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Neue Westfälische , 07.07.2021 :

Hitlergruß an SS-Schießplatz

Eigentlich sollten die vier Soldaten im Kampf gegen Corona helfen / Doch bei einem Ausflug zu einem ehemaligen KZ im Kreis Paderborn soll es zum Eklat gekommen sein

Lukas Brekenkamp

Bielefeld / Paderborn. Die Wewelsburg im Kreis Paderborn ist immer wieder ein Anlaufpunkt für rechtsextreme Kreise. So auch das ehemalige Konzentrationslager Niederhagen, nahe der Burg. Offenbar reisten kürzlich Soldaten an die Gedenkstätte - gegen einen von ihnen gibt es nun Extremismus-Vorwürfe: Er soll an dem ehemaligen SS-Schießstand den Arm zum Hitlergruß gehoben haben.

Die vier Soldaten haben im Hochsauerlandkreis im Rahmen der Amtshilfe bei dem Gesundheitsamt in Meschede geholfen. Das bestätigte ein Sprecher des Kreises. Demnach haben die vier Soldaten in einer Unterkunft in Hachen gehaust. Bis zu 40 Soldaten haben im Kreis zu Spitzenzeiten geholfen, so der Sprecher. Am 8. Juni dieses Jahres ist das Quartett in ihrer Freizeit nach Dienstschluss nach Wewelsburg, einem Ortsteil von Büren, gefahren (etwa 80 Kilometer, knapp eine Autostunde Fahrt).

Die Wewelsburg im Kreis Paderborn hat in rechtsextremen Kreisen durchaus hohe Bedeutung. Grund ist ihre Geschichte. Zur NS-Zeit sollte die Burg zu einer zentralen SS-Versammlungsstätte werden. Direkt neben der Wewelsburg wurde ein Konzentrationslager errichtet. Das KZ Niederhagen ist heute eine Gedenkstätte. Immer wieder kommen Rechtsextreme in den Kreis Paderborn und zur Wewelsburg, vor allem seit den 1990er Jahren. Zum Beispiel Kameradschaften. Vor wenigen Jahren sorgte ein Foto der rechtsextremen "Atomwaffen Division" für Aufsehen: Ein Mitglied posierte vor der Burg mit der Flagge der Gruppierung, die unter anderem Muslimen oder Politikern gedroht hatte. In einem Turm der Wewelsburg ist zudem das "Sonnenrad" in den Boden eingelassen. Das Symbol dient als Vorlage für das rechtsextreme Erkennungszeichen "Schwarze Sonne".

Die Bedeutung der Burg für die Szene wird auch an einem anderen Beispiel deutlich: Ein recht bedeutendes rechtsextremes Musik-Label, das lange in Bielefeld gemeldet war, mittlerweile aber seinen Sitz in Thüringen hat, trägt den Namen "Wewelsburg Records".

Zurück zu den Soldaten: Die vier Personen - zwei sollen laut eines Medienberichtes ursprünglich im niedersächsischen Holzminden nahe Höxter stationiert sein - sind laut Polizei in Tarnuniform an dem ehemaligen SS-Schießplatz erschienen. Eine Zeugin, die später die Polizei verständigte, will dort beobachtet haben, wie einer der Soldaten den Arm zum Hitlergruß hob. Die Polizei Bielefeld bestätigte einen entsprechenden Einsatz. Die Beamten haben demnach vor Ort beim Kontrollieren der Personalien festgestellt, dass es sich bei den Personen um Bundeswehrsoldaten handelte.

Der Bielefelder Staatsschutz hat darauf die Ermittlungen aufgenommen. Es wurde ein Strafverfahren wegen des Zeigens von Symbolen einer verbotenen Partei eingeleitet, die Bundeswehr wurde über den Vorfall informiert. Die beschuldigten Soldaten bestreiten das Zeigen des Hitlergrußes laut Polizei.

Ein Sprecher des Hochsauerlandkreises berichtet zudem, dass die vier Soldaten noch am Abend der Vorkommnisse von dem Corona-Einzug abgezogen wurden. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums bestätigte, dass der Zwischenfall bekannt ist. Nähere Angaben dazu konnte er jedoch nicht machen - aus Gründen des Persönlichkeitsrechts. Der Sprecher teilte jedoch mit, dass neben den Ermittlungen des Bielefelder Staatsschutzes auch bundeswehrinterne Ermittlungen laufen. "Grundsätzlich nehmen wir solche Dinge sehr ernst. Es gibt eine klare Haltung: Extremismus jeglicher Art hat bei unseren Streitkräften keinen Platz", so der Sprecher.

Dass das Thema Rechtsextremismus durchaus eine Rolle bei der Bundeswehr spielt, zeigt ein Bericht des Verteidigungsministeriums. Demnach ist der Militärische Abschirmdienst (MAD) im Jahr 2020 insgesamt 843 rechtsextremen Verdachtsfällen unter Soldaten nachgegangen. Zum Vergleich: Ein Jahr zuvor waren es 592 Fälle. Hinzu kommen im vergangenen Jahr 53 Verdachtsfälle im Phänomenbereich Reichsbürger und Selbstverwalter.

Bildunterschrift: Die Wewelsburg hat sich seit den 1990er Jahren zu einem Ziel für Rechtsextreme entwickelt. Grund ist die Vergangenheit der Burg während der NS-Zeit.

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die tageszeitung Online, 06.07.2021:

Hitlergruß am SS-Schießstand​

Soldaten im Corona-Einsatz​ in NRW

Wegen der Pandemie halfen Soldaten im Gesundheitsamt Meschede aus - bis vier von ihnen nach Feierabend offenbar einen Nazi-Ausflug unternahmen.

