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Neue Westfälische - Gütersloher Zeitung ,
08.05.2021 :
Kennzeichen GT / Von "Dünnschiss" und "Corona-Schafen"
Kommentar: Das Beschimpfen wird alltäglich / Wollen wir der Entwicklung nichts entgegensetzen?
Jeanette Salzmann
Die Mail von neulich trägt sogar einen ordentlichen Absender. Hier die Kopie eines Satzes daraus: "Meine Meinung zu Ihren Schwachsinnigen News ist die das man die ganze Corona Lügenpresse und die Schabracken Stasipomerance ins Nirvana schicken sollte, samt den korrupten Pack vom RKI mit Ihren täglichen Lügenzahlen. Auch die Presse gibt ihren geistigen Dünnschiss jeden Tag zum besten und die Coronaschafe glauben den ganzen korrupten Mist auch noch." In der NW-Redaktion wissen wir im Kollegenkreis manchmal nicht, ob wir über solche Zuschriften lachen oder weinen sollen. In jedem Fall stimmt es uns nachdenklich.
Das Beschimpfen wird alltäglich. Mag dieses Verhalten schon vorher spürbar gewesen sein, so scheint die Pandemie wie ein Brandbeschleuniger zu wirken. "Es gibt klare Verrohungstendenzen in unserem Land", sagt Innenminister Horst Seehofer in dieser Woche. Den Rechtsextremismus bezeichnete er abermals als "größte Bedrohung für die Sicherheit in unserem Land". Mit fast 45.000 Delikten erreicht die politisch motivierte Kriminalität ihren höchsten Stand seit der Einführung der Statistik im Jahr 2001. Die Statistik erfasst unter dem Begriff "Corona" auch Straftaten, die im Zusammenhang mit Verstößen gegen Pandemie-Auflagen begangen wurden. Für die Sicherheitsbehörden seien die neuen Koalitionen aus Verschwörern, Impf-Gegnern, Reichsbürgern und anderen Extremisten problematisch, die auf Demonstrationen zu beobachten seien, so Seehofer.
Auch Angriffe auf Amtsträger haben sich verdoppelt. "Erst gestern, als ich jemanden höflich ansprach, er möchte doch bitte in der Innenstadt eine Maske aufsetzen, wurde der sehr unflätig - "Ey, was willst du, Alter, ich hau dir gleich auf die Mappe!"", erzählt Bürgermeister Norbert Morkes. Und so wie ihm gehe es seinen Mitarbeitern tagtäglich. Es sind nicht nur die Beschäftigten beim Ordnungsamt, die ein Lied davon singen können, wie oft sie bei der Arbeit verbal angegriffen werden. "Es sind leider auch die Menschen hinter den Schreibtischen, im sozialen Dienst, im Bürgerbüro ebenso wie Pflegekräfte im Krankenhaus", sagt Anke Unger, Regionalgeschäftsführerin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Durch die Corona-Pandemie hätten die Übergriffe, die Beleidigungen, Drohungen und Tätlichkeiten noch zugenommen.
Vor diesem Hintergrund macht die Protestaktion in Rietberg am Sonntag mit dem Titel "Mit Mutti gegen Mutti" nur noch ratlos. Dabei handelt es sich um einen "Spaziergang für Grundrechte, Freiheit und Gesundheit für alle von den Corona-Schutzmaßnahmen Betroffenen". Mit der zweiten Mutti im Titel dürfte Kanzlerin Angela Merkel gemeint sein, für die sich der Spitzname Mutti eingebürgert hat. Wer die anderen Muttis sind, muss man mal abwarten. Es wird aufgefordert: "Kommt mit eurer Mutti und der gesamten Familie!" Billige Provokation. Die Aufforderung ist gleichzusetzen mit dem Satz "Ey, was willst du, Alter?" Und wieder rücken Ordnungsamt und Polizei aus, um das bunte Treiben zu begleiten.
