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Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt ,
10.01.2022 :
"Krankenmorde" im Nationalsozialismus
In der Volkshochschule ist bis Ende Februar die Ausstellung "Krankenmorde und Deportationen aus Bielefeld und Bethel im Nationalsozialismus" zu sehen / Sie beschäftigt sich mit den Biografien der Opfer
Heimo Stefula
Bielefeld. An die Lebens- und Leidensgeschichten zahlreicher Patienten in Bielefeld und Bethel während der NS-Zeit erinnert eine Ausstellung in der Volkshochschule. Der Professor im Bereich Sozialwesen an der Fachhochschule Bielefeld, Claus Melter, trägt seit fast fünf Jahren gemeinsam mit einer Forschungsgruppe von Studierenden Fakten zusammen, die den Weg von Behinderten und psychisch kranken, sowie "nicht arbeitsfähigen" Menschen in Nazi-Tötungslagern in ganz Deutschland nachzeichnen. Die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit können nun auf gut zwanzig Schautafeln im Kleinen Saal der Volkshochschule besichtigt, die Biografien der Opfer nachverfolgt werden.
Viele dieser Leidenswege endeten danach bereits in den ersten Kriegsjahren, 1940 / 1941 bei der Aktion "T4" (später "Aktion Brandt"), bei der die Nazis in ihrem Reich über 70.000 "unwerte Leben" auslöschten. An viele dieser Leidenswege wird auf Stolpersteinen im Bielefelder Stadtgebiet erinnert. So auch an Erna Kronshage aus Sennestadt (damals Senne II). Sie wurde amtsärztlich wegen "Überforderung" untersucht und hernach wegen der Diagnose Schizophrenie in die Provinzial-Heilanstalt Gütersloh eingeliefert. Der Anstaltsdirektor beantragte eine "Unfruchtbarmachung" gemäß dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Die Zwangssterilisation erfolgte 1943.
Von Gütersloh aus wurde Kronshage mit hundert weiteren Frauen und Männer in die Gauheilanstalt Tiegenhof im heutigen Polen transportiert, wo sie wenige Monate später verstarb, sie war 22 Jahre jung. Das Jugendvolxtheater der Theaterwerkstatt Bethel inszenierte 2018 ihre persönliche Geschichte.
Der Anstaltsdirektor beantragte eine Unfruchtbarmachung
Nicht einmal halb so alt wie Kronshage wurde Hermann Federmann, er litt an Epilepsie, war geistig behindert - und Jude. Er kam mit acht Jahren nach Bethel, in das Haus Patmos. Zwei Jahre später, 1940, wurde er mit 157 weiteren psychisch Kranken jüdischer Abstammung in die Landes-Pflegeanstalt Wunstorf, einer Sammelstelle für jüdische psychisch Kranke, verlegt. Kurz darauf, am Tag seiner weiteren Verlegung nach Brandenburg in die dortige "T4-Tötungsfabrik", wurde der kleine Federmann ermordet, in die Gaskammer geschickt. Auch Kurt Simon lebte im Haus Patmos, auch er Jude und geistig behindert. Er kam über Wunstorf nach Brandenburg und erlebte das gleiche Schicksal. Sein Stolperstein wurde am Ebenezerweg in Gadderbaum verlegt.
Ausstellungsinitiator Claus Melter betont ausdrücklich, dass er und sein junges Forschungsteam nicht die Täter, nicht die Verantwortlichen für die Patienten-Verlegungen in den Mittelpunkt der Ausstellung stellt, sondern die Biografien der Opfer. Das ist ihm freilich gelungen - auf den Kranken, jüdisch oder nicht, liegt der Fokus der Schautafeln. Auf den Texten dieser Tafeln, die vereinzelt eine auffällige Ähnlichkeit mit "Wikipedia"-Einträgen haben, tauchen immer wieder die Begriffe "Verlegung aus Bethel nach ... " (mal mit, mal ohne Anführungszeichen) sowie "Deportation" auf. Das wirft im Zusammenhang mit Überstellungen von Patienten in andere Krankeneinrichtungen Fragen auf. Fragen, die die von Bodelschwinghschen Anstalten längst beantwortet sieht: "Der Quellenbestand in Bethel ist überdurchschnittlich", so Bethel-Sprecher Johann Vollmer. Dieser weist außerdem darauf hin, dass die Gütersloher Heilanstalt keineswegs eine "Zwischenanstalt" gewesen sei, wie es die Ausstellung mitunter vermuten ließe, und vermisst einen hinreichend sensiblen Umgang mit datenschutzrelevanten Patienten-Akten.
Der 52-jährige Claus Melter kündigt an, nach der Ausstellung ein Begleitbuch zu veröffentlichen, und stellt in einer kurzen Einführung fest, dass auch dieses Buch und diese Ausstellung Teil der wichtigen Erinnerungskultur sei. Die Co-Kuratorin der Ausstellung, Lusie Kuzniak, bemerkt dazu: „Die Zeit heilt nicht alle Wunden.“
Bildunterschrift: Luisa Kuznik (Sozialarbeiterin), Tim Linnemann (Sozialarbeiter in der Justiz), Sevim Dik (Schulsozialarbeiterin), Professor Claus Melter (Fachhochschule Bielefeld). Links auf der Schautafel die Leidensgeschichte der Erna Kronshage.
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- Donnerstag, 6. Januar 2022 um 18.00 Uhr -
Eröffnung der Ausstellung: Krankenmorde und Deportationen aus Bielefeld und Bethel in der NS-Zeit
Veranstaltungsort:
Ravensberger Spinnerei / Volkshochschule
Ravensberger Park 1
33607 Bielefeld
www.vhs-bielefeld.de
Wie sahen Lebenswelten und Lebenswege jüdischer Personen aus Bielefeld aus? Wann erfolgten Deportationen in Tötungseinrichtungen?
Wie sahen im Nationalsozialismus Lebenswege von Kindern und Erwachsenen aus, die als "behindert", "nicht bildungsfähig", "nicht arbeitsfähig" oder als krank eingestuft wurden?
In Biografien dieser Personen und Chronologien institutioneller Praxen wird sowohl der jüdischen Personen im Nationalsozialismus als auch der Opfer der Krankenmorde ("Euthanasie") gedacht.
Die Ausstellung wurde erstellt von der Forschungsgruppe Bethel im Nationalsozialismus an der Fachhochschule Bielefeld.
Veranstalterin: Volkshochschule Bielefeld: www.vhs-bielefeld.de
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Am 6. Januar 2022 wurde die Ausstellung: "Krankenmorde und Deportationen aus Bielefeld und Bethel in der NS-Zeit", "Forschungsgruppe Bethel im Nationalsozialismus an der Fachhochschule Bielefeld" eröffnet.
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www.vhs-bielefeld.de
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