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Lippische Landes-Zeitung , 31.01.2022 :

Menschen bleiben unvergessen

Sieben neue Stolpersteine werden im Beisein des Künstlers Gunter Demnig verlegt / Sie erinnern an jüdische Mitbürger, die während des Holocaust ermordet wurden

Thomas Krügler

Detmold. Der Künstler Gunter Demnig hat auf Einladung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GfCJZ) im Haus Münsterberg einen Vortrag über seinen künstlerischen Werdegang und das Projekt "Stolpersteine" gehalten. Einen Tag später verlegte er sieben neue Stolpersteine.

Demnig bezeichnet sich selbst als "Spurenleger". Die ersten Stolpersteine verlegte er Anfang der 90er Jahre inoffiziell und ohne Genehmigung vor dem Kölner Rathaus. Seitdem hat sich sein Projekt mit 90.000 Stolpersteinen in 26 europäischen Ländern zur weltweit größten dezentralen Gedenkstätte entwickelt. Die Idee dazu kam ihm, als er 1990 die "Spur der Erinnerungen" legte, die den Weg markierte, auf dem Nazis in Köln einst 1.000 Roma und Sinti zum Abtransport in die Vernichtungslager getrieben hatten.

Die Steine erinnern vor allem an jüdische Opfer, aber auch an Sinti und Roma, Homosexuelle und politisch Verfolgte. Die Menschen sollen über die Verbrechen der Nazis im Alltag stolpern. Sie erinnern an Einzelschicksale und geben den Opfern des Holocaust ihre Würde zurück. Im jüdischen Talmud heißt es: "Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist." Für sein Engagement wurde Demnig inzwischen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er erhielt aber auch drei Morddrohungen.

Kritiker bemängeln, dass auf den Namen ermordeter Juden mit Füßen herumgetrampelt werde und sie für Verschmutzungen und Vandalismus anfällig seien. In München dürfen daher keine Stolpersteine verlegt werden. In Greifswald wurden zum Jahrestag der Novemberpogrome 2012 Steine aus dem Pflaster gerissen, worauf sich das Spendenaufkommen der Stiftung Stolpersteine verdoppelte. Der Sorge, Neonazis könnten mit Springerstiefeln auf dem Andenken der Opfer herumtrampeln, hält Demnig entgegen, dass die Steine so umso blanker strahlen. "Wer eine Inschrift auf einem Stolperstein lesen will, muss sich vor den Opfern verbeugen und erweist ihnen so die Ehre."

Joanne Herzberg, die vor fünf Jahren aus St. Louis in Missouri nach Detmold kam, hat vor zwei Jahren das Projekt Stolpersteine in Detmold vorangetrieben. Fünf Steine erinnern seitdem in der Karlstraße an das Schicksal ihrer Vorfahren. Auch wenn sie gleich einen Tag später mit roter Farbe beschmiert wurden, lässt sie sich nicht entmutigen. Auf Initiative der GfCJZ ist die Anzahl nun auf 13 Steine angewachsen und weitere sollen folgen.

Bürgermeister Frank Hilker freute sich, dass der Weg für die neuen Stolpersteine durch eine Satzungsänderung seit Oktober geebnet wurde, da nun das Einverständnis der Eigentümer eines Hauses, vor dem Steine verlegt werden, nicht mehr zwingend erforderlich ist. Barbara Klaus, katholische Vorsitzende der GfCJZ, lobte die kurze Zeit vom Antrag bis zur Realisierung.

Am Samstag wurden sieben neue Steine an drei Standorten in Detmold eingeweiht. Eigentlich sollten es neun Steine sein. Wegen einer Baumaßnahme kommen zwei Steine später hinzu. Musikstudentin Jessika Zehnpfenning umrahmte die Verlegung mit Klageliedern auf der Klarinette. Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule und des Grabbe-Gymnasiums, die die Pflege-Patenschaft der Steine übernehmen, legten weiße Rosen nieder. Kirchliche Vertreter sprachen Gebete.

