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Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt ,
07.05.2021 :
Die Wiedereröffnung des "Germanengehöfts"
Heute vor 60 Jahren eröffnete das zu diesem Zeitpunkt einzige nicht-römische archäologische Freilichtmuseum zwischen Nordsee und Schwarzwald
Karl Banghard
Oerlinghausen. Am 7. Mai 1961 startete in Oerlinghausen ein Projekt, das in der Wirtschaftswunderzeit ohne Vergleich war: die Inbetriebnahme einer vorgeschichtlichen Freilichtanlage. Es war eine Eröffnung mit durchaus zwiespältigem, aber auch einem breiten und internationalen Medienecho. Zu diesem Zeitpunkt war es das einzige nicht-römische archäologische Freilichtmuseum zwischen Nordsee und Schwarzwald.
Finanziert wurde der Aufbau ausschließlich durch private Spenden und Bürgschaften. Die vorzustreckenden Baukosten betrugen mehr als 50.000 DM, nach dem damaligen Geldwert eine nicht unerhebliche Summe. Ein vergleichbar hohes privates, auf viele Schultern verteiltes kulturelles Engagement in einer Kleinstadt hatte und hat einen hohen Seltenheitswert. Auch heutige Crowdfunding-Projekte kamen bislang bei archäologischen Freilichtanlagen nicht an solche Dimensionen heran. Hauptgrund dafür ist, dass eine Bildungsstätte für alle in der Regel weniger Spenden zieht als ein elitäres Kulturprojekt.
Aus dem Stand auf Platz 3
Die Besucherzahlen waren im ersten Geschäftsjahr überwältigend: Es konnten beinahe 60.000 Eintrittskarten verkauft werden. Als touristische Destination rückte das "Germanengehöft" damit aus dem Stand unmittelbar hinter das Hermannsdenkmal und die Externsteine. 1936 hatte man schon einmal auf dem Barkhauser Berg ein Germanengehöft errichtet. Es fand im Januar 1946 ein prosaisches Ende. Damals verkaufte die Stadt Oerlinghausen die Gebäude für 252 Reichsmark auf Abbruch. Das Strohdach ging an einen Pferdeschlachter als Einstreu, die wertvollen Balken und Türen an eine Schreinerei.
Schon in diesem Jahr plante der Museumsgründer Hermann Diekmann ein neues Germanengehöft. Sein Konzept zur Inneneinrichtung von 1946 zeigt eine atemberaubende Kontinuität. Die Einrichtungsskizzen spiegelten bis ins kleinste Detail die Präsentation der NS-Zeit. Ab Januar 1952 plante Diekmann den Neuaufbau mit Hans Reinerth, dem Direktor des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen. Vor 1945 hatte Reinerth den "Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte" des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg geleitet, unter dessen wissenschaftlicher und weltanschaulicher Betreuung das Germanengehöft stand.
Die fünf neuen Häuser entsprachen exakt den Ausbauplänen der Anlage von 1938. Damals sollte hier das zentrale Archäologie-Museum für den NS-Gau Westfalen Nord etabliert werden. Auch die Nachkriegs-Besucher strömten durch ein Haupthaus, durch kleine Stallungen, durch eine Schmiede, durch eine Töpferei und schließlich durch ein Nebengebäude. Später wurde die Vermittlung durch eine Lautsprecheranlage gesteuert. Ein Backofen und Bienenstände nach eisenzeitlichen Vorbildern ergänzten das Ensemble.
Im Vergