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Westfalen-Blatt / Bünder Zeitung ,
04.08.2021 :
Alles Kraut und Rüben?
Jüdische Gräber auf dem Feldmark-Friedhof wirken verwahrlost - Stadt ist zuständig
Von Hilko Raske
Bünde (WB). Dieser Anblick irritiert: Wer auf dem Bünder Feldmark-Friedhof zufällig den Bereich mit den jüdischen Gräbern betritt, muss teilweise schon genau hinschauen, um die Grabsteine zu entdecken. Unkraut wuchert über die einzelnen Grabstätten, das Areal hinterlässt einen Eindruck der Verwahrlosung.
Wie erklärt sich das? Immerhin legt die neue Friedhofssatzung, die der Stadtrat in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause verabschiedet hat, fest, dass "alle Grabstätten im Rahmen der Vorgaben dauernd in würdigem Zustand gehalten werden". Und für die Vernachlässigung der Grabpflege behält sich die Stadt als Trägerin des Friedhofs Sanktionen vor.
Die Gründe dafür kann Jörg Militzer nennen. Militzer ist ausgewiesener Kenner der Stadtgeschichte, bietet regelmäßig auch Führungen zur Bünder Historie an. Ein Schwerpunkt ist die Geschichte der Jüdischen Gemeinde - und dazu zählen auch ihre Begräbnisstätten.
"Nach jüdischer Tradition wird ein Grab, nachdem es angelegt wurde, eigentlich sich selber überlassen. Nach unserem Verständnis einer würdigen Grabpflege sieht das dann aus wie Kraut und Rüben", erklärt der Stadthistoriker. Der Friedhof werde in der jüdischen Tradition als Ort von ewigem Bestand aufgefasst. Das habe Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Konflikt zwischen der Jüdischen Gemeinde in Bünde und der Stadtverwaltung geführt. "Der alte jüdische Friedhof befand sich nämlich gegenüber dem Markt-Gymnasium - dort, wo heute das Mahnmal steht." Die Stadt habe damals ein Auge auf das Grundstück geworfen, wollte die Nutzung als Friedhof aufheben. Damit sei die Jüdische Gemeinde nicht einverstanden gewesen. "Die Stadt kam dann mit dem Argument, dass das Grundwasser gefährdet wird. Dem konnte man nichts entgegensetzen."
Der alte Friedhof sei in der Folge stillgelegt worden, die Jüdische Gemeinde habe im Tausch Belegrechte für ein Randstück des Feldmark-Friedhofs erhalten. "Einige der alten Grabsteine sollen dann dort aufgestellt worden sein. Einige Familien hatten den Wunsch geäußert, dass die alten Steine dorthin gebracht werden, wo die neuen Gräber sind."
Noch bis in die 1950er Jahre hätten aber Grabsteine auf dem alten Friedhof gestanden. Dann seien die Steine einfach abtransportiert worden. "Den Friedhof zu bebauen hat man sich aber nicht getraut." Seit 1950 habe es jüdische Bestattungen nur noch auf dem Feldmark-Friedhof gegeben, die letzte in den 1980er Jahren. "Danach sind die Belegrechte wahrscheinlich der Stadt zugefallen."
Das kann Doris Greiner-Rietz, Sprecherin der Stadtverwaltung, bestätigen. "Für die jüdischen Gräber ist die Stadt zuständig. Der Bauhof kümmert sich zweimal im Jahr um die Pflege dieser Gräber." In der Vergangenheit, so Militzer, habe die Gruppe Netzwerk des Markt-Gymnasiums manchmal Gräber freigeschnitten. Das sei aber ein zweischneidiges Schwert, gibt er zu bedenken. "Das muss man wirklich abwägen - die jüdische Tradition und die traditionell christliche Friedhofskultur unterscheiden sich ganz stark."
Bildunterschrift: Das Grab der Familie Spanier. Auf den ersten Blick wirkt der Bereich des Friedhofs, wo sich die jüdischen Grabstätten befinden, ungepflegt.
Bildunterschrift: Die Grabstätte der Familie Levison. Nach ihr wurde eine Straße in Bünde benannt.
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Im Jahr 1828 wurde in Bünde ein jüdischer Friedhof angelegt, im Jahr 1896 wurde dieser geschlossen und der Synagogengemeinde Bünde nur ein Randstück auf dem städtischen Friedhof (Feldstraße) zugewiesen.
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www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/a-b/497-buende-nordrhein-westfalen
www.buginithi.de
www.buchfreund.de/de/d/p/59218570/juden-sind-in-dieser-stadt-unerwuenscht
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