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Lippische Landes-Zeitung ,
28.06.2021 :
Die Tagebücher des Fritz Reuter
Stadtgeschichte: Der Oerlinghauser NS-Propagandaleiter soll bei Kriegsende 1945 von den eigenen Leuten erschossen werden / Die anrückenden Alliierten retten ihn und stecken ihn ins Lager
Horst Biere
Oerlinghausen. Es ist der 3. April 1945, Ostermontag, kurz vor Kriegsende. In Oerlinghausen tobt seit zwei Tagen ein gnadenloser Straßenkampf. Die amerikanischen Truppen stoßen mühsam von Haus zu Haus vor. Ein größenwahnsinniger Wehrmachtskommandant hat die Stadt zur Festung erklärt. Die Stadtverwaltung mit Nazi-Bürgermeister Friedrich Möller an der Spitze, vernichtet im Rathaus (heute Fliesenhaus) alle wichtigen Dokumente. Mit dabei ist Fritz Reuter, Oerlinghausens NS-Propagandaleiter.
Da Reuter kurz zuvor mit den verzweifelt kämpfenden jungen Soldaten Kontakt hatte, schlägt er dem kommandierenden Leutnant die Übergabe der Stadt vor. Das bedeutet für den Kommandanten blanken Hochverrat. Er lässt sofort einen Trupp Soldaten zur Erschießung Fritz Reuters zusammenstellen. Doch der hat Riesenglück: Die Kämpfe mit den vorrückenden Amerikanern auf der Hauptstraße verhindern die Exekution. Das beschreibt er in seinen Tagebuchaufzeichnungen, die seit kurzem vorliegen.
Fritz Reuter, der mit seiner Familie an der Detmolder Straße in der Nähe des Sternenkrugs wohnte, gehörte zu den Nazi-Größen in der Bergstadt. "Er soll mehrere Oerlinghauser während der Kriegszeit denunziert haben", sagt Heinz Risse über ihn. Der heute 94-jährige Risse erinnert sich daran, dass Reuter offenbar Bürger angezeigt habe, die den damals verbotenen "Feindsender" BBC abgehört haben sollen.
NS-Mann Reuter, der hauptberuflich als Entwürfe-Zeichner, also Designer, in der damaligen Weberei arbeitete, hat in seinem Tagebuch die letzten Kriegsmonate in Oerlinghausen in Stichworten festgehalten. So berichtet er über Treffen mit Bürgermeister Möller und den Lehrern Otto Elbracht und Bruno Hunke sowie Edwin Warneken und Ortsgruppenleiter Paul Reuter im Herbst 1944, um einen Volkssturm zur Verteidigung der Bergstadt aufzustellen. Zu Fritz Reuters Aufgaben gehörte ebenfalls eine Sammelaktion der "Volksopfer" noch im Januar 1945. Volksopfer sind zumeist Kleider- und Sachspenden gewesen, die man dringend als Kriegsmaterial benötigte.
Am 31. März, kurz bevor die alliierten Truppen die Stadt erreichen, wird der Bau von Panzersperren auf den Straßen Richtung Senne befohlen. Dann bricht das Chaos aus und in drei blutigen Tagen erkämpfen sich die amerikanischen Soldaten den Weg durch den Teutoburger Wald. Fritz Reuter wird von den Alliierten nach der Machtübernahme als Nazi-Verantwortlicher verhaftet und wandert ins Gefängnis. "Nach 24 Tagen Einzelhaft am 19. Mai 1945 um 11 Uhr entlassen" steht in seinem Tagebuch.
Reuter wird vorerst auf freien Fuß gesetzt, muss sich an den Aufräumarbeiten beteiligen, kann aber auch seinen Arbeitsplatz in der Weberei wieder einnehmen. Doch die Ermittlungen gegen ihn laufen weiter. Mitte August 1945 verhaftet man Reuter an seiner Arbeitsstelle und verfrachtet ihn in ein Straflager nach Recklinghausen. Gemeinsam mit 8.600 Internierten haust Reuter im Recklinghauser Lager unter "schrecklichen Bedingungen" wie er schreibt, "in Baracken mit dreistöckigen Betten, knappem Essen, Läuse". Immer wieder gibt es Verhöre und Schläge von der englischen Lagerleitung und ihren Hilfstruppen. Er notiert: "Als ich eingeliefert wurde, wurde nur noch wenig geschlagen, auch steckte man den Männern kaum noch brennende Zigaretten oder Zigarren in die Nasenlöcher."
