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Neue Westfälische Online ,
18.01.2022 :
Weniger Teilnehmer als letzte Woche bei Corona-Demo in Paderborn
18.01.2022 - 12.52 Uhr
Die Polizei ermittelt in einem Fall wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Zum Gegenprotest am Rathaus kamen 250 Demonstranten.
Niklas Tüns
Paderborn. Die Organisatoren der Corona-Demo in Paderborn hatten auf mehr Teilnehmer als in der vergangenen Woche gehofft. Dieses Ziel wurde deutlich verfehlt: 1.500 Menschen zählte die Polizei am Montagabend, 1.000 weniger als in der Vorwoche. Obwohl eine Masken-Pflicht galt, hielt sich kaum ein Teilnehmer daran. Die Polizei ahndete vereinzelt Verstöße, ließ die Demonstration generell aber über den inneren Wall ziehen, ohne einzugreifen.
Wie bereits beim vergangenen Mal zeigte sich auch diesen Montag eine Taktik der "Spaziergänger". Fanden sich zum Auftakt laut Polizei noch 500 Menschen auf dem Maspernplatz ein, wuchs die Menge während des Zugs. Aus den Seitenstraßen stießen weitere Teilnehmer hinzu, sagte Polizei-Sprecherin Corinna Koptik. "Der überwiegende Teil war ohne Maske unterwegs."
Die Polizei habe daher sechs Ordnungswidrigkeitsverfahren veranlasst - bei denen, "die der Polizei bekannt sind", so Koptik. Zudem ermittelt die Polizei in einem Fall wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Ein Teilnehmer soll einen Judenstern mit der Beschriftung "Ungeimpft" getragen haben, sagte Koptik. "Das Zeichen darf man nicht verwenden."
Dass die Polizei trotz zahlreicher Verstöße gegen die Corona-Schutzverordnung nicht weiter eingriff oder gar die Demo auflöste, sei eine Rechtsgüterabwägung gewesen, so die Sprecherin. "Uns ist wichtig, dass keiner verletzt worden ist und dass alles störungsfrei und friedlich ablief. Das ist gut."
Nach Beobachtung der Polizei habe der Versammlungsleiter auf die Masken-Pflicht hingewiesen. "Das hat er in seinem Rahmen getan", sagte Koptik am Montagabend. Zugleich war aber auch zu beobachten, dass die Masken-Pflicht in Reden und Megafon-Durchsagen ins Lächerliche gezogen wurde. "Wir alle wissen: Das ist blanker Unsinn", sagte einer der Organisatoren zu der Masken-Pflicht.
Gegen-Demo vor dem Rathaus
Nur wenige hundert Meter entfernt fand auf dem Rathausplatz parallel eine Gegenveranstaltung statt, bei der die Masken-Pflicht penibel eingehalten wurde. 250 Menschen kamen bei der von Parents for Future angemeldeten Demo zusammen. Die Spaziergänger seien eine "kleine, aber laute Gruppe", sagte Versammlungsleiter Stefan Wisbereit.
Gegen sie müsse man nun Haltung zeigen. "Auf dem Sofa sitzen zu bleiben ist keine Alternative", meinte Wisbereit. Unverständnis zeigte er dafür, dass von einer "Corona-Diktatur" gesprochen werde. "Wenn man das sagt, muss man sich überlegen, was man denen antut, die tatsächlich eine Diktatur erlebt haben", so Wisbereit am Montagabend in seiner Rede.
An dem Protest vor dem Rathaus hatten auch Mitglieder von "Die Partei" teilgenommen. Sie waren es auch, die sich in kleiner Gruppe anschließend am Westerntor den Corona-Demonstranten gegenüberstellten. Dies war die einzige direkte Konfrontation beider Veranstaltungen.
Eine weitere Demo von Gegnern der Corona-Maßnahmen fand in Salzkotten statt. Dort zählte die Polizei in der Spitze 85 Teilnehmer.
Bildunterschrift: Der Protestzug war am Montagabend auf dem gesamten Innenstadt-Ring unterwegs.
Bildunterschrift: 250 Teilnehmer kamen zur Gegen-Demo am Rathaus.
