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Lippische Landes-Zeitung ,
19.06.2021 :
Gedenken an den Stolpersteinen für die Familie Herzberg
Erinnerung zum 100. Geburtstag
Detmold. Fred Herzberg, am 11. Juni 1921 als Fritz in Detmold geboren, lebte mit den Eltern und seiner Schwester Gerda in der Langen Straße 21 und damit in der Nähe zum Schloss, Konzerten im Park und zum Theater.
"Heute liegen dort Stolpersteine zum Erinnern und Gedenken für Fred und seine Familie. Seine Eltern, seine Schwester und seine Großmutter überlebten den Holocaust nicht, sie hatten keine Chance dem Völkermord zu entkommen", schreibt die Christlich-Jüdische Gesellschaft in einer Mitteilung. Fritz verließ im Februar 1939 Deutschland, beschwert mit der uneinlösbaren Aufgabe, nicht nur sich selbst, sondern auch seine Familie zu retten. Am Ende dieser Reise war aus Fritz Fred geworden, und dieser Weg führte ihn nie wieder nach Deutschland und Detmold zurück.
Zu seinem 100. Geburtstag gedachten der Vorstand und Mitglieder der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe am Platz der im letzten Jahr verlegten Stolpersteine an das Schicksal von Fred Herzberg. Gudrun Mitschke-Buchholz, Detmolder Historikerin und Mitarbeiterin des Stadtarchivs, berichtete in ihrer Rede mit nachdrücklichen Worten vom Lebensweg Freds, der nach seiner Auswanderung im Jahr 1947 in die USA ein neues Leben aufnahm, eine Familie gründete, Vater zweier Kinder wurde und in St. Louis ein anderes, eher europäisch geprägtes Leben führte. Seine Vergangenheit spielte dort keine offen ausgesprochene Rolle, sondern war für ihn selbst und seine Familie zu einem sehr wirkmächtigen Tabu geworden.
"Das Trauma kennt keine Zeit. Und so begleitete Fred der Verlust seiner Familie sein Leben lang", so Gudrun Mitschke-Buchholz, die 2013 in einem Buch mit dem Titel "Lebenslängliche Reise. Briefe der jüdischen Familie Herzberg 1939 - 1946" die Geschichte der Familie erstmals der Öffentlichkeit vorstellte.
Mehr Informationen zu den Opfern stehen unter www.stadtarchiv.detmold.de und www.gedenkbuch-detmold.de.
Bildunterschrift: Das Foto zeigt Joanne Herzberg an den Stolpersteinen der Familie Herzberg an der Langen Straße 21 in Detmold.
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WDR-Nachrichten aus Ostwestfalen-Lippe, 09.11.2020:
Stolpersteine in Detmold mit Farbe verunreinigt
09.11.2020 - 12.39 Uhr
In der Detmolder Karlstraße haben laut Polizei Unbekannte fünf "Stolpersteine" für die jüdische Familie Herzberg mit roter Farbe beschmiert. Die goldfarbenen Steine erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus.
Außerdem haben die Beamten eine Postkarte vorgefunden, die auf eine nationalsozialistische Gesinnung deuten lasse. Es wurde eine Strafanzeige erstellt. Der Staatsschutz ermittelt.
In der vergangenen Woche war bereits die Gedenktafel für das jüdische Bad, die Mikwe, beschmiert worden. Die Stolpersteine wurden offenbar Sonntagmittag geschändet. Mitglieder der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe machten sie umgehend wieder sauber.
173 NS-Opfer in Detmold
In Detmold gibt es Stolpersteine aus dem gleichnamigen Kunst-Projekt von Gunter Demnig. Mit ihnen wird den Detmolder Opfern des Nationalsozialismus gedacht. Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sind nach aktuellem Kenntnisstand 173 Mitbürger umgebracht worden.
Die Detmolder Familie Herzberg
Betty Gerda Herzberg wurde am 27.09.1922 in Detmold geboren. Zusammen mit ihren Eltern und ihrer Großmutter wurde sie am 28. Juli 1942 nach Theresienstadt verschleppt und von dort mit ihrer Mutter am 9. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert. Gerda Herzberg wurde für tot erklärt. Ihr Bruder Fritz gelangte im Februar 1939 mit einem Kindertransport nach England. Von seinem Exil aus sollte er die zurückgebliebene Familie nachholen, was nicht möglich war. Er überlebte und emigrierte in die USA, wo er 2008 in St. Louis starb.
