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Lippische Landes-Zeitung ,
29.01.2022 :
Jüdischem Leben auf der Spur
Eine Ausstellung im Stadtarchiv beleuchtet die historischen Grabstätten auf dem Friedhof an der Rintelner Straße / Recherchen haben interessante Biografien zahlreicher Juden aus Lemgo ans Licht gebracht
Sandra Castrup
Lemgo. Der jüdische Friedhof an der Rintelner Straße hat noch nie im Fokus gestanden. Das Jubiläumsjahr "1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" ist ein guter Grund, das zu ändern. Der Arbeitskreis Stadtgeschichte und das Stadtarchiv Lemgo laden deshalb zu der gemeinsam entwickelten Archiv-Ausstellung "Von Steinen und Menschen" ein.
"Seine / ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens", so lautet meist der Abschluss einer hebräischen Grabinschrift. Und auch sonst lassen sich auf den alten Grabsteinen interessante Informationen ablesen, was die Geschichte jüdischen Lebens in Lemgo angeht. "Für die Aufarbeitung konnten wir an Hand von Meldekarten und Personenstandsregistern etliche Biografien der Verstorbenen zusammenstellen", blickt Stadtarchivar Marcel Oeben zufrieden auf die umfangreichen Ergebnisse, die derzeit im Lesesaal präsentiert werden.
Während die älteste Grabplatte verrät, dass hier der am 2. Mai 1874 verstorbene Joseph Sternfeld begraben wurde, hält ein wesentlicher jüngerer Stein das Gedenken an die Familie Sternheim in Erinnerung. "Adolf Sternheim hat neben Karla Raveh das Konzentrationslager überlebt, er war der letzte Vorsteher der Jüdischen Gemeinde in Lemgo, hat hier das Rote Kreuz sowie die FDP mitbegründet und sich in der Stadt sehr verdient gemacht", weiß Marcel Oeben zu berichten.
Der Philanthrop starb im Alter von 78 Jahren und wurde 1950 auf dem Friedhof an der Rintelner Straße beigesetzt. "Dabei hatte es nach dem Zweiten Weltkrieg dort keine Beerdigungen mehr gegeben", so der Stadtarchivar. 44 Jahre später, im Jahr 1994, durfte dann jedoch auch seine Tochter Ilse, verheiratete Drucker, ihre letzte Ruhe in dem Familiengrab finden. "Auffällig ist zudem, dass nach dem Ersten Weltkrieg fast keine hebräischen Inschriften mehr auf den Gedenksteinen zu finden sind", ist Oeben dankbar, dass mit Unterstützung des Salomon-Ludwig-Steinheim-Institutes in Essen inzwischen alles in die deutsche Sprache übersetzt werden konnte.
Bei den Juden war es üblich, neben den Namen auch weitere Angaben zu den verstorbenen Personen zu machen. So findet man beispielsweise eingemeißelte Beschreibungen wie "tüchtige Gattin, Zierde ihres Gatten, ihrer Kinder und ihres Hauses" auf den Relikten. Die fotografische Dokumentation umfasst um die 70 Grabmäler von insgesamt ungefähr 100 Personen aus Lemgo, für die eine Grabliege nachgewiesen werden konnte.
"Zahlreiche Angehörige der jüdischen Familien sind in Konzentrationslagern oder Ghettos verstorben", verweist der Stadtarchivar auf die Schrecken des Holocaust. Neben dem in der Ausstellung beleuchteten jüdischen Friedhof an der Rintelner Straße gibt, beziehungsweise gab es, im Lemgoer Stadtgebiet noch zwei weitere. Zum einen den noch existierenden, älteren am Ostertorwall, dessen jetzige Grabsteine aber aus Hohenhausen stammen, wie nach umfangreicher Recherche festgestellt worden ist. Zum anderen den ehemaligen jüdischen Friedhof in Brake, dessen verbliebene Grabsteine heute als Gehwegplatten in einem privaten Garten dienen.
Die Archiv-Ausstellung "Von Steinen und Menschen - der neue jüdische Friedhof an der Rintelner Straße in Lemgo" ist noch bis Freitag, 4. März, zu den Öffnungszeiten im Lesesaal des Stadtarchivs (Rampendal 20a) kostenfrei zu sehen. Führungen finden im Ausstellungszeitraum jeweils donnerstags um 18 Uhr nach Bedarf statt. Für Schulklassen und Gruppen sind Führungen auch nach vorheriger Vereinbarung an anderen Wochentagen möglich. Aktuell gilt die 2G-Regel.
Informationen und Anmeldung: stadtarchiv@lemgo.de oder Tel. (05261) 213413.
Bildunterschrift: Stadtarchivar Marcel Oeben hofft auf viele Besucher, die sich die Ausstellung im Lesesaal ansehen.
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Vom 25. November 2021 bis zum 4. März 2022 ist die Ausstellung "Von Steinen und Menschen - der neue jüdische Friedhof an der Rintelner Straße in Lemgo" im Lesesaal des Stadtarchiv in Lemgo noch zu sehen.
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www.stadtarchiv-lemgo.de
29./30.01.2021
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