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Neue Westfälische - Paderborner Kreiszeitung , 29.01.2022 :

Künstler zeigen Flagge gegen Rechts

Am Montag gibt es auf dem Marktplatz ein kulturelles Gegenprogramm zu den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen / Es wird Musik, Gesang, Poesie und Schauspiel geben

Holger Kosbab

Paderborn. Auch wenn der Protest gegen die Corona-Maßnahmen viele Gesichter hat: Einige davon sind der rechten Szene oder Rechtspopulisten zuzurechnen. Aus diesem Grund steht die nächste Gegen-Demo am Montag, 31. Januar, unter dem Motto "Kultur gegen Rechts". Dabei bleibt es auch, obwohl sich Grundrechte Paderborn als Veranstalter des Corona-Protests dazu entschlossen habe, "auf dem Maspernplatz keinen Aufzug anzumelden", wie Wilfried Schwarze am Freitag mitteilte.

Um 18 Uhr soll die Gegen-Demo auf dem Paderborner Marktplatz - auf gedruckten Info-Karten ist versehentlich Rathausplatz gedruckt - los gehen. Bis etwa 19.30 Uhr ist dann ein Programm mit Musik, Gesang, Poesie und Schauspiel vorgesehen. Veranstalter sind die Parents for Future gemeinsam mit dem Bündnis für Toleranz und Demokratie. Organisator Stefan Wisbereit rechnet mit 500 Teilnehmern. Dass die Corona-Maßnahmen-Kritiker diesmal offiziell nichts angemeldet hätten, ändere am Vorgehen nichts, sagte Wisbereit. Man sei nicht gegen eine einzelne Aktion, sondern gegen die gesamte Tendenz.

"Wir als Klima-Aktivisten setzen uns deshalb gegen Populismus aus dem rechten Umfeld ein, da die Mechanismen der Corona-Leugner und Leugner des Klimawandels fast deckungsgleich sind", so Wisbereit. "In vielen Fällen sind es sogar die gleichen Personen, die krude Thesen zu beiden Themen verbreiten. Insbesondere die so genannten Spaziergänge werden derzeit aus dem rechten Umfeld als Basis genutzt." Dabei hielten auch die Parents for Future nicht alle Maßnahmen der Bundes- und Landesregierungen in der Pandemie für richtig. "Die Probleme bei der Masken- und Impfstoff-Beschaffung, die fehlenden Schutzkonzepte und -Maßnahmen in den Schulen und Kitas kritisieren wir", sagt Marcus Zauner.

"Kultur hat die besondere Kraft, Akzente zu setzen, Perspektiven neu zu eröffnen und Brücken zu schlagen. So wollen wir in Dialog kommen mit denen, die die Ängste und Sorgen um sich selbst oder ihre Angehörigen haben", so Johannes Menze vom Bündnis für Demokratie und Toleranz. "Wir kritisieren weiterhin diejenigen, die jenseits fundierter Diskussionen Zweifel säen und die Demokratie zu unterminieren versuchen."

Die Inspiration zu dieser Veranstaltung sei Wisbereit bei dem Gedicht "Impf-Pflicht" von Thomas Gsella gekommen. "Als ich das gehört habe, dachte ich, dass wir mit Wortwitz den stumpfen Parolen etwas entgegen setzen können." Durch die Kuppel, den Dachverband der Paderborner Kulturinitiativen, bekam er die Kontakte zu lokalen Künstlern.

Zum Auftakt werden Andreas Hörstmann von der Paderborner Band Deutsche Botschaft und Tanja Roloff den Song "Geist ist geil" singen, so wie sie es schon bei der Gegen-Demo am Rathaus vor knapp zwei Wochen gemacht haben. Danach wird Schauspieler Max Rohland, ehemaliges Ensemblemitglied des Theaters Paderborn, Texte vortragen, die auf das aktuelle Geschehen rund um Corona und die Proteste reagieren.

Die in verschiedenen Organisationen wie der Seebrücke und bei den Grünen in Bad Wünnenberg aktive Nadine Dubberke tritt als Nadu mit Band auf. Musik gibt es auch vom Paderborner Volker Kukulenz. Möglicherweise wird Kukulenz auch etwas zusammen mit Max Rohland machen. Voll aufs Wort setzen die beiden Poetry-Slammer August Klar und Jann Wattjes.