Kurz vor Weihnachten 1945 wird Fritz Reuter ins Lager Staumühle in der Senne verlegt. Das Lager auf dem heutigen Gebiet von Hövelhof gilt als große Entnazifizierungsstelle der Engländer. Viele Wirtschaftsbosse des Ruhrgebiets, hohe Nazi-Funktionäre, aber auch Firmenchefs aus Westfalen sitzen hier ein. Auch in Staumühle sind die Lebensbedingungen für die Internierten äußerst miserabel. Die Gefangenen liegen auf Strohsäcken in den kaum beheizten Baracken, besitzen nur eine Wolldecke. Zu essen gibt es Steckrüben, Grütze mit Haferflocken, zu Weihnachten sogar einmal süße Mehlsuppe und Nudeln. Hunger, Krankheiten und Langeweile beherrschen den Alltag. Mitte Juni 1947 geht Fritz Reuters Lagerhaft in Staumühle zu Ende. Man stellt ihm einen "Persilschein", einen "Kenn- und Meldeschein für aus der Internierung entlassene Personen" aus, und er kehrt nach Oerlinghausen zurück.
Original-Dokumente
Die Tagebuchaufzeichnungen und Original-Skizzen aus dem Nachlass von Fritz Reuter wurden dieser Zeitung von seinem Neffen Hans Reuter aus Fürth übersandt.
Die wertvollen Schriftstücke werden künftig ein wichtiger Baustein von Dokumentationen sein, die gegenwärtig über die Straflager in der Senne aufbereitet werden.
Verantwortlich sind hier: Oliver Nickel für das Stalag 326 und Christa Labudda für das Lager Staumühle.
Bildunterschrift: Fritz Reuter schrieb seine Erlebnisse im Lager Staumühle nicht nur in Form von Tagebuchnotizen auf, er zeichnete auch das Lagerleben.
Bildunterschrift: Fritz Reuter hat später gesellschaftlich wieder Fuß gefasst. Im Jahre 1955 errang er sogar die Königswürde der Oerlinghauser Schützen - zusammen mit seiner Königin Luise Schling.
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Neue Westfälische Online, 21.06.2021:
Die Tagebücher des Fritz Reuter
21.06.2021 - 17.07 Uhr
Stadtgeschichte: Der Oerlinghauser NS-Propagandaleiter soll bei Kriegsende erschossen werden / Die Alliierten retten ihn und stecken ihn ins Lager
Horst Biere
Oerlinghausen. Es ist der 3. April 1945, Ostermontag, kurz vor Kriegsende. In Oerlinghausen tobt seit zwei Tagen ein gnadenloser Straßenkampf. Die amerikanischen Truppen stoßen mühsam von Haus zu Haus vor. Ein größenwahnsinniger Wehrmachtskommandant hat die Stadt zur Festung erklärt. Die Stadtverwaltung mit Nazi-Bürgermeister Friedrich Möller an der Spitze, vernichtet im Rathaus (heute Fliesenhaus) alle wichtigen Dokumente. Mit dabei ist Fritz Reuter, Oerlinghausens NS-Propagandaleiter. Da Reuter kurz zuvor mit den verzweifelt kämpfenden jungen Soldaten Kontakt hatte, schlägt er dem kommandierenden Leutnant die Übergabe der Stadt vor. Aber das bedeutet für den Kommandanten blanken Hochverrat. Er lässt sofort einen Trupp Soldaten zur Erschießung Fritz Reuters zusammenstellen. Doch der hat Riesenglück: Die Kämpfe mit den vorrückenden Amerikanern auf der Hauptstraße verhindern die Exekution. Das beschreibt er in seinen Tagebuchaufzeichnungen, die seit kurzem vorliegen.
