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Lippische Landes-Zeitung , 03.02.2022 :

Ein unentrinnbares Schicksal

Autorin Barbara Stellbrink-Kesy zeigt in einem Vortrag über Leben und Sterben ihrer Großtante auf, wie in Nazi-Deutschland mit psychisch Kranken umgegangen wurde

Hajo Gärtner

Detmold. Die Nazis grenzten Millionen von Menschen aus der "Volksgemeinschaft" der "Herrenrasse" aus und gingen rücksichtslos gegen alles "Kranke und Schwache" vor. Am Ende prägten sie sogar den Begriff des "Volksschädlings". Darunter fiel Irmgard Heiss zwar nicht, aber sie galt zu der Zeit als "minderwertig" und "fortpflanzungsgefährlich". Kurzum: eine "Ballast-Existenz", über die Barbara Stellbrink-Kesy in der Schule am Wall berichtete.

Die Autorin beschäftigte sich intensiv mit dem Leben und Sterben ihrer Großtante Irmgard Heiss (1897 - 1944) und sorgte dafür, dass ihr der erste "Stolperstein" in der Hubertusstraße 10 gewidmet wurde. Mit den Stolpersteinen soll Opfern des Nationalsozialismus gedacht werden, die in Detmold lebten und wirkten. Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden vermutlich mehr als 170 Bürger umgebracht.

Wegen der psychischen Probleme ihrer Großtante lernte Barbara Stellbrink-Kesy bei der Rekonstruktion von deren Lebensgeschichte das damalige System der Heil- und Pflegeanstalten gewissermaßen von innen kennen. Dabei lieferte die Krankenakte aus der Pflegeanstalt Lindenhaus (Lemgo), die Stellbrink-Kesy im Landesarchiv NRW fand, wichtige Informationen. Es sieht so aus, als wären die psychiatrischen Anstalten in die Euthanasie-Politik der Nazis verwickelt gewesen. Ärzte entschieden mit einer einfachen Notiz ("blauer Kreis oder roter Kreis auf der Krankenakte"), ob ein Patient überleben durfte oder nicht. In Münster, so berichtet die Autorin, seien die Verhältnisse in der psychiatrischen Anstalt so katastrophal gewesen, dass ein Arzt auf 2.000 Patienten kam, die sich untereinander versorgen mussten, weil die Anstalt vollkommen überfordert war.

Das seelische Leiden von Irmgard Heiss begann schon in früher Kindheit; sie wurde erst mit acht Jahren eingeschult. Daran schloss sich eine Kette von Erlebnissen des Scheiterns und Abbruchs schulischer und weiterführender Ausbildungen an.

Barbara Stellbrink-Kesy porträtiert ihre Großtante trotzdem als in jungen Jahren intelligente, lebensfrohe und quicklebendige Frau, die vom Leben etwas erwartete. Das entsprach nicht dem damals gängigen Rollenbild, das Frauen ein passives, duldsames Verhalten vorschrieb. Und so stieß die Großtante als "unangepasst" auf Ablehnung. Zunächst in der eigenen Familie. Ihre Krankheit - heute würde man wahrscheinlich "Depression" sagen - verschärfte sich im Laufe der Jahre bis zu dem Zustand, den die damaligen Ärzte am Ende als "Schizophrenie" diagnostizierten, was einem Todesurteil gleichkam. 1944 starb Irmgard Heiss, bis aufs Skelett abgemagert, an Tuberkulose. Barbara Stellbrink-Kesy analysiert die Leidensgeschichte der Großtante als Kombination aus mangelhafter psychischer Behandlung, massiven äußeren Eingriffen und innerer Unangepasstheit. Irmgards Eltern leiteten 1929 ein Entmündigungsverfahren ein, ihre Ehe wurde 1930 geschieden, die drei Kinder kamen in Pflegefamilien oder ins Heim. Scheitern auf ganzer Linie. Das seelische Leiden der Mutter wurde sogar für ihre drei Kinder zur Bedrohung.

Bildunterschrift: Autorin Barbara Stellbrink-Kesy referiert über Leben und Sterben ihrer Großtante Irmgard Heiss (Bild).

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- Dienstag, 1. Februar 2022 um 19.30 Uhr -


Lesung mit Barbara Stellbrink-Kesy: "Unerhörte Geschichte: Frei - aber verpönt"


Veranstaltungsort:

Schule am Wall
Am Wall 5
32756 Detmold


Hinweis: Zugang zur Schule am Wall über das Residenz Hotel. Es gelten die 2G-Regeln.


Moderation von Lesung und anschließendem Gespräch durch Dr. Bärbel Sunderbrink, Stadtarchiv Detmold.


