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Neue Westfälische - Herforder Kreisanzeiger ,
15.05.2021 :
Kontroverse um Corona-Sprüche
Hinter seinen Autoscheiben kleben Zettel mit provokanten Aussagen zur Pandemie / Für Dimitrij Rekling ist das ein Experiment der Meinungsfreiheit / In seinem Job hat das aber Konsequenzen
David Knapp
Hiddenhausen. Ist Dimitrij Rekling ein Corona-Leugner? Ein Verschwörungsgläubiger? Ein Querdenker? Nein, sagt der 33-Jährige aus Oetinghausen. Er wolle lediglich zum Nachdenken anregen und herausfinden, wie es um die Meinungsfreiheit bestellt ist. Beim Evangelischen Johanneswerk, Träger des Altenheims Haus Stephanus, sieht man das anders. In der Einrichtung in Lippinghausen dürfen Rekling und seine Freundin Ilka Hein nicht mehr arbeiten. Man macht Gebrauch vom Hausrecht. Wie ist es dazu gekommen?
Rekling ist gelernte Pflegefachkraft. Fast ein Jahrzehnt sei er in dem Job in unterschiedlichen Einrichtungen tätig gewesen. "Ich hab immer Vollgas gegeben." Er habe sich reingehängt und bis zur Belastungsgrenze gearbeitet, sagt er über diese Zeit. Im Zuge der Corona-Pandemie geraten bei ihm jedoch Gewissheiten ins Wanken. "Ich habe schon eingesehen, dass man alte Leute schützen muss", erklärt er seine Ansicht. Die Existenz des Virus würde er nicht in Abrede stellen. Allerdings hadert er mit den Maßnahmen, die zur Eindämmung der Pandemie getroffen werden. Auf seiner Arbeit habe er gesehen, wie Menschen "regelrecht eingesperrt" wurden und die Versorgung auf Grund der Sorge vor Infektionen vernachlässigt wurde. "Ich war am Ende mit meinen Nerven und habe mir gesagt: Jetzt mache ich die Schnauze auf."
"Lass doch deine Meinung bei dir", habe es geheißen
Auf der Arbeit eckt er damit an. "Lass doch deine Meinung bei dir", habe es geheißen. Der Gesundheitssektor steht da schon - auf Grund der Pandemie - unter besonderer Beobachtung der Öffentlichkeit. Rekling hatte sich bereits vor einigen Jahren überlegt, sich etwas Eigenes aufzubauen. Er kehrt seiner bisherigen Arbeit den Rücken und macht sich mit seiner Freundin Ilka Hein selbstständig. In den Alten- und Pflegeheimen der Umgebung werben sie als Fußpfleger für ihre Dienstleistung.
Unter anderem finden sie in Haus Stephanus Kundschaft. "Das lief super", meint der 33-Jährige. Allerdings wird die Zusammenarbeit nach wenigen Wochen Ende April mit einem Anruf beendet. Zwei Tage zuvor war das Pärchen noch vor Ort. Anders als bei den vorangegangenen Terminen parkt Rekling sein Auto da aber direkt vor der Einrichtung.
Hinter die Scheiben hat er Zettel mit provokanten Sprüchen geklebt, die aus seiner Meinung keinen Hehl machen: "Dumm, dümmer, Corona" oder "Weißt du nix und bist du hohl, dann hast du Angst vor Aerosol." Die Sprüche erinnern an Querdenken-Demonstrationen. Mit denen könne sich Rekling laut eigener Aussage aber nicht identifizieren: "Das ist ein Demokratie-Experiment, ein Experiment der Meinungsfreiheit. Wir können nicht alle der gleichen Meinung sein", meint der 33-jährige Oetinghauser.
Die Konsequenz aber daraus ist: Rekling und Hein erhalten am Telefon Hausverbot. Das Altenheim dürfen sie nicht mehr betreten.
Mit Haus Stephanus haben die beiden keinen Vertrag, erklärt Claudia Schröder, Sprecherin des Evangelischen Johanneswerks. Schließlich dürften sich die Bewohner selbst aussuchen, wer ihnen die Füße behandelt. Ein Arbeitsverhältnis besteht nicht, kann also auch nicht durch Vertragsaufhebung beendet werden. "Wir haben aber von unserem Hausrecht Gebrauch gemacht", sagt sie.
Altenheime waren besonders von Corona betroffen
Die älteren Männer und Frauen seien hoch gefährdet. "Wir haben diese Menschen zu schützen. Und wenn wir den Eindruck haben, dass sie es nicht ernst nehmen, müssen wir vorsichtig sein", erklärt die Sprecherin die Beweggründe der Entscheidung.
Es handle sich deshalb um eine präventive Maßnahme. Schröder erinnert zudem daran, dass es vor allem diese Einrichtungen waren, die besonders unter der Pandemie zu leiden hatten. "Die Alten- und Pflegeheime waren sehr stark betroffen. Das erfordert besondere Sensibilität." Wie in der Neuen Westfälischen berichtet, hat es auch in Haus Stephanus im Winter Todesfälle in Zusammenhang mit dem Virus gegeben.
Fußpflegerin Ilka Hein habe die Entscheidung der Einrichtung hart getroffen, wie die 31-Jährige erklärt. "Ich war fix und fertig und habe angefangen zu heulen." Ihr Freund steht den Corona-Maßnahmen weiterhin skeptisch gegenüber, auch von der Masken-Pflicht hält er nicht viel. "Wir haben uns aber an alle Regeln gehalten und wollten nur unsere Arbeit mache"“, sagt Hein. Masken-Pflicht und alle Hygiene-Vorschriften seien beachtet worden.
Man habe nicht einmal mit den Bewohnern über das Thema gesprochen. Das Evangelische Johanneswerk bestreitet das nicht. Es habe keine Beschwerden hinsichtlich mangelnder Hygiene-Maßnahmen oder aggressivem Verhalten gegeben. Allerdings ließen die Sprüche darauf schließen, dass die Gefährdung durch das Virus nicht ernst genommen werde.
Im Nachgang könne Ilka Hein nicht verstehen, warum man nicht noch einmal über das Thema hätte sprechen können. "Für jedes Problem gibt es eine Lösung." Doch mittlerweile habe man die Angelegenheit abgeschlossen. Bleibt die Frage, ob Dimitrij Rekling weiterhin auf Kosten seines Jobs Corona-Maßnahmen kritisieren wird? Ja, sagt er. "Ich will niemanden schlecht machen. Aber man muss Angst haben, seine Meinung zu sagen. Denn dann wird man benachteiligt." Deshalb wird er weiterhin die Zettel hinter seinen Autoscheiben kleben lassen. Das sei es ihm wert.
Bildunterschrift: Dimitrij Rekling hat hinter die Scheiben seines Autos Zettel mit polemischen Corona-Sprüchen geklebt.
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Am 15. Mai 2021 publizierte die "Neue Westfälische" über Dimitrij Rekling und Ilka Hein - welche in einem Altenheim in Lippinghausen, wegen polemischer Corona-Sprüchen nicht mehr arbeiten (Fußpflege) dürfen.
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www.gegenrechts.info
15./16.05.2021
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