Fritz Reuter, der mit seiner Familie an der Detmolder Straße in der Nähe des Sternenkrugs wohnte, gehörte zu den Nazi-Größen in der Bergstadt. "Er soll mehrere Oerlinghauser während der Kriegszeit denunziert haben", sagt Heinz Risse über ihn. Der heute 94-jährige Risse erinnert sich daran, dass Reuter offenbar Bürger angezeigt habe, die den damals verbotenen "Feindsender" BBC abgehört haben sollen.
NS-Mann Reuter, der hauptberuflich als Entwürfe-Zeichner, also Designer, in der damaligen Weberei arbeitete, hat in seinem Tagebuch die letzten Kriegsmonate in Oerlinghausen in Stichworten festgehalten. So berichtet er über Treffen mit Bürgermeister Möller und den Lehrern Otto Elbracht und Bruno Hunke, sowie Edwin Warneken und Ortsgruppenleiter Paul Reuter im Herbst 1944, um einen Volkssturm zur Verteidigung der Bergstadt aufzustellen. Auch die Unterbringung von 500 evakuierten Frauen aus Gelsenkirchen im November 1944 wurde organisiert. Zu Fritz Reuters Aufgaben gehörte ebenfalls eine Sammelaktion der "Volksopfer" noch im Januar 1945. Volksopfer sind zumeist Kleider- und Sachspenden gewesen, die man dringend als Kriegsmaterial benötigte.
Am 31. März, kurz bevor die alliierten Truppen die Stadt erreichen, wird der Bau von Panzersperren auf den Straßen Richtung Senne befohlen. Dann bricht das Chaos aus und in drei blutigen Tagen erkämpfen sich die amerikanischen Soldaten den Weg durch den Teutoburger Wald. Fritz Reuter wird von den Alliierten nach der Machtübernahme als Nazi-Verantwortlicher verhaftet und wandert ins Gefängnis. "Nach 24 Tagen Einzelhaft am 19. Mai 1945 um 11 Uhr entlassen" steht in seinem Tagebuch. Reuter wird vorerst auf freien Fuß gesetzt, muss sich sogleich an den Aufräumarbeiten beteiligen, kann aber auch seinen Arbeitsplatz in der Weberei wieder einnehmen. Doch die Ermittlungen gegen ihn laufen weiter. Mitte August 1945 verhaftet man Reuter an seiner Arbeitsstelle und verfrachtet ihn in ein Straflager nach Recklinghausen.
Gemeinsam mit 8.600 Internierten haust Reuter im Recklinghauser Lager unter "schrecklichen Bedingungen" wie er schreibt, "in Baracken mit dreistöckigen Betten, knappem Essen, Läuse". Und immer wieder gibt es Verhöre und Schläge von der englischen Lagerleitung und ihren Hilfstruppen. Er notiert: "Als ich eingeliefert wurde, wurde nur noch wenig geschlagen, auch steckte man den Männern kaum noch brennende Zigaretten oder Zigarren in die Nasenlöcher."
In der Lager-Universität wird Wissen vermittelt
Kurz vor Weihnachten 1945 wird Fritz Reuter ins Lager Staumühle in der Senne verlegt. Das Lager auf dem heutigen Gebiet von Hövelhof gilt als große Entnazifizierungsstelle der Engländer. Viele Wirtschaftsbosse des Ruhrgebiets, hohe Nazi-Funktionäre aber auch Firmenchefs aus Westfalen sitzen hier ein. Auch in Staumühle sind die Lebensbedingungen für die Internierten äußerst miserabel. Die Gefangenen liegen auf Strohsäcken in den kaum beheizten Baracken, besitzen nur eine Wolldecke. Zu essen gibt es Steckrüben, Grütze mit Haferflocken, zu Weihnachten sogar einmal süße Mehlsuppe und Nudeln. Hunger, Krankheiten und Langeweile beherrschen den Alltag.
