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Nachrichten ,
06.08.2021 :
Tages-Chronologie von Freitag, 6. August 2021
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Pressespiegel überregional
MiGAZIN, 06.08.2021:
Bemühen und warme Worte / Gemischte Bilanz des Kampfs gegen Rechtsextremismus
Jüdische Allgemeine Online, 06.08.2021:
Mona Flaskamp: Signal des Rechtsstaats
Der Tagesspiegel Online, 06.08.2021:
Nächste Niederlage für Antisemiten / Attila Hildmann erneut verurteilt
Blick nach Rechts, 06.08.2021:
Anastasia und das Deutsche Reich
Westdeutscher Rundfunk Köln, 06.08.2021:
Wende in "Nazi-Affäre": Fliegt AfD-Landesvize Helferich aus der Partei?
Westfälischer Anzeiger Online, 06.08.2021:
Meuthen forderte Rauswurf / Dortmunder AfD-Mann redet sich in Facebook-Video wegen Nazi-Statements in Chats raus
tagesschau.de, 06.08.2021:
Bundeswehr-Eliteeinheit / Ermittlungen gegen KSK-Kommandeur Kreitmayr
MiGAZIN, 06.08.2021:
Rechte Chats / Gericht weist Klage von Polizeianwärter ab
Jüdische Allgemeine Online, 06.08.2021:
Rechtsbegriff / Forscher untersuchen Umgang der Justiz mit Antisemitismus
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www.hiergeblieben.de - Zusammenfassung - Freitag, 6. August 2021
Am 5. September 2021 wird in der Volkshochschule Bielefeld die Ausstellung "Jekkes in Israel" mit Moshe Beker, Oranit Ben Zimra, im Rahmen der Jüdischen Kulturtage Bielefeld (02.09. bis 10.10.2021) eröffnet.
Am 9. August 2021 lädt das Erzählcafé im Bartholomäus-Gemeindehaus in Bielefeld-Brackwede, zu einem virtuellen Stadtrundgang (mit Peter Salchow) über das Thema: "Spuren jüdischen Lebens in Bielefeld" ein.
Am 1. September 2021 liest Sandra Kreisler in der Synagoge Herford aus ihrem zweiten Buch: "Jude sein. Ansichten über das Leben in der Diaspora", Hentrich und Hentrich Verlag Berlin, 1. März 2021, 248 Seiten.
Am 13. April 2021 wurde beim OLG Stuttgart der Prozess gegen die terroristische Vereinigung "Gruppe S.", auch gegen die Akteure Thomas Niemann (einer der Haupttäter) und Markus Krüper aus Minden eröffnet.
Am 4. November 2020 hat die Bundesanwaltschaft vor dem Staatsschutzsenat des OLG Stuttgart Anklage, gegen "elf mutmaßliche Mitglieder" - so wie "einen mutmaßlichen Unterstützer" der "Gruppe S.", erhoben.
Am 13. Juli 2020 wurde der am 14. Februar 2020 in Porta Westfalica - wegen mutmaßlicher Unterstützung der terroristischen Vereinigung "Gruppe S." - verhaftete Ulf Rösener tot in der JVA Dortmund aufgefunden.
Am 14. Februar 2020 wurden zwölf Neonazis der in Alfdorf gegründeten "Gruppe S." beziehungsweise "Der harte Kern", dabei Thomas Niemann, Markus Krüper, Minden; Ulf Rösener aus Porta Westfalica, verhaftet.
Am 6. August 2021 berichtete die "Neue Westfälische" - Lukas Brekenkamp -, dass die rechts-esoterische "Anastasia-Bewegung", die völkische und antisemitische Gedanken vertritt, im Kreis Lippe Fuß fassen will.
Am 21. Dezember 2020 hatte die Wintersonnenwende-Feier der völkischen "Anastasia"-Bewegung an den Externsteinen ihren Ausgangspunkt an der "Rawaule", ein "Begegnungsort für Denkfreiheit", in Hillentrup.
Am 21. Dezember 2020 feierten über 30 Anhängende - zum überwiegenden Teil aus Ostwestfalen-Lippe - der antisemitischen und völkischen "Anastasia"-Bewegung, die Wintersonnenwende an den Externsteinen.
