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3 Artikel ,
06.01.2022 :
Pressespiegel überregional
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Übersicht:
Jüdische Allgemeine Online, 06.01.2022:
Nachruf / Trauer um Trude Simonsohn
Neue Westfälische, 06.01.2022:
Tötungsaufrufe in Telegram-Chats
Blick nach Rechts, 06.01.2022:
Proteste an Kaimauer und Waterkant
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Jüdische Allgemeine Online, 06.01.2022:
Nachruf / Trauer um Trude Simonsohn
06.01.2022 - 16.51 Uhr
Die Schoa-Überlebende und Frankfurter Ehrenbürgerin starb am Donnerstag im Alter von 100 Jahren
Trude Simonsohn ist durch die Hölle von Theresienstadt und Auschwitz gegangen. Von ihren Erlebnissen und dem Tod der Eltern in Buchenwald und Auschwitz erzählte sie jahrzehntelang in Schulen, Universitäten und Akademien. Am Donnerstag ist ihre Stimme für immer verstummt. Simonsohn wurde 100 Jahre alt.
"Wir sind fassungslos und voller Trauer über diesen großen Verlust", erklärte der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn. Trude Simonsohn war eine "bemerkenswerte, herausragende Frau, die stets zum Wohle ihrer Mitmenschen gehandelt hat".
Als Schoa-Überlebende habe sie sich für Versöhnung und ein respektvolles Miteinander in unserem Land eingesetzt, so Korn weiter. "Durch ihr unermüdliches Engagement, insbesondere jungen Menschen in Schulen vom Erlebten zu berichten, wirkte sie für eine friedlichere Gesellschaft. Trude hat ihren Lebensweg auch stets voller Hoffnung und Mut gestaltet und glaubte an eine bessere Welt, die aus ihrer Vergangenheit gelernt hat."
Vorbild
"Trude Simonsohn stand nicht nur für das, was war, sondern vor allem für das, was sein kann. Eine Zukunft ohne Hass, eine offene Gesellschaft, eine Kultur des Respekts", sagte Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). Simonsohn war Ehrenbürgerin der Stadt Frankfurt am Main.
"Mit dem Tod von Trude Simonsohn verlieren wir ein Vorbild im Engagement gegen Antisemitismus, Rassismus und jede Form der Menschenfeindlichkeit. Vor allem verlieren wir eine enge Freundin", erklärten die Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel und Deborah Schnabel, sowie Gabriele Scherle, Vorstandsvorsitzende des Vereins Bildungsstätte Anne Frank e.V. Simonsohn war Gründungsmitglied der Bildungsstätte.
"Trude Simonsohn war eine ihren Mitmenschen zugewandte Persönlichkeit, getragen von der Hoffnung, dass die Menschen aus der Geschichte zu lernen bereit sind, um ihre Zukunft in Frieden und Freundlichkeit zu gestalten", sagte Christoph Heubner, Vize-Exekutivpräsident des Internationalen Auschwitz Komitees. "Gerade in Zeiten antisemitischer Verschwörungstheorien und neuem rechtsextremem Hass wird uns Trude Simonsohn bitterlich fehlen."
Seit 2017 lebte Simonsohn im Senioren-Zentrum der Budge-Stiftung im Frankfurter Stadtteil Seckbach, in dem Juden und Nichtjuden gemeinsam ihren Lebensabend verbringen. Noch zu ihrem 100. Geburtstag im vergangenen März stellte sie sich den Fragen von Pressevertretern - mit Humor und Schlagfertigkeit. Auf die Frage, was sie sich zu ihrem Geburtstag wünsche, antwortete sie: "Dass mir solche Fragen erspart bleiben."
Lebensweg
Trude Simonsohn wird am 25. März 1921 in Olomouc (Olmütz) in der Tschechoslowakei als einzige Tochter des Getreide-Kommissionärs Maximilian Gutmann und seiner Ehefrau, der Hutmacherin Theodora Appel, geboren. "Wir waren nicht sehr religiös, aber die jüdischen Feiertage hielten wir ein. Katholiken, Hussiten und Juden lebten im barocken Olmütz friedlich miteinander." Trude besucht die tschechische Grundschule und das deutsche Gymnasium. Am meisten Freude bereiten ihr die Sprachen, zunächst Tschechisch und Deutsch, später Latein und Englisch. Auch Schwimmen und Tennis mag sie sehr.
Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei wird ihr Vater verhaftet, in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verschleppt und schließlich im Konzentrationslager Dachau bei München ermordet. Trude kann weder Abitur machen, noch wie geplant Medizin studieren. Stattdessen engagiert sie sich in der zionistischen Jugendbewegung. Nach dem Attentat auf NS-Reichsprotektor Reinhard Heydrich im Mai 1942 wird sie wegen Hochverrats angeklagt und für ein halbes Jahr eingesperrt, davon vier Wochen in einer Einzelzelle.
Im November 1942 wird sie mit ihrer Mutter ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort lernt sie ihren späteren Ehemann kennen, den Sozialpädagogen und Juristen Berthold Simonsohn. Im Oktober 1944 deportieren die Nazis das Paar nach Auschwitz, wo es verschiedenen Arbeitskommandos zugeteilt wurde. Danach knipst sie ihr Erinnerungsvermögen aus und fällt in eine "Ohnmacht der Seele", wie sie anlässlich ihres 95. Geburtstags in einem Interview sagte.
Zu sich kommt sie erst wieder im Lager Kurzbach, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen nahe Breslau, wo sie in bitterster Kälte Panzergräben ausheben muss und fast an einer schweren Durchfallerkrankung stirbt. Am 9. Mai 1945 wird sie schließlich im nahe gelegenen Lager Merzdorf von Soldaten der Roten Armee befreit. Ihr Mann erlebt das Kriegsende im Lager Kaufering, einer Außenstelle des KZ Dachau.
"Dass Berthold und ich überlebt haben, ist ein Wunder", sagte Simonsohn immer wieder. Aber es hatte auch seinen Preis, denn beide sind von dem Lager-Terror und der Zwangsarbeit körperlich und psychisch schwer gezeichnet. "Man geht nicht ungestraft durch so eine Hölle. Mein Mann hat deswegen gesagt: Wir müssen darüber reden, sonst schaffen wir das nicht."
Gemeinde
Nach 1945 arbeitet sie für die jüdische Flüchtlingshilfe in der Schweiz, macht eine Ausbildung zur Krankenpflegerin und betreut tuberkulosekranke und traumatisierte jüdische Kinder. 1950 folgt sie ihrem Mann nach Hamburg, ein Jahr später kommt dort Sohn Michael zur Welt. 1955 zieht es die junge Familie nach Frankfurt am Main, wo Berthold die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) aufbaut. Sie selbst übernimmt in der Jüdischen Gemeinde die Stelle für Sozialarbeit und Erziehungsberatung. Von 1989 bis 2001 ist sie Gemeinderatsvorsitzende.
1978, nach Bertholds plötzlichem Tod, meldet sich einer seiner Freunde bei Trude Simonsohn: Martin Stöhr, der Direktor der Evangelischen Akademie Arnoldshain. Er lädt sie zu einer Tagung ein, um über ihre Erlebnisse in der NS-Zeit zu berichten. Das ist die Initialzündung für ihre Rolle als Zeitzeugin, die sie knapp vier Jahrzehnte ausfüllt. Dafür wurde sie unter anderem mit der Leuschner-Medaille des Landes Hessen und der Ehrenbürgerschaft der Stadt Frankfurt geehrt. "Ich habe getan, was ich konnte, was ich musste", bilanzierte Simonsohn im Jahr 2016.
Betroffenheit
Die Nachricht von ihrem Tod löste vielerorts Bestürzung aus. "Es ist schwer in Worte zu fassen, wie sehr wir Trude vermissen werden. In diesen schweren Stunden, sind unsere Gedanken bei ihrer Familie, der wir viel Kraft und Trost wünschen. Wir werden Trude ein ehrendes Andenken bewahren und sie immer in unseren Herzen tragen", sagte Salomon Korn.
"Mit tiefer Betroffenheit und Trauer" reagierte auch der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Uwe Becker. Simonsohn sei eine "ganz besondere Persönlichkeit gewesen, die bei jedem Menschen, der sie kannte, eine tiefe Lücke hinterlässt".
Becker, zugleich Beauftragter der Hessischen Landesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus würdigte Simonsohns Lebenswerk: als Zeitzeugin sei sie in den Jahrzehnten ihres Auftretens vor nachfolgenden Generationen zu einem Vorbild an "Menschlichkeit, Aufrichtigkeit und Mut" geworden.