Außer für die Eröffnungsnummer sind für die einzelnen Akteure jeweils 10 bis 20 Minuten eingeplant. Eine halbe Stunde dürfen am Schluss die Punch Drunk Poets auf der Bühne stehen und ein Potpourri ihrer Songs spielen. Die Band mit Paderborner Wurzeln trifft sich hier zu einem Probenwochenende und hängt einen Tag dran, um klare Kante zu zeigen - so wie alle Künstler am Montagabend auf dem Marktplatz.

Vielleicht wird es auch eine Wiederholung geben. "Da ist eine große Bereitschaft in der Kunst-Szene, sich für das Thema zu engagieren", sagt Wisbereit. Die Bereitschaft, Flagge gegen Rechts zu zeigen.

Bildunterschrift: Der Musiker Volker Kukulenz steht am Montag mit auf der Bühne.

Bildunterschrift: Der Schauspieler Max Rohland wird Texte vortragen.

Treffen trotz Verzicht auf Anmeldung nicht ausgeschlossen

Wie Wilfried Schwarze von Grundrechte Paderborn mitteilt, sei für den kommenden Montag, 18.30 Uhr, "aus verschiedenen Gründen" auf eine Anmeldung für eine Versammlung auf dem Maspernplatz verzichtet worden. "Vor allem die 3G-Forderung ab 750 Teilnehmer halten wir für einen absolut untragbaren Eingriff in die Versammlungsfreiheit."

Corinna Koptik, Sprecherin der Polizei Paderborn bestätigt, dass es bisher keine Anzeige - so der neue offizielle Begriff - für eine Versammlung gebe. Die Polizei könne aber nicht ausschließen, dass sich dennoch Leute treffen. Deshalb sei sie auch weiterhin darauf eingestellt.

"Wenn sich dennoch Leute treffen, genießen sie nicht den Schutz einer Versammlung", sagt sie. Von der Polizei erfolge dann "eine Rechtsgüterabwägung vor Ort", wie die Versammlung oder der Spaziergang bewertet werde und wie sich die Polizei verhalte. Koptik betont: "Wer als Veranstalter oder Leiter ohne Anzeige eine Versammlung durchführt, der begeht eine Straftat." Diese werde, wie alle Verstöße bei Protesten, geahndet. (hko)

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- Montag, 31. Januar 2022 um 18.00 Uhr -


Kultur gegen Rechts - Wir halten zusammen gegen Corona


Veranstaltungsort:

Marktplatz
33098 Paderborn


Hinweis: Es gilt die 3G-Regelung und Masken-Pflicht.


Mit der Veranstaltung unter dem pointierten Titel "Kultur gegen Rechts" setzen die Parents for Future Paderborn gemeinsam mit dem Bündnis für Demokratie und Toleranz einen kulturellen Kontrapunkt gegen die stumpfen Parolen aus dem rechten Milieu.

Als Klima-Aktivistinnen und -Aktivisten setzen wir uns gegen Populismus aus dem rechten Umfeld ein, da die Mechanismen der Corona-Leugnenden und die Leugnung des Klimawandels fast deckungsgleich sind. In vielen Fällen sind es sogar die gleichen Personen, die krude Thesen zu beiden Themen verbreiten. Insbesondere die so genannten "Spaziergänge" werden derzeit aus dem rechten Umfeld als Basis genutzt.

Kultur hat die besondere Kraft, Akzente zu setzen, Perspektiven neu zu eröffnen und Brücken zu schlagen. So wollen wir in Dialog kommen mit denen, die die Ängste und Sorgen um sich selbst oder ihre Angehörigen haben. Wir kritisieren weiterhin diejenigen, die jenseits fundierte Diskussionen Zweifel säen und die Demokratie zu unterminieren versuchen.

Flagge zeigen

Bekannte Künstlerinnen und Künstler werden mit einem Programm aus Musik, Gesang, Poesie und Schauspiel unterhalten.