Die deutschen Internierten müssen ihr Lagerleben selbst organisieren. Da auch viele gebildete Menschen in Staumühle einsitzen, gibt es immer wieder Vorträge in den Gemeinschaftsbaracken, wo Fachleute ihr Wissen preisgeben. Sogar eine so genannte "Lager-Universität" wird ins Leben gerufen. Auf dem Stundenplan stehen Fremdsprachen wie Russisch oder Englisch aber auch Obstanbau oder Kleintierhaltung. Fritz Reuter hält Vorträge über Textilkunde - dank seines Wissens aus der Oerlinghauser Weberei. Und, weil er über eine große zeichnerische Begabung verfügt, malt er Bilder des Lagerlebens - mit einem einfachen Bleistiftstummel auf grobem Papier. Gegen eine Scheibe Brot oder eine Zigarette fertigt der Oerlinghauser auch Porträts seiner Mithäftlinge an. Reuter gelingt es sogar, einige der Zeichnungen aus seiner Lagerzeit zu retten und nach Oerlinghausen mitzunehmen. Mitte Juni 1947 geht Fritz Reuters Lagerhaft in Staumühle zu Ende. Man stellt ihm einen "Persilschein", einen "Kenn- und Meldeschein für aus der Internierung entlassene Personen" aus, und er kehrt nach Oerlinghausen zurück.
Bildunterschrift: Fritz Reuter zeichnete viele Bilder aus dem Lagerleben in Staumühle. Dieses Bild mit dem Datum 29.04.1946 ist mit "An der Lagerstraße" beschrieben.
Bildunterschrift: Zum Lagerleben in Staumühle gehörten auch die handwerklichen Arbeiten. Auf diesem Bild hat Fritz Reuter einen Schuhmacher gezeichnet.
Bildunterschrift: Ein Selbstporträt von Fritz Reuter aus seiner Lagerzeit im Jahre 1946.
Bildunterschrift: Fritz Reuter hat später gesellschaftlich wieder Fuß gefasst. Im Jahre 1955 errang er sogar die Königswürde der Oerlinghauser Schützen - zusammen mit seiner Königin Luise Schling. Der Thronadjudant des Königspaars war übrigens der im Text zitierte Heinz Risse.
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Neue Westfälische Online, 06.05.2015:
Was der Krieg hinterließ
06.05.2015 - 10.41 Uhr
Bernhard Wintzer berichtet über die Ankunft der Alliierten
Horst Biere
Oerlinghausen. Es waren die schwersten Tage, die Oerlinghausen je erlebt hat - damals vor 70 Jahren, als an den Ostertagen die amerikanische Armee auf die Bergstadt vorrückte. Von den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in unserer Region berichtete Bernhard Wintzer, Mitglied im Heimatverein, vor zahlreichen Oerlinghausern im übervollen Saal des Jägerhauses. Vor allem im zweiten Teil seiner Ausführungen schilderte er Augenzeugenberichte von damaligen Bewohnern und traf damit das rege Interesse der Zuhörer.
"Heftiges Geschützfeuer schlug den amerikanischen Panzern von der deutschen Verteidigungslinie am Teutoburger Wald in Oerlinghausen entgegen, als sie von Schloß Holte aus anrückten", erläuterte er. Zwar habe es kaum noch schwere Waffen und nur schlecht ausgebildete und total erschöpfte Soldaten gegeben, doch Truppen der Waffen-SS, hätten mit unsinnigen und brutalen Durchhalteparolen eine friedliche Übergabe der Bergstadt verhindert.
Mit einem geschickten militärischen Manöver umgingen die amerikanischen Panzer- und Infanterie-Verbände die enge Durchfahrt an der Holter Straße, indem große Teile der Truppen rechts schwenkten bis zur Wistinghauser Straße und von dort zurück durch den Welschenweg zur Innenstadt vorstießen. Die Oerlinghauser, die die Ostertage 1945 größtenteils in den Kellern ihrer Häuser verbrachten, wurden nun von zwei Seiten angegriffen.
