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Neue Westfälische - Gütersloher Zeitung ,
17.05.2021 :
Eine Masche von Verschwörung?
Das soziale Leben ist durch Corona zum Stillstand gekommen / Selbsternannte "Skeptiker" gehen deswegen auf die Straße / Konfliktforscher Jonas Rees erklärt deren Motive
Christian Geisler
Kreis Gütersloh. Seit dem Sommer vergangenen Jahres protestieren überall im Land selbsternannte "Skeptiker" gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Allein im Kreis Gütersloh sind seit Beginn der Pandemie bereits annähernd 50 solcher Demonstrationen bei der Polizei angemeldet worden. In der Regel handelt es sich um heterogene Bewegungen, denen oft vorgeworfen wird grundsätzliches Misstrauen gegenüber Politikern, Wissenschaftlern und Medien zu haben. Eine Pressemitteilung der Initiatoren der Kundgebungen in Gütersloh unterfüttert das. Demnach haben Teilnehmer der Corona-Demos "eine andere Wahrnehmung hinsichtlich des Pandemie-Weltgeschehens und ein anderes Wissen dazu".
Michael Hönsch ist vorübergehend Versammlungsleiter der "Lichterspaziergang"-Bewegung in Gütersloh gewesen. Deren Teilnehmer treffen sich immer montags in der Dalkestadt auf dem Berliner Platz, machen einen Spaziergang sowie eine Anschlusskundgebung. Im Gespräch erklärt Hönsch: "Für die meisten von uns ist der Corona-Virus eine besondere Form der Grippe, die ihre Tücken hat."
Auf Anfrage dieser Zeitung erklärt Jonas Rees vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld wie es zu Verschwörungstheorien wie der genannten Herabspielung der Gefahr der Corona-Pandemie überhaupt kommen kann. Er erklärt: "Verschwörungserzählungen haben eine lange Tradition und entstehen dann, wenn Menschen sich mit einer fundamentalen Verunsicherung von außergewöhnlicher Bedeutung konfrontiert sehen."
Generell gebe es viele Personen, die "seit einem Jahr vor den Trümmern ihrer Existenz" stehen. Diese Menschen seien ohnmächtig, frustriert und wütend zugleich. Diese Machtlosigkeit, gepaart mit Sorge und Wut, könne einen Nährboden für Verschwörungstheorien bilden, so auch die der so genannten Corona-Skeptiker. Die schlecht anlaufende Impf-Kampagne der Bundesregierung befeuere den Frust zusätzlich und bestätige womöglich sogar zurechtgelegte Ideologien einzelner.
Es gebe aber auch andere Motive, die Menschen zu einem Verschwörungstheoretiker werden lassen. "Das Bedürfnis nach Einzigartigkeit ist ganz zentral. Es ist ein psychologisches Motiv. Getreu dem Motto: "Ich verfüge über exklusives Wissen und das macht mich besonders."" Menschen die große Unsicherheit erleben, seien dafür besonders empfänglich, so Rees.
Das Corona-Virus ist mit dem Auge nicht zu sehen und sei für uns alle nur schwer zu begreifen. "Verschwörungserzählungen helfen dabei Dinge zu verstehen, die eigentlich nicht zu verstehen sind. Vom unsichtbaren Abstrakten geht es dann hin zu etwas konkretem. So werden beispielsweise Angela Merkel, Jens Spahn oder Bill Gates für die Pandemie verantwortlich gemacht."
Gleichwohl möchte der Forscher den Demonstranten in Rietberg , Gütersloh und Schloß Holte-Stukenbrock nicht kollektiv unterstellen, Corona-Leugner zu sein. "Das wäre viel zu einfach", sagt Rees und verweist auf die Heterogenität demonstrierender Gruppen. "Man wird vermutlich das komplette politische Spektrum wiederfinden: Linke, alternative Mediziner aber eben auch extrem Rechte, die gewaltbereit sind. Aus diesem Grund rate ich jedem Demonstrierenden, sich genau anzuschauen, neben wem man da gerade auf der Straße steht."
Jonas Rees habe Verständnis für den "nachvollziehbaren Frust" vieler Gruppen. "Es ist aber immer die Frage, wie man damit umgeht. Habe ich mich wirklich für den demokratischen Diskurs entschieden?"
