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Neue Westfälische Online , 06.08.2021 :

Anastasia-Bewegung will offenbar in NRW Fuß fassen - was steckt dahinter?

06.08.2021 - 18.42 Uhr

Rechte Esoteriker

In einer Internetanzeige suchen mutmaßliche Anhänger der Bewegung ein Grundstück und weitere Anhänger im Kreis Lippe. Experten warnen vor der Ideologie.

Lukas Brekenkamp

Bielefeld. Anhänger der sektenähnlichen Anastasia-Bewegung suchen in OWL ein Haus, um offenbar ein Siedlungsprojekt zu starten. Im Internet kursiert eine entsprechende Anzeige. Doch was steckt hinter der esoterischen Bewegung, die offenbar an antisemitische und rassistische Verschwörungsmythen glaubt?

Hinter grünen Fassaden müssen sich nicht immer grüne Ansichten verbergen. Die Anastasia-Bewegung ist ein Beispiel dafür. Die Anhänger der Gruppen aus dem rechtsesoterischem Spektrum haben ihr Leben nach einer Buchreihe ausgerichtet. Einer Buchreihe, in der neben naturreligiösen Anschauungen auch rechte und antisemitische Verschwörungsmythen sowie Demokratie-Feindlichkeit verbreitet werden: die "Anastasia"-Bücher.

Experten warnen vor Inhalten

Zehn Teile sind erschienen, geschrieben von dem Russen Wladimir Megre. Manche Anhänger der Bewegung versuchen, gemäß den Ideen Anastasias zu leben, vorwiegend durch Schaffung von Familienlandsitzen. Ein Lebensstil, der in die Richtung der Selbstverwalter geht. Der Tenor allerdings: Die Welt wird untergehen, die Gesellschaft ist am Ende. Da liegt der kritische Punkt: Experten und Verfassungsschützer sehen in der Bewegung verschwörungsideologische, rassistische und antisemitische Inhalte. Man kann Teile der Gruppen zudem in die völkische Blut-und-Boden-Ideologie einordnen.

"Auf den ersten Blick geht es bei Anastasia um einen ökologischen Lebensstil. Doch der Eindruck trügt", sagt Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er hat sich intensiv mit dem Anastasia-Kult beschäftigt, bezeichnet sie als rechte Ideologie unter esoterischen Öko-Siedlern. Und: "Es werden zum Teil krude Anschauungen verbreitet und es gibt teils deutliche Schnittstellen mit dem rechten bis rechtsextremen Spektrum." Verfassungsschützer bezeichnen die Bewegung als heterogen. Es seien viele, verschiedene Strömungen entstanden, ausgehend von den Anastasia-Büchern.

Auf der Suche nach Immobilie

Mittlerweile scheint sich auch OWL als Ort für ein Anastasia-Siedlungsprojekt zu entpuppen. Mindestens fünf Familien, so heißt es in einer Anzeige auf eBay-Kleinanzeigen, suchen ein Gemeinschaftshaus. In Detmold. Ein großer Garten sollte vorhanden sein, zum Anbau von Nahrungsmitteln und zum Bauen von Häusern. Und: "Wir alle richten uns nach dem Lebensstil in den Büchern "Anastasia"." Man könne sich melden, auch um die Familien bei Interesse kennen zu lernen. Auf Anfrage von nw.de wollten sich die mutmaßlichen Anhänger der Bewegung nicht zu den von Experten geäußerten Vorwürfen und Kritikpunkten äußern.

Pöhlmann beobachtet nach eigenen Angaben in letzter Zeit, dass in entsprechenden Foren oder Sozialen Medien vermehrt nach Immobilien oder generell Gleichgesinnten gesucht wird. Er hält die Immobilien-Anzeige aus Detmold für echt.

Pöhlmann bemerkt, dass Anhänger der Bewegung aktiver werden. Um sich zu treffen. Um sich zu vernetzen. Um Familienlandsitze zu schaffen. Doch sind die Anhänger der Anastasia-Bewegung am Ende doch nur Esoteriker mit abstraktem Glauben? Oder stecken auch Gefahren dahinter? Fakt ist: Bei manchen Personen aus dem Umfeld der Bewegung sind deutliche Vernetzungen in die rechtsextreme Szene zu erkennen, wie Pöhlmann berichtet, andere sympathisieren mit Reichsbürgern und der ganzen Szene der Staatsleugner. Auch Verfassungsschützer in verschiedenen Bundesländer sehen personelle Überschneidungen in der Reichsbürger-Szene.

"Nach Außen gibt sich die Bewegung harmlos"

Pöhlmann berichtet etwa von Frank Willy L. ("ein wichtiger Player der Szene"), der unter dem Namen "Urahnenerbe Germania" rassistische Narrative verbreitet - und ein Anhänger des Kultes sei. Zu einer Veranstaltung von L. in Sachsen-Anhalt sind laut Verfassungsschutz zum Beispiel auch Mitglieder der Reichsbürger-Szene gekommen.