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Neue Westfälische - Paderborner Kreiszeitung, 12.01.2022:
Der Corona-Protest wird immer lauter
Mit 2.500 Teilnehmern erreicht die Bewegung gegen die Einschränkungen durch die Pandemie einen bisherigen Höhepunkt / Die Polizei lobt die Veranstalter und lässt der Veranstaltung ihren friedlichen Verlauf
Hans-Hermann Igges
Paderborn. "Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung" steht auf dem Transparent, das vor dem Demonstrationszug von mehreren Teilnehmern getragen wird. "Frieden, Freiheit, keine Diktatur" heißt jedoch der Slogan, der immer wieder skandiert wird. Schon ein Unterschied. Das Wort von der "Corona-Diktatur", unter der das Land angeblich ächzt, hört und liest man jedenfalls immer wieder. 12, 13 Minuten dauert es, bis alle "Spaziergänger" das Westerntor passiert haben, mit Sprechchören, Musik und Trillerpfeifen. Weit mehr als die 600 vor einer Woche. Die Polizei gibt die Zahl später mit "in der Spitze 2.500" an.
Vielleicht schon Tausend sind es, die sich zuvor auf dem Maspernplatz versammeln, auf Einladung der Gruppe "Grundrechte Paderborn". "Hier sind alle willkommen, egal ob rechts oder links", heißt es von den Veranstaltern. Doch Fahnen von politischen Parteien sollen nicht gezeigt werden. Damit reagiert man auf das Flagge zeigen zum Beispiel der Jugendorganisation der AfD vom vergangenen Montag. Mit der Polizei ist das im Vorfeld so abgesprochen worden. Was dann vereinzelt geschwungen wird, sind ein paar Deutschland-Fahnen und ein paar gelbe Flaggen, die wahrscheinlich kaum einer kennt, die aber von Fernsehbildern aus den USA bekannt sind. Donald Trump lässt grüßen.
Die Veranstalter geben sich in alle Richtungen offen, suchen öffentlich also ausdrücklich nicht die Nähe der Rechten. Auch wenn man sie andererseits gerne mitlaufen lässt. So wie noch vor ein paar Wochen in der gleichnamigen öffentlichen Telegram-Gruppe, wo es monatelang bisweilen verschwörungstheoretisch äußerst kreativ und auch ruppig zuging. Und wo immer wieder Video-Statements hochrangiger AfD-Vertreter auftauchten, so wie andernorts in entsprechenden Telegram-Gruppen .
So wie auch die Rocker-Truppe von Timm Kellner aus dem Lippischen. Der selbst ernannte Internet-"Love-Priest" mit ansonsten eher martialischem Auftreten wird unter seinem Kosenamen zwar wärmstens begrüßt. Doch die Rocker mussten brav in Zivil kommen, und Sprechzeit hatte Kellner auch nicht - anders als beim letzten Mal. Da schwadronierte er noch von einem neuen Faschismus, der heraufziehe. Diesmal räumen die Rocker sogar vorzeitig das Feld, als nämlich auch sie eine Schutzmaske aufziehen sollen, weil die Veranstaltung längst die von den Corona-Regeln gesetzte Marke von 750 Teilnehmern überschreitet.
Tatsächlich kommen während der Veranstaltung immer wieder Hinweise von den Veranstaltern, sich doch - bitteschön - an Mindestabstand und Masken-Pflicht zu halten - "auch wenn das Tinnef ist". Diktatur und Faschismus als Drohkulisse werden dafür in den Redebeiträgen anderer Teilnehmer nach dem Demonstrationszug wieder reichlich bemüht. Zusammen mit Feindbildern wie "übergriffigen Machteliten", "Medien" und der "Staatsgewalt", der man im Zweifel unterlegen sei, weshalb man unbedingt friedlich bleiben solle.
Doch die Masse der Teilnehmer, ob aus dem Kreis Paderborn oder von außerhalb angereist, sieht ohnehin nicht so aus, als habe sie es auf Krawall angelegt. Es sei denn, man betrachtet bunte Regenschirme, die mit Lichterketten bespannt sind, und ebenfalls mit Birnchen bis zur Unleserlichkeit umrahmte Plakat-Schilder als potenzielle Schlagwaffen. Man solle sich "bei den Russlanddeutschen erkundigen", sagt ein Daniel, der sich als Student vorstellt. Die wüssten Bescheid, weil sie Diktatur-Erfahrung hätten. Ein anderer vergleicht die eigene Haltung gar wieder öffentlich mit NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl. Auch er wird beklatscht.