Kampf um jedes Gebäude
Betroffene Zeitzeugen erzählten nach Wintzers Recherchen von dramatischen Szenen und heftigem Geschützfeuer in der Bergstadt. "Die amerikanischen Panzer nahmen die Häuser unter Beschuss, in denen sich noch deutsche Truppen verschanzt hatten. Sogar in den Kellerlöchern hockten die letzten deutschen Soldaten", sagte er. Es gab einen intensiven Kampf um jedes Gebäude, vor allem rund um die Hauptstraße an der Alexanderkirche. Doch die Deutschen waren dem modernen Kriegsmaterial der Alliierten letztlich hoffnungslos unterlegen. Bernhard Wintzer: "Das Ende des Kampfes um Oerlinghausen nach Ostern 1945: zwölf abgebrannte Häuser, 71 gefallene Soldaten und fünf tote Zivilisten und sehr viele Verwundete."
Der Oerlinghauser Heimathistoriker Werner Höltke hatte in seiner Eröffnung die Folgen der Kampfhandlungen bereits angedeutet: "Die über 70 gefallenen Soldaten wurden zusammen in einem Massengrab auf dem Oerlinghauser Friedhof beigesetzt." Es sei in jüngerer Zeit vor allem Walter Hellkamp und einem Angehörigen-Ehepaar eines Soldaten zu verdanken, dass die Grabplatten wieder restauriert worden sind und die Grabanlage insgesamt gepflegt wurde.
Bildunterschrift: Mitten im Kampfgebiet: Der Hof Sültemeier an der Holter Straße ist auf dieser alten Zeichnung zu sehen. Im Hauptgebäude (Mitte) ist heute die Oerly Musikschule. Die Scheunen und Ställe links und rechts brannten durch amerikanischen Beschuss ab.
Bildunterschrift: Zerschossen und abgebrannt: Das Gasthaus von Otto Elbracht, das unmittelbar vor der Alexanderkirche stand und auf dieser alten Postkarte abgebildet ist, wurde ein Opfer des Panzer-Beschusses an den Ostertagen 1945. Heute liegt dort nur ein Parkplatz.
Bildunterschrift: Luftbildkarte des Schreckens: Bernhard Wintzer zeigt die präzise Luftansicht von Oerlinghausen im Jahre 1945. Zu sehen sind die Stellen der abgebrannten Häuser, die vor allem im Bereich der Hauptstraße und der Tönsbergstraße lagen.
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Lippische Landes-Zeitung, 11./12.04.2015:
Panzer nahmen Häuser unter Beschuss
Bernhard Wintzer berichtet vom Einmarsch der Amerikaner 1945
Oerlinghausen (hb). Es waren die schwersten Tage, die Oerlinghausen je erlebt hat, als an den Ostertagen 1945 die amerikanische Armee auf die Bergstadt vorrückte. Von den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in der Bergstadt berichtete Bernhard Wintzer, Mitglied im Heimatverein, im vollen Saal des Jägerhauses.
"Heftiges Geschützfeuer schlug den amerikanischen Panzern von der deutschen Verteidigungslinie am Teutoburger Wald in Oerlinghausen entgegen, als sie von Schloß Holte aus anrückten", erzählte Wintzer. Zwar habe es kaum noch schwere Waffen und nur schlecht ausgebildete und total erschöpfte Soldaten gegeben, doch Truppen der Waffen-SS hätten mit unsinnigen und brutalen Durchhalteparolen eine friedliche Übergabe der Bergstadt verhindert.
Mit einem geschickten Manöver hätten die amerikanischen Panzer- und Infanterie-Verbände die enge Durchfahrt an der Holter Straße umgangen: Große Truppenteile seien rechts abgeschwenkt bis zur Wistinghauser Straße und von dort zurück über den Welschenweg zur Innenstadt vorgestoßen. Die Oerlinghauser, die die Ostertage 1945 größtenteils in den Kellern verbrachten, seien von zwei Seiten angegriffen worden. Betroffene Zeitzeugen hätten von dramatischen Szenen und heftigem Geschützfeuer in der Bergstadt berichtet. "Die amerikanischen Panzer nahmen die Häuser unter Beschuss, in denen sich noch deutsche Truppen verschanzt hatten. Sogar in den Kellerlöchern hockten die letzten deutschen Soldaten", sagte Wintzer. Es habe einen intensiven Kampf um jedes Gebäude gegeben, vor allem rund um die Hauptstraße an der Alexanderkirche. Die Deutschen seien dem modernen Kriegsmaterial der Alliierten letztlich hoffnungslos unterlegen gewesen. Wintzer: "Das Ende des Kampfes um Oerlinghausen nach Ostern 1945: 12 abgebrannte Häuser, 71 gefallene Soldaten, fünf tote Zivilisten und sehr viele Verwundete."