Gerade weil viele Gruppen der Corona-Skeptiker in Deutschland von Rechtsextremen unterwandert seien, könne man eine grundsätzliche Gewaltbereitschaft nicht ausschließen. Es bestehe die "handfeste Gefahr", dass rechtsextreme Ideologien an die Verschwörungstheorien anknüpfen. Denn "letztlich ist die Ähnlichkeit mit rechtsextremen Erzählungen vorhanden. Es gibt die Guten, die Bösen und einen spannenden Plot, der um die vermeintliche Verschwörung herum aufgebaut wird. Die Helden bekämpfen dann die Verschwörung." All das, so der Forscher, müsse aber nicht zwingend bedeuten, dass es in Zukunft auch zu Gewaltausbrüchen solcher Gruppen im Kreis Gütersloh kommt. Aber: "Man muss sich das immer wieder genau angucken."
Bislang, das bestätigt Polizeisprecherin Katharina Felsch, sind alle angemeldeten Corona-Demonstrationen im Kreis Gütersloh friedlich verlaufen. Es sei lediglich zu einzelnen "kleineren" Corona-Verstößen gekommen.
Bildunterschrift: Im Kreis Gütersloh hat die Anzahl an Anti-Corona-Demonstrationen, wie hier der Lichterspaziergang am 19. April in Rietberg, deutlich zugenommen.
Bildunterschrift: Jonas Rees vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.
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Neue Westfälische - Gütersloher Zeitung, 08./09.05.2021:
Was treibt die Menschen auf die Straße?
Im Kreis Gütersloh protestieren in den nächsten Tagen bei fünf Anti-Corona-Demonstrationen Bürger gegen die Pandemie-Maßnahmen / Der Lichterspaziergang-Bewegung fehlte zuletzt einer ihrer führenden Köpfe
Christian Bröder
Gütersloh. Seit Beginn der Pandemie sind im Kreis Gütersloh fast 50 Demonstrationen im Zusammenhang mit Corona-Protesten angemeldet worden. "Wir verbuchen hierbei einen deutlichen Anstieg", erklärt Katharina Felsch, Pressesprecherin der Kreispolizeibehörde. Nach sechs Kundgebungen im Jahr 2020 hat sich die Anzahl im laufenden Jahr auf 41 Veranstaltungen erhöht. Auch an diesem Wochenende gehen in der Region wieder Menschen gegen die Covid-19-Politik der Bundesregierung und die Schutzmaßnahmen auf die Straße. Von Samstag bis Dienstag finden insgesamt fünf Veranstaltungen statt, die offiziell angemeldet worden sind.
Bei der größten Kundgebung werden am Muttertag in Rietberg 250 Teilnehmer erwartet, die zwischen 14 und 17 Uhr vom Zentralen Omnibusbahnhof aus mit Lautsprechern, Transparenten und Bollerwagen durch die Stadt ziehen wollen. Unter dem Motto "Mit Mutti gegen "Mutti"", zu verstehen als Affront gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel, hat ein aus Bürgern der Regionen Bielefeld, Lippe, Paderborn und Rietberg formiertes Bündnis "OWL-Treff BiLiPaRi" auch über die Sozialen Netzwerke zu der Veranstaltung eingeladen. Es soll ein "Spaziergang für Grundrechte, Freiheit und Gesundheit für alle von den Corona-Schutzmaßnahmen Betroffenen" durchgeführt werden. Dieser Slogan, unter dem auch der so genannte Rietberger Lichterspaziergang am 19. April lief, wird in der Regel von der Gütersloher Lichterspaziergang-Bewegung genutzt.
Bereits 23 Lichterspaziergänge in Gütersloh
Diese hatte sich am vergangenen Montag bereits zum 23. Mal zusammengefunden, um gegen die Corona-Maßnahmen und die Notbremse der Bundesregierung auf die Straße zu gehen. Etwa 180 Teilnehmer nahmen an einem gut 60-minütigen Fußmarsch durch das Stadtgebiet und der anschließenden Kundgebung auf dem Berliner Platz teil. Was Ende 2020 als Lichtermarsch gestartet ist, war nun als "Spaziergang für alle von den Corona-Schutzmaßnahmen Betroffenen, Grundrechte ... " angemeldet. Die NW war vor Ort: Nicht unter den Teilnehmern der Demonstration ist diesmal wie auch in der Woche davor einer der Köpfe der Initiative gewesen - die Gütersloherin Maria Eing.
Die gelernte Krankenschwester und Fachkraft einer Kita ist bislang, unter anderem bei Facebook, als Versammlungsleiterin und Sprecherin öffentlich in Erscheinung getreten. Quasi ein Gesicht der Kundgebungen, deren Teilnehmer im Gros aus "Corona-Skeptikern" bestehe, wie Michael Hönsch es passend formuliert findet. Der 54-Jährige vertritt Maria Eing am vergangenen Montag als Versammlungsleiter. Warum das nötig ist? "Sie ist erkrankt. Sie hat ein Kratzen im Hals und einen leichten Schnupfen", erklärt Hönsch. Im Vorfeld der Kundgebung verbreitete Gerüchte, nach denen Eing an Corona erkrankt sei und sich im Krankenhaus befinden solle, streitet ihr Stellvertreter ab. "Nein, das ist nicht der Fall. Sie liegt nicht im Krankenhaus und ist definitiv zu Hause."