Am 7. August 202, 11.00 Uhr, bewirbt der "AfD"-"Kreisverband Höxter" eine Bundestagswahl-Kundgebung, in Steinheim, mit Klaus Lange, Thomas Röckemann, Norbert Senges, Maxim Dyck und Peter Eichenseher.
www.juedische-gemeinde-bielefeld.de
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Artikel-Einträge in der Datenbank:
Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt, 06.08.2021:
Mit dem Herzen in der alten Heimat
Westfalen-Blatt / Bielefelder Zeitung, 06.08.2021:
Jüdisches Lebens
Neue Westfälische - Herford und Enger / Spenge, 06.08.2021:
Lesung in der Synagoge
Westdeutscher Rundfunk Köln, 06.08.2021:
Terror-Prozess Gruppe S.: Weiterer Angeklagter frei
Neue Westfälische Online, 06.08.2021:
Anastasia-Bewegung will offenbar in NRW Fuß fassen - was steckt dahinter?
Neue Westfälische / Kreiszeitung für Höxter und Warburg, 06.08.2021:
Kundgebung am Kump
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Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt, 06.08.2021:
Mit dem Herzen in der alten Heimat
Die VHS zeigt 22 Porträts von "Jekkes in Israel" ab 5. September in der Ravensberger Spinnerei / Zwei israelische Künstler machten erstaunliche Entdeckungen beim Besuch der bedrohten NS-Zeitzeugen
Heike Krüger
Bielefeld. Sie sind unter den Letzten ihrer Generation. Die deutschstämmigen Jekkes (oder auch Jeckes) bilden in Israel eine aussterbende Minderheit. In den 1930er Jahren sind sie mit ihren Eltern unter dem Eindruck wachsenden Antisemitismus aus Nazi-Deutschland geflohen - nach Palästina, ins gelobte Land. Aber auch dort waren die Menschen mit ihrem fremden Aussehen und ihren Bräuchen nicht immer wohl gelitten. Die Bezeichnung Jekkes resultiert aus der Tatsache, dass die Einwanderer sich stets elegant kleideten und trotz hoher Temperaturen Jacken trugen.
Deutsche Lieder haben sie immer noch im Gedächtnis
Zwei israelische Künstler, der Darsteller, Sänger und Kabarettist Moshe Beker (am 2. September wird er ab 18.30 Uhr ein Konzert in der Raspi geben) und die Fotografin Oranit Ben Zimra, haben die Gelegenheit genutzt, einige Zeugen einer vergangenen Epoche in ganz Israel zu suchen und sie und ihre Art, zu wohnen, zu fotografieren sowie Zitate zu sammeln. Entstanden sind 22, teils berührende Porträts von Menschen zwischen 83 und 100 Jahren. Mit Gesichtern, aus denen viel gelebtes Leben herauszulesen ist.
Beate Ehlers, Fachbereichsleiterin an der Volkshochschule Bielefeld, hat sich die Schau als Baustein des VHS-Projekts "1.700 Jahre jüdisches Leben" gesichert. Im Juli waren die beiden Israelis zum Vorgespräch in Bielefeld, mit ihren Bildern im Gepäck. Pünktlich zur Eröffnung der Schau am 5. September (11 Uhr) im Kleinen Saal der VHS werden die Bilder passend gerahmt sein und einen beredten Einblick in das Leben der deutschstämmigen Israelis geben. "Jekkes in Israel" - das ist eine durchaus gemischte Gruppe von Menschen, die noch immer Kindheitserinnerungen mit Deutschland verbinden. "Manche haben mit dem Land ihrer Eltern total abgeschlossen, andere empfinden es noch immer als eine zweite Heimat", berichtet Beate Ehlers von den Gesprächen mit den Ausstellungsmachern. Oft hinge die Bindung an Deutschland laut den beiden Israelis davon ab, ob die Jekkes noch eine positive Erinnerung an bestimmte Kindheitsjahre hatten. "Manche konnten noch deutsche Volks- und Kinderlieder intonieren - und taten das auch", schildert Ehlers. Es sei erstaunlich gewesen, zu beobachten, so Oranit Ben Zimra, wie Kultur, Bräuche, Bildung und Küche der Jekkes durchaus harmonisch "mit der israelischen Lebensweise verschmolzen". Einer der Porträtierten ist der 93-jährige Gabriel Bach. Er war Mit-Ankläger im Prozess gegen Holocaust-Organisator Adolf Eichmann in den 1960er Jahren in Jerusalem, in dem erstmals der Massenmord an den Juden in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt wurde. Und Bach, der gute Gründe gehabt hätte, niemals wieder einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen, habe den beiden Künstlern erklärt, dass er sich immer noch "zuhause fühlt", wenn er nach Deutschland reise. Und die "Jekke" Zila Briller emigrierte 1933 mit ihren Eltern und ist nach eigenen Angaben das erste Kind gewesen, das nach Naharia (Bielefelds Partnerstadt) gekommen sei.