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Lippische Landes-Zeitung Online, 02.04.2015:
Gräber erinnern an den Krieg
Vor 70 Jahren hat es erbitterte Kämpfe um Oerlinghausen und viele Tote gegeben
02.04.2015 - 20.12 Uhr
Karin Prignitz
Oerlinghausen. "Frieda Schlüter, 9. 4. 1917" steht auf dem steinerner Kreuz, das neben einigen anderen auf einem Massengrab des kirchlichen Friedhofs nahe der Kapelle steht. Darunter das Sterbedatum "3. 4. 1945". Viele Oerlinghauser, die bei den Kämpfen in Oerlinghausen an den Ostertagen vor 70 Jahren sinnlos ihr Leben lassen mussten, seien dort bestattet worden, sagt Inge Berghoff. "Das Schicksal der jungen Frau hat mich besonders berührt."
Bei ihren geschichtlichen Recherchen ist Inge Berghoff auf einen Text von Ingeborg Schwarz, der Frau des einstigen Oerlinghauser Pastors, gestoßen. Im Jahr 1977 hatte sich die Pfarrersfrau an einem Wettbewerb des Landesseniorenrates Baden-Württemberg unter der Überschrift "Ältere Menschen schreiben Geschichten" beteiligt und war mit dem zweiten Preis ausgezeichnet worden. "Unser Pfarrhaus duckte sich an die gotische Kirche wie ein Küchlein an die Henne", ist dort in schöner Sprache zu lesen. Der große Garten sei ein Kinderparadies gewesen. Namhafte Pastoren des Lipperlandes hätten das Haus bewohnt. "Der Dichter unserer Nationalhymne, Hoffmann von Fallersleben, war einst häufiger Gast dort."
Vom romanischen Turm habe ein klangvolles Geläut geschallt, "und die ehrwürdige Alexanderglocke kündete der Gemeinde, wenn sich ein Leben vollendet hatte". Schon bald kommt Ingeborg Schwarz zu den furchtbaren Kriegsjahren. "Ach, wie oft hat dann die Glocke ihre klagende Stimme erhoben. Für jeden Gefallenen tönte ihr Klageruf weit ins Lipperland. Es gab Familien in der Gemeinde, die zwei oder drei Söhne beklagten." Auch ihre Gräber sind auf dem Friedhof zu finden. Im kalten April 1945 rückte die Front immer näher. "Karfreitag richtete ich noch einen Tauftisch mit Kruzifix und Osterglocken. Mein Mann taufte den ersten Sohn einer jungen Ostpreußin. Am ersten Ostertag hielt er unter dem Grollen des Kanonendonners noch einen Kurz-Gottesdienst", schreibt Ingeborg Schwarz weiter. "Gegen Abend trugen wir unsere Matratzen in den Keller, dazu Bänke und Stühle, denn Nachbarn und Flüchtlinge suchten im Pfarrhaus Schutz." Auch im Buch "Geschichte und Geschichten" von Dieter Burkamp ist nachzulesen, dass am Ostersonntag des 1. April 1945 alles anders war. "Den Bürgern schwante nichts Gutes." Die Amerikaner waren auf dem Vormarsch. "Die Gemeinden Schloß Holte und Lipperreihe hatten Einheiten der 2. US-Panzer-Division ohne Schwierigkeiten und ohne Waffengewalt genommen."
