem Jahr eher in den Hintergrund. Weder der niedersächsische NPD-Landesvorsitzende Manfred Börm, noch sein Stellvertreter Matthias Behrens ließen sich blicken. Auch die "Düütschen Deerns" waren nur mit zwei Damen aus der Lüneburger Heide vertreten, andere Frauenorganisationen blieben ganz weg.

Auf Feldwegen zum Versammlungsort

Die zahlreichen antifaschistischen Blockaden an der Aufmarschstrecke, insbesondere die eigens für Bad Nenndorf konstruierte rote "Pyramide" vor dem Wincklerbad, mit der bereits Freitagabend vier Gegendemonstrationen den Weg versperrten, sowie der breite, bunte Protest von Anwohnern, Schülern und engagierten Menschen aus der Region, die sich gegen ein von den Neonazis erwünschtes "Foltermuseum" stellten, machte es den braunen Marschierern unmöglich, ihre Demonstration am Samstag gegen 13.00 Uhr zu starten. Um die Zeit war der Versammlungsort am Bahnhof noch völlig leer.

Gemeinsam mit Wortführern wie Steffen Holthusen, Tobias Thiessen, Thomas Wulff oder Jens Lütke spazierten rund 40 norddeutsche Neonazis vom Bahnhof Haste über Feldwege auf Bad Nenndorf zu. Angeführt wurden sie von den niedersächsischen JN- und Ordnerkräften. Sie trugen Fahnen und Kränze mit. Einige ältere Leute, wie der wegen Volksverhetzung verurteilte frühere NPD-Stadtrat aus Verden, Rigolf Hennig, kamen nicht mit und blieben erschöpft an einer Bushaltestelle zurück. Reiterstaffel der Polizei und unzählige Beamte räumten nach und nach den Weg frei.

"Trauermarsch" formiert sich mit dreistündiger Verspätung

Anmelder Schulz schimpfte stundenlang wie ein Rohrspatz auf die Einsatzleitung der Polizei ein. Es ging auch um die Lautsprecheranlage, die während der ganzen späteren Veranstaltung versagte und nur abgehackte Satzfetzen übertrug. Der Protest in Bad Nenndorf schien den Neonazis diesmal massiv zuzusetzen. Nachdem die erste Gruppe am Bahnhof angekommen war, setzte sich eine zweite, etwa 200 Neonazis starke Gruppe, vom Örtchen Haste aus diesmal direkt auf der Landstraße in Bewegung.

Erst gegen 16.00 Uhr, mit rund dreistündiger Verspätung, konnte sich der "Trauermarsch" in Richtung des 800 Meter entfernten Wincklerbads formieren. Von weitem schon schallte ihnen fröhliche Musik von zahlreichen "Privat-Partys" am Rande der Strecke entgegen. Menschen tanzten, sangen oder streckten den Neonazis Plastikärsche entgegen. Strick-Guerillas hatten zahlreiche Bäume und Sträucher bunt verziert, nach dem Motto: Wir trauern nicht!

Unter den Teilnehmern des Neonazi-Marschs waren unter anderem der thüringische NPD-Landesvorsitzende Frank Schwerdt und die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel, der Rechtsrock-Veranstalter Oliver Malina, sowie Kameradschaften aus Heilbronn, Karlsruhe, Erfurt, Weimar, der Altmark, Fulda, Hanau, Kassel und dem Rheinland vertreten. Auch aus Sachsen und den Niederlanden reisten Teilnehmer an. Auffällig war, dass, anders als in den letzten Jahren, aus Berlin und Brandenburg kaum Anhänger zu sehen waren.

"Eine Schneise im Volkskörper des deutschen Volkes"

Da die Pyramiden-Blockade nicht von der Polizei entfernt werden konnte, wurde sie mit Gittern geschützt und mit großen Fahrzeugen umstellt. Das schränkte den zentralen Kundgebungsplatz der Neonazis merklich ein. Zudem hatten sich zahlreiche Gegendemonstranten unmittelbar hinter der Polizei aufgestellt. Sie sangen und pfiffen. Neonazi-Anmelder Schulz echauffierte sich weiterhin lautstark bei den Einsatzleitern der Polizei.

Völlig entsetzt zu sein über "dieses Deutschland" und den bunten Protest schien vor allem Alt-Aktivistin Ursula Haverbeck aus Vlotho. Mit peppiger Sonnenbrille, ganz in weiß gewandet, trat die über 80-Jährige vor dem Winklerbad ans Mikrophon. Doch ihre Rede war kaum verständlich. "Du bist `ne Lügnerin" oder "Eva Braun, sprich lauter!" hallte ihr entgegen. Entgegen ihrer Gewohnheit fasste sich Haverbeck-Wetzel - ebenso wie Rigolf Hennig - kurz. Von Dieter Rieflings Rede waren nur Wortfetzen wie "archaische Pflichterfüllung" und "Erinnerung an die geschändete Generation" zu hören. Wohl wetterte er gegen angebliche Erinnerungsorgien und einen Opferkult, den "die anderen" zelebrierten, um "eine Schneise in den Volkskörper des deutschen Volkes zu schlagen".

"Mehr nationale Freiräume schaffen"

Auf dem Rückweg sagte ein Anwohner-Ehepaar einem gescheitelten Ordner die Meinung: "Das ist die Jugend von heute, schlimm!" Als der betonte: "die deutsche Jugend", winkten beide energisch ab und riefen: "Noch schlimmer!"

Es ging eilig zurück zum Bahnhof. Eher kleinlaut verkündeten die Neonazis, dass man das NS-Lied "Ein junges Volk steht auf" nun nicht singen dürfe und auch die Kundgebung für abends in Hannover abgesagt habe. Die Abschlusskundgebung wirkte kraftlos. Nur der Redner Daniel Weigl aus dem bayerischen Schwandorf wollte noch ideologische Zeichen setzen. Er forderte die Kameraden dazu auf, sich nicht zu gesellschaftlichen "Außenseitern" machen zu lassen, sondern das private Umfeld politisch zu gestalten. "Gründet Familien!" forderte er und: "Schafft mehr nationale Freiräume wie es zum Beispiel die Kameraden in Dortmund-Dorstfeld, in Oberprex 47 oder erst kürzlich in Nürnberg vorleben." Der zu einer "5-monatigen Gesinnungshaft" verurteilte Weigl predigte: "Befreit euch selbst von den euch vorgesetzten subkulturellen Einflüssen!" Der "nationale Sozialismus" solle "wieder zum Alltag" werden.

Die Anhänger lauschten. Einige hielten brennende Fackeln in ihren Händen. Drei junge Neonazis konnten sich nicht zurückhalten und zeigten gegenüber Fotografen den verbotenen "Hitlergruß". Weigl kam zum Ende mit einer latenten Drohung: "Es wird der Tag kommen, an dem ihr jene Zeiten zurückwünschen werdet, in welchen wir nur gesungen und publiziert haben - eh` euch das Schicksal in den Abgrund reißen wird."

Dann war der braune Spuk wieder vorüber. Eilig verließen die Neonazis den Ort. Fröhliche Musik und Gesänge waren dagegen noch lange zu hören.


nandlinger@bnr.de

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