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Neue Westfälische - Gütersloher Zeitung , 22.05.2021 :

Kennzeichen GT / Der Dank gebührt den Steine-Schrubbern

Kommentar: Wie wichtig es ist, Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus zu setzen

Christian Bröder

Nein, in Gütersloh flog dieser Tage nicht ein einziger Stein auf Synagogen. Schon klar, schließlich gibt es hier kein derartiges Gebäude. Es sind auch keine Fahnen mit dem Davidstern verbrannt oder Pro-Palästina-Demos veranstaltet worden. Und "Scheiß Juden"-Rufe hallten markerschütternd in einigen Metropolen, aber nicht hier. Hier, in der kleinen Großstadt, sind in der vergangenen Woche drei Stolpersteine in Gedenken an jüdische Holocaust-Opfer mit blauer Farbe besudelt worden. Was ist das schon, könnte man sich fragen. Gemessen an den antisemitischen Vorkommnissen auf vielen Straßen in Deutschland, dort wo sich der Konflikt im Nahen Osten und der Hass zwischen Israelis und Palästinensern ungewöhnlich offen Bahnen gebrochen hat, erscheinen drei bemalte Steine in Gütersloh wie eine Kleinigkeit.

Noch dazu steht ein Zusammenhang ja gar nicht fest. Die Intention, warum die Stolpersteine bemalt wurden, bleibt offen. Wurden sie wirklich aus Juden-Hass besudelt? Oder steckt pure Gedankenlosigkeit dahinter? Wie auch immer, gibt der Vorfall zumindest Anlass, über die Wichtigkeit im Umgang mit Antisemitismus und Alltagsrassismus nachzudenken. Im Kleinen und im Verborgenen, da fängt es an. Gerade in einer eher ruhigen, kleinen Großstadt wie Gütersloh.

Zehn mal zehn Zentimeter groß sind die Messingplatten der Stolpersteine. Auf ihnen stehen Namen wie der von Erika Plaut. Ein Mädchen, das in der Gütersloher Feldstraße lebte, 1942 deportiert wurde und mit zwölf Jahren im Ghetto von Warschau ermordet wurde. 44 Tafeln erinnern in Gütersloh an die Opfer der Nationalsozialisten, verlegt an Orten, wo sie einst gelebt haben. Dort sind sie in die Erde gelassen, für manchen kaum sichtbar. Doch sie sind da und erinnern. Spätestens dann, wenn man über sie stolpert.

Drei von ihnen wurden nun mit blauer Farbe besudelt, die Opfer dadurch noch einmal geschändet. Der Staatsschutz hat zwar keine konkreten Anhaltspunkte für einen Zusammenhang zu den bundesweiten Vorkommnissen. Doch die Wirkung der Bemalung liegt auf der Hand. Insbesondere an Tagen, an denen das Thema Antisemitismus durch jede Talkshow geistert und an denen nur ein paar Kilometer weiter in Bielefeld und Herford Synagogen von Polizei rund um die Uhr bewacht werden müssen.

Nun kann man zu der Überzeugung gelangen, dass eine Tageszeitung den blauen Schmierereien vielleicht nur eine kurze, informelle Randnotiz einräumen sollte, um den vermeintlichen Tätern eben nicht die gewünschte große Bühne zu bieten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Grundsätzlich ist es wichtig, derartige Auswüchse auch in ihrer kleinsten Form aufzuzeigen und sich das Geschehen ins Gedächtnis zu rufen. Gegen das Vergessen. Erst recht in Zeiten wie diesen, die unter den Einflüssen der Corona-Pandemie ohnehin von Frust, Neid, Missgunst und Aggressivität geprägt sind.

Wie wichtig das ist, das zeigt auch ein Anruf, der diese Woche die NW in Gütersloh erreicht hat. Eine junge Frau, liiert mit einem Afrikaner, schildert bedrückende Formen des Umgangs mit ihnen. Sie spricht von subtilem Alltagsrassismus in Behörden. Davon, dass ihr Freund im Bus Sätze zu hören bekommt wie: "Lern erst einmal vernünftig Deutsch." Sie erzählt offen darüber, dass sie kurz davor seien, auf Grund dieser Dinge Gütersloh den Rücken zu kehren.