In Oerlinghausen aber gab es einen 24 Jahre alten Oberleutnant, der fest entschlossen war, den US-Soldaten Paroli zu bieten. "Bis zum letzten Mann" wollte er die Kleinstadt verteidigen. "Ich mache aus diesem Nest ein zweites Stalingrad", soll er Überlieferungen zufolge gesagt haben. Es kam, wie es zu erwarten war. Die sinnlose Schlacht hinterließ viel Leid um die Toten und zerstörte Häuser. "Im Geschosshagel rannten wir in den tiefer gelegenen Kindergarten und suchten im Keller Schutz", schreibt Ingeborg Schwarz. "Als der Morgen graute, lag auf der Bleiche ein verwundeter deutscher Soldat. Er winkte, aber sein Kopf sank vor Schwäche nieder. Oberhalb der Bleiche kam ein junges Mädchen in Kleppermantel und Baskenmütze über die Mauer und wollte helfen." Dieses Mädchen war Frieda Schlüter, genannt Friedchen. Rot-Kreuz-Helferin war sie und noch keine 28 Jahre alt. "Ein Aufschrei, sie sank getroffen ins Gras und starb." Sie war die einzige Tochter alter, kranker Eltern.
Bericht des Schreckens
In ihren Aufzeichnungen berichtet Ingeborg Schwarz auch darüber, dass darüber gemunkelt worden sei, "in der Senne bei Stukenbrock wären russische Kriegsgefangene hinter Stacheldraht zusammengepfercht, kein Dach über dem Kopf und zunächst nur Wehrtürme mit Maschinengewehren in dem Lager". Berichtet worden sei, dass sie sich Gräben gegraben hätten, um nachts hineinzukriechen. "Gerade damals ging lange Zeit ein kalter Herbstregen nieder." Abends, wenn die Tropfen ans Fenster klopften, "konnte ich nicht schlafen, denn das Elend der Gefangenen stand mir vor Augen". Ein Mann, der zur Besatzung gehörte, habe berichtet, "dass die Gefangenen in ihrem großen Hunger Kameraden erschlagen und aufgegessen hätten".
Im Frühjahr 1945 zogen Elendszüge durch die Stadt. "Trotz Kälte waren etliche barfuß, der Hunger schaute aus hohlen Augen, und man konnte und durfte nicht helfen. Die Bewacher passten auf." (kap)
Bildunterschrift: Steinplatten: Vom Regen der vergangenen Tagen haben sich Wasserpfützen auf den Steinplatten gebildet. Menschen, die während der Kriegshandlungen Ostern 1945 gefallen sind, haben in diesem Massengrab die letzte Ruhe gefunden.
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Lippische Landes-Zeitung, 30.03.2005:
Sinnloses Sterben zum Kriegsende
Rund 80 Menschen kosteten in Oerlinghausen die Gefechte das Leben
Oerlinghausen (cla). Am 3. April 1945, dem Dienstag nach Ostern, nahmen die Amerikaner Oerlinghausen ein. Werner Höltke hat sie - zu Fuß und auf Panzern - gegen 21 Uhr durch den Türspalt seines Haus an der Detmolder Straße 36 einrücken sehen (die LZ berichtete). Die Soldaten betraten ein Haus nach dem anderen - auch um dort eine Nacht zu verbringen.
Höltkes Nachbarin, Martha Ladugga, war nicht zu Hause, wohl aber ihr Onkel. Der redete auf Plattdeutsch auf die Amerikaner ein. Und das war denen wohl zu viel: Sie sahen von einer Besetzung des Hauses ab. Nicht so bei Höltkes. Werner Höltke erinnert sich, dass sie das Haus nach Soldaten und Waffen durchsuchten und sich dann im Wohnzimmer einfanden.
Befremdlich für den damals 15-Jährigen: vier waren schwarz, drei weiß und drei indianischer Herkunft. Sie schickten den Höltke zum Wasserholen, er sollten Kaffee kochen. Offenbar aus Angst vor einer Vergiftung musste der Höltke das Wasser zunächst selbst trinken. Doch die Amerikaner teilten mit ihm ihre Verpflegung, Höltke steuerte den Konfirmationskuchen seiner Schwester bei. Auch von ihm musste er ein Stück essen, bevor die Soldaten zulangten. Angst vor einem nächtlichen Mordanschlag hatten sie indes wohl nicht: Einer von ihnen teilte mit Höltke das Zimmer.