Veranstalterinnen: Paderborner Bündnis für Demokratie und Toleranz und Parents for Future Paderborn.


www.facebook.com/ParentsforFuturePaderborn

www.buendnisdemokratietoleranz.wordpress.com

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Neue Westfälische Online, 25.01.2022:

Paderborn / Westerntor wird zum Berührungspunkt für "Spaziergänger" und Gegen-Demo

25.01.2022 - 07.38 Uhr

Die Paderborner Innenstadt wird erneut zum Ort für Demonstrationen

Holger Kosbab

Paderborn. 2.000 Protestler gegen die Corona-Maßnahmen auf dem Innenstadtring, 230 Gegendemonstranten auf dem Platz vor der Herz-Jesu-Kirche. Dies sind die reinen Zahlen vom Montagabend in der Paderborner Innenstadt. Dennoch, so betont es Ecki Steinhoff vom Paderborner Bündnis für Demokratie und Toleranz, sei die Mehrheit der Menschen für die Einhaltung der Corona-Regeln. 75 Prozent seien geimpft und die Maske werde aus Solidarität getragen. Aus Verständnis - was er jenen abspricht, die mit Rechten, Querdenkern, QAnon-Anhängern und Verschwörungsschwurblern auf die Straße gehen.

Etwa gegen 19.10 Uhr lief der mehrere Hundert Meter lange Protestzug am Westerntor vorbei, es war der einzige Punkt, an dem sich beide Gruppen begegneten. Unter anderem Nazi-Beschimpfungen auf der einen Seite. Rufe wie "Frieden, Freiheit, keine Diktatur", "Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung" oder "Schließt euch an!" - mitgerufen selbst von Kindern, die zahlreich mit ihren Eltern unterwegs waren - auf der anderen Seite. Dazu lief Westernhagens "Freiheit".

Die Polizei hatte durchaus zu tun: 30 Anzeigen wegen Verstößen gegen die Masken-Pflicht im Demonstrationszug wurden ausgesprochen, sagte Polizeisprecher Michael Biermann - deutlich mehr als zuletzt.

Das Virus wird verharmlost

Unter den Protestlern war auch eine schräge Gruppe, die - so lässt ein Plakat vermuten - offenbar bereits am Wochenende in der belgischen Hauptstadt Brüssel demonstriert hat und an dem Zug auf einem Sofa auf einem Wagen teilnahm.

Auf dem Maspernplatz, dem Start und Ziel des Protestzugs, wurde das Corona-Virus verharmlost. Es sei nur eine Grippe, die das Immunsystem schon richten werde, meinte Versammlungsleiter Günter Kube. Ungeimpfte seien besser geschützt.

So wie sich die Gruppe der Spaziergänger sukzessive aufgebaut hatte, so sollte die Masse auch wieder auseinander gehen, nachdem Versammlungsleiter Günter Kube die Veranstaltung auflöste. Es gab dann noch den Tipp, sich auf dem Heimweg durch die Westernstraße, wo mittlerweile keine Masken-Pflicht mehr gelte, die Schaufenster anzuschauen.

Wortwitz statt stumpfer Parolen

Am nächsten Montag soll den Kritikern der Corona-Maßnahmen unter dem Motto "Kultur gegen Rechts" begegnet werden, sagte Stefan Wisbereit von Parents for Future. Es sei ein Beispiel für verschiedene Formate des Protests und wie man Diskussionen anstoßen kann. Wortwitz statt stumpfer Parolen. So hofft Wisbereit auf das verbindende Element von Kultur. Eine Diskussion, die er mit allen führe, die Corona oder das Klima nicht leugnen.

Bei den Teilnehmern der Gegendemonstrationen am Westerntor wurde aber auch deutlich, dass ihre Wut wächst. Klare Kante zeigte auch Nadine Dubberke, engagiert unter anderem bei der Seebrücke Paderborn und Künstlerin, die durch die Pandemie nicht auf der Bühne kann. Schaut sie auf die Masse auf der Straße, sieht sie "so viel Hass, so viel Wut" und fragt sich, "wie man wieder zusammen kommen kann".