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Lippische Landes-Zeitung, 30.04.2014:
Eine Familie findet sich wieder
Nachfahren der jüdischen Familie Herzberg begeben sich in Lippe auf Spurensuche
Von Thorsten Engelhardt
14 Mitglieder der jüdischen Familie Herzberg sind im Holocaust umgekommen. Doch nach 78 Jahren haben die in alle Welt verstreuten Nachfahren der Überlebenden in Lippe neue Bande geknüpft.
Detmold / Blomberg-Kleinenmarpe. Es ist Mai 1936 in Kleinenmarpe. Es ist warm genug, man braucht keinen Mantel mehr, auch wenn es in Deutschland sonst kalt geworden ist. Vor allem für die jüdische Bevölkerung. In diesem Mai 1936 versammeln sich sieben der noch lebenden neun Kinder von Salomon und Betty Herzberg für ein Foto vor dem Stammhaus der jüdischen Familie in Kleinenmarpe. Das Bild wird so nicht zu wiederholen sein, das wissen die Geschwister. Einer von ihnen, Alfred, will auswandern.
Aber was an Schrecklichem auf viele der anderen wartet, wissen sie noch nicht. Und so bleibt das Foto 78 Jahre lang eines der wenigen Dokumente der gemeinsamen Geschichte der jüdischen Familie.
Es ist der letzte Sonntag im April 2014. Es ist warm genug, man braucht keinen Mantel mehr, als in Kleinenmarpe etwas Außergewöhnliches geschieht. Erstmals versammeln sich wieder Nachfahren der Herzberg-Geschwister zu einem Foto vor dem Haus, in dem Land, das ihre Familien auslöschen wollte. Teilweise sehen sie sich erstmals, weil sie über Israel, Namibia, Deutschland und die USA verstreut leben. Das Bild 1936 zeigte schon an den Mienen der Menschen: Damals trennte sich etwas. Das Bild 2014 zeigt: Hier hat sich etwas wieder zusammengefügt.
Die Vorgeschichte dieses Fotos umfasst mehrere Stränge. Ganz wesentlich ist der zwischen der Detmolder Historikerin Gudrun Mitschke-Buchholz und Joanne Herzberg. In dem Buch "Lebenslängliche Reise" hat Gudrun Mitschke-Buchholz die Geschichte der Familie Herzberg an Hand der Briefe an Joannes Vater Fritz (Fred) aufgearbeitet. Außerdem versuchte Joanne Herzberg, via Internet weitere Verwandte zu finden. Andere Querverbindungen kamen hinzu und haben letztlich zu dem ersten großen Familientreffen in Detmold geführt - inklusive Abstecher zu dem Haus in Kleinenmarpe, das bis 1939 der Familie gehörte. Die heutige Besitzerin hat sie zur Besichtigung bei Kaffee und Kuchen eingeladen.
Eve Isaacson (72) steht in der Diele. Ihre Großmutter Thekla Isenberg, geborene Herzberg, kam hier 1889 zur Welt. Sie starb im Warschauer Ghetto. Eves Vater Hans wanderte 1937 von Halle / Westfalen nach Namibia aus, die Seniorin lebt heute in Israel. Vor fünf Jahren, so erzählt sie, habe sie erstmals Halle besucht. "Es eröffnete sich uns eine komplett andere Welt, wir wurden akzeptiert wie eine lange vermisste Familie. Das Gleiche ist jetzt in Detmold wieder passiert", erinnert sie sich an den Empfang bei Bürgermeister Rainer Heller am Vortag. "Amazing!"
Dieses Wort des Erstaunens ist immer wieder zu hören im fröhlichen Gespräch der Herzberg-Nachfahren. "Es ist ein unglaubliches Gefühl, zu wissen, dass es noch Verwan¬dte gibt", fasst es Harald Jensen für alle in Worte. Harald ist der Enkel des Namibia-Auswanderers Alfred Herzberg. Dessen Tochter Ilse (92), Haralds Mutter, lebt noch in Namibia. "Sie hat uns viel über das Haus erzählt." Die Familie betrieb hier einst Viehhandel, Schlachterei und Gaststätte.
Draußen vor der Türe steht Walt Blum aus San Francisco und schaut, als ob er sich jedes Detail einprägen will. Seine Mutter Betty Pinto überlebte Theresienstadt, seine Großmutter Ella, geborene Herzberg, und Großvater Joseph Pinto starben im Holocaust.
