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Lippische Landes-Zeitung ,
31.01.2022 :
Hunderte protestieren
In Lemgo verläuft die erste in Lippe genehmigte Demonstration gegen Corona-Maßnahmen weitgehend friedlich / Auf dem Marktplatz zeigen die Lemgoer Flagge gegen die Aktion
Astrid Sewing
Lemgo. 150 Teilnehmer waren angemeldet, viel mehr waren gekommen. Die Polizei schreibt später, dass es 580 waren, doch es dürften mehr gewesen sein. Laut skandierend machten sie ihrem Unmut in Lemgo Luft. Die Impf-Pflicht und die Corona-Maßnahmen waren der Anlass, es vermischte sich mit grundsätzlicher Kritik an der Regierung. Auf dem Marktplatz gab es zwei Gegendemonstrationen, die Polizei sicherte mit einer Einsatzhundertschaft die Innenstadt ab. Die Stimmung war aufgeheizt, insbesondere wenn die Polizei eingriff.
Was sind das für Gruppen, die sich an der angemeldeten Demonstration beteiligen? Familien mit Kindern, junge Menschen, Ältere, ein Spektrum der Gesellschaft, bunt gemischt. Und doch unterscheiden sie sich in dem, was sie ausdrücken wollen. "Grundgesetz-Brecher", "Wir kämpfen gegen die Regierung Scholz", "Wir sind die rote Linie", es gibt ein deutliches Statement für einen radikalen Wechsel. Nicht nur in Bezug auf die Corona-Politik. Die spalte die Gesellschaft, sagt Paul Duschner vom Bündnis für Freiheit und Gerechtigkeit, das überregional aufgerufen hatte. Sieben Mitglieder gehören zur Kerngruppe. Friedlicher Protest soll es sein, ein Weg, "den Unmut, den viele spüren, öffentlich zu machen". Dass am Ende mehr kommen, als von den Organisatoren angemeldet waren, sieht er als Bestätigung.
Das Motto der Demo, "Freiheitlich-demokratische Grundordnung, gegen Impf-Zwang und 2G / 3G-Diskriminierung" war entsprechend gewählt. Der Kunsthistoriker sagt, dass viele Bürger enttäuscht sind, weil die Impfungen aus ihrer Sicht nicht halten, was versprochen wurde, dass die Corona-Regeln zu oft widersprüchlich sind. Duschner spricht von Impfschäden, die Dokumentation sei lückenhaft. Für den 35-Jährigen gehören auf Nachfrage Schwellungen an den Armen nach der Impfung ebenso dazu, wie bleibende gesundheitliche Beeinträchtigungen.
Überhaupt würden gegenteilige Meinungen zum Thema von anderen, wie zum Beispiel Wolfgang Wodarg, unterdrückt. Die Impf-Pflicht lehnt das Bündnis kategorisch ab. "Ist das Corona-Virus gefährlicher als das Grippe-Virus? Wir sagen Nein. Es ist nicht gerechtfertigt, die Grundrechte derart über einen langen Zeitraum zu beschneiden. Jeder soll das selbst für sich entscheiden", sagt Duschner.
Es ist allerdings deutlich mehr, was mitmarschiert. Auf einigen Jacken sieht man Reichsadler, es geht um radikale Umbrüche des Systems, die Sandra Gabriel, ebenfalls Mitglied des Bündnis-Kernteams, in einer Rede vehement mit dem Motto der Demonstration verknüpft. Sie spricht von der Machtelite, davon, "dass Rudi Dutschke sich heute uns anschließen würde". Und von Entrechteten, die auf die Straße gehen und ihren Widerstand öffentlich machen sollen.
Als die Polizei bei der Kundgebung durch die Reihen geht und fordert, dass die Masken getragen werden müssen, kommen einige dem nicht nach. Sie werden aufgefordert, zu gehen, einige werden zur Feststellung der Personalien mitgenommen. Das löst ein Pfeifkonzert aus. In der Innenstadt rastet eine Frau aus, als die Polizei eine Seitenstraße sperrt, die nicht zur Strecke der Demonstration gehört. Sonst bleibt es friedlich. Im Nachgang kündigt die Polizei an, dass Beweis-Videos ausgewertet werden sollen, weitere Ordnungswidrigkeiten-Anzeigen kämen hinzu.