"Pandemie der Lügen"

Nach ihr traten einzelne Personen ans Mikro und sagten, weshalb sie an diesem Abend demonstrieren. Wie Timo, ein Schüler, der nicht mehr sechs Stunden am Tag mit der Maske im Unterricht sitzen wolle. Was aber nur gehe, wenn sich alle Menschen impfen ließen. Oder Louisa Rohe, die mit Blick auf die Proteste wie in Paderborn auf dem inneren Ring von einer "Pandemie der Lügen" spricht, die gefährlicher sei als jede Virus-Variante. Es sei ein Unrecht, wenn die Corona-Spaziergänger "Wir sind das Volk" skandierten. Die stille Masse der Bevölkerung sei viel zu groß, deshalb sei es wichtig, dass der Gegenprotest laufe.

Bildunterschrift: Am Westerntor zieht der Protestzug der Corona-Maßnahmen-Kritiker an den Gegendemonstranten vorbei.

Bildunterschrift: Diese Spazierfahrer haben offenbar bereits am Wochenende in der belgischen Hauptstadt Brüssel demonstriert.

Bildunterschrift: Zur Gegen-Demo des Bündnisses für Demokratie und Toleranz kommen etwa 200 Teilnehmer.

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Radio Hochstift, 18.01.2022:

Hundertfache Verstöße gegen Masken-Pflicht bei Anti-Corona-Demo in Paderborn

Hundertfach wurde bei der Anti-Corona-Demo in Paderborn am Abend gegen die Masken-Pflicht verstoßen - Konsequenzen gab es für die Demo-Teilnehmer allerdings kaum. Die Polizei begründet das Nicht-Einschreiten erneut mit der Verhältnismäßigkeit.

Sechs Teilnehmer der Demo kassierten eine Anzeige, weil sie keine Masken trugen. Bei diesen Masken-Verweigerern kannte die Polizei laut eigener Aussage bereits die Identität. Hinzu kommt eine Anzeige wegen des Verdachts der Volksverhetzung - ein Teilnehmer trug einen Judenstern mit dem Schriftzug "Ungeimpft".

Obwohl ein Großteil der etwa 1.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ebenfalls keine Maske trug, schritt die Polizei nicht ein. Auf Radio Hochstift-Anfrage begründen die Beamten dies mit einer "Rechtsgüterabwägung". Ein Einschreiten wäre demnach nicht verhältnismäßig gewesen.

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Neue Westfälische Online, 18.01.2022:

Weniger Teilnehmer als letzte Woche bei Corona-Demo in Paderborn

18.01.2022 - 12.52 Uhr

Die Polizei ermittelt in einem Fall wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Zum Gegenprotest am Rathaus kamen 250 Demonstranten.

Niklas Tüns

Paderborn. Die Organisatoren der Corona-Demo in Paderborn hatten auf mehr Teilnehmer als in der vergangenen Woche gehofft. Dieses Ziel wurde deutlich verfehlt: 1.500 Menschen zählte die Polizei am Montagabend, 1.000 weniger als in der Vorwoche. Obwohl eine Masken-Pflicht galt, hielt sich kaum ein Teilnehmer daran. Die Polizei ahndete vereinzelt Verstöße, ließ die Demonstration generell aber über den inneren Wall ziehen, ohne einzugreifen.

Wie bereits beim vergangenen Mal zeigte sich auch diesen Montag eine Taktik der "Spaziergänger". Fanden sich zum Auftakt laut Polizei noch 500 Menschen auf dem Maspernplatz ein, wuchs die Menge während des Zugs. Aus den Seitenstraßen stießen weitere Teilnehmer hinzu, sagte Polizei-Sprecherin Corinna Koptik. "Der überwiegende Teil war ohne Maske unterwegs."

Die Polizei habe daher sechs Ordnungswidrigkeitsverfahren veranlasst - bei denen, "die der Polizei bekannt sind", so Koptik. Zudem ermittelt die Polizei in einem Fall wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Ein Teilnehmer soll einen Judenstern mit der Beschriftung "Ungeimpft" getragen haben, sagte Koptik. "Das Zeichen darf man nicht verwenden."