Auch der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) gedachte Trude Simonsohn als einer "bedeutenden Hessin, die sich um die Erinnerungskultur und den Wiederaufbau von jüdischem Leben nicht nur bei uns verdient gemacht hat".
Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) erklärte, Trude Simonsohn habe mit ihrer beeindruckenden Zeitzeugen-Arbeit begreifbar gemacht, was es heißt, in einer menschenverachtenden, rassistischen Diktatur als Jüdin verfolgt zu werden. "Mit bewundernswert offenen und warmherzigen Worten hat sie dabei stets auch für all jene gesprochen, die es nach den Verheerungen des Holocaust nicht mehr konnten", sagte die Grünen-Politikerin in Berlin. (mit ja/dpa/epd)
Lesen Sie einen ausführlichen Nachruf auf Trude Simonsohn in unserer Printausgabe vom 13. Januar.
Bildunterschrift: Trude Simonsohn sel. A.
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Neue Westfälische, 06.01.2022:
Tötungsaufrufe in Telegram-Chats
Das ARD-Online-Portal "tagesschau.de" kommt auf mindestens 250 Fälle / Drohungen gegen Personen aus Politik, Wissenschaft und Medien
Hamburg (epd). Laut einer Recherche des ARD-Online-Portals "tagesschau.de" ist im Zeitraum vom 1. November bis 31. Dezember des Vorjahres in Chat-Räumen des Messenger-Dienstes Telegram in mindestens 250 Fällen zur Tötung von Personen aus Politik, Wissenschaft und Medien aufgerufen worden.
Es sei jedoch davon auszugehen, dass die aufgespürten Tötungsaufrufe nur "die Spitze des Eisberges" seien, heißt es in einer Mitteilung des Senders in Hamburg. Denn bei Telegram ließen sich, anders als bei Twitter, nur Kanäle und Chats durchsuchen, in denen man selbst Mitglied sei, hieß es weiter.
Seit Anfang November seien lediglich drei Tage verstrichen, an denen "nicht ein Galgen, eine Guillotine oder ein Strick" für Vertreter und Vertreterinnen aus Politik, Wissenschaft, Medizin oder Medien gefordert wurde.
Widerspruch hat es fast nie gegeben
Verbreitet worden seien die Tötungsaufrufe sowohl in geheimen als auch in offenen Chat-Gruppen, oftmals sogar unter dem mutmaßlich richtigen Namen. Widerspruch habe es den Angaben zufolge selbst in großen Chats mit mehr als 50.000 Mitgliedern fast nie gegeben.
Mehrfach betroffen von den Tötungsaufrufen sind nach ARD-Recherche unter anderem Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP), Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der CDU-Politiker Friedrich Merz, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), der ehemalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sowie sein Nachfolger Karl Lauterbach (SPD).
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Blick nach Rechts, 06.01.2022:
Proteste an Kaimauer und Waterkant
Von Andrea Röpke
In Mecklenburg-Vorpommern formiert sich massiver Widerstand. Allerdings ist im Gegensatz zu anderen bundesweiten Regionen noch wenig über Drahtzieher und Akteure bekannt. Dabei spitzt sich die Situation zu.
In Wolgast brodelt es gefährlich. Rund 2.000 Pandemie-Leugner beteiligten sich in der knapp 12.000 Einwohner-Stadt in Vorpommern bereits Ende Dezember an den Protesten. Bei Ausschreitungen wurden zwei Polizeibeamte leicht verletzt. Der NDR berichtete davon, dass ein Teilnehmer mit Schlagschutz-Handschuhen festgenommen werden sollte, dann aber von der aufgebrachten Menge befreit worden sei.
Die Stimmung in Ostvorpommern ist angeheizt. Davon versucht die AfD zu profitieren. Den nächsten "Spaziergang" meldete eine Parteianhängerin an: Petra Albrecht-Kühl. Sie und ihr Ehemann Norbert sind als langjährige Aktivisten in der Region bekannt. Zuvor hatte ein 1981 geborener Mann von der Insel Usedom die Organisation des Wolgaster Widerstands offiziell inne. Auch er soll der extrem rechten Szene nahe stehen, was er aber leugnet. Der Mann hatte in der Vergangenheit jedoch mehrfach an NPD-Aufmärschen teilgenommen, trat teilweise sogar als Redner auf. Nun übernimmt das Ehepaar Kühl aus dem AfD-Kreisverband Vorpommern-Greifswald offenbar die Organisation.