"Unsere Eltern waren die Generation der Holocaust-Überlebenden", erzählt er. "Sie haben ihre Erfahrungen nie mit uns geteilt, weil sie fürchteten, die alten Wunden wieder aufzureißen." Deshalb habe er auch nie nach Deutschland kommen wollen. Doch als Joanne Herzberg begann, die Kontakte zu knüpfen, "haben wir gefühlt, wir mussten hier her kommen. Es hat uns den Antworten nähergebracht, die wir nie bekommen haben."
Die Publikation
Das Buch "Lebenslängliche Reise" über die Geschichte der Detmolder Familie Herzberg basiert auf mehr als 450 Briefen der Familie an Joanne Herzbergs Vater Fritz (Fred) , der mit einem Kindertransport Deutschland 1939 verlassen konnte. 14 Angehörige seiner Familie wurden ermordet. Das Buch ist im Verlag für Regionalgeschichte Bielefeld erschienen und kostet 24 Euro.
Bildunterschrift: Vor dem Stammhaus, 2014: Die Nachfahren der Herzbergs, ihre Partner und Freunde treffen sich an historischer Stelle. Das Bild zeigt (von links): Hildegard und Harald Jensen, Eve Isaacson, Ellen Pinto Page, Walt Blum, Nora Weidmann, Judy Blum, Joanne Herzberg, Buchautorin Gudrun Mitschke-Buchholz, Scott Page, Günther Weidmann und Mary Opp.
Bildunterschrift: Vor dem Stammhaus, 1936: Die Geschwister Alfred Herzberg, Ida Herzberg, Henny Stern, Moritz Herzberg, Thekla Isenberg, Selma Werthauer und Hugo Herzberg. Es fehlten damals Ellen Pinto und Trude Lorch.
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Lippische Landes-Zeitung, 13.11.2013:
Interview / Fred Herzbergs lebenslängliche Reise
Historikerin Gudrun Mitschke-Buchholz spricht über ihr Buch, Nähe, Distanz und Verantwortung
Die Herzbergs waren eine normale Detmolder Familie - bis über sie als Juden Antisemitismus, Hass, Gewalt, Mord der Nazis hereinbrachen. Ein Buch stellt die Geschichte der Herzbergs jetzt vor.
Detmold. Das 600 Seiten umfassende Werk stammt von der Detmolder Historikerin Gudrun Mitschke-Buchholz. Es basiert größtenteils auf 400 Briefen aus dem Nachlass von Fred (Fritz) Herzberg, der als einziger von zehn Angehörigen der lippischen Familie aus Nazi-Deutschland fliehen konnte (siehe Kasten). Am Donnerstag, 21. November, wird das Buch ab 19.30 Uhr öffentlich im Detmolder Rathaus vorgestellt. Mehrere Mitglieder der weitverzweigten Familie Herzberg wollen dazu nach Detmold kommen.
Sie haben Ihr Buch über die Familie Herzberg "Lebenslängliche Reise" genannt und ein Gedicht von Hilde Domin, in dem dieser Ausdruck vorkommt, vorangestellt. Wieso dieses Gedicht?
Gudrun Mitschke-Buchholz: Hilde Domin teilt die Erfahrungen, die Fred Herzberg machen musste. Sie weiß sehr genau, wovon sie spricht. "Lebenslängliche Reise" ist das Leitmotiv, das sich durch dieses Buch zieht. Es fasst in zwei Worten das, was ich auf 600 Seiten zusammengestellt habe.
Wie fühlen Sie sich jetzt, am Ende dieser jahrelangen Arbeit?
Mitschke-Buchholz: Ich habe das Gefühl, als lebte ich Tür an Tür mit den Herzbergs. Das Buch ist mit meinem Leben untrennbar verbunden, ich habe gemerkt, dass es meine Aufgabe ist, über diese Geschichte zu schreiben. Am Anfang habe ich gedacht, die Faktenlage der jüdischen Verfolgung hier gut zu kennen. Aber wenn sich die Fakten konkret mit einer ganz normalen Familie verbinden, bekommt das Thema eine ganz andere Wucht und man erkennt, was der Völkermord wirklich angerichtet hat und welche Wirkmächtigkeit das bis in die Gegenwart hat.
Auch auf die Schreibende?