Dass die Polizei trotz zahlreicher Verstöße gegen die Corona-Schutzverordnung nicht weiter eingriff oder gar die Demo auflöste, sei eine Rechtsgüterabwägung gewesen, so die Sprecherin. "Uns ist wichtig, dass keiner verletzt worden ist und dass alles störungsfrei und friedlich ablief. Das ist gut."

Nach Beobachtung der Polizei habe der Versammlungsleiter auf die Masken-Pflicht hingewiesen. "Das hat er in seinem Rahmen getan", sagte Koptik am Montagabend. Zugleich war aber auch zu beobachten, dass die Masken-Pflicht in Reden und Megafon-Durchsagen ins Lächerliche gezogen wurde. "Wir alle wissen: Das ist blanker Unsinn", sagte einer der Organisatoren zu der Masken-Pflicht.

Gegen-Demo vor dem Rathaus

Nur wenige hundert Meter entfernt fand auf dem Rathausplatz parallel eine Gegenveranstaltung statt, bei der die Masken-Pflicht penibel eingehalten wurde. 250 Menschen kamen bei der von Parents for Future angemeldeten Demo zusammen. Die Spaziergänger seien eine "kleine, aber laute Gruppe", sagte Versammlungsleiter Stefan Wisbereit.

Gegen sie müsse man nun Haltung zeigen. "Auf dem Sofa sitzen zu bleiben ist keine Alternative", meinte Wisbereit. Unverständnis zeigte er dafür, dass von einer "Corona-Diktatur" gesprochen werde. "Wenn man das sagt, muss man sich überlegen, was man denen antut, die tatsächlich eine Diktatur erlebt haben", so Wisbereit am Montagabend in seiner Rede.

An dem Protest vor dem Rathaus hatten auch Mitglieder von "Die Partei" teilgenommen. Sie waren es auch, die sich in kleiner Gruppe anschließend am Westerntor den Corona-Demonstranten gegenüberstellten. Dies war die einzige direkte Konfrontation beider Veranstaltungen.

Eine weitere Demo von Gegnern der Corona-Maßnahmen fand in Salzkotten statt. Dort zählte die Polizei in der Spitze 85 Teilnehmer.

Bildunterschrift: Der Protestzug war am Montagabend auf dem gesamten Innenstadt-Ring unterwegs.

Bildunterschrift: 250 Teilnehmer kamen zur Gegen-Demo am Rathaus.

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Neue Westfälische - Paderborner Kreiszeitung, 12.01.2022:

Der Corona-Protest wird immer lauter

Mit 2.500 Teilnehmern erreicht die Bewegung gegen die Einschränkungen durch die Pandemie einen bisherigen Höhepunkt / Die Polizei lobt die Veranstalter und lässt der Veranstaltung ihren friedlichen Verlauf

Hans-Hermann Igges

Paderborn. "Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung" steht auf dem Transparent, das vor dem Demonstrationszug von mehreren Teilnehmern getragen wird. "Frieden, Freiheit, keine Diktatur" heißt jedoch der Slogan, der immer wieder skandiert wird. Schon ein Unterschied. Das Wort von der "Corona-Diktatur", unter der das Land angeblich ächzt, hört und liest man jedenfalls immer wieder. 12, 13 Minuten dauert es, bis alle "Spaziergänger" das Westerntor passiert haben, mit Sprechchören, Musik und Trillerpfeifen. Weit mehr als die 600 vor einer Woche. Die Polizei gibt die Zahl später mit "in der Spitze 2.500" an.

Vielleicht schon Tausend sind es, die sich zuvor auf dem Maspernplatz versammeln, auf Einladung der Gruppe "Grundrechte Paderborn". "Hier sind alle willkommen, egal ob rechts oder links", heißt es von den Veranstaltern. Doch Fahnen von politischen Parteien sollen nicht gezeigt werden. Damit reagiert man auf das Flagge zeigen zum Beispiel der Jugendorganisation der AfD vom vergangenen Montag. Mit der Polizei ist das im Vorfeld so abgesprochen worden. Was dann vereinzelt geschwungen wird, sind ein paar Deutschland-Fahnen und ein paar gelbe Flaggen, die wahrscheinlich kaum einer kennt, die aber von Fernsehbildern aus den USA bekannt sind. Donald Trump lässt grüßen.

