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Neue Westfälische 01 - Bielefeld West , 10.07.2012 :

Zugfahrt in den Tod / Heute vor 70 Jahren wurden erstmals Bielefelder Juden ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert

Von Stefan Boscher

Bielefeld. Mindestens 78 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden am späten Nachmittag des 10. Juli 1942 - heute vor 70 Jahren - von Bielefeld nach Auschwitz deportiert. Es war der erste Familientransport aus dem Kerngebiet des Deutschen Reiches in das neue Zentrum der nationalsozialistischen Massenvernichtung. Keiner überlebte den Nazi-Terror.

Zwei Tage zuvor waren auf Befehl der Gestapo zahlreiche Juden aus OWL in das Sammellager Kyffhäuser am Kesselbrink gebracht worden. "Erst die Auswertung von zehn Postkarten, die fünf Frauen dieser Deportation kurz vor der Abfahrt oder im Zug geschrieben haben, erlaubt das genaue Abfahrtsdatum aus Bielefeld, das höchstwahrscheinliche Deportationsziel Auschwitz und die Stationen des Zuges zu ermitteln", sagt Martin Decker von der Friedensgruppe der Altstädter Nicolaigemeinde.

Zudem wurden in den vergangenen Monaten zwei weitere Dokumente gefunden, in denen die Gestapo-Leitstelle Berlin das Ziel Auschwitz für diesen Transport beim Namen nennt. Da die Bielefelder Deportierten, dort angekommen, keine Häftlingsnummern erhielten und die erste Selektion in dem berüchtigten Konzentrationslager nicht überstanden, "ist sicher, dass alle kurz nach der Ankunft in den provisorischen Gaskammern mit Zyklon B qualvoll erstickt wurden", so Decker. Es handele sich um den ersten "Familientransport" aus dem Kerngebiet des Deutschen Reiches nach Auschwitz.

Eine der Deportierten war Thekla Lieber, eine angesehene Bielefelder Geschäftsfrau, die das von ihrem Vater gegründete Ofen-, Eisenwaren- und Haushaltswarengeschäft Adolf Heine an der Ritterstraße betrieb. Das Unternehmen wurde in der Reichspogromnacht 1938 zerstört und anschließend arisiert. Kurz vor ihrer Deportation schrieb sie an ihren Schwiegersohn und informierte ihn über die bevorstehende "Reise" und spekulierte über das "wahrscheinliche" Ziel: Warschau.

Vorahnungen hatte auch Sabine Schelhasse, die aus dem Sammellager Kyffhäuser am Kesselbrink schrieb: "Meine Verzweiflung ist sehr groß. Wie kann so alles auf einmal über einem zusammenbrechen? Leben Sie alle wohl und vergessen mich nicht ganz."

Die Juden aus Bielefeld waren nicht die einzigen, die mit diesem Transport in den Osten deportiert wurden. "Wir halten und wieder besteigen hunderte Gefährten diesen unendlich langen Zug", schreibt Thekla Lieber bei einem Aufenthalt 240 Kilometer von Berlin entfernt. Zuvor stoppte der Zug bereits unter anderem in Hamburg, Ludwigslust, Berlin und anschließend mindestens noch in Magdeburg und Breslau.

Postkarten vom 12. Juli 1942 sind die letzten Lebenszeichen der Deportierten dieses Transports. Definitiv geklärt ist nicht, ob der Zug nun Auschwitz erreichte oder nicht. Bisher ausgewertete Unterlagen und Briefe sprechen allerdings dafür, auch Gestapo-Aufzeichnungen aus Bielefeld und Berlin. "Mit letzter Sicherheit ist das Deportationsziel des Transports jedoch nicht zu bestimmen", sagt Decker.

Fest steht, dass diese nicht die letzte Deportation von Bielefelder Juden unter der Hitler-Diktatur war: Drei Wochen nach dem 10. Juli 1942 wurden 590 ältere jüdische Frauen und Männer, manche mit ihren Kindern und Enkelkindern, nach Theresienstadt deportiert. Es war die größte Deportation vom Bielefelder Bahnhof aus.

Info / Bielefeld gedenkt der Opfer

Namenslesung am 70. Jahrestag der Deportation von Bielefeld nach Auschwitz am heutigen Dienstag, 10. Juli, 18 Uhr, Mahnmal vor dem Hauptbahnhof.

Namenslesung am 70. Jahrestag der Deportation von Bielefeld nach Theresienstadt am Dienstag, 31. Juli, 18 Uhr, Mahnmal vor dem Hauptbahnhof.

Im Vorfeld dieser Gedenktage fand bereits am 4. Juli unter dem Titel "Wenn die Stille deine Tränen nicht begreift" eine musikalisch-literarische Annäherung an das Schicksal jüdischer Künstler in der Süsterkirche statt.

Bildunterschrift: Im Bielefelder Hauptbahnhof: Dieses Bild ist ein halbes Jahr vor der Deportation nach Auschwitz entstanden. Damals wurden Juden von Bielefeld nach Riga gebracht. Von der Nazi-Aktion am 10. Juli 1942 gibt es keine Fotoaufnahmen.


bielefeld@neue-westfaelische.de

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