Mitschke-Buchholz: Auch das. Schließlich bin ich auch eine Vermittlerin ihrer eigenen Geschichte in die Familie Herzberg. Dabei steht man immer auf der Kippe zwischen der notwendigen Nähe und der notwendigen Distanz. Gerade die professionelle Distanz aufrechtzuerhalten, ist bei einem Thema, bei dem es um Mord und bodenloses Grauen geht, schwierig. Jeder Recherche-Erfolg ist eine schreckliche Botschaft. Aber nicht meine Verfasstheit ist wichtig, die Menschen, über die ich schreibe, sind es. Ihnen will ich mit allem Respekt und höchster Achtung begegnen.
Im Buch heißt es, dass Sie es bedauern, nie persönlich mit Fred Herzberg gesprochen zu haben. Was hätten Sie ihm gern gesagt?
Mitschke-Buchholz: Ich vermute, ich hätte das Bedürfnis gehabt, ihn um Verzeihung zu bitten, und ihm gern gesagt, wie tief ich die Verantwortung empfinde, darüber zu schreiben. Denn das ist das einzige, was ich heute noch tun kann, auch wenn es nichts ungeschehen macht. Ich hätte ihn auch gern gefragt, wie er diese Stadt Detmold wahrgenommen hat. Aber vermutlich hätte ich es nicht gewagt, denn Fred Herzberg hatte sich dazu entschieden, über seine Vergangenheit zu schweigen, um sich zu schützen.
In diesem Zusammenhang kommt der Begriff "Überlebensschuld" vor. Was meinen Sie damit?
Mitschke-Buchholz: Die Überlebenden fühlen sich schuldig, dass sie überlebt haben, während andere sterben mussten. Das ist zwar eine völlige Verkehrung, denn die Schuld ist bei den Tätern zu suchen, nicht bei den Opfern. Aber es gibt dennoch keine Begnadigung. Bei Fred Herzberg kam noch das Gefühl des Versagens hinzu, denn er sollte ja eigentlich seine Eltern aus Nazi-Deutschland herausholen. Eine Aufgabe, die er nicht lösen konnte.
Sie schreiben, dass die Nachforschungen zur Geschichte ihres Vaters für die Tochter Joanne Herzberg ein Tabubruch sind. Worin besteht das Tabu?
Gudrun Mitschke-Buchholz: Ein Tabubruch war, überhaupt den Vater danach zu fragen, ein zweiter, dass sie sich den Briefen genähert hat und der dritte ist, dass in dem Buch nun wir alle die Briefe lesen können, die nicht an uns gerichtet waren. Ich hoffe, dass ich Joanne Herzbergs Fragen nun zu einem Teil beantworten kann und bin sehr dankbar für das unfassbare Vertrauen, die Briefe veröffentlichen zu dürfen.
Das Interview führte LZ-Redakteur Thorsten Engelhardt.
Es blieben nur Briefe
Fred Herzberg, ist als Fritz Herzberg am 11. Juni 1921 in Detmold geboren worden. 1939 kann er als 17-Jähriger Deutschland mit einem jüdischen Kindertransport verlassen. England, Rhodesien und schließlich die USA sind Stationen seiner "lebenslänglichen Reise". Mehr als 400 an ihn gerichtete Briefe hat er aufbewahrt. Nur sie waren ihm von seiner Familie geblieben. Seine Tochter Joanne hat sie nach seinem Tod 2008 Gudrun Mitschke-Buchholz überlassen. Die Historikerin zeichnet an Hand der Dokumente das Leben der Familie Herzberg bis in die Gegenwart nach.
Bildunterschrift: Mit dem Manuskript: Gudrun Mitschke-Buchholz.
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Lippische Landes-Zeitung, 08.11.2012:
Von Thorsten Engelhardt
Stofffetzen halten die Erinnerung wach
Amerikanerin Joanne Herzberg findet nach 70 Jahren Spuren ihrer jüdischen Familie in Detmold
Nach 70 Jahren sind Gegenstände aufgetaucht, die einst der jüdischen Familie Herzberg aus Detmold gehörten. Für die Nachfahrin Joanne Herzberg ist das ein unglaublicher Fund.
Detmold. Vergangenheit ist ein merkwürdiges Wort. Vor allem, wenn Vergangenheit gar nicht vergangen ist, sondern ein beständiger Teil der Gegenwart. Wie in der Lebens- und Familiengeschichte von Joanne Herzberg. Die 51-Jährige aus St. Louis im US-Bundesstaat Missouri ist gerade in Detmold auf der Suche nach der Geschichte ihrer Familie. Zwei kleine Stücke Stoff führen Vergangenheit und Gegenwart dabei geradezu sinnbildhaft zusammen. Es handelt sich um die Reste von zwei Bettsäcken.