Die Polizei schirmt zwei Gegendemonstrationen auf dem Marktplatz ab. Das Bündnis "Lemgo hält zusammen" aus CDU, SPD, Grünen, BfL und ESL und der Türkisch-Islamischen Gemeinde hält Transparente hoch. Es sind deutlich weniger Demonstranten, etwa 110. "Dieser Marktplatz ist das Herzstück unserer Stadt, den wollen wir nicht denen überlassen, die an der demokratischen Grundordnung sägen, um den Staat zu zerlegen. Es ist ein Platz für unsere Bürger, für den Austausch", sagt Christiane Thiel (CDU). Man sei zu Diskussionen bereit, zu einem Austausch auf Augenhöhe im Sinne der Demokratie. Neben dem Bündnis ist auch die Linksjugend Lippe auf dem Marktplatz, und da ist der Protest deutlich lauter: "Man marschiert nicht mit den Rechtsradikalen." Lemgos Bürgermeister Markus Baier: "Wir stehen für die Solidarität mit den Schwachen. Wir sind bereit zu Gesprächen mit denen, die Sorgen haben. Wer den Staat abschaffen will, dem zeigen wir aber deutlich, dass wir das nicht akzeptieren. Wir brauchen keine deutsche Tea-Party."
Sie erreichen die Autorin unter Tel. (05231) 911152.
Bildunterschrift: Mit kämpferischen Parolen drückten Hunderte am Samstag ihren Protest aus. Sie zogen vom Regenstorplatz durch die Innenstadt.
Bildunterschrift: Die beiden Gegendemonstrationen wurden auf dem Marktplatz von der Polizei abgeschirmt.
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- Samstag, 29. Januar 2022 um 17.30 Uhr -
Mahnwache: Wir sind solidarisch in der Pandemie. Für ein respektvolles Miteinander. Lemgo hält zusammen!
www.facebook.com/hashtag/lemgoh%C3%A4ltzusammen
Veranstaltungsort:
Marktplatz
Mittelstraße
32657 Lemgo
Von 16.00 bis 18.00 Uhr findet zuvor eine weitere Aktion für Solidarität in der Pandemie statt. Stühle auf dem Marktplatz sollen ein Zeichen setzen: Wir sind solidarisch in der Pandemie. Lemgo hält zusammen. Für ein respektvolles Miteinander.
Aufruf: Lemgo hält zusammen!
Solidarisch in Gedenken an über 100.000 Opfer der Covid-Pandemie. Solidarisch mit den Beschäftigten im Gesundheitswesen. Mit Kindern und Jugendlichen, die unter der Pandemie besonders verzichten mussten. Mit den Menschen, die unter den Einschränkungen beruflich und privat zu leiden haben. Mit den Menschen in den Ländern des Südens, die bisher kaum Impfstoff erhalten konnten.
Wir werben für ein solidarisches Verhalten. Wir wissen, dass es das Virus gibt und wir halten schützende Corona-Maßnahmen für notwendig, um
als Gesellschaft die Pandemie gemeinsam zu überstehen. Jede und jeder muss sich einschränken, damit wir diese Krise durchstehen, daran gibt es für uns keinen Zweifel. Meine persönliche Freiheit ist immer an die Gemeinschaft gebunden, in der ich lebe - im Großen wie im Kleinen.
Wir stehen zum Dialog mit denen, die Corona-Maßnahmen ablehnen und darüber diskutieren wollen. Jede und jeder hat das Recht, mit Entscheidungen der Regierung nicht einverstanden zu sein und auch gegen sie zu demonstrieren. Wir wenden uns aber gegen diejenigen, die unser Land in einer "Diktatur" wähnen, die wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen, die mit absurden Vergleichen den Holocaust verharmlosen. Auf vielen Kundgebungen gegen die Corona-Politik marschieren Neonazis mit und Menschen, die gegen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind. Hier sagen wir klar: Neonazismus und Verschwörungstheorien haben in Lemgo keinen Platz!
Zeigen wir uns solidarisch in der Pandemie. Treten wir denen entgegen, die die Pandemie und das Virus leugnen und unsere Demokratie angreifen; zeigen wir ihnen, dass sie nicht die Meinung der Lemgoer Mehrheit widerspiegeln!
Anlass der Mahnwache:
Am 29. Januar 2022, 16.00 Uhr, ruft das die Pandemie leugnende "Bündnis für Freiheit und Gerechtigkeit" zu einer angemeldeten "Demonstration inklusive Spaziergang in Lemgo", ab dem Regenstorplatz als - "Pflichtveranstaltung für alle Lipper!" - auf.
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Am 31. Januar 2022 um 18.00 Uhr, kündigt die extrem rechte "Telegram"-Gruppe "Lippe OWL Protest und Widerstand jetzt" eine angemeldete Demonstration, "Lemgo geht spazieren", Treffpunkt am Rathaus, an.
Am 29. Januar 2022 beteiligten sich in Lemgo - laut Polizei: "ca. 580" Pandemie-Leugnende, darunter die Neonazis Burkhart Weecke, Gerd sowie Anna-Maria Ulrich, an einem Aufmarsch ("Spaziergang") in Lemgo.
Am 29. Januar 2022, 16.00 Uhr, rief das "Bündnis für Freiheit und Gerechtigkeit", zu einer "Demonstration inklusive Spaziergang in Lemgo", ab dem Regenstorplatz als - "Pflichtveranstaltung für alle Lipper!" - auf.
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