"Wir leben dieses Projekt seit über anderthalb Jahren", gibt Ben Zimra Auskunft. Drei ihrer hochbetagten "Helden" seien inzwischen gestorben. Aber: "Wir sind unheimlich stolz darauf, dass wir sie treffen und ihre Geschichten an die nächsten Generationen weitergeben können."
Bildunterschrift: Jekke Zila Briller ist eine von 22 Portraitierten. In ihrem Ausdruck spiegelt sich ein ganzes Leben wieder.
Bildunterschrift: Die israelische Fotografin Oranit Ben Zimra.
Bildunterschrift: Der Blick in Zila Brillers israelisches Zuhause offenbart viele Bezüge zur alten Heimat der Jekke.
Bildunterschrift: Beate Ehlers / VHS Bielefeld organisiert die Schau.
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Westfalen-Blatt / Bielefelder Zeitung, 06.08.2021:
Jüdisches Lebens
Brackwede (WB). Um "Spuren jüdischen Lebens in Bielefeld" geht es beim nächsten Erzählcafé im Bartholomäus-Gemeindehaus in Brackwede am Montag, 9. August. Zu Gast Im Gemeindehaus am Kirchweg 10 ist dann ab 15 Uhr Peter Salchow, der fast 700 Jahre jüdische Geschichte in unserer Stadt durch einen virtuellen Stadtrundgang lebendig werden lässt.
In Bielefeld ist die früheste Erwähnung einer Ansiedlung von Juden im Jahre 1345 belegt. Bei dem Vortrag geht es unter anderem um die beiden bekannten Textilkaufhäuser "S. A. Alsberg" am Jahnplatz und "Franz Friedmann" in der Niedernstraße und das "Kachelhaus" in der Hagenbruchstraße.
Gemäß Corona-Schutzverordnung können aktuell 24 Gäste dabei sein, die geimpft, genesen oder getestet sind. Eine telefonische Voranmeldung ist bis Montag um 12 Uhr unter Telefon 0521 / 94239211 erforderlich.
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Neue Westfälische - Herford und Enger / Spenge, 06.08.2021:
Lesung in der Synagoge
Herford. Die Lesung "Jude sein. Ansichten über das Leben in der Diaspora" beginnt am Mittwoch, 1. September, um 19 Uhr in der Synagoge Herford, an der Komturstraße 21, in Herford. In 31 Polemiken, die auf jeweils aktuellen Geschehnissen aufbauen, beschreibt Sandra Kreisler das Gefühl, als Jüdin in Deutschland, Österreich, Europa zu leben. Die Lesung findet in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Herford-Detmold statt. Der Eintritt ist frei, um eine Spende für die Gedenkstätte Zellentrakt wird gebeten. Anmeldung erwünscht unter E-Mail: info@zellentrakt.de oder Tel. (05221) 189257.
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Westdeutscher Rundfunk Köln, 06.08.2021:
Terror-Prozess Gruppe S.: Weiterer Angeklagter frei
06.08.2021 - 14.47 Uhr
Von Thomas Wöstmann
Beim letzten Prozesstag gegen die rechte so genannte Terror-Gruppe S. vor der Sommerpause gab es eine Überraschung. Das Gericht hatte den Haftbefehl gegen einen Angeklagten außer Vollzug gesetzt.
Michael B. aus Kirchheim / Teck in Baden-Württemberg war der einzige Angeklagte, der nicht beim Treffen der mutmaßlichen Terror-Gruppe im Februar 2020 in Minden dabei war. Das ist vermutlich der Grund, warum er jetzt auf freien Fuß kam. Angeklagt ist er, weil er engen Kontakt zum mutmaßlichen Kopf der rechtsextremen Gruppe, Werner S., hatte und mehrfach zugesagt hatte, die Gruppe zu unterstützen. Das belegen abgehörte Telefongespräche.