Pöhlmann generell: "Nach Außen gibt sich die Bewegung harmlos, fröhlich und naturnah. Doch in den Büchern, nach denen sich die Menschen richten, werden Ideologien verbreitet, die in einer Demokratie durchaus für Gefahren sorgen können." In den Büchern ist mal die Rede von levitischen Priestern unter der Führung eines Oberpriesters, die die heimlichen Drahtzieher des Weltgeschehens sind. Ein typischer Verschwörungsglaube in antisemitischen Kreisen. "Die Anastasia-Anhänger müssen selbst durchschauen, wer hinter den "Priestern" steckt", sagt Pöhlmann. Oder in den Büchern wird aus der Demokratie plötzlich die "Dämon Kratie".

Völkische und rassistische Inhalte

Generell strebe die Anastasia-Bewegung eine andere Weltordnung an, so Pöhlmann. Eine weitere Gefahr: Durch ihre nach außen harmlos wirkende Erscheinung sei der Kult in bestimmten Kreisen durchaus anschlussfähig.

An anderen Stellen in den Büchern werden völkische und rassistische Inhalte mit der so genannten "Telegonievorstellung" verbreitet. Demnach sollen frühere Geschlechtspartner einer Frau die Eigenschaften eines später gezeugten Kindes bestimmen. "Diese Vorstellung wurde und wird auch durch Rechtsextremisten vertreten, um eine Bedrohung der eigenen "Rasse" zu begründen", urteilen Verfassungsschützer aus Baden-Württemberg.

Fakt ist, dass die Bewegung in NRW bisher kaum eine Rolle gespielt hat. Vor einem Jahr hieß es aus dem Innenministerium, dass der Verfassungsschutz keine Kenntnisse über Aktivitäten der Bewegung in NRW hatte. Mittlerweile heißt es auf Anfrage von nw.de, der NRW-Verfassungsschutz prüfe Hinweise auf Aktivitäten.

Bundesweit mehrere Siedlungsprojekte

Aufgefallen ist die Bewegung vor allem in Ostdeutschland, teils auch in Bayern oder Baden-Württemberg. Dort existieren bereits Siedlungsprojekte - insgesamt soll es 17 im Bundesgebiet geben. Zum Beispiel im tiefsten Brandenburg, im Dorf Grabow bei Blumenthal. Anhänger der Anastasia-Bewegung haben hier mehrere Hektar Land ergattert und eine eigene Gemeinde aufgebaut: Goldenes Grabow.

Pöhlmann sagt: "Teils sind die Anhänger der Anastasia-Bewegung einfach esoterisch und ökologisch veranlagt. Andere wiederum haben eine Vergangenheit in rechtsextremen Kreisen. Generell bietet die Anastasia-Bewegung zahlreiche Berührungspunkte mit der rechtsextremen Szene." Und weil die Übergänge zwischen Verschwörungsgläubigen, Impf-Gegnern, rechten Esoterikern bis hin zu Antisemiten und extrem Rechten immer weiter aufweichen, sollte man die Anastasia-Bewegung künftig genaustens Blick haben, rät der Experte.

NRW-Politik ist gewarnt

Auch in der NRW-Politik ist das Thema bereits angekommen. Die Vorsitzende und innenpolitische Sprecherin der Grünen, Verena Schäffer, sagt gegenüber nw.de: "Die Ideologie der Anastasia-Bewegung hat einen völkischen, antisemitischen und rassistischen Kern. Sie ist demokratiefeindlich, gibt sich aber ein naturverbundenes Image und versucht darüber ihre Ideologie zu verbreiten." Sie sieht eine Gefahr darin, dass durch abgeschottetes Leben in der Gemeinschaft die Ideologie ungehindert an die Kinder weitergegeben werde. "Deshalb muss der Verfassungsschutz diese Gruppierung beobachten."

"Außerdem wären Hinweise für Kommunen und Immobilienbesitzer in ländlichen Regionen sinnvoll, wenn der Verfassungsschutz Aktivitäten in NRW feststellt, um zu verhindern, dass Anhänger der Anastasia-Bewegung hier Immobilien erwerben können", fordert Schäffer.

Bildunterschrift: Siedlungsprojekte werden vor allem im ländlichen Raum gestartet (Symbolbild).

Bildunterschrift: Matthias Pöhlmann.

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Am 6. August 2021 berichtete die "Neue Westfälische" - Lukas Brekenkamp -, dass die rechts-esoterische "Anastasia-Bewegung", die völkische und antisemitische Gedanken vertritt, im Kreis Lippe Fuß fassen will.

Am 21. Dezember 2020 hatte die Wintersonnenwende-Feier der völkischen "Anastasia"-Bewegung an den Externsteinen ihren Ausgangspunkt an der "Rawaule", ein "Begegnungsort für Denkfreiheit", in Hillentrup.

Am 21. Dezember 2020 feierten über 30 Anhängende - zum überwiegenden Teil aus Ostwestfalen-Lippe - der antisemitischen und völkischen "Anastasia"-Bewegung, die Wintersonnenwende an den Externsteinen.

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