Die Veranstalter geben sich in alle Richtungen offen, suchen öffentlich also ausdrücklich nicht die Nähe der Rechten. Auch wenn man sie andererseits gerne mitlaufen lässt. So wie noch vor ein paar Wochen in der gleichnamigen öffentlichen Telegram-Gruppe, wo es monatelang bisweilen verschwörungstheoretisch äußerst kreativ und auch ruppig zuging. Und wo immer wieder Video-Statements hochrangiger AfD-Vertreter auftauchten, so wie andernorts in entsprechenden Telegram-Gruppen .

So wie auch die Rocker-Truppe von Timm Kellner aus dem Lippischen. Der selbst ernannte Internet-"Love-Priest" mit ansonsten eher martialischem Auftreten wird unter seinem Kosenamen zwar wärmstens begrüßt. Doch die Rocker mussten brav in Zivil kommen, und Sprechzeit hatte Kellner auch nicht - anders als beim letzten Mal. Da schwadronierte er noch von einem neuen Faschismus, der heraufziehe. Diesmal räumen die Rocker sogar vorzeitig das Feld, als nämlich auch sie eine Schutzmaske aufziehen sollen, weil die Veranstaltung längst die von den Corona-Regeln gesetzte Marke von 750 Teilnehmern überschreitet.

Tatsächlich kommen während der Veranstaltung immer wieder Hinweise von den Veranstaltern, sich doch - bitteschön - an Mindestabstand und Masken-Pflicht zu halten - "auch wenn das Tinnef ist". Diktatur und Faschismus als Drohkulisse werden dafür in den Redebeiträgen anderer Teilnehmer nach dem Demonstrationszug wieder reichlich bemüht. Zusammen mit Feindbildern wie "übergriffigen Machteliten", "Medien" und der "Staatsgewalt", der man im Zweifel unterlegen sei, weshalb man unbedingt friedlich bleiben solle.

Doch die Masse der Teilnehmer, ob aus dem Kreis Paderborn oder von außerhalb angereist, sieht ohnehin nicht so aus, als habe sie es auf Krawall angelegt. Es sei denn, man betrachtet bunte Regenschirme, die mit Lichterketten bespannt sind, und ebenfalls mit Birnchen bis zur Unleserlichkeit umrahmte Plakat-Schilder als potenzielle Schlagwaffen. Man solle sich "bei den Russlanddeutschen erkundigen", sagt ein Daniel, der sich als Student vorstellt. Die wüssten Bescheid, weil sie Diktatur-Erfahrung hätten. Ein anderer vergleicht die eigene Haltung gar wieder öffentlich mit NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl. Auch er wird beklatscht.

Ist das nur Volksverdummung oder fällt es schon unter Volksverhetzung? Über Twitter erreicht die Polizei der Hinweis, ein Redner habe den Hitlergruß gezeigt. Das habe sich bisher nicht bestätigt, Filmaufnahmen würden jedoch noch weiter ausgewertet, sagt dazu später die Paderborner Polizei-Sprecherin Corinna Koptik. Man sei froh, dass die von der gleichen Einsatzhundertschaft aus Gelsenkirchen wie am vorigen Montag begleitete Veranstaltung so friedlich verlaufen sei, was im Übrigen auch dem besonnenen Verhalten der Veranstalter anzurechnen sei. Deshalb habe man auch nicht eingegriffen, als mit dem Erreichen der 750-Teilnehmer-Grenze eigentlich die 3G-Regel galt. Man habe das Bemühen der Teilnehmer erkannt, Abstände einzuhalten und an Engstellen Masken zu tragen und am Ende zwischen dem Grundrecht auf Meinungsäußerung und den Corona-Regeln abgewogen - mit dem Ergebnis, nicht einzuschreiten, auch nicht gegen einzelne Verstöße.

Sieht so die Diktatur aus?