Mindener gilt nicht mehr als Mitglied der Gruppe
Für die Angeklagten scheint sich die Lage insgesamt verbessert zu haben. Das Gericht geht inzwischen davon aus, dass eine Gruppe erst im Februar 2020 bei besagtem Mindener Treffen gegründet wurde - und nicht, wie in der Anklage formuliert - im September 2019.
Auch Markus K. aus Minden darf inzwischen auf ein eher mildes Urteil hoffen: Er wird nicht mehr als Mitglied der Gruppe, sondern als Unterstützer eingestuft. Anders sieht es für Thomas N. aus Minden aus: er fiel in der ersten Prozessphase vor allem dadurch auf, dass er dem mitangeklagten Polizei-Informanten Paul U. lautstark Gewalt angedrohte. U. gilt in der Gruppe als der Verräter - er hatte ein halbes Jahr lang der Polizei Interna über das Geschehen und die Kommunikation in der Gruppe weiter geleitet.
Hauptbelastungszeuge Paul U. als Schlüsselfigur
U. ist ohne Zweifel die Schlüsselfigur im Prozess. Die Anwälte der anderen Angeklagten bezeichnen ihn als unglaubwürdig, als jemand "der die Rolle seines Lebens" spiele. Ein Großteil der Anklage basiert auf seinen Informationen. Und die, so Tenor der Verteidigung, seien in vielen Punkten übertrieben oder ausgedacht.
Welche Rolle spielen die Ermittlungsbehörden?
Immer wieder geht es vor Gericht um die Rolle der ermittelnden Behörden. Abgehörte Telefongespräche deuten darauf hin, dass U. einen sehr engen Kontakt zum Generalbundesanwalt und zum Landeskriminalamt Baden-Württemberg hatte.
Hier stellt sich die Frage: Wurde er angeleitet oder handelte er auf eigene Initiative? Um das zu klären sollen demnächst eine Vertreterin des Generalbundesanwalts und ein Ermittler des Landeskriminalamts als Zeugen aussagen. Ein Verteidiger geht inzwischen von einem "Justizskandal" aus.
Gruppe S. soll Anschläge in Deutschland geplant haben
Der Gruppe S. wird vorgeworfen, Terroranschläge in Deutschland geplant zu haben. Nach einem Treffen in Minden im Februar 2020 wurden die mutmaßlichen Gruppenmitglieder festgenommen. Einer der Beschuldigten aus Porta Westfalica nahm sich in der Zwischenzeit das Leben.
Neben Thomas N. und Markus K. ist auch der Polizei-Angestellte Thorsten W. aus Hamm angeklagt. Der Prozess läuft seit April und soll im September fortgesetzt werden. Die Anwälte des Angeklagten Tony E. kündigten eine umfasse Erklärung ihres Mandanten nach der Sommerpause an.
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Neue Westfälische Online, 06.08.2021:
Anastasia-Bewegung will offenbar in NRW Fuß fassen - was steckt dahinter?
06.08.2021 - 18.42 Uhr
Rechte Esoteriker
In einer Internetanzeige suchen mutmaßliche Anhänger der Bewegung ein Grundstück und weitere Anhänger im Kreis Lippe. Experten warnen vor der Ideologie.
Lukas Brekenkamp
Bielefeld. Anhänger der sektenähnlichen Anastasia-Bewegung suchen in OWL ein Haus, um offenbar ein Siedlungsprojekt zu starten. Im Internet kursiert eine entsprechende Anzeige. Doch was steckt hinter der esoterischen Bewegung, die offenbar an antisemitische und rassistische Verschwörungsmythen glaubt?
Hinter grünen Fassaden müssen sich nicht immer grüne Ansichten verbergen. Die Anastasia-Bewegung ist ein Beispiel dafür. Die Anhänger der Gruppen aus dem rechtsesoterischem Spektrum haben ihr Leben nach einer Buchreihe ausgerichtet. Einer Buchreihe, in der neben naturreligiösen Anschauungen auch rechte und antisemitische Verschwörungsmythen sowie Demokratie-Feindlichkeit verbreitet werden: die "Anastasia"-Bücher.