"Unerhörte Geschichte - Frei, aber verpönt". Vom Leben und Leid einer Frau aus Detmold, die Opfer der "Euthanasie"-Politik der Nationalsozialisten wurde. Barbara Stellbrink-Kesy liest in einer Veranstaltung der Stadtbibliothek Detmold und des Stadtarchivs Detmold aus ihrem am 29. Dezember 2020 erschienen Buch.

Detmold. Der erste Stolperstein, der in Detmold an ein Opfer der NS-Gewaltherrschaft erinnert, ist Irmgard Heiss gewidmet. Sie wurde 1944 Opfer der NS-Euthanasie-Politik. Ihre Großnichte, Barbara Stellbrink-Kesy, hat die in der Familie lange verschwiegene Geschichte in einem Buch zusammengefasst.

In ihrem Detmolder Elternhaus fand die Autorin ein Päckchen mit Dokumenten, versteckt in einem Schrank mit doppeltem Boden. Es enthielt Briefe ihrer Großtante Irmgard Heiss, geb. Stellbrink aus verschiedenen Heil- und Pflegeanstalten. Damit begann für die Autorin eine Reise in die Vergangenheit. Als Barbara Stellbrink-Kesy im Landesarchiv NRW auch noch die Krankenakte aus der Pflegeanstalt Lindenhaus einsehen konnte, gelang es ihr, aus vielen Puzzleteilen das Leben ihrer außergewöhnlichen Großtante zu rekonstruieren.

Irma Heiss war 18-jährig nach Berlin gegangen, hatte früh geheiratet und war Mutter dreier Kinder geworden. Da sie kein normales "bürgerliches" Leben führte, verlor sie den Rückhalt in der Familie. Sie verbrachte Jahre in Psychiatrischen Anstalten und starb 1944 an einer Lungentuberkulose, die Folge von unzureichender Ernährung und medizinischer Versorgung war.

Auch ihr Bruder, der stets zu ihr gehalten hatte, Pfarrer Karl Friedrich Stellbrink, überlebt die NS-Zeit nicht. Obwohl zunächst ein überzeugter Nationalsozialist, ging er in den Widerstand. Vom Volksgerichtshof verurteilt, wurde er 1943 hingerichtet. Er wird als "Märtyrer von Lübeck" geehrt.


Eine Veranstaltung im Rahmen der Reihe "Erinnern und Gedenken 2022" vom 26. Januar bis 23. März 2022 der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe e.V., Buchhandlung Kafka & Co., Chorgemeinschaft Cantus - Novus und Freunde, Forum Offenes Detmold, Geschwister-Scholl-Gesamtschule Detmold, Stadt Detmold, Stadtarchiv Detmold, Stadtbibliothek Detmold, Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung Detmold.

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Lippische Landes-Zeitung, 13.05.2011:

Gunter Demnig setzt "Stolperstein" an der Hubertusstraße ein

Erinnerung an NS-Opfer: Mit dem ersten Detmolder "Stolperstein" will der Kölner Künstler Gunter Demnig kein

eswegs Passanten auf dem Fußweg vor dem Haus Nummer 10 in der Hubertusstraße aus dem Gleichgewicht und zu Fall bringen. Vielmehr sollen die Passanten innehalten, auf den Stein schauen und der Opfer des Nazi-Terrors gedenken.

Die Plakette auf dem Detmolder "Stolperstein" erinnert an die 1897 geborene Irmgard Heiss, die in diesem Haus aufwuchs. Als sie psychisch erkrankte, wurde sie 1925 im Lindenhaus in Brake aufgenommen. Trotz weiterer Aufenthalte in Gütersloh und Lengerich, gab sie die Hoffnung auf Heilung nie auf. Das drücken Briefe aus, die ihre Großnichte Barbara Stellbrink-Kesy in einer Ausstellung über "Euthanasie" im Dritten Reich gezeigt hatte.

Die Hoffnung von Irmgard Heiss erfüllte sich nicht. Sie wurde 1941 von Lengerich in die Heilanstalt Weilmünster in Hessen ausgeliefert. Dort ließ man sie langsam verhungern. Ihre Schwestern holten sie im Januar 1944 dort heraus, doch erholte sich Heiss nicht mehr. Sie verstarb am 3. Oktober 1944.

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Am 1. Februar 2022 las Barbara Stellbrink-Kesy in Detmold, aus ihrem Buch: "Unerhörte Geschichte: Frei - aber verpönt" (Dezember 2020) über Irmgard Heiss - die 1944 ein Opfer der NS-Euthanasie-Politik wurde.

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www.zba-buch.de/zeitgeschichtliche-reihe

www.stadtarchiv.detmold.de


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