Auf dem einen steht der Name E. Frank, auf dem anderen Moritz J. Herzberg. Emilie Frank war Joannes Urgroßmutter, Moritz Herzberg ihr Großvater. 1942 packten sie das Wenige, was ihnen noch geblieben war, in diese Säcke und fanden sich damit auf dem Detmolder Marktplatz ein. Dann wurde die jüdische Familie, zu der auch Moritz’ Frau Johanna und Tochter Gerda gehörten, nach Theresienstadt deportiert. Das war ihr Weg in den Tod. Einzig Joannes Vater Fritz, der 1939 als 17-Jähriger mit einem jüdischen Kindertransport Deutschland verlassen konnte, überlebte den Holocaust.
Genau 70 Jahre später sind durch die Arbeit der Historikerin Gudrun Mitschke-Buchholz die letzten Reste dieser Bettsäcke zurückgekehrt nach Detmold. Wie und wo ausgerechnet diese so unscheinbar und doch so bedeutenden Dinge die Zeit überdauert haben - niemand weiß es. Zuletzt hatte sie der weltbekannte Antisemitismus-Sammler Wolfgang Haney aus Berlin in seinem Besitz, von dem die Detmolderin eine Akte entleihen durfte. Darin waren auch die Stoff-Fetzen. Eines Tages kam dann ein Brief Haneys in Detmold an, der die Stoff-Reste mit den Namen enthielt: ein Geschenk an Joanne Herzberg. "Ein sehr großzügiges Geschenk", sagt sie leise und dankbar. Denn näher könne sie, die sich immer Großeltern gewünscht hatte, nicht mehr an diese Menschen herankommen.
Und so beginnt Joanne Herzberg zu erzählen aus der zerrissenen Biographie einer deutsch-jüdischen Familie in den USA, der Nazi-Deutschland alles genommen hat. Ein tiefes Schwarz unendlicher Traurigkeit liegt in dieser Geschichte, über die ihr Vater Fritz, der sich in Amerika Fred nannte, bis kurz vor seinem Tode 2008 nicht sprechen wollte. "Don’t ask your father", hörte Joanne nur, wenn sie ihre Mutter fragte, warum sie keine Großeltern habe. "This chapter is closed" (Dieses Kapitel ist geschlossen) sagte Fred Herzbergs Freund Stephen Hans Loeb über die Vergangenheit der Familien.
Aber es war eben nicht geschlossen, sondern immer da. "Wir Kinder der deutschen Flüchtlinge wurden alle sehr ähnlich erzogen", sagt Joanne. Bildung war das Wichtigste, Disziplin, Ordnung, Sauberkeit, gutes Benehmen waren gefragt. "Wir waren immer ein bisschen anders als unsere amerikanischen Freunde."
In den vielen Briefen der Familie Herzberg an ihren Sohn Fritz hat Joanne gelesen, dass Moritz und Johanna Herzberg ihren Sohn genauso erzogen haben, dass sie ihn behüten und beschützen wollten. "Genauso hat sich mein Vater auch immer angehört", stellt sie fest. Und so ist der Sozialarbeiterin und Therapeutin bewusst geworden, dass die Kinder der Holocaust-Überlebenden die Verbindung ihrer Eltern in die Welt der Gegenwart sind. Sie können die Fragen stellen, sie können die Wege gehen, die für ihre Eltern zu schmerzhaft sind oder waren.
Deshalb kommt Joanne immer wieder nach Deutschland. Inzwischen zum vierten Mal. Mit der Historikerin Gudrun Mitschke-Buchholz, die an einem Buch über die Familie Herzberg auf Grundlage der vielen hundert Briefe arbeitet, spürt sie der Vergangenheit nach. Und entdeckt Erstaunliches: Da sind die Stoff-Fetzen, die so zerrissen sind wie die Geschichte der Familie. Und da ist noch etwas - eine Verbundenheit mit Detmold, die sie so recht nicht erklären kann: "It feels like home."
