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Westfalen-Blatt / Herforder Kreisblatt ,
04.08.2021 :
Erinnerung an Völkermord
Gedenktafel am Rathaus eingeweiht
Von Niklas Gohrbandt
Herford (HK). Am 2. August 1944 ermordeten die Nationalsozialisten in Auschwitz-Birkenau mehr als 4.000 Frauen, Kinder, Alte und Kranke, die sie durch ihre ethnische Zugehörigkeit zu den Sinti und Roma als lebensunwert betrachteten.
"Diese Tafel erweist meinen Leuten und mir Ehre und Respekt."
Oswald Marshall
Seit einigen Jahren gilt dieser Tag deswegen als europäischer Holocaust-Gedenktag für die ermordeten Sinti und Roma Europas.
Jetzt wurde eine Gedenktafel für die Herforder Opfer an der Vorderseite des Rathauses im Beisein von Bürgermeister Tim Kähler, dem Bundestagsabgeordneten Stefan Schwartze und Oswald Marshall, Vorsitzender des Vereins Deutscher Sinti Minden und stellvertretender Vorsitzender des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma, eingeweiht. Kähler mahnte, aus Fehlern der Geschichte zu lernen, und betonte, dass die Bundestagswahl nicht nur eine Klima-Wahl, sondern auch eine Wahl für Toleranz und Akzeptanz sei.
Schwartze wies auf die Rolle lokaler Gedenk- und Informationstafeln hin, denn sie "stellen einen individuellen Bezug zu Menschen in der Heimat her". Besonders junge Menschen wüssten heute oft zu wenig über Geschichte, um beurteilen zu können, welche Gefahren von Nationalismus und Ausgrenzung ausgehen.
Marshalls Worte regten zu Nachdenken an: "Diese Tafel erweist meinen Leuten und mir Ehre und Respekt." Sie stelle einen Bezug zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft her. Marshall erinnerte die Politik an ihre Verantwortung, gesellschaftliche Minderheiten zu schützen, und betonte, dass er sich wünsche, dass der Völkermord an den Sinti und Roma während des Holocaust stärker in die nationale Gedenkkultur Einzug finde.
Abschließende Worte der Vorsitzenden des Kuratoriums Erinnern Forschen Gedenken folgten. Gisela Küster erzählte vom Schicksal einer Herforder Familie. Die Kinder wurden von den Eltern getrennt, in Heime verschleppt und zwangssterilisiert, ihr Vater in Neuengamme ermordet. Nach dem Krieg blieb ihnen die Anerkennung und Wiedergutmachung verwehrt, nachdem die zuständigen Ämter ihre Leidensgeschichte mit "Verwahrlosung und Asozialität" erklärten. Die Kinder blieben bis in die 50er-Jahre in den Heimen.
Bildunterschrift: Die Gedenktafel erinnert an den Völkermord. Eine Entschädigung wurde den Roma und Sinti verwehrt.
Bildunterschrift: Oswald Marshall, Gisela Küster, Tim Kähler und Stefan Schwartze (von links) weihen die Gedenktafel am Rathaus ein.
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- Montag, 2. August 2021 um 10.30 Uhr -
Enthüllung / Einweihung der Gedenktafel an die Verfolgung der Sinti und Roma in Herford
Veranstaltungsort:
Rathaus
Rathausplatz 1
32052 Herford
Am 2. August 2021 wird um 10.30 Uhr am Herforder Rathaus die Gedenktafel zur Erinnerung an die Verfolgung der Herforder Sinti und Roma der Öffentlichkeit übergeben. Sie befindet sich am Sockel des Rathauses links neben der Haupttreppe.
Nach der Begrüßung durch Tim Kähler (Bürgermeister) folgen Grußworte von Stefan Schwartze, MdB und von Oswald Marschall (Verein Deutscher Sinti e.V. Minden, für den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma). Nach der Übergabe des Tafel gibt Gisela Küster (Vorsitzende des Kuratoriums Erinnern Forschen Gedenken e.V.) einen kurzen Einblick in die Schicksale der Sinti und Roma in Herford. Untermalt wird die Veranstaltung durch Musik von Django Reinhardt.
Der Tafeltext unter den Worten "Deutschland war für mich immer Heimat, bedeutete aber auch immer Angst" des Herforder Sinto Alfred Lessing, der seine Kindheit in Herford verbrachte, lautet:
"Hier im Herforder Rathaus befand sich zur Zeit des Nationalsozialismus in Zimmer 23 das Jugendamt der Stadt Herford. Es observierte Familien der Sinti und Roma und half aktiv bei deren Verfolgung in Herford. Die dafür zuständige Fürsorgerin Helene Rollmann betrieb die Trennung der Kinder mehrerer Herforder Sinti-Familien vom Elternhaus und erlaubte unter anderem Zwangssterilisationen. Das Jugendamt unterstützte auch die Untersuchungen der Rassenhygienischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamts unter Dr. Robert Ritter in Berlin, in denen die Kinder als "Zigeuner" klassifiziert wurden.
Roma und Sinti - im Volksmund als "Zigeuner" bezeichnet - leben seit einigen hundert Jahren in Herford. In den Jahren 1933 bis 1945 unterlagen sie besonderer Verfolgung. Betroffen waren hier etwa 17 Familien. Mindestens zehn Sinti und Roma aus Herford wurden in den KZs ermordet. Eine Entschädigung wurde ihnen nach 1945 mit der Begründung, dass sie nicht aus rassistischen, sondern aus asozialen Gründen diskriminiert worden waren, verweigert."
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Am 2. August 2021 wurde in der Stadt Herford am Sockel des Rathauses eine Gedenktafel, zur Erinnerung an die Verfolgung der Herforder Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus, öffentlich eingeweiht.
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