In einem Mail-Austausch mit der NW äußert sich Maria Eing am Mittwochmorgen kurz persönlich: "Zu meiner Gesundheit beziehe ich keine Stellung." Weitere Fragen bleiben unbeantwortet. In ihrer Abwesenheit machen bei der Demo zu Wochenbeginn deutlich mehr Menschen vom Grundrecht der Versammlungsfreiheit Gebrauch als noch in den Anfängen. Diesmal sind 160 Teilnehmer angemeldet. "Mit 13 Personen hat es mal angefangen", erinnert sich die Polizeihauptkommissarin, die an diesem Abend als Einsatzleiterin vor Ort ist.
Seit dem 7. Dezember treffen sich montags in Gütersloh Menschen, um gegen die aus ihrer Sicht überzogenen Schutzmaßnahmen und die Einschränkung ihrer Grundrechte zu protestieren. Außer der Reihe ist für diesen Samstag eine Mahnwache auf dem Gütersloher Dreiecksplatz mit 16 Beteiligten angemeldet worden. Zudem ist von Privatpersonen für kommenden Montagabend in Rietberg am ZOB eine weitere Kundgebung geplant sowie am nächsten Dienstag in Schloß Holte-Stukenbrock.
Die Gründe, die die Menschen auf die Straße treiben? Man wolle Solidarität mit denen bekunden, die von den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie betroffen seien, erklärt Michael Hönsch seine Sicht der Dinge. Er sagt, dass es nicht hinnehmbar sei, dass man "so viele Maßnahmen auferlegt" bekäme und dass so viele Menschen ihren Job verlieren würden. Er sagt auch, wie er Corona betrachtet: "Für die meisten von uns ist es eine besondere Form der Grippe, die ihre Tücken hat."
Die Teilnehmer des Gütersloher Spaziergangs, laut einer vormals veröffentlichen Pressemitteilung "Bürger, die eine andere Wahrnehmung hinsichtlich des Pandemie-Weltgeschehens und ein anderes Wissen dazu haben", sind in der vergangenen Woche von der Martin-Luther-Kirche aus eine Stunde lang über die Neuenkirchener Straße und Hohenzollernstraße zurück zum Ausgangspunkt spaziert.
Auf dem Berliner Platz findet die Abschlusskundgebung statt. Einige wenige tragen keinen Mund- und Nasen-Schutz. "Diese haben aber in der Regel ein Attest auf Befreiung von der Masken-Pflicht", erklärt die Polizistin. Drei Einsatzwagen und ein Mountainbiker begleiten die Protestler. Die Bilanz aus Sicht der Beamten: "Es gab keine Unruhen oder Auffälligkeiten, man hat sich an die Vorgaben gehalten."
Das sei aus Sicht der Kreispolizeibehörde auch die generelle Wahrnehmung, sagt Katharina Felsch: "Grundsätzlich halten sich die Teilnehmer der Demos an die Absprachen. Aber wir gucken ganz genau hin, und Verstöße werden von uns, gemeinsam mit den Kollegen vom Ordnungsamt, geahndet."
Auch für nächsten Montag ist wieder eine Veranstaltung in Gütersloh angemeldet. Erwartet werden zwischen 18 und 19.30 Uhr auf dem Berliner Platz 160 Teilnehmer. Es soll wieder demonstriert werden, "friedlich, aber bestimm"“, sagt Michael Hönsch noch. Und dass er seinen Posten als Versammlungsleiter dann vermutlich wieder los sei.
Bildunterschrift: Im Kreis Gütersloh hat die Anzahl an Anti-Corona-Demonstrationen, wie hier der Lichterspaziergang am 19. April in Rietberg, deutlich zugenommen. Fast 50 Veranstaltungen sind seit Beginn der Pandemie angemeldet worden.
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Für den 18. Mai 2021 ist eine weitere Versammlung, der extrem rechten Pandemie-Leugnenden von "Wir für SHS", die "Reichsbürger" eingeschlossen, vor dem Rathaus in Schloß Holte-Stukenbrock angekündigt.
Für den 17. Mai 2021 war in Gütersloh (18.00 bis 19.30 Uhr) der indes 25. "Lichterspaziergang" gegen die Corona-Schutzmaßnahmen - mit einer anschließenden Kundgebung auf dem Berliner Platz - angekündigt.
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