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junge Welt Online , 02.08.2012 :

Bad Nenndorf vor Ausnahmezustand

Für Samstag Neonazi-Aufmarsch in niedersächsischem Kurort geplant. Antifaschisten machen mobil.

Von Kai Budler

In Bad Nenndorf herrscht jedes Jahr am ersten Samstag im August der Ausnahmezustand. Seit Neonazis die Stadt mit etwa 10.000 Einwohnern als Bühne für ihren geschichtsrevisionistischen "Trauermarsch" nutzen, gleicht der niedersächsische Kurort an diesem Tag einer Polizeifestung. Bereits zum siebten Mal soll der Zug am Wincklerbad in der Stadtmitte enden. In dem Gebäude der britische Militärgeheimdienst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hochrangige NS-Funktionäre verhört. Dabei war es auch zu schweren Misshandlungen gekommen, drei Personen starben. Nachdem die Vorwürfe bekannt geworden waren, wurde das Lager geschlossen, die Verantwortlichen mussten sich vor Gericht verantworten. Für die bundesdeutsche Neonazi-Szene sind die damaligen Ereignisse eine Steilvorlage bei dem Versuch, aus deutschen Täter Opfer zu machen. Längst gehört der "Trauermarsch" zu den festen Terminen in der Jahresplanung der Neofaschisten. Im Jahr 2010 marschierten knapp 1.000 Neonazis durch die Kurstadt. Anmelder der diesjährigen Demonstration ist wie schon in den vergangenen zwei Jahren das NPD-Mitglied Matthias Schultz aus Verden.

Im Ort sind sie allerdings nicht willkommen und werden auch am Samstag auf vielfältigen Protest stoßen. Für eine Demonstration am Vormittag erwartet das örtliche Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt" etwa 2.000 Teilnehmer. Dass der Fraktionschef der Grünen im Bundestag, Jürgen Trittin, und der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses, Sebastian Edathy (SPD), als Redner auftreten werden, beweist, daß der Aufmarsch nun auch auf Bundesebene als Problem wahrgenommen wird. Mit der anschließenden "Party-Meile" entlang der etwa zwei Kilometer langen Aufmarschstrecke setzt das Bündnis auf ein bewährtes Konzept. Mit der Anmeldung privater Partys in den Vorgärten der Anwohner war das möglich, was den Nenndorfern lange Zeit untersagt worden war: lautstarker Protest in unmittelbarer Nähe der Neonazis. Die teils kostümierten Anwohner und ihre Gäste, die zu lauter Musik tanzten, führten die vermeintliche Trauer der Rechten schon im vorigen Jahr ad absurdum und brachten so manchen Neonazi an die Grenzen seiner Selbstbeherrschung. Doch Demonstration und "Party-Meile" sind nicht die einzigen Proteste gegen den Aufmarsch: Insgesamt liegen zehn Anmeldungen vor, unter anderem eine weitere Demonstration von Antifa-Gruppen und mehrere Kundgebungen des Bündnisses "Kein Nazi-Aufmarsch in Bad Nenndorf". Ziel ist, mit Massenblockaden den Aufmarsch zu verhindern. Den entsprechenden Aufruf haben inzwischen rund 100 Gruppen und Initiativen unterzeichnet. Insgesamt werden zu den Protesten am Samstag mehrere tausend Personen erwartet. Die niedersächsische Polizei steht vor ihrem bislang größten Einsatz in diesem Jahr.

Hinzu kommt die Anmeldung einer Demonstration des Neonazi-Kaders Dieter Riefling im 35 Kilometer entfernten Hannover. Hier müssen die Gerichte entscheiden, ob die Verfügung der Polizeidirektion rechtmäßig ist, den geplanten Anschlussaufmarsch in der Landeshauptstadt auf eine Kundgebung zu beschränken.

In Bad Nenndorf hat der braune Spuk bereits im Vorfeld Spuren hinterlassen. Nachdem unbekannte Täter rechte Parolen in der Stadt gesprüht hatten, kam es wenig später zu einem Anschlag auf das Haus der Ko-Vorsitzenden des Bündnisses "Bad Nenndorf ist bunt". Mutmaßlich Anhänger der rechtsradikalen Szene schleuderten einen Stein durch das Schlafzimmerfenster der Frau. Nur durch Zufall wurde niemand verletzt. In der Nähe des Hauses wurden in derselben Nacht mehrfach ortsbekannte Neonazis gesehen.


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