Experten warnen vor Inhalten
Zehn Teile sind erschienen, geschrieben von dem Russen Wladimir Megre. Manche Anhänger der Bewegung versuchen, gemäß den Ideen Anastasias zu leben, vorwiegend durch Schaffung von Familienlandsitzen. Ein Lebensstil, der in die Richtung der Selbstverwalter geht. Der Tenor allerdings: Die Welt wird untergehen, die Gesellschaft ist am Ende. Da liegt der kritische Punkt: Experten und Verfassungsschützer sehen in der Bewegung verschwörungsideologische, rassistische und antisemitische Inhalte. Man kann Teile der Gruppen zudem in die völkische Blut-und-Boden-Ideologie einordnen.
"Auf den ersten Blick geht es bei Anastasia um einen ökologischen Lebensstil. Doch der Eindruck trügt", sagt Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er hat sich intensiv mit dem Anastasia-Kult beschäftigt, bezeichnet sie als rechte Ideologie unter esoterischen Öko-Siedlern. Und: "Es werden zum Teil krude Anschauungen verbreitet und es gibt teils deutliche Schnittstellen mit dem rechten bis rechtsextremen Spektrum." Verfassungsschützer bezeichnen die Bewegung als heterogen. Es seien viele, verschiedene Strömungen entstanden, ausgehend von den Anastasia-Büchern.
Auf der Suche nach Immobilie
Mittlerweile scheint sich auch OWL als Ort für ein Anastasia-Siedlungsprojekt zu entpuppen. Mindestens fünf Familien, so heißt es in einer Anzeige auf eBay-Kleinanzeigen, suchen ein Gemeinschaftshaus. In Detmold. Ein großer Garten sollte vorhanden sein, zum Anbau von Nahrungsmitteln und zum Bauen von Häusern. Und: "Wir alle richten uns nach dem Lebensstil in den Büchern "Anastasia"." Man könne sich melden, auch um die Familien bei Interesse kennen zu lernen. Auf Anfrage von nw.de wollten sich die mutmaßlichen Anhänger der Bewegung nicht zu den von Experten geäußerten Vorwürfen und Kritikpunkten äußern.
Pöhlmann beobachtet nach eigenen Angaben in letzter Zeit, dass in entsprechenden Foren oder Sozialen Medien vermehrt nach Immobilien oder generell Gleichgesinnten gesucht wird. Er hält die Immobilien-Anzeige aus Detmold für echt.
Pöhlmann bemerkt, dass Anhänger der Bewegung aktiver werden. Um sich zu treffen. Um sich zu vernetzen. Um Familienlandsitze zu schaffen. Doch sind die Anhänger der Anastasia-Bewegung am Ende doch nur Esoteriker mit abstraktem Glauben? Oder stecken auch Gefahren dahinter? Fakt ist: Bei manchen Personen aus dem Umfeld der Bewegung sind deutliche Vernetzungen in die rechtsextreme Szene zu erkennen, wie Pöhlmann berichtet, andere sympathisieren mit Reichsbürgern und der ganzen Szene der Staatsleugner. Auch Verfassungsschützer in verschiedenen Bundesländer sehen personelle Überschneidungen in der Reichsbürger-Szene.
"Nach Außen gibt sich die Bewegung harmlos"
Pöhlmann berichtet etwa von Frank Willy L. ("ein wichtiger Player der Szene"), der unter dem Namen "Urahnenerbe Germania" rassistische Narrative verbreitet - und ein Anhänger des Kultes sei. Zu einer Veranstaltung von L. in Sachsen-Anhalt sind laut Verfassungsschutz zum Beispiel auch Mitglieder der Reichsbürger-Szene gekommen.
Pöhlmann generell: "Nach Außen gibt sich die Bewegung harmlos, fröhlich und naturnah. Doch in den Büchern, nach denen sich die Menschen richten, werden Ideologien verbreitet, die in einer Demokratie durchaus für Gefahren sorgen können." In den Büchern ist mal die Rede von levitischen Priestern unter der Führung eines Oberpriesters, die die heimlichen Drahtzieher des Weltgeschehens sind. Ein typischer Verschwörungsglaube in antisemitischen Kreisen. "Die Anastasia-Anhänger müssen selbst durchschauen, wer hinter den "Priestern" steckt", sagt Pöhlmann. Oder in den Büchern wird aus der Demokratie plötzlich die "Dämon Kratie".