AfD-Umfeld aktiv
Norbert Kühl stammt ursprünglich aus der CDU. Seit etwa 2016 engagiert er sich für die "Bürgerbewegung FFDG 2016 - Frieden, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit", die ihren Schwerpunkt in den politischen Themen der Zeit sieht, wie es auf Facebook heißt. 2018 organisierten Kühl und die FFDG eine Demonstration in Greifswald gegen Migration u.a. mit dem späteren AfD-Spitzenkandidaten zur Landtagswahl, Nikolaus Kramer.
Der antifaschistische "Fleischervorstadtblog" und die Initiative "Greifswald für Alle" wiesen bereits vor Jahren auf rassistische und antisemitische Redebeiträge von Kühl hin. So habe er gesagt: "Es ist höchst interessant festzustellen, die Juden halten wie die Blutlinien der Illuminati ihre Genetik rein." Die FFDG schaltete sich auch in den Protest gegen eine Krankenhaus-Schließung in Wolgast ein, dann wurde es stiller um die Gruppe. Inzwischen mischen deren Aktivisten intensiv bei der Mobilisierung des rechten Protestes nach Wolgast mit. Petra Albrecht-Kühl feuert Interessierte in den Sozialen Medienkanälen an, zur Demo zu kommen. Ansonsten postet sie persönliche Silvester-Erlebnisse mit Böllern und Feuerwerk im benachbarten Polen.
"Ich wünsche mir möglichst viele Messer-Männer"
Anfang Dezember bezeichnete der frühere AfD-Landtagsabgeordnete Ralph Weber und jetzige Jura-Professor an der Universität Greifswald Ministerpräsidentin Manuela Schwesig beim Protest in Wolgast als "Diktatorin". Prominent trat auch Jens Wildberg in Wolgast auf. Der Chef der Insel-Klinik Heringsdorf auf Usedom und Reserveoffizier war kurz zuvor fristlos entlassen worden. Es liege eine Strafanzeige vor, weil er den Geschäftsführer des Hospitals tätlich angegriffen haben soll, hieß es in den Lokalmedien. Mit einem Video Mitte Dezember thematisierte Wildberg seine Kündigung und rief unter Sympathisanten zu Solidarität auf. Der Faschismus mache sich überall breit. Er fordert: "Wehrt euch dagegen!" Der ehemalige Chefarzt der psychosomatischen Klinik wirbt mit einer eigenen "Video-Praxis", die in Zukunft kommen soll.
Der Telegram-Gruppe "Wolgast steht auf!" gehören zur Zeit über 700 Mitglieder an. Wegen der Corona-Auflagen kam es bereits zu anonymen Morddrohungen gegen Rathaus-MitarbeiterInnen in Wolgast. Unter den Bediensteten der Stadt mache sich die Angst breit, berichtete die Ostsee-Zeitung am 15. Dezember. Es hagelte Morddrohungen und Hass-Botschaften im Zusammenhang mit Corona-Beschränkungen und Impfungen, bestätigte auch Bürgermeister Stefan Weigler (CDU). Aufkleber und Plakate an städtischen Gebäuden verkündeten zum Beispiel: "Ich wünsche mir möglichst viele Messer-Männer für eure G-Kontrolleure."
Polizei musste Pfefferspray einsetzen
An einem Demonstrationstag klebte am Eingang zum Rathaus ein Bild, das zeigt, wie eine am Boden liegende Person von einer anderen Person mit einem Messer attackiert wird und dabei das Blut fließt und spritzt. Und darunter steht: "Welcome - hier ruht die Rechtsstaatlichkeit". "Die Entwicklungen in unserer Stadt, in unserer Region, im Land und in der Bundesrepublik machen mir große Sorgen", so Weigler. Am selben Abend dann standen 120 Polizeibeamte 1.200 Pandemie-Leugnern gegenüber. Die wenigsten hielten sich an die Corona-Auflagen.
