www.hiergeblieben.de

Spiegel Online , 11.05.2021 :

Angeklagter in Terror-Prozess gegen "Gruppe S." / Angeblich nur "Kneipen-Nazis"


11.05.2021 - 17.38 Uhr

Die rechtsextreme "Gruppe S." soll Anschläge geplant haben. Ein Angeklagter sieht jedoch eher Leute versammelt, die viel erzählen - aber nichts tun. Er selbst sei schockiert gewesen.

Von Julia Jüttner, Stuttgart

Der Mann, der einmal von sich selbst behauptete, ein "großer Nazi" zu sein, muss im gepanzerten Glaskäfig im Gerichtssaal in Stuttgart-Stammheim vorne an der Scheibe sitzen. So können ihn Prozess-Besucher betrachten wie einen Fisch im Aquarium: einen schmalen, blonden, blassen Mann mit akkuratem Haarschnitt und Brille, den Rücken durchgedrückt, die Arme vor der Brust verschränkt.

Was man nicht sehen kann, ist der eintätowierte Schriftzug am rechten Arm: "FRIMR". Er stammt aus der gemeingermanischen Runen-Reihe ("Futhark") und bedeutet: Arier. Es ist einer von mehreren Belegen für Stefan K.s politische Einstellung, die sich bereits in seiner Jugend in die rechte Richtung prägte, so beschrieb er es selbst in Vernehmungen. In seinem Anwesen fanden Fahnder NS-Devotionalien, auf seinem Handy Videos zu den rechtsextrem motivierten Anschlägen auf die Synagoge in Halle und auf zwei Moscheen in Christchurch sowie Bilder mit antisemitischen, rassistischen Motiven.

Hinter ihm hocken aufgereiht in voller Montur zwei Dutzend Justizbeamte der SGS, der "Sicherheitsgruppe der Gerichte und Staatsanwaltschaften". Sie werden bei besonderen Gefährdungslagen eingesetzt, sind speziell ausgebildet und bewaffnet mit Schlagstöcken und Pfefferspray.

Sie bewachen neben Stefan K. zehn weitere Angeklagte. Gemeinsam sollen sie als Mitglieder der terroristischen Vereinigung "Gruppe S." Anschläge auf Moscheen und Politiker geplant haben. Ihr Ziel: ein "Systemwandel in Deutschland".

Aus Eintönigkeit zum Rechtsextremismus

Nachdem Thorsten W. seine Verbindung zur "Gruppe S." als Missverständnis darstellte, will nun auch Stefan K. reinen Tisch machen. Er ist 32, der Jüngste von allen auf der Anklagebank, und stammt aus Wolfen in Sachsen-Anhalt. Zuletzt wohnte er in Coswig im Landkreis Wittenberg. Er ist Vater einer acht Jahre alten Tochter. Sie sei "das Beste", was er "je zustande gebracht" habe, sagt er unter Tränen.

Der gelernte Ofen- und Luftheizungsbauer machte das Fachabitur, arbeitete in einem Callcenter und als Saisonarbeiter bei einem Steinmetz mit einem Nettoverdienst von 1.600 Euro. In seinem Geständnis vor Gericht spricht K. über seine "Adoleszenz" und "falsche Freunde", die mit ihrem Hang zum Rechtsrock bei ihm den Grundstein legten für das, was er "eine klare rechte Meinung" nennt.

K. verschweigt seine rechte Einstellung nicht. Er gibt zu, wie er in einem Chat schrieb: "Ich bin schon ein großer Nazi." Er steht dazu, sich wie in der Prepper-Szene üblich für den Notfall gerüstet und mit Lebensmitteln eingedeckt zu haben.

