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Westfalen-Blatt , 27.01.2022 :

Zeilen einer in Auschwitz ermordeten Jüdin

in Bielefeld rätseln Bewohner im Stadtteil Brake, wer den Text der niederländischen Autorin Etty Hillesum an eine Wand geschrieben hat

Von Andreas Schnadwinkel

Bielefeld (WB). Georg Gerwing geht oft diese Unterführung im Bielefelder Stadtteil Brake entlang. Vor vier Monaten schon ist ihm ein mit Kreide an die Wand geschriebener Text aufgefallen. Die Person, die sich die Mühe gemacht hat, an dieser nicht sonderlich einladenden Stelle acht lange Zeilen in Großbuchstaben auf den feuchten Beton zu schreiben, hat auch den Namen der Urheberin des Textes hinterlassen: Etty Hillesum. "Ich habe mich sofort kundig gemacht und mir das Buch gekauft", sagt Gerwing.

Das Buch ist das Tagebuch mit dem Titel "Das denkende Herz". Esther "Etty" Hillesum (1914 - 1943) war eine jüdische Niederländerin und führte von März 1941 bis zu ihrem Abtransport im September 1943 während der deutschen Besatzung Tagebuch, um ihren Alltag mit all den Ängsten, aber auch mit guten Gefühlen zu meistern. Am 30. November 1943 wurde die Intellektuelle im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von den Nazis ermordet. Die junge Frau wurde nicht einmal 30 Jahre alt.

An der Wand in Bielefeld-Brake steht geschrieben:

"Das Elend ist wirklich groß, und dennoch laufe ich oft am späten Abend, wenn der Tag hinter mir in die Tiefe versunken ist, mit federnden Schritten am Stacheldraht entlang, und dann quillt es mir immer wieder aus dem Herz herauf: Das Leben ist etwas Herrliches und Großes, wir müssen später eine ganz neue Welt aufbauen - und jedem weiteren Verbrechen, jeder weiteren Grausamkeit müssen wir ein weiteres Stückchen Liebe und Güte gegenüberstellen, das wir in uns selbst erobern müssen."

Diese erstaunlichen Worte der Versöhnung hatte Etty Hillesum am 3. Juli 1943 in einem Brief aus dem Durchgangslager Westerbork niedergeschrieben. Ihre persönlichen Notizen und Briefe, die sie hinterlassen hatte, fanden erst 1981 unter dem Titel "Het verstoorde leven" (Das zerstörte Leben) den Weg an die Öffentlichkeit. Die deutsche Übersetzung erschien 1983 erstmals als "Das denkende Herz der Baracke", später dann verkürzt in "Das denkende Herz".

Hillesum schrieb: "Ich möchte das denkende Herz eines ganzen Konzentrationslagers sein. Ein Herz, das andere stützt und trägt und stark macht." Das macht deutlich, dass sie um ihr Schicksal und das der anderen Juden wusste. Und trotzdem zeugen ihre weiteren Worte vom überzeugten Glauben an das Gute im Menschen und auch vom tiefen Glauben an Gott. Während die Tagebücher Einblick in die Seele gewähren und für Leser heutzutage eine spirituelle Wirkung haben, schilderte sie in den Briefen die Zustände in Westerbork, dem Lager in der Provinz Drenthe. Von Juli 1942 an deportierten die Nazis von dort 107.000 Juden sowie Sinti und Roma in die osteuropäischen Vernichtungslager. Von ihnen überlebten nur 5000.

Etty Hillesums Schicksal ähnelt dem Anne Franks. Allerdings gelangte deren in der Amsterdamer Prinsen­gracht 263 verstecktes Tagebuch nach dem Zweiten Weltkrieg ziemlich schnell an die Öffentlichkeit, erschien bereits 1947 und schrieb Geschichte als Dokument welthistorischer Bedeutung.

"Sie strebte die Verbreitung einer neuen Ethik und Menschenliebe an."
Gideon Greif, Historiker

Zum Schreiben war die zu Depressionen neigende Frau im Zuge einer Therapie gekommen. Der Psychoanalytiker Julius Spier hatte ihr geraten, ein Tagebuch zu führen. Dabei entdeckte sie ihre Begabung und zog ernsthaft in Erwägung, als Schriftstellerin ihr Geld zu verdienen.

Zu ihren literarischen Favoriten gehörten Fjodor Michailowitsch Dostojewski ("Schuld und Sühne") und der Lyriker Rainer Maria Rilke, in dem sie einen Seelenverwandten erkannte.

Der israelische Historiker Gideon Greif ist Experte für Schriftdokumente, die KZ-Häftlinge hinterließen. In Hillesums Texten erkennt er einen Überlebensmechanismus und eine Form des Widerstands. "In einer Zeit, da die Nazi-Ideologie die Juden als Untermenschen degradierte, strebte sie die Verbreitung einer neuen Ethik und Menschenliebe an", sagt Greif.

Und genau das fasziniert Georg Gerwing so sehr. "In meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist Etty Hillesums Tagebuch beinahe zu einer Art Bibel geworden", sagt der Bielefelder. Nun hofft er, dass sich nach diesem Beitrag Urheberin oder Urheber der Wand-Beschriftung melden - damit er sich bedanken kann.

Bildunterschrift: In einer Unterführung in Bielefeld-Brake hat jemand mit Kreide den bekanntesten Text der jüdischen Autorin Etty Hillesum an die Wand geschrieben.

Bildunterschrift: Esther "Etty" Hillesum (1914 - 1943).

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Am 30. November 1943 starb laut Rotem Kreuz Etty Hillesum, geboren in Middelburg am 15. Januar 1914 als Esther Hillesum, eine niederländisch-jüdische Intellektuelle - im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Etty_Hillesum


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