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Weser-Kurier , 07.01.2008 :

Der Überzeugungsschläger / "Kameradschaftsanführer" Marcus Winter hat viel Knasterfahrung

Gewaltsam stoßen die Täter den Mann in das Auto und verschleppen ihn. Auf einem Feldweg wird er aus dem Fahrzeug gezerrt, die Täter prügeln auf ihn ein. Immer mehr Schläge muss der "politische Gegner" einstecken – ein Baseballschläger geht dabei zu Bruch.

Das Opfer überlebt das Martyrium vermutlich nur, weil einer der Peiniger in letzter Minute einen Rückzieher macht. Die Täter verfrachten den Mann wieder ins Auto, die Fahrt geht weiter. Erst eine Polizeistreife beendet die Entführung.

Von dieser Tat "Winnys" im Jahr 2002 berichten Neonazis gerne. "Winny" heißt eigentlich Marcus Winter und ist einer der Überzeugungstäter unter Norddeutschlands Rechtsextremisten. Nach der Tat taucht er unter. Ein Richter erlässt drei Tage später Haftbefehl. Doch seine "Kameraden" gewähren ihm Unterschlupf, NPD-Aktivisten aus Achim planen, ihn nach Tschechien zu schleusen. Doch der Plan scheitert: Einige Monate später nimmt die Polizei Winter fest. Da sind seine Komplizen den Ermittlern bereits ins Netz gegangen.

Im folgenden Prozess wird Winter Anfang 2004 unter anderem wegen Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Die nächste Zeit verbringt er in der Justizvollzugsanstalt Hameln. Die kennt er zur Genüge: Sieben Jahre zuvor hat er bereits eine dreijährige Haftstrafe kassiert – unter anderem ebenfalls wegen Körperverletzung.

Bei Haftantritt 2005 ist Winter Führungsaktivist der militanten "Kameradschaft Weserbergland". Im Gefängnis agiert er weiter. Über die neonazistische "Hilfsgemeinschaft nationaler Gefangener" (HNG) hält er den Kontakt zu seinen "Kameraden". Auch hinter Gittern findet er rasch Gleichgesinnte. Neonazis wie Roman Greifenstein oder Marco Siedbürger.

Szenekenner nennen sie "tickende Zeitbomben". Siedbürger sitzt unter anderem wegen "gemeinschaftlichen Totschlages", Greifenstein wegen "gefährlicher Körperverletzung" und "Verstoßes gegen das Waffengesetz" ein. Gemeinsam gründen sie die "Knastkameradschaft Hameln".

Nach seiner vorzeitigen Haftentlassung Anfang 2005 macht Marcus Winter weiter wie bisher. Zu seinen Bewährungsauflagen gehört die Auflösung der "Kameradschaft Weserbergland". Winter gründet kurzerhand die "Nationale Offensive Schaumburg" (NOS). Unter seiner Führung versammeln sich dort erneut gewaltbereite Neonazis. In den folgenden Monaten erwirbt sich die Gruppe den zweifelhaften Ruf militanter Hardliner.

Trotz – oder gerade wegen – seiner schweren Straftaten macht die NPD "Winny" im Bundestagswahlkampf 2005 zu ihrem Kandidaten. Der Extremist, der zur Bewährung auf freiem Fuß ist, meldet jetzt regelmäßig rechtsextremistischen Kundgebungen oder Aufmärsche in Norddeutschland an. Auch auf dem Gelände des Heisenhofes in Dörverden ist er häufig zu Gast.

Aus seiner Gewaltbereitschaft macht Winter, der in Stadthagen nahe Hannover wohnt, kein Geheimnis. Als Anfang 2007 in Rotenburg Polizisten ein Konzert der radikalen NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" auflösen, meldet sich Winter kurze Zeit später zu Wort.

Unter dem Pseudonym "Winterzeit" legt er in einem rechtsextremistischen Internetforum sein Verständnis von politischem Vorgehen dar. Erst wenn "die ersten Helme und Visiere brechen, werden sie merken, dass Widerstand zu jeder Zeit und an jedem Ort möglich ist", lautet sein Kommentar zu dem Polizeieinsatz.

Im Juli 2007 werden Winters Aktivitäten gebremst. Nach der Veröffentlichung eines volksverhetzenden Artikels auf der Internetseite der NOS wird er erneut verurteilt. Dieses Mal zu neun Monaten Haft ohne Bewährung. Gegen das Urteil legt er Revision ein. Kurze Zeit später wird das "Winterhilfswerk" gegründet – als Hilfsorganisation für "nationale Gefangene".

"Winterhilfswerk" spielt nicht nur auf Winter an. So hieß auch eine Unterorganisation des NS-Propagandaministeriums im "Dritten Reich". Das "Winterhilfswerk" betreut unter anderem den Neonazi Kai Diesner. Er gilt militanten Neonazis als "Held": Mit einer abgesägten Schrotflinte schießt er 1997 auf ein PDS-Mitglied. Bei der anschließenden Flucht tötet er einen Polizisten und verletzt einen weiteren schwer. Als Kontaktadresse gibt das "Winterhilfswerk" das Postfach der "Jungen Nationaldemokraten" an.

Bildunterschrift: Auch gegenüber Polizisten treten Winter und seine "Kameraden" aggressiv auf.

Bildunterschrift: Rechtsextremisten marschieren durch Bad Nenndorf, Winter organisierte die Demo.

Bildunterschrift: Neonazi mit Schlagkraft: Winter ist einschlägig vorbestraft.


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