Was die Menschen mobilisiert, ist auf jeden Fall das Thema Impfen. Darum kreisen viele Gespräche. Gerade wird geboostert, und die Rede ist schon vom vierten Piks und neu angepassten Impfstoffen. Und dann immer so weiter? Das fragen sich viele. Skeptiker und Gegner bejubeln einen Redner, der sich als doppelt geimpfter nun aber von der FDP enttäuschter Liberaler bezeichnet. Das "Omikrönchen" sei "nur noch ein Schnupfen", sagt er, und die Impfungen nun "völlig überflüssig und sinnlos".

Was Mediziner dazu sagen, muss an ihm vorbei gegangen sein.

Bildunterschrift: Auf dem Maspernplatz versammeln sich nach dem "Spaziergang" rund 2.500 Teilnehmer. Mit dem Smartphone filmend in der ersten Reihe links ist Marvin Weber, Sprecher des AfD-Stadtverbandes, zu sehen.

Bildunterschrift: Brav in grauer Weste: Timm Kellner, YouTube-Star der rechten Szene, inmitten seiner Anhänger während des Protestzuges.

Bildunterschrift: Einer der am meisten gebrauchten Begriffe im Umfeld der Demonstranten ist die angebliche "Corona-Diktatur".

Mehr Fotos: www.nw.de/paderborn

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Für den 31. Januar 2022 um 18.30 Uhr kündigt die extrem rechte Gruppe "Grundrechte Paderborn" - ohne Anmeldung - einen weiteren Aufmarsch ("Lichterumzug") "Für Einigkeit" in der Paderborner Innenstadt an.

Am 24. Januar 2022 nahm der völkische Neonazi Gerd Ulrich aus Detmold - Ortsteil Berlebeck - mit einem Plakatträger an dem "Spaziergang" von 2.000 Corona-Leugnenden, in der Innenstadt von Paderborn teil.

Am 24. Januar 2022 fand in der Innenstadt von Paderborn ein angemeldeter Aufmarsch ("Spaziergang"), der extrem rechten Gruppe "Grundrechte Paderborn" mit 2.000 teilnehmenden Corona-Leugnenden statt.

Am 21. Januar 2022 bezeichnete die extrem rechte Gruppe "Grundrechte Paderborn" die "Schilder-Aktion" in Heiligenkirchen auf "Telegram" als - so wortwörtlich - "friedlicher Protest aus der Mitte der Gesellschaft".

Am 21. Januar 2022 führten 18 Pandemie-Leugnende im Detmolder Ortsteil Heiligenkirchen, darunter die Neonazis Gerd Ulrich sowie Burkhart Weecke eine "Schilder-Aktion" gegen die Corona-Eindämmung durch.

Am 17. Januar 2022 nahmen in Paderborn nach Polizei-Angaben "1.500" Corona-Leugnende an einer von der (extrem rechten) Gruppe "Grundrechte Paderborn" angemeldeten Demonstration, "Lichterumzug" teil.

Für den 17. Januar 2022, 18.30 bis 20.30 Uhr, bewarb die extrem rechte Gruppe "Grundrechte Paderborn" eine (angemeldete) Demonstration gegen die Eindämmung der Pandemie, mit Auftakt am Maspernplatz.

Am 10. Januar 2022 nahmen in Paderborn "in der Spitze 2.500" (Polizei) Corona-Leugnende an einer von der (extrem rechten) Gruppe "Grundrechte Paderborn" angemeldeten Demonstration, "Lichterumzug" teil.

Am 3. Januar 2022 sagte der (extrem rechte) Influencer Tim Kellner (Horn-Bad Meinberg), als Redner bei dem Paderborner "Spaziergang": "Der Faschismus ist wieder da in Deutschland, zeigt seine wahre Fratze."

Am 3. Januar 2022 nahmen in Paderborn am "Spaziergang", der extrem rechten Corona-Leugnenden von "Grundrechte Paderborn", mit 600 Mitwirkenden, auch "Personen aus dem rechtsextremen Spektrum" teil.

Am 27. Dezember 2021 löste die Polizei eine unangemeldete Versammlung, von etwa 300 Menschen mit Lichtern und Kerzen vor der Herz-Jesu-Kirche in Paderborn auf, es wurden mehrere Strafanzeigen gestellt.

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29./30.01.2022

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