Solche Worte machen betroffen. Ob Rassismus oder Antisemitismus, beides eint die Menschenfeindlichkeit. Da ist es nur gut, dass es in Gütersloh Menschen gibt wie Manfred Makowski. Der Künstler und Grafiker hat diese Woche ein positives Zeichen gesetzt - mit einfachen Mitteln. Der 52-Jährige, der gerade mit Jugendlichen der Anne-Frank-Schule an einem Erinnerungsprojekt für jüdische Familien aus Gütersloh arbeitet, hat geschrubbt und gereinigt. Mit Farblöser, Baumwolltuch und Messing-Pflege hat Makowski die besudelten Stolpersteine von der blauen Farbe befreit. Es passt ins Bild, dass am Freitag Schüler der Elly-Heuss-Knapp-Schule weitere Stolpersteine in der Gütersloher Innenstadt geputzt haben, weil es ihnen ein besonderes Anliegen war. Starke Zeichen! Manfred Makowski handelte spontan. Ohne zu fragen. Er hat Verantwortung übernommen. Darum geht es ja im Prinzip: Einerseits das Wissen über die Vergangenheit wachzuhalten, andererseits nach vorne zu schauen und zu handeln - für eine gute Gegenwart und eine Zukunft im gegenseitigen, friedvollen Miteinander. Und auch das beginnt im Kleinen.

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Neue Westfälische - Gütersloher Zeitung, 18.05.2021:

"Stolpersteine" mit blauer Farbe besudelt

In der Gütersloher Innenstadt sind Gedenktafeln für Holocaust-Opfer verunreinigt worden / Nach antisemitischen Vorfällen in ganz Deutschland ist die Polizei besonders sensibel und kontrolliert verstärkt

Christian Bröder

Gütersloh. In der Innenstadt von Gütersloh haben unbekannte Täter drei "Stolpersteine" zum Gedenken an jüdische Opfer des Nationalsozialismus mit blauer Farbe besprüht. "Der Staatsschutz ermittelt, weil ein politisches Motiv nicht ausgeschlossen werden kann", erklärt Fabian Rickel (30), Pressesprecher der originär zuständigen Polizeibehörde in Bielefeld. Mehr ist am Montagnachmittag von dort nicht zu erfahren. Wann die Steine beschmutzt worden sind und von wem, das ist aktuell ungeklärt. Auch die Frage, ob die Verschmutzung im Zusammenhang mit den bundesweit aufgetretenen Antisemitismus-Problemen und anti-israelischen Protesten der vergangenen Tage stehen könnte, bleibt offen. Die in die Erde eingelassenen Messingtafeln sind in Gütersloh an 44 Orten verlegt, wo jüdische Menschen gelebt haben. Sie fallen ins Auge, in Tagen wie diesen vielleicht mehr denn je.

Polizei fährt neuralgische Orte im Kreis Gütersloh verstärkt an

Fakt ist: Die Kreispolizeibehörde Gütersloh in der Region ist auf Grund der jüngsten Vorkommnisse, die im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt stehen, besonders sensibilisiert und in erhöhter Wachsamkeit. In verschiedenen deutschen Städten waren vergangene Woche israelische Fahnen verbrannt worden, bei Solidaritätskundgebungen für die Palästinenser kam es zu antisemitischen Zwischenfällen. "Im Kreis Gütersloh ist es in dieser Hinsicht ruhig geblieben", sagt Katharina Felsch, Pressesprecherin der Kreispolizeibehörde. Dennoch werden im Kreis Gütersloh neuralgische Orte wie jüdische Gedenksteine oder Begräbnisstätten verstärkt angefahren und überwacht. Etwa der Neue Jüdische Friedhof in Gütersloh, der inmitten eines Wohngebietes in der Böhmerstraße liegt und öffentlich nicht zugänglich ist. 66 Grabstätten sind dort erhalten. Besondere Vorkommnisse hat es hier in den letzten Tagen und Wochen nicht gegeben.

Ruhig geblieben ist es auch am Gedenkstein vor dem Evangelisch Stiftischen Gymnasium an der Daltropstraße. Unweit dessen befinden sich die beschmierten Stolpersteine eingangs der Feldstraße. Auf einem steht: "Hier wohnte: Erika Plaut, Jahrgang 1930. Deportiert 1942. Ermordet im Ghetto Warschau". Dasselbe traurige Schicksal ereilte auch Else Plaut (Jahrgang 1895), geborene Meinberg, deren quadratischer Stein ebenso in das Pflaster des Gehwegs am Dreiecksplatz eingelassen ist wie der von Sophie Meinberg (Jahrgang 1864). "Deportiert 1942, Tod in Theresienstadt." Nach städtischen Angaben sind insgesamt 44 jüdische Holocaust-Opfer aus Gütersloh bekannt. Ab 1941 erfolgten ihre Deportationen in die Ghettos und Vernichtungslager, so dass es seit 1943 keine jüdische Gemeinde in Gütersloh mehr gibt.

