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Neue Westfälische - Paderborner Kreiszeitung , 18.05.2021 :

Der fast vergessene Hitler-Gegner

Der Geistliche Leo Allerbeck bezog während der NS-Zeit immer wieder klar Stellung / Bad Lippspringer retten ihren Vikar vor dem Konzentrationslager

Klaus Karenfeld

Bad Lippspringe. Sein Name ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Nur wenige Bad Lippspringer erinnern sich heute noch an Leo Allerbeck. Zeitzeugen beschreiben den einstigen Vikar der St. Martinsgemeinde als geradlinigen Menschen, der für seine klare und unmissverständliche Sprache bekannt war. Schon früh gehörte er zu den erklärten Kritikern des NS-Regimes. Wiederholte Verhöre und Haussuchungen waren die Folge. Als dem Geistlichen 1940 sogar die Einweisung in ein Konzentrationslager drohte, formierte sich in Bad Lippspringe deutlicher Protest.

Leo Allerbeck erblickte am 16. April 1900 als eines von elf Kindern in Langenberg das Licht der Welt. Die Reifeprüfung legte er im Jahr 1920 an einem Gymnasium in Beckum ab. Sein Theologiestudium führte ihn nach Paderborn, Münster und München. Am 7. August 1927 schließlich empfing Allerbeck im Hohen Dom zu Paderborn die Priesterweihe.

Es folgten Jahre, in denen er als Vikar tätig war. Die dritte und letzte Station auf diesem Weg war ab 1937 die St. Martinsgemeinde in Bad Lippspringe. Zu diesem Zeitpunkt stand Allerbeck bereits unter Beobachtung der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Seine NS-kritischen Predigten hatten den Argwohn des Regimes geweckt. Der Mann auf der Kanzel konnte sich gewiss sein, dass jede seiner Äußerungen von interessierter Seite mitgeschrieben wurde. Als Vikar von St. Martin zeichnete Leo Allerbeck auch für die katholische Jugend- und Erwachsenenarbeit verantwortlich. Auch hier machte der damals 40-jährige Geistliche keinen Hehl daraus, dass er den Nationalsozialismus als "gottlose Ideologie" ablehnte.

Im Herbst 1940 kam es zum fast schon erwartbaren Eklat. Der Bad Lippspringer Vikar hatte in einem Rundschreiben zu einer Männerkundgebung eingeladen. Darin warnte er eindringlich vor der Gefahr eines neuerlichen "Untergangs in die Barbarei".

Das von der Gestapo sichergestellte Schreiben konnte als Kampfansage verstanden werden. Wörtlich heißt es darin: "Wir wissen ja: Unsere heutige Welt ist krank. Die christliche Kultur des Abendlandes ist bedroht durch freigeistige und neuheidnische gottlose und gottfeindliche Strömungen. Deshalb muss alles erneuert werden in Christus."

Unterschrift von Heydrich persönlich

Das Schreiben löste laut Bericht der Gestapo "berechtigtes Aufsehen und eine starke Beunruhigung in der Bad Lippspringer Bevölkerung aus". Da Allerbecks Verhalten angeblich dazu geeignet war, "das Vertrauen des Volkes in die Staatsführung in weitem Maße zu untergraben", wurde er im Oktober 1940 festgenommen. Den Haftbefehl hatte der berüchtigte Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, persönlich unterschrieben. Beinahe wäre es noch schlimmer gekommen: Die Einweisung des Bad Lippspringer Vikars in ein Konzentrationslager stand offensichtlich unmittelbar bevor.

Die Verhaftung Allerbecks stieß in Bad Lippspringe auf völliges Unverständnis. So schreibt Wilhelm Hücker, Pfarrer von St. Martin, in seinem Jahresrückblick 1940: "Die Bewohner unserer Stadt, nicht nur die Katholiken, auch die Protestanten, sind über diese Maßregelung ganz empört."

Zwei Tage vor Weihnachten wird Allerbeck aus der Haft in Bielefeld entlassen. Ob das ein Zugeständnis an die aufgebrachte Bevölkerung von Bad Lippspringe war, lässt sich heute nicht mit Sicherheit sagen. Überliefert ist dagegen ein Vorfall, der sich laut Zeitzeugen im November 1940 zugetragen haben soll. Der NS-Ortsgruppenleiter zu dieser Zeit war ein Mann namens Käse.

Bekannte Siedlung in Rietberg

Als dieser eines Abends an seinem Schreibtisch saß, soll ihm ein Nachbar durch das offene Fenster zugerufen haben: "Du verdammter Käse, wenn du nicht dafür sorgst, dass unser Kaplan sofort zurück kommt, dann machen wir Quark aus dir!" Wie weiter berichtet wird, soll es auch eine Unterschriftenaktion zu Gunsten von Leo Allerbeck gegeben haben, an der sich etwa 300 Bad Lippspringer Bürgerinnen und Bürger beteiligten.

An Aufgaben mangelte es Allerbeck in der Folgezeit nicht. Während des Zweiten Weltkriegs war der Geistliche auch Lazarettpfarrer in Bad Lippspringe. In dieser Zeit leistete er 900 lungenkranken Soldaten seelischen Beistand. Über seine Haftzeit in Bielefeld hat Leo Allerbeck nicht viel gesprochen, ebenso wenig über die drei Haussuchungen und die fünf Verhöre durch die Gestapo. 1946 verließ er die Badestadt und wurde Pfarrer in Rietberg. Hier trat er mit Nachdruck gegen die weit verbreitete Wohnungsnot an. Mit Erfolg: 1950 entstand in Rietberg eine Wohnsiedlung mit 20 Häusern, die in Erinnerung an Leo Allerbeck im Volksmund nur "Leo-Siedlung" genannt wurde.

Allerbecks Verbindung nach Bad Lippspringe aber riss auch in den folgenden Jahrzehnten nie ab. Seine letzte Station als Rector ecclesiae führte ihn 1960 zum örtlichen Heilig-Geist-Krankenhaus. 1966 trat er in den Ruhestand. Die letzte und einzige Ehrung wurde ihm acht Jahre später durch die Ernennung zum Geistlichen Rat h.c. zuteil.

Leo Allerbeck starb am 27. August 1977. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Schwesternfriedhof von Heilig Geist. In den folgenden Jahren gerieten Leben und Wirken des couragierten Gottesmanns in Vergessenheit. Eine offizielle Würdigung blieb bis heute aus.

Bildunterschrift: Eines der seltenen Fotos, auf denen Leo Allerbeck abgebildet ist. Das Bild entstand 1953.

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Am 15. Oktober 1940 wurde der Hitler-Gegner Leo Allerbeck - seit 1937, Vikar der St. Martinsgemeinde in Bad Lippspringe - auf Grund eines (von Reinhard Heydrich unterschriebenen) Haftbefehls festgenommen.

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www.paderborn.de/bildung-universitaet/bibliotheken_archive/109010100000170622.php

www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/a-b/308-bad-lippspringe-nordrhein-westfalen

www.stolpersteine-bad-lippspringe.de


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