Ist das nur Volksverdummung oder fällt es schon unter Volksverhetzung? Über Twitter erreicht die Polizei der Hinweis, ein Redner habe den Hitlergruß gezeigt. Das habe sich bisher nicht bestätigt, Filmaufnahmen würden jedoch noch weiter ausgewertet, sagt dazu später die Paderborner Polizei-Sprecherin Corinna Koptik. Man sei froh, dass die von der gleichen Einsatzhundertschaft aus Gelsenkirchen wie am vorigen Montag begleitete Veranstaltung so friedlich verlaufen sei, was im Übrigen auch dem besonnenen Verhalten der Veranstalter anzurechnen sei. Deshalb habe man auch nicht eingegriffen, als mit dem Erreichen der 750-Teilnehmer-Grenze eigentlich die 3G-Regel galt. Man habe das Bemühen der Teilnehmer erkannt, Abstände einzuhalten und an Engstellen Masken zu tragen und am Ende zwischen dem Grundrecht auf Meinungsäußerung und den Corona-Regeln abgewogen - mit dem Ergebnis, nicht einzuschreiten, auch nicht gegen einzelne Verstöße.
Sieht so die Diktatur aus?
Was die Menschen mobilisiert, ist auf jeden Fall das Thema Impfen. Darum kreisen viele Gespräche. Gerade wird geboostert, und die Rede ist schon vom vierten Piks und neu angepassten Impfstoffen. Und dann immer so weiter? Das fragen sich viele. Skeptiker und Gegner bejubeln einen Redner, der sich als doppelt geimpfter nun aber von der FDP enttäuschter Liberaler bezeichnet. Das "Omikrönchen" sei "nur noch ein Schnupfen", sagt er, und die Impfungen nun "völlig überflüssig und sinnlos".
Was Mediziner dazu sagen, muss an ihm vorbei gegangen sein.
Bildunterschrift: Auf dem Maspernplatz versammeln sich nach dem "Spaziergang" rund 2.500 Teilnehmer. Mit dem Smartphone filmend in der ersten Reihe links ist Marvin Weber, Sprecher des AfD-Stadtverbandes, zu sehen.
Bildunterschrift: Brav in grauer Weste: Timm Kellner, YouTube-Star der rechten Szene, inmitten seiner Anhänger während des Protestzuges.
Bildunterschrift: Einer der am meisten gebrauchten Begriffe im Umfeld der Demonstranten ist die angebliche "Corona-Diktatur".
Mehr Fotos: www.nw.de/paderborn
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Am 17. Januar 2022 nahmen in Paderborn nach Polizei-Angaben "1.500" Corona-Leugnende an einer von der (extrem rechten) Gruppe "Grundrechte Paderborn" angemeldeten Demonstration, "Lichterumzug" teil.
Für den 17. Januar 2022, 18.30 bis 20.30 Uhr, bewarb die extrem rechte Gruppe "Grundrechte Paderborn" eine (angemeldete) Demonstration gegen die Eindämmung der Pandemie, mit Auftakt am Maspernplatz.
Am 10. Januar 2022 nahmen in Paderborn "in der Spitze 2.500" (Polizei) Corona-Leugnende an einer von der (extrem rechten) Gruppe "Grundrechte Paderborn" angemeldeten Demonstration, "Lichterumzug" teil.
Am 3. Januar 2022 sagte der (extrem rechte) Influencer Tim Kellner (Horn-Bad Meinberg), als Redner bei dem Paderborner "Spaziergang": "Der Faschismus ist wieder da in Deutschland, zeigt seine wahre Fratze."
Am 3. Januar 2022 nahmen in Paderborn am "Spaziergang", der extrem rechten Corona-Leugnenden von "Grundrechte Paderborn", mit 600 Mitwirkenden, auch "Personen aus dem rechtsextremen Spektrum" teil.
Am 27. Dezember 2021 löste die Polizei eine unangemeldete Versammlung, von etwa 300 Menschen mit Lichtern und Kerzen vor der Herz-Jesu-Kirche in Paderborn auf, es wurden mehrere Strafanzeigen gestellt.
Am 17. Januar 2022 fand in der Innenstadt von Salzkotten ein "Spaziergang" von Pandemie-Leugnenden mit: "in der Spitze 85" (Kreispolizeibehörde Paderborn) Teilnehmenden - am 10. Januar 2022: 70 - statt.
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