Eine ältere Dame, "fast 90", wie sie sagt, und Anwohnerin der Feldstraße, erinnert sich am Montagvormittag an die drei Frauen, deren Gedenksteine beschmutzt worden sind: "Die haben früher in einem Fachwerkhaus gewohnt, das schon lange abgerissen ist." Dass dort, wo einst das Gebäude stand, drei "Stolpersteine" beschmiert worden sind, davon hat sie keine Notiz genommen. Auch einer Postbotin, die unweit der Stelle die Feldstraße passiert, ist die Verschmutzung der Steine nicht aufgefallen. Die Polizei hat nach dem Vorfall nun vorerst Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt. Die Beamten fuhren zudem am Montag alle anderen "Stolpersteine" in Gütersloh ab. Weitere sind demnach nicht geschändet worden.

Irith Michelsohn: "Viele Gemeindemitglieder sind sehr verängstigt."

"Das Ganze muss aber verfolgt werden. Es ist gut, dass der Staatsschutz ermittelt", bezieht Bürgermeister Norbert Morkes Stellung getreu der Devise "Wehret den Anfängen". In Gütersloh hat der Kölner Künstler Gunter Demnig im Jahr 2005 damit begonnen, die Stolpersteine zu verlegen. Die Aktion wurde 1992 ins Leben gerufen, um deportierter jüdischer Menschen zu gedenken, die in den Konzentrationslagern und Tötungsanstalten der Nationalsozialisten ermordet wurden. Die Gedenktafeln mit abgerundeten Ecken und Kanten liegen in insgesamt 26 Ländern und gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Für die 335 Mitglieder der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld, von denen 20 aus dem Kreis Gütersloh stammen, sind die Stolpersteine mehrheitlich "nicht die richtige Form des Gedenkens", wie ihre Vorsitzende Irith Michelsohn sagt. Gleichwohl registriere man deren Verschmutzungen oder Schändungen. "Das passiert immer wieder, auch in Bielefeld." Die in Israel geborene 67-Jährige, die zugleich als Generalsekretärin der Union Progressiver Juden in Deutschland fungiert, sitzt derzeit in einem Gemeindezentrum mit Synagoge in Bielefeld, das auf Grund der bundesweiten Vorkommnisse Tag und Nacht von der Polizei bewacht wird. "Viele unserer Gemeindemitglieder sind sehr verängstigt."

47 "Stolpersteine" erinnern in Rheda-Wiedenbrück an von Nationalsozialisten verschleppte und ermordete Mitbürger, dazu gibt es einen großen jüdischen Friedhof. Auf dem hat es zuletzt im Jahr 1997 einen schwerwiegenden Vorfall gegeben, als drei Minderjährige über 40 Grabsteine und Stelen zertrümmert und umgeworfen hatten. Ein antisemitischer Hintergrund konnte damals aber ausgeschlossen werden und auch aktuell gibt es in der Emsstadt in dieser Hinsicht keine Zwischenfälle. "Bei uns sind aktuell keine Schäden an Stolpersteinen zu verzeichnen", erklärt Martin Pollklas, Pressesprecher der Stadt. Die Mehrzahl der Steine liege in stark frequentierten Innenstadtlagen. Eine Vielzahl interessierter Bürger hätte sich bei der Verlegung der Gedenksteine engagiert. "Diese Menschen haben auch heute ein besonderes Auge auf diese Alltagsdenkmale." Die Kollegen des Bauhofs würden im Rahmen ihrer regelmäßigen Kontroll- und Reinigungstouren auch die Standorte prüfen und Verschmutzungen beseitigen.

Seit dem 15. Dezember 2016 hat auch Harsewinkel einen Stolperstein. Er erinnert an den 1876 im Ort geborenen Salomon Lorch, der 1941 deportiert und schließlich in Riga ermordet worden ist. An seinem Standort, dem Kirchplatz, sind jüngst aber ebenso wenige Probleme aufgetreten wie auf dem Jüdischen Friedhof an der August-Claas-Straße. "Keine besonderen Vorkommnisse", heißt es seitens der Stadtverwaltung, allerdings mit dem Verweis auf die polizeiliche Zuständigkeit. Den Staatsschutz in Bielefeld beschäftigen zunächst einmal die blau besudelten "Stolpersteine" aus Gütersloh.

Bildunterschrift: Diese drei "Stolpersteine" am Gütersloher Dreiecksplatz sind mit blauer Farbe verschmutzt worden. Dabei handelt es sich um die Gedenksteine für die jüdischen Bürgerinnen Erika und Else Plaut sowie Sophie Meinberg, die einst an der Feldstraße wohnten.

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Am 17. Mai 2021 wurde bekannt, dass in der Innenstadt von Gütersloh drei, für die jüdischen Bürgerinnen Erika und Else Plaut, sowie Sophie Meinberg verlegten Stolpersteine, mit blauer Farbe angesprüht wurden.

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22./23.05.2021

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