Völkische und rassistische Inhalte
Generell strebe die Anastasia-Bewegung eine andere Weltordnung an, so Pöhlmann. Eine weitere Gefahr: Durch ihre nach außen harmlos wirkende Erscheinung sei der Kult in bestimmten Kreisen durchaus anschlussfähig.
An anderen Stellen in den Büchern werden völkische und rassistische Inhalte mit der so genannten "Telegonievorstellung" verbreitet. Demnach sollen frühere Geschlechtspartner einer Frau die Eigenschaften eines später gezeugten Kindes bestimmen. "Diese Vorstellung wurde und wird auch durch Rechtsextremisten vertreten, um eine Bedrohung der eigenen "Rasse" zu begründen", urteilen Verfassungsschützer aus Baden-Württemberg.
Fakt ist, dass die Bewegung in NRW bisher kaum eine Rolle gespielt hat. Vor einem Jahr hieß es aus dem Innenministerium, dass der Verfassungsschutz keine Kenntnisse über Aktivitäten der Bewegung in NRW hatte. Mittlerweile heißt es auf Anfrage von nw.de, der NRW-Verfassungsschutz prüfe Hinweise auf Aktivitäten.
Bundesweit mehrere Siedlungsprojekte
Aufgefallen ist die Bewegung vor allem in Ostdeutschland, teils auch in Bayern oder Baden-Württemberg. Dort existieren bereits Siedlungsprojekte - insgesamt soll es 17 im Bundesgebiet geben. Zum Beispiel im tiefsten Brandenburg, im Dorf Grabow bei Blumenthal. Anhänger der Anastasia-Bewegung haben hier mehrere Hektar Land ergattert und eine eigene Gemeinde aufgebaut: Goldenes Grabow.
Pöhlmann sagt: "Teils sind die Anhänger der Anastasia-Bewegung einfach esoterisch und ökologisch veranlagt. Andere wiederum haben eine Vergangenheit in rechtsextremen Kreisen. Generell bietet die Anastasia-Bewegung zahlreiche Berührungspunkte mit der rechtsextremen Szene." Und weil die Übergänge zwischen Verschwörungsgläubigen, Impf-Gegnern, rechten Esoterikern bis hin zu Antisemiten und extrem Rechten immer weiter aufweichen, sollte man die Anastasia-Bewegung künftig genaustens Blick haben, rät der Experte.
NRW-Politik ist gewarnt
Auch in der NRW-Politik ist das Thema bereits angekommen. Die Vorsitzende und innenpolitische Sprecherin der Grünen, Verena Schäffer, sagt gegenüber nw.de: "Die Ideologie der Anastasia-Bewegung hat einen völkischen, antisemitischen und rassistischen Kern. Sie ist demokratiefeindlich, gibt sich aber ein naturverbundenes Image und versucht darüber ihre Ideologie zu verbreiten." Sie sieht eine Gefahr darin, dass durch abgeschottetes Leben in der Gemeinschaft die Ideologie ungehindert an die Kinder weitergegeben werde. "Deshalb muss der Verfassungsschutz diese Gruppierung beobachten."
"Außerdem wären Hinweise für Kommunen und Immobilienbesitzer in ländlichen Regionen sinnvoll, wenn der Verfassungsschutz Aktivitäten in NRW feststellt, um zu verhindern, dass Anhänger der Anastasia-Bewegung hier Immobilien erwerben können", fordert Schäffer.
Bildunterschrift: Siedlungsprojekte werden vor allem im ländlichen Raum gestartet (Symbolbild).
Bildunterschrift: Matthias Pöhlmann.
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Neue Westfälische / Kreiszeitung für Höxter und Warburg, 06.08.2021:
Kundgebung am Kump
Steinheim. Die Alternative für Deutschland lädt am Samstag, 7. August, um 11 Uhr zu einer Kundgebung während ihres Bundestagswahlkampfes nach Steinheim ein. Am Kump in der Fußgängerzone werden neben Klaus Lange, dem Bundestagsdirektkandidaten im Wahlkreis Höxter - Gütersloh III - Lippe II, weitere Gäste sprechen. Die Veranstaltung wird moderiert von Peter Eichenseher aus Bad Driburg.
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