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Neue Westfälische ,
12.01.2022 :
"Die Feindbilder wirken weiter"
Der Sozialpsychologe Andreas Zick leitet seit 2013 das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld
Was unterscheidet die aktuelle Welle der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen von den "Querdenker"-Demos der vergangenen beiden Jahre?
Andreas Zick: Die Form der Demonstrationen hat sich verändert. Die Ablehnung einer möglichen Impf-Pflicht, die Gegner nennen es durchgehend "Impfzwang", ist zur Zeit die große Klammer der Proteste. Das schafft auch für viele Leute aus dem bürgerlichen Milieu einen Anreiz, mitzugehen. Obwohl die Impf-Pflicht politisch und auch juristisch noch längst keine Realität ist, steht sie für diese Menschen bereits fest. Aktuell beginnt sich die Gegenöffentlichkeit zu formieren. Zugleich wird aber auch die Sensibilität in der Zivilgesellschaft stärker, weil prägende Teile der Corona-Proteste auch die demokratische Kultur in Frage stellen. Verschwörungserzählungen, Feindbilder, antisemitische Elemente, demokratiegefährdende oder demokratiefeindliche Meinungen wie auch Angriffe auf demokratische Einrichtungen, wie sie Bürgermeister oder Landräte repräsentieren, oder die Polizei prägen das Bild vieler Proteste.
Von Anfang an ging es bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen auch fundamental um das Verhältnis zum Staat. Wie sieht das jetzt aus?
Wir haben jetzt bei vielen "Spaziergängen" einen Schulterschluss zwischen radikalen Systemgegnern und bürgerlichen Gruppen, die nur bei dem Thema Impf-Pflicht als Gegner der Politik auftreten. Das sind Leute, die sich sehr anstecken lassen von dem Thema Freiheitseinschränkungen, die sich ihre Freiheit zurückholen wollen. Der Schulterschluss klappt, gerade weil keine politische Idee dort verfolgt wird und es ein scheinbar einfaches Protest-Ziel gibt: Keine Im-Pflicht, Corona-Regeln lockern oder aufgeben, was dann als Freiheit verstanden wird.
Nehmen Sie irgendwo eine Abgrenzung gegenüber gewaltbereiten Teilnehmern wahr?
Oberflächlich ja, weil auf den Protesten zum Teil "keine Gewalt" gerufen wird, oder Organisationen wie Querdenken beim Aufruf auf Gewaltlosigkeit hinweisen. Aber wenn Gewaltbereite mitlaufen, dann gibt es keine Distanzierung. Die fällt auch schwer, weil viele Feindbilder zumindest auf der Einstellungsebene geteilt werden. Zudem gibt es Brücken, wie die großen Themen "Volk und Freiheit". Bereits sehr früh in der Pandemie haben die "Querdenker" das Thema Freiheit besetzt und der Politik und den Institutionen die Legitimität abgesprochen. Das wurde von vielen unterschätzt. Die "Querdenker" haben ihre parallelen Gegenwelten aufgebaut. Die sehen wir jetzt auf der Straße.
Wie viele Menschen aus eigentlich bürgerlichen Kreisen koppeln sich jetzt vermutlich für lange Zeit von Staat und Demokratie ab?
Ein grundsätzliches Problem der Demokratie nach einer Protestwelle ist die Frage, wie viele neue Einstellungen, Meinungen, Überzeugungen bestehen bleiben, die eine Demokratie instabil machen. Wir sehen zur Zeit eine Konsolidierung von antidemokratischen, demokratiegefährdenden Ideologien und Verschwörungserzählungen, von denen sehr viel bleiben wird. Die gefährlichste Zeit kommt nach den Protesten, nach der Pandemie. Wir sehen jetzt in vielen Städten Tausende von Menschen auf der Straße, die der Meinung sind, dass der Staat in weiten Teilen Legitimität verloren hat. Dort demonstrieren Tausende von Menschen, die sich von mitlaufenden Rechtsextremen nicht distanzieren. Wir verlieren Menschen aus der Mitte heraus in diese neuen sektiererischen Gruppen. Vielleicht gehen die in der nächsten Protest-Kultur wieder auf die Straße. Vielleicht ziehen sie sich zurück und nehmen an dem Dialog, der demokratische Institutionen stark macht, nicht mehr teil. Dann wandert der Rechtspopulismus in die Mitte.
Welches Gefahrenpotenzial für die Demokratie wird bleiben?
Die Gewaltbereitschaft und Gewaltabsicht haben ein extrem hohes Ausmaß angenommen. Die Delegitimierung von Institutionen wird bleiben. Die Feindbilder wirken weiter.
Das Gespräch führte Jan Sternberg.
Bildunterschrift: Bielefelder Sozialforscher Andreas Zick.
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Am 12. Januar 2022 befragte die "Neue Westfälische" Andreas Zick, von dem "Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung" - Universität Bielefeld -, über die Proteste gegen die Corona-Eindämmung.
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www.uni-bielefeld.de/zwe/ikg
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