An der Hermannstraße 29 gedenken nun vier Steine der jüdischen Familie Valk. Samuel Valk, Ehefrau Hedwig und die beiden Töchter Hilde und Edith wurden am 10. Dezember 1941 nach Riga deportiert und 1944 im Konzentrationslager Stutthof ermordet. Vor dem Haus Hornsche Straße 23 ist ein Stolperstein hinzugekommen, der Hildegard Kleesiek gewidmet ist. Die Katholikin kam 1943 im Alter von 20 Jahren als asozial Stigmatisierte ins Konzentrationslager Ravensbrück, wo sie am 7. Dezember 1944 ermordet wurde.

Auf dem Schulhof des Grabbe-Gymnasiums erinnern zwei Steine an die christlich konfirmierten Schwestern Anneliese und Margarete Lükermann. Sie wohnten in der Werrestraße 12 (heute Georg-Weerth-Straße) und wurden nacheinander in die Heilanstalt Eben-Ezer Lemgo eingewiesen. 1945 starben sie im Lindenhaus Brake. Ihr Tod wurde durch rasseideologisch motivierte Unterversorgung psychisch Kranker und Behinderter verursacht. Für das jüdische Ehepaar Kauders werden nach Umbauten noch zwei Steine in der Langen Straße verlegt. Sie wurden am 8. Mai 1945 in Auschwitz ermordet.

Erinnerungen

Stolpersteine sind quadratisch, aus Beton und mit einer von Hand beschrifteten glänzenden Messingplatte versehen, auf denen die Lebensdaten der jüdischen Opfer stehen. Insgesamt 124 Stolpersteine finden sich in Lippe. Jeder Stein kostet 120 Euro.

Bildunterschrift: Christine Tellbüscher-Beckfeld mit einem Foto von Edith Falk, Gunter Demnig, Barbara Klaus und Bürgermeister Frank Hilker (von links) weihen neue Stolpersteine ein.

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- Freitag, 28. Januar 2022 um 19.30 Uhr -


Vortrag von Gunter Demnig: "Stolpersteine - Spuren und Wege"


Veranstaltungsort:

Haus Münsterberg
Hornsche Straße 38
32756 Detmold


Hinweis: Einlass nur mit 2G-Plus-Nachweis, Geboosterte sind von der Test-Pflicht ausgenommen.


Gunter Demnig, der seit 1992 mit seinen Projekt "Stolpersteine" an das Schicksal der Menschen erinnert, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden, skizziert in dem Vortrag seinen künstlerischen Werdegang von 1968 bis heute. Er berichtet auch über sein Projekt "Stolpersteine", mit dem er über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt geworden ist:

www.gunterdemnig.de


Im Anschluss an den Vortrag steht Gunter Demnig für Diskussionen und Gespräche zur Verfügung.


Eine Veranstaltung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe e.V. im Rahmen der Reihe "Erinnern und Gedenken 2022" vom 26. Januar bis 23. März 2022 der Buchhandlung Kafka & Co., Chorgemeinschaft Cantus - Novus und Freunde, Forum Offenes Detmold, Geschwister-Scholl-Gesamtschule Detmold, Stadt Detmold, Stadtarchiv Detmold, Stadtbibliothek Detmold, Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung Detmold.

www.gfcjz-lippe.de

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Am 29. Januar 2022 wurden in Detmold gesamt sieben Stolpersteine für: Samuel, Hedwig, Hilde und Edith Valk; Hildegard Kleesiek; Anneliese und Margarete Lükermann durch den Künstler Gunter Demnig verlegt.

Am 4. Dezember 2017 wurde das - "Gedenkbuch für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Detmold" - der Historikerin Gudrun Mitschke-Buchholz aus Detmold, als digitale Fassung freigeschaltet.

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www.gedenkbuch-detmold.de

www.stadtarchiv.detmold.de

www.jg-hf-dt.de

www.gfcjz-lippe.de


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