Im wenig entfernten Anklam kam am Montag bei den Corona-Protesten sogar Pfefferspray zum Einsatz. Bei der dritten unangemeldeten Demonstration mit rund 400 Teilnehmern kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen, als eine Gruppe von 100 Protestieren sich mit der Wegänderung der Polizei raus aus dem Stadtgebiet nicht einverstanden zeigte und mit Gewalt versuchte, Polizei-Ketten zu durchbrechen. Ein Polizist erhielt einen Faustschlag ins Gesicht. Pyrotechnik wurde eingesetzt. Gegen die Störer-Gruppe seien schließlich Schlagstöcke und Pfefferspray eingesetzt worden. Die Demonstrationen in Anklam fanden bislang unangemeldet statt. Führungspersonen geben sich nicht zu erkennen, eine eigene Telegram-Gruppe gibt es nicht. "Die mobilisieren vor allem intern", glaubt eine Beobachterin. Viele der Marschierenden hätten wie "Anabolika-Nazis" und Hooligans ausgesehen.
Neonazi-Kader in Rostock
In Rostock dagegen konnten am Montag eindeutig Neonazis unter den Protestierenden erkannt werden: Christian Worch und Alexander Deptolla. Worch ist Vorsitzender der gewaltbereiten Kleinstpartei "Die Rechte" und der Dortmunder Deptolla ist nicht nur ein Parteifreund, sondern organisierte in der Vergangenheit den berüchtigten "Kampf der Nibelungen". Deptolla ist eng befreundet mit führenden Rechtsextremisten im Rostocker Charter der "Hells Angels".
Beobachtern von "Endstation Rechts" fiel der kleine, schwarze Block vorne an der Spitze des Aufzuges auf. Dieser habe sich teilweise aus bekannten Neonazis zusammengesetzt. Fotos zeigen zudem den Rostocker Daniel Sebbin mit weiteren Identitären am Front-Transparent. Auch Rocker der verbotenen rechtsextremen "Schwarzen Schar" aus Wismar wurden gesehen. In Rostock existiert zudem eine Telegram-Gruppe von "Studenten stehen auf". Dessen Akteurinnen, die mit Fahnen mit weiß-roter Wandervogel-Symbolik auftreten, stammen zum Teil aus völkischen und rechtsbündischen Strukturen.
Angriff auf Presse
Unfassbar findet das Julian Barlen, Chef der SPD-Fraktion im Landtag. "Neben eskalierender Bedrohungsrhetorik in Telegram-Gruppen radikalisiert sich auch das Demo-Geschehen", so der Rostocker. "Vermummte mit Sturmhaube sowie bekannte Neonazis bilden eine gewaltbereite Minderheit, die in Rostock die Demo mit angeführt hat", so Barlen. Während die Veranstalter um Jens Kaufmann in Rostock von 20.000 Teilnehmern sprachen, sollen es laut Polizei tatsächlich eher 4.000 gewesen sein, die sich im Rostocker Rosengarten trafen. Den nur 450 anwesenden Polizeibeamten gelang es auch diese Woche nicht, die Corona-Auflagen durchzusetzen.
Bereits am 27. Dezember als rund 6.500 Demonstranten in Rostock unterwegs waren, räumte Achim Segebarth, Chef der Polizeiinspektion ein, sie seien "zu schwach" aufgestellt gewesen. Eine aggressive Gruppe spaltete sich von der Kundgebung ab, es gab neun Strafanzeigen, einen Hitlergruß sowie eine Attacke auf ein RTL-Kamerateam. Laut Einsatzleitung der Polizei habe Anmelder Kaufmann die Eskalation sogar noch provoziert. Strafrechtliche Verfolgung haben aber die wenigsten aggressiven Teilnehmer bei ihren abendlichen Aktionen in Mecklenburg-Vorpommern zu befürchten.
Morddrohung gegen Politiker
Dabei nehmen Aggression und Militanz zu. Auch in Güstrow beteiligten sich bekannte Rechtsextreme an den Protesten. In Stralsund wurde ein Testzentrum als "Pestzentrum" beschmiert. Bildungsministerin Simone Oldenburg von Die Linke erhielt Morddrohungen per E-Mail von einer Mutter und Impf-Gegnerin. Drohungen gegen Ministerpräsidentin Schwesig gehen soweit, dass auch hier Demonstranten vor ihr privates Wohnhaus ziehen wollten. In ihrem persönlichen Weihnachtsbrief an die SPD-Parteimitglieder schrieb sie: "Es gibt eine sich radikalisierende Gruppe, die dem Staat faschistisches Handeln unterstellt, aber sich selbst solcher Methoden bedient." Wenig später tauchte auf Telegram eine Morddrohung gegenüber Schwesig auf.
Bildunterschrift: In Rostock fährt häufiger ein Transporter mit "Lügenpresse"-Slogan mit, gefahren von AfD-Politikern.
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