www.hiergeblieben.de

Neue Westfälische - Gütersloher Zeitung , 12.05.2021 :

Ein großer Tag - davon geblieben ist nichts

Heute vor 125 Jahren wurde das Kriegerdenkmal auf dem Dreiecksplatz enthüllt / Es drückte die große vaterländische Begeisterung der Gütersloher aus, doch dann kamen die Nazis

Ludger Osterkamp

Gütersloh. Dicht an dicht standen sie. So nah beieinander, dass man aus dieser Perspektive, von schräg oben, kaum erkennen kann, dass es sich um eine gewaltige Ansammlung von Menschen handelte. Helle, sonnenbeschienene Hüte sind im Vordergrund zu erkennen, davor, in dunkler Kleidung, die Uniformierten und weiter hinten Menschen über Menschen. Der Grund des Andrangs? Steht in der Mitte eingefriedet auf einem Sockel und ist allenfalls zu erahnen.

Es ist ein beeindruckendes Foto, das das Stadtarchiv da im Fundus hat. Es dokumentiert ein Großereignis. Heute vor 125 Jahren, am 12. Mai 1896, war die ganze Stadt auf den Beinen, um der Enthüllung des Kriegerdenkmals auf dem Dreiecksplatz beizuwohnen. Schulen waren geschlossen, Fabriken dicht gemacht worden - all das, um den Kaiser zu feiern und einer nationalistischen Aufwallung ihren Lauf zu lassen. So groß, so wuchtig begingen sie diesen Tag - und fast nichts davon ist geblieben; nichts bis auf einen 40 Zentimeter hohen Granitblock, den die Stadt mehr als Sitz für eisschleckende Kinder und Bühnenpodest denn als Reminiszenz an glorreiche Zeiten dorthin gesetzt hat.

Das Kriegerdenkmal, diese beiden bronzenen Soldaten auf marmornem Sockel, gibt es nicht mehr. Man hat es eingeschmolzen. Als das Militär der Nazis nach Rohstoffen für die Rüstung rief, war sein Schicksal besiegelt. Dass die Gütersloher dort ihre vaterländischen Feste feierten, den Platz für Aufmärsche nutzten, das Denkmal als Erinnerung für glorreiche Schlachten stand: All das spielte keine Rolle mehr.

52 Gütersloher zogen gegen Dänemark, um sich Schleswig zurückzuholen

Dabei war die Sehnsucht nach einem patriotischen Zeugnis so hoch gewesen. An die Gefallenen dreier Kriege sollte das Denkmal erinnern. 1864 waren 52 Gütersloher mit Preußen und Österreichern gegen Dänemark gezogen, um sich Schleswig zurückzuholen; nur zwei Jahre später, 1866, schlugen sich 177 Gütersloher mit den zuvor verbündeten Österreichern, um Preußen zur Dominanz zu verhelfen; 1870 / 1871 zogen 267 Rekruten aus Stadt und Land in den Feldzug gegen Frankreich. Drei Kriege, drei Siege. Warum die Pläne für das Denkmal dennoch immer wieder scheiterten und es 25 Jahre bis zur Enthüllung 1896 dauerte, ist den städtischen Annalen nicht zu entnehmen.

Erst ein Spendenaufruf verhalf der Angelegenheit zum Durchbruch. Angesehene, finanzkräftige Bürger vereinten sich mit Handwerkern und Arbeitern in einem Komitee, das rasch eine solche Summe zusammentrug, dass die Stadtverordneten gar nicht anders konnten, als bereitwillig zuzustimmen. Der Auftrag ging an Ferdinand Lepcke, einen Bildhauer aus Berlin. Lepcke schuf ein Monument aus Kupferbronze; "es bringt einen von der Kugel tödlich getroffenen Krieger zur Darstellung, welchem im Niedersinken ein anderer Krieger die andere Fahne aus der Hand nimmt, damit mutig vorwärtsstürmend", so steht es in der Einladung an den Oberpräsidenten der Provinz Westfalen zur Enthüllung beschrieben.

Der Reporter der Zeitung berichtet mit überquellendem Patriotismus

Dieser Tag, siehe Foto, war ein besonderer: Die Neue Gütersloher Zeitung berichtete schwärmerisch und mit überquellendem Patriotismus: "Ein Freudenstrahl, glanzvoll und sonnenscheinig, ging durch unsere in schönstem Fahnenschmuck prangende Stadt. Es galt das herrliche Denkmal zu weihen und zu enthüllen, das dem Opfersinn und der glühenden Vaterlandsliebe der Einwohner von Stadt und Land seine Entstehung verdankt. Es war ein denkwürdiger Tag, ein großer Tag, der wert ist, in der Geschichte unserer Stadt mit goldenen Buchstaben verzeichnet zu werden ... "

Ab 6 Uhr morgens hatten die Kirchen mit Glockengeläut den Beginn des Festtages verkündet. Der Jünglingsverein brachte Choralmusik vom Turm der Neuen Kirche (heute: Martin-Luther-Kirche) dar, die Schulen und Fabriken stellten um 9 Uhr ihren Betrieb ein. Auf dem Dreiecksplatz fand sich eine ungeheure Menge ein. Als Regierungspräsident von Arnstedt um 11.19 Uhr am Bahnhof eintraf und sich der Festzug, begleitet von Veteranen, Honoratioren und Ehrengästen, in Marsch setzte, erklangen Böllerschüsse und Kirchengeläut. Reden wurden gehalten, Lieder gesungen. Schließlich fiel unter lautem Hurra die Hülle - das Signal für die Gesangvereine, das Lied "An Alldeutschland" anzustimmen.

Es oblag Bürgermeister Emil Mangelsdorf, neben dem enthüllten Monument die erste Rede zu halten. Die Neue Gütersloher Zeitung gab sie wörtlich wieder: "Mit dem Gedanken an die errungenen Siege sind die schmerzlichsten Erinnerungen in allen deutschen Gauen verknüpft. Ströme von Blut im Kampf geflossen! Tausende von deutschen Söhnen sind in blühender Jugendkraft dahin gesunken, tausende ruhen auf dem Felde der Ehre in fremden Landen, tausende sind nach langem Schmerzenslager auf heimischem Boden zum letzten Schlaf gebettet. Sie alle sind die edle Saat, aus der die Ernte, das deutsche Kaisertum, das deutsche Reich und mit ihm die deutsche Einheit erblüht ist. Die dankbare Heimat will die Ehrenschuld gegen ihre Heldensöhne, die nie verjähren und nie erlöschen kann, in würdiger Weise einlösen, darum sind die Namen unserer treuen Toten, 36 an der Zahl, in Marmor am Denkmal eingegraben; sie sollen in goldenen Buchstaben der dankbaren Nachwelt erhalten bleiben, ihr Gedächtnis soll fortleben von Geschlecht zu Geschlecht."

Was folgte - war ein Taumel, der erst um 21 Uhr sein Ende fand. Kränze wurden gelegt, Ansprachen gehalten, ein Umzug mit sieben Musikkapellen gebildet. Um 14 Uhr zogen 500 Menschen in die geschmückten Säle der Witwe Zurmühlen ein, um das Festessen einzunehmen und den Tischreden zu lauschen. Bis in den Abend zog sich das Bankett, bis es an Feldoffizier und Fabrikbesitzer Tenge von Holte war, das letzte Hoch auf den Fürsten Bismarck auszubringen - was die Tafelrunde sogleich ermunterte, dem Fürsten ein Telegramm von diesem prächtigen Tage zu schicken, desgleichen eines an seine Majestät, den Kaiser und König in Berlin.

Und der Erbauer des Denkmals, Lepcke? Hatte Mühe, auf seine Kosten zu kommen. Die 13.000 Mark, die ihm das Festkomitee gewährt hatte, waren fast vollständig in Auslagen und Unkosten aufgegangen, wie Lepcke mit Rechnungen zu belegen wusste. Zwei Monate nach Enthüllung des Denkmals trug er in zwei Schreiben an Bürgermeister Mangelsdorf seine finanzielle Not vor, "denn ich habe bei der Ausführung des Auftrages nicht an mich gedacht, sondern meine ganze Aufmerksamkeit, mein ganzes Sinnen, darauf gerichtet, der Stadt ein künstlerisch vollendetes, auf das sorgfältigste ausgeführte Monument zu liefern". Lepcke bat um weitere 4.000 Mark, da ihn die Arbeit mehrere Monate voll beansprucht habe, eine Zeit, in der er doch sonst nichts verdienen konnte und gleichwohl die Kosten seines Ateliers zu tragen gehabt habe. Und siehe da: Der Bürgermeister ließ sich erweichen und bewilligte ihm eine "Extragratifikation" aus der Stadtkasse - läppische 300 Mark. Lepcke antwortete stilvoll, aber enttäuscht. Ihn derart abzuspeisen, hätten sich die Gütersloher in späteren Jahren nicht mehr erlauben dürfen: Aus dem 1866 geborenen Bildhauer wurde ein bedeutender Künstler, ein Träger mehrerer Preise und Orden, ein Professor und Mitbegründer des Berliner Künstlervereins. Werke von ihm stehen in Berlin, in der Wittenberger Schlosskirche, in Coburg und anderen Orten.

Nach dem Abbruch lagern die Figuren monatelang in der Halle der Brauerei

Doch viele sind eingeschmolzen oder verschollen. Lepcke, 1909 verstorben, bekam das nicht mehr mit. Vergeblich hatten die Gütersloher versucht, das Einschmelzen abzuwenden. Schon im Ersten Weltkrieg, April 1917, äußerte die Vernichtungsmaschinerie ihren Hunger auf Rüstungsgut. Die Kriegsrohstoffstelle forderte die Stadt auf, sie möge alle Bildwerke aus Bronze und Kupfer, soweit nach 1850 errichtet, dem Kommando melden. Der städtische Magistrat tat wie befohlen: Er meldete das Kriegerdenkmal - Metallgewicht 350 bis 450 Kilo - und den Zierbrunnen mit Wasserspeier auf dem Rathausplatz, drei bis vier Kilo.

Der Wasserspeier ging weg. Mit der Metallmobilmachungsstelle in Berlin handelte die Stadt eine Entschädigung von zwölf Mark pro Kilo aus. Beim Kriegerdenkmal dagegen ließ sie nicht mit sich feilschen: 13.500 Mark, basta! In seinem Schreiben nach Berlin begründete der Magistrat das beinah emotional: "Die Figurengruppe stellt zwei Landwehrmänner des westfälischen Infanterie-Regimentes Nr. 15 in Minden dar. Bei diesem Regiment haben immer die Gütersloher gedient und alle militärischen Erinnerungen sind eng damit verknüpft. Das Denkmal ist das einzige unserer Gemeinde von 20.000 Seelen, und es hat sich im Laufe der Jahre die Sitte herausgebildet, daß alle vaterländischen Feiern und Kundgebungen auf dem Platze vor dem Denkmal veranstaltet wurden. Die hiesige, sehr vaterländisch gesinnte Bevölkerung würde es mit besonderer Dankbarkeit und Freude begrüßen, wenn die Kriegs-Rohstoff-Abteilung von der Beschlagnahme und Enteignung der Denkmalsgruppe Abschied nehmen könnte."

Ob das Schreiben, abgeschickt am 24. Oktober 1918, Eindruck hinterließ, ist unklar: Kurze Zeit später war der Krieg ohnehin vorbei.

Doch mehr als einen Aufschub hatte Gütersloh nicht gewonnen. Mit dem Zweiten Weltkrieg erwachte der Hunger des Militärs erneut. Gelang es Bürgermeister Josef Bauer (NSDAP) und Magistrat im Mai 1940 noch, eine erste Anfrage abzuwenden, war gegen einen Runderlass des Reichsinnenministers zwei Jahre später nichts mehr auszurichten. "Zur Verstärkung der Rüstungsreserve seien die Denkmäler aus Kupfer und Bronze über die bisherige freiwillige Ablieferung hinaus zur Verfügung zu stellen", hieß es. Am 8. Juni 1942 - der Dreiecksplatz hieß inzwischen Horst-Wessel-Platz - entschied der Gemeinderat, der Anordnung Folge zu leisten und das Denkmal samt Sockel zu entfernen. Nur die Marmortafeln mit den Namen der Gefallenen bewahrte man auf, um sie nach dem Krieg an einem neuen Ehrenmal anbringen zu können.

Am 29. Juni 1942 begann der Abbruch. Doch was danach passierte, verstand keiner. Weil es die Reichsstelle für Metalle nicht hinbekam, Bestimmungen über den Abtransport zu treffen, lagerte das Denkmal Monat um Monat in der Halle der alten Gütersloher Brauerei (die spätere Paul-Thöne-Halle, Theater der Stadt). Jedes Mal, wenn die Gütersloher in den Luftschutzkeller der Brauerei flohen, kamen sie daran vorbei und wunderten sich, warum es im Sommer in aller Eile habe abgebrochen werden müssen.

Es sei doch "zweckmäßig", wenn es von der Reichsstelle nun endlich angefordert und schnellstens einer Hütte zugeleitet würde, schrieb Bürgermeister Bauer im Dezember 1942 dem Landrat. Doch es dauerte weitere vier Monate, bis das Denkmal am 17. April 1943 "auf Veranlassung des Altmaterialhändlers Bartsch zur Bahn gebracht wurde" - so steht es in einem Aktenvermerk über die mündliche Mitteilung eines Stadtinspektors.

Wohin es ging, welche Hütte es einschmolz? - Niemand weiß es. Von Seiten des Stadtarchivs gebe es keine Quelle, die die Einschmelzung bestätige, teilt Archivarin Jana Knufinke mit. "Diese fehlende Überlieferung ist der Grund, aus dem nie eindeutig geklärt werden konnte, was mit dem Denkmal weiter passierte." Kein abschließendes Dokument? In diese Lücke springt, wie so oft, Mythenbildung. "Aus der Bürgerschaft kamen im Laufe der Zeit immer wieder einzelne Berichte über den vermeintlichen Verbleib des Denkmals", berichtet Knufinke. "Aufgeklärt werden konnten diese nie."

Wer in Gütersloh heute der Kriegsgefallenen gedenken möchte, findet gleichwohl einen Ort dafür: Auf dem Ehrenfriedhof des alten evangelischen Friedhofes Unter den Ulmen liegt die Grabstätte der Gefallenen aus dem Krieg 1870 / 1871. Über ihren in Stein gemeißelten Namen befindet sich nicht mehr pathetischer Realismus, sondern ein schlichtes Steinkreuz und die Inschrift: "Und so jemand kämpfet, wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn recht." (Bibel, 2. Timotheus 2, Vers 5)

Bildunterschrift: Wo sind sie geblieben? Die beiden kupferbronzenen Soldaten, der eine gefallen, der andere weiter vorwärtsstürmend, prägten viele Jahre das Bild des Dreiecksplatzes.

Bildunterschrift: Ungeheure Menschenmenge: Zur Enthüllung des Denkmals wurden die Schulen und Fabriken geschlossen.

_______________________________________________


Am 29. Juni 1942 begann am Gütersloher Dreiecksplatz nach einem Runderlass des Reichsinnenministers zur "Verstärkung der Rüstungsreserve", der Abbruch des am 12. Mai 1896 eingeweihten Kriegerdenkmals.

_______________________________________________


www.guetersloh.de/de/rathaus/fachbereiche-und-einrichtungen/stadtarchiv.php


zurück