Früh am Morgen zogen die Amerikaner weiter. Sie hinterließen eine große Unordnung und eine verbrannte Tischplatte. In der Nacht hatten sie in der Küche einen Schinken gebraten, den sie zuvor aus dem Nachbarhaus mitgenommen hatten.
Zeitgleich mit dem Haus Höltkes war auch die Kommandantur an der Detmolder / Ecke Steinbruchstraße besetzt worden. In das Haus, das dem Ziegelmeister Witte gehörte, hatte der 24-jährige Ortskommandant am Ostersonntag Waffen und Lebensmittel bringen lassen, nachdem das Rathaus zu unsicher geworden war. Er und seine Soldaten hatten das Gebäude derweil jedoch fluchtartig verlassen.
Die Amerikaner räumten am nächsten Tag die Waffen aus dem Keller: Die Gewehre zerschlugen sie an einer Hausecke, wobei sich einmal ein Schuss löste, der fast noch zu einem Unglück geführt hätte. Die Panzerfäuste und die Munition wurden auf Lkw geladen. Die Lebensmittel blieben unangerührt. Den Wittes geschah nichts: Sie durften sogar im Obergeschoss ihres Hauses bleiben.
Ein Soldat mit einem Kopfverband erzählte der Hausherrin beim Anblick der Panzerfäuste, dass er am Abend zuvor in der Nähe der Kirche von einer dieser Waffen verletzt worden war. Auch die Soldaten in Höltkes Haus äußerten sich bedauernd angesichts der Fotos gefallener Verwandte des 15-Jährigen: Am Krieg sei nichts Gutes, er müsse bald zu Ende gehen, meinten sie.
Dabei waren die Verluste vor allem auf deutscher Seite: Etwa 80 Menschen kostete der Kampf um die Bergstadt das Leben, in einem Bericht eines amerikanischen Soldaten ist von fünf Toten und elf Verletzten auf amerikanischer Seite die Rede. Noch drei Tage nach Ostern lagen tote deutsche Soldaten vor allem am Tönsberg. Höltke half mit, sie auf Handwagen zu laden. Die verbrannte Leiche eines letzten Gefallenen, eines Österreichers, wurde erst Wochen später am Menkhauser Berg entdeckt.
Die enorme Anzahl amerikanischen Panzer und Lastwagen, die in den folgenden Tagen immerfort durch Oerlinghausen in Richtung Osten rollten, hätten ihm vor Augen geführt, wie sinnlos die Kämpfe angesichts solch einer Materialüberlegenheit gewesen seien, sagt Höltke.
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Am 7. April 2016 wurde "Die Opfer des Nationalsozialismus aus Oerlinghausen. Ein Erinnerungsbuch" - auf der Internetseite der Stadt Oerlinghausen auch als Download abrufbar - von Jürgen Hartmann vorgestellt.
Am 19. Mai 1945 wurde Fritz Reuter - NS-Propagandaleiter, Oerlinghausen - nach der Befreiung der Stadt, durch Verbände der amerikanischen Armee am 1. April 1945 - nach nur 24 Tagen aus der Haft entlassen.
Am 26. April 1945 wurde Fritz Reuter - NS-Propagandaleiter, Oerlinghausen - nach der Befreiung der Stadt durch Verbände der amerikanischen Armee am 1. April 1945 - inhaftiert, und am 19. Mai 1945 entlassen.
Am 1. April 1945 befreiten Verbände der amerikanischen Armee, zu Fuß und auf Panzern, Lipperreihe, am 3. April 1945 nahmen die Alliierten Oerlinghausen, nach Häuserkämpfen mit Truppen der Waffen-SS, ein.
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www.oerlinghausen.de/de-wAssets/docs/Erinnerungsbuch_NS-Opfer_Oerlinghausen_dritte_Ausgabe_2019.pdf
www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/m-o/1515-oerlinghausen-nordrhein-westfalen
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