Sebastian Erb

Berlin (taz). Die Wewelsburg im Kreis Paderborn sollte in der NS-Zeit zu einer zentralen und elitären Versammlungsstätte der SS ausgebaut werden. Um dafür Arbeitskräfte zu haben, ließ SS-Chef Heinrich Himmler direkt daneben ein Konzentrationslager errichten, das KZ Niederhagen. Heute ist hier eine Gedenkstätte. Und der Ort ist offenbar auch ein Ausflugsziel von rechtsextremen Soldaten, wie taz-Recherchen ergeben haben.

Am 8. Juni gegen 18.45 Uhr beobachtete ein Zeuge am SS-Schießstand des ehemaligen Konzentrationslagers vier Personen in Tarnuniform. Einer von ihnen soll dabei den rechten Arm zum Hitlergruß erhoben haben. Die durch den Zeugen gerufene Polizei stellte die Personalien der Männer fest: Es handelte sich um Bundeswehrsoldaten, die eine knappe Autostunde entfernt im Einsatz gegen die Corona-Pandemie waren.

Sie halfen im Rahmen der Amtshilfe im Gesundheitsamt in Meschede aus, zu Spitzenzeiten waren hier mehr als 40 Soldatinnen, Soldaten im Einsatz, im Testzentrum, zur Kontakt-Nachverfolgung und an der Telefonhotline.

An dem Abend des mutmaßlichen Nazi-Ausflugs stellte die Polizei fest, dass die Soldaten mit ihrem Dienstfahrzeug von ihrer Unterkunft in Hachen zum ehemaligen SS-Schießstand gefahren waren, zwei von ihnen sollen leicht alkoholisiert gewesen sein. Sie sollen beim Betreten des Geländes auch eine Metallsonde bei sich geführt haben, womöglich wollten sie im Erdreich nach NS-Devotionalien suchen.

Staatsschutz ermittelt

Nach taz-Informationen sind zwei der Soldaten vom Panzerpionierbataillon 1 im niedersächsischen Holzminden, die anderen beiden gehören dem Marinefliegergeschwader 5 in Wurster an. Drei von ihnen sind Unteroffiziere, einer ist Mannschaftssoldat. Eine herbeigerufene Feldjägerstreife der Bundeswehr informierte noch am Abend die Disziplinarvorgesetzten der Soldaten.

Der Staatsschutz der Polizei in Bielefeld hat die Ermittlungen übernommen, wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen nach Paragraf 86a Strafgesetzbuch. Diese Ermittlungen dauern noch an, sagte ein Polizeisprecher der taz. Die Beschuldigten würden den Hitlergruß bestreiten.

Direkt am Tag nach dem Vorfall seien die vier Soldaten vom Corona-Einsatz abgezogen worden, sagt der Pressesprecher des Hochsauerlandkreises, Martin Reuther, zu dem das Gesundheitsamt gehört. Sie hätten zuvor "hervorragende Arbeit abgeliefert", seien gut integriert gewesen und immer freundlich. "Es ist umso bedauerlicher, dass es außerhalb des Dienstes zu dem Vorfall kam."

Bildunterschrift: Vier Bundeswehrsoldaten besuchten nach Feierabend das ehemalige KZ Niederhagen (Symbolfoto).

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Radio Hochstift, 27.08.2018:

Rechtsradikale missbrauchen Wewelsburg in Video

Eine neue rechtsradikale Gruppierung hat die Bürener Wewelsburg für Propaganda-Zwecke missbraucht. Im Netz kursiert ein Video der so genannten Atomwaffen Division. In einer Sequenz ist ein mit einer Totenkopfmaske vermummter Mann vor der Burgkulisse zu sehen. In dieser Sache hat auch der Staatsschutz ermittelt.

Die Ermittlungen haben aber keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass diese Gruppe hier im Hochstift oder OWL Mitglieder hat. Und der Staatsschutz hält es auch für sehr wahrscheinlich, dass das Bildmaterial von der Wewelsburg eine Montage ist. Die Verantwortlichen in Büren sind natürlich alles andere als erfreut darüber, dass die Burg in diesem Video auftaucht. Die haben aber keine rechtliche Handhabe, um die Veröffentlichung verbieten zu lassen.

Die Atomwaffen-Division ist äußerst rassistisch und gilt als extrem gewaltbereit. Sie wird in den USA mit fünf Morden in Verbindung gebracht. Und angeblich gibt es seit kurzem einen deutschen Ableger.

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Am 8. Juni 2021 gegen 18.45 Uhr beobachtete ein Zeuge - am Schutzstaffel-Schießstand des ehemaligen Konzentrationslagers Niederhagen - vier Bundeswehrsoldaten, einer davon, habe den "Hitlergruß" gezeigt.

Am 2. Juni 2018 wurde ein Video der militant-neonazistischen Gruppierung "Atomwaffen Division" ("AWD") im Internet verbreitet, wo ein mit Totenkopf-Maske Vermummter (mit Fahne) vor der Wewelsburg posiert.

Am 2. April 1945 wurde das Konzentrationslager Niederhagen, 1941 als "Außenlager Wewelsburg" - einem Nebenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen, entstanden - von amerikanischen Soldaten befreit.

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www.wewelsburg.de

www.instagram.com/kreismuseum_wewelsburg

www.gedenktag-2-april.de

www.vielfalt-lieben.de


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