An diesem Wochenende wird es im Kreis Gütersloh voraussichtlich den 300. Corona-Toten geben. Die Intensivstationen sind immer noch gut gefüllt, die Zahl der Infektionen anhaltend hoch. Dass das Krisenmanagement von Bund und Land keine Eins plus mit Sternchen verdient, darüber sind sich wohl alle einig. Aber was die Protestaktionen zum jetzigen Zeitpunkt ausrichten sollen, scheint selbst den Veranstaltern unklar zu sein. Mit viel Wohlwollen nennen wir es einfach "Isolationsmüdigkeit", die hier ihren Ausdruck findet. Bleibt trotzdem zu hoffen, dass Spaziergänger am Sonntag mit Mutti einen anderen Weg wählen als den von den Organisatoren vorgeschlagenen.
Was hilft nun gegen Hass? Und was machen wir, wenn sich diese Verrohungstendenz nach der Pandemie nicht verflüchtigt? Strengere Maßnahmen? Mehr Ordnungshüter? Vielleicht versuchen wir es zunächst mit mehr Musik, Kunst und Kultur, um die Menschen an einer anderen Stelle des Bewusstseins zu treffen und eine andere Saite der Seele wieder zum Klingen zu bringen. Und bevor jetzt die nächsten "Kommentare" folgen, mögen deren Verfasser bessere Vorschläge machen. Und diskutieren statt beleidigen. Das wäre ein guter Anfang.
Senden Sie uns Ihren Leserbrief an: guetersloh@nw.de
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Für den 11. Mai 2021 ist eine weitere Versammlung, der extrem rechten Pandemie-Leugnenden von "Wir für SHS", die "Reichsbürger" eingeschlossen, vor dem Rathaus in Schloß Holte-Stukenbrock angekündigt.
Am 10. Mai 2021 werden, zwischen 18.00 und 19.30 Uhr, auf dem Berliner Platz in Gütersloh 160 Corona-Leugnende zu dem inzwischen 24. "Lichterspaziergang" (Versammlungsleitung: Michael Hönsch) erwartet.
Für den 10. Mai 2021 hat eine "Privatperson" für den Abend, am Zentralen Omnibusbahnhof in Rietberg - eine weitere Zusammenkunft, gegen die staatlichen Corona-Schutzmaßnahmen - behördlich angemeldet.
Für den 9. Mai 2021 ist, von 14.00 bis 16.00 Uhr, am ZOB-Rietberg ein "Spaziergang für Grundrechte" als "OWL Treff "BiLiPaRi"", unter dem Motto "Mit Mutti gegen "Mutti"" ("Kommt mit eurer Mutti") angekündigt.
Am 8. Mai 2021 war auf dem Dreiecksplatz in Gütersloh eine "Mahnwache" mit 16 Beteiligten für "alle von den Corona-Schutzmaßnahmen Betroffenen", von der "Lichterspaziergang"-Initiative angemeldet worden.
Am 4. Mai 2021 schrieb das Ordnungsamt der Stadt Schloß Holte-Stukenbrock - bei der Versammlung der extrem rechten Pandemie-Leugnenden von "Wir für SHS" - sechs Anzeigen, wegen Masken-Verweigerung.
Am 3. Mai 2021 fand in Gütersloh mit etwa 180 Teilnehmenden der 23., 60-minütige "Lichterspaziergang" gegen die Corona-Schutzmaßnahmen mit einer anschließenden Kundgebung auf dem Berliner Platz statt.
Am 19. April 2021 fand unter dem Motto "Gemeinsam - mutig - stark" - mit mehr als 450 Teilnehmenden ein "Lichterspaziergang", gegen die Corona-Schutzmaßnahmen durch die Innenstadt von Rietberg - statt.
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www.facebook.com/B%C3%BCndnis-gegen-Rechts-im-Kreis-G%C3%BCtersloh-424624995037921
08./09.05.2021
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