Buch über Familie
Rund 500 Briefe haben Angehörige und Freunde der Familie Herzberg von 1939 bis 1942 an Fred (Fritz) Herzberg geschrieben. Die Detmolder Historikerin Gudrun Mitschke-Buchholz hat sie für ein Buch ausgewertet, das im nächsten Jahr erscheinen soll. Fred Herzberg, der im Januar 2008 in St. Louis gestorben ist, hatte alle Briefe, die ihn erreicht haben, aufgehoben. Die von ihm geschriebenen sind indes verloren. Sie sei sehr stolz, dieses Buch schreiben zu dürfen, sagt die Detmolderin. Gleichzeitig aber begegneten ihr in den Briefen immer wieder menschliches Leid und Tragik mit einer ungeheuren Wucht. Auf die über sechs Länder verstreuten Angehörigen der Familie Herzberg, deren Stammhaus in Großenmarpe steht, habe das Projekt eine ganz besondere Wirkung, sagt Joanne Herzberg. Es habe die Nachkommen neu zusammengeführt. "Es ist nett, wieder eine Familie zu haben", sagt die Amerikanerin. Am 30. November will Gudrun Mitschke-Buchholz unter dem Titel " ... damit wir wissen, wie Du jetzt aussiehst" einen Vortrag über das Schicksal der Familie halten. Ort und Zeit werden noch festgelegt.
Bildunterschrift: Stoffreste, die Bände sprechen: Historikerin und Autorin Gudrun Mitschke-Buchholz und Joanne Herzberg (rechts) zeigen einige Fundstücke.
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Lippische Landes-Zeitung, 09.09.2011:
400 Briefe helfen bei der Aufarbeitung des Holocaust
Joanne Herzberg besucht das Land, in dem 14 Mitglieder ihrer Familie starben
Detmold. Joanne Herzberg und ihre Freundin Mary Opp aus St. Louis in den Vereinigten Staaten besuchen Detmold. Joanne ist Tochter von Fred Herzberg, der wegen seiner jüdischen Religionszugehörigkeit verfolgt wurde und 1939 Deutschland dank eines Kindertransportes verlassen konnte. Seine Familie jedoch musste er in Detmold zurücklassen.
Dazu schreibt die Stadt in einer Pressenotiz: "Tragischerweise war es ihm nicht möglich, seine Angehörigen ins rettende Ausland nachzuholen." Als sich 1941 die Grenzen schlossen, war damit auch das Schicksal der Familie Herzberg besiegelt - 14 Mitglieder starben in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten.
"Fred Herzberg war es nach diesen Ereignissen nicht mehr möglich, Deutschland zu besuchen", schreibt die Stadt weiter. Umso beeindruckender sei es, dass Tochter Joanne seit Jahren darum bemüht sei, den Spuren ihrer Familie nachzugehen. In der Hinterlassenschaft ihres Vaters, der 2008 starb, fanden sich mehr als 400 Briefe und Postkarten aus den Jahren 1939 bis 1942 sowie 1945 und 1946.
Dieser Fund sei für die historische Aufarbeitung des Holocaust in Lippe eine Sensation in Dichte und Aussagekraft. Seit geraumer Zeit gibt es den Plan, diese Briefe in einer kommentierten Fassung durch Gudrun Mitschke-Buchholz zu veröffentlichen. Bürgermeister Rainer Heller empfing jetzt Joanne Herzberg im Rathaus.
Beeindruckt von seinen Gästen und auch von dem Publikationsvorhaben sagte er spontan die Unterstützung der Stadt zu. Damit sei ein weiteres Stück der mehr als notwendigen Erinnerungsarbeit gewährleistet. Joanne Herzberg könne nun mit dem Gefühl, dass in angemessener Form das Schicksal ihrer Familie aufgearbeitet wird, nach St. Louis zurückkehren, ist abschließend zu lesen.
Bildunterschrift: Auf Spurensuche: Joanne Herzberg (links) trifft in Detmold Bürgermeister Rainer Heller, Gertrud Wagner (Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit) und Gudrun Mitschke-Buchholz (von links), die eine Sammlung von Briefen von Joanne Herzbergs Vaters veröffentlichen will.
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Am 26. September 2019 stimmte der Rat der Stadt Detmold, einem Antrag von Joanne Herzberg - für die Verlegung von fünf Stolpersteinen für Emilie Esther Frank, Moritz, Johanna, Gerda sowie Fritz Herzberg zu.
Am 4. Dezember 2017 wurde das - "Gedenkbuch für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Detmold" - der Historikerin Gudrun Mitschke-Buchholz aus Detmold, als digitale Fassung freigeschaltet.
Am 31. März 2011 hat der Rat der Stadt Detmold mehrheitlich den Beschluss gefasst, individuelle Formen des Erinnerns und Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus in der Stadt Detmold zu unterstützen.
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www.gedenkbuch-detmold.de
www.stadtarchiv.detmold.de
www.jg-hf-dt.de
www.gfcjz-lippe.de
19./20.06.2021
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