"Auf Grund der Eintönigkeit in meinem Leben" will er 2016 via Facebook zu den "Soldiers of Odin Germany" gefunden haben. Mit einem weiteren Mitglied ging K., so erzählt er es, auf Patrouille, auf so genannte Streifengänge zur Sicherheit des Landes. Manchmal aber sei das auch "mehr Schein als Sein" gewesen: Dann sei er mit jenem Kumpel nur kurz vors Haus, rüber zu einem Baum, habe ein Selfie gemacht und das Foto dann bei Facebook hochgeladen - mit der beruhigenden Botschaft für die Internet-Welt: "Alles in Ordnung."

Hitler auf dem Oberschenkel

Im Oktober 2016 habe er Steffen B. kennengelernt, der auch im Glaskasten in Stammheim sitzt. Ein Mann, der laut Ermittlungsakte seine Gesinnung auf dem Körper trägt: auf der Brust ein eintätowiertes Hakenkreuz sowie das "Eiserne Kreuz", auf dem Oberschenkel Adolf Hitler in Uniform, auf dem Rücken den Aufmarsch von Soldaten mit Reichskriegsflaggen.

Mit ihm fuhr K. am 19. August 2017 an den Wolfsee in Bayern, wo er erstmals auf Werner S. traf. Ihn hält die Bundesanwaltschaft für den Gründer und Kopf der "Gruppe S.". K. beschreibt Werner S. als "charismatischen Typ" und "sehr sympathisch". Er sei von allen "Matze" und "Giovanni" genannt worden.

Bei jenem Treffen ging es um den Zusammenschluss mehrerer Gruppierungen. K. behauptet, gezögert zu haben. "Nach außen hin wollten wir als unpolitisch gelten." Die Zweifel hielten nicht lange, es war die Geburtsstunde von "Wodans Erben Germanien" und K. bastelte die Website dazu.

Werner S. nahm K. und B. in die Chat-Gruppe "Heimat" auf, die K. prompt auf stumm gestellt und nur überflogen haben will. Das ist deshalb interessant, weil K. dort am 13. Februar 2019 gepostet haben soll: "Ja, grad die Jeck mich so am Arsch Phase, weist du. Mir ist glaub ich gerade alles rel... Ich würde jetzt auch 3 Politiker erschießen und mit Freuden dafür in den Bau gehen. Hehe."

"Überfremdung und so"

Am 8. Februar 2020 traf sich die "Gruppe S." nach Ansicht der Bundesanwaltschaft zur Konkretisierung ihrer Umsturzpläne. Dort soll es auch um die Beschaffung von Waffen gegangen sein, um Maschinenpistolen, Sturmgewehre, Handgranaten, Kurz- und Langwaffen für 50.000 Euro. K. bestreitet im Gericht, 5.000 Euro zugesagt und den Wunsch nach einer Pistole geäußert zu haben. Laut Anklage soll er sich gemeinsam mit seinem Kumpel B. bereit erklärt haben, die Waffenlieferungen zu organisieren.

K. erinnert sich an eine harmlose Runde von "Kneipen-Nazi"«, wie er sie nennt: "Leute, die erzählen, erzählen, erzählen - aber nichts tun. So kam mir das vor." Man habe "die typischen Gespräche" geführt, über "Überfremdung und so".

Werner S. sei der Entschlossenste gewesen, er habe nicht mehr warten und noch im selben Jahr zuschlagen wollen. "Wir können an diesem Tisch Geschichte schreiben!", soll er gerufen haben. Stefan K. sagt, als es auf einmal um Anschläge auf Moscheen gegangen sei, sei er selbst wie der geständige Thorsten W. und sein bester Kumpel B. "sichtlich geschockt" gewesen.

Werner S. soll in die Runde gefragt haben: Wer ist bereit? Wer ist offensiv aufgestellt? Wer defensiv? Er selbst, so sagt K., habe definitiv zur zweiten Gruppe gehört.

_______________________________________________


Am 21. Mai 2021 fand vor dem - Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts (OLG) Stuttgart -, ein weiterer Verhandlungstag, im Verfahren gegen die Angeklagten der terroristischen Vereinigung "Gruppe S." - statt.

_______________________________________________


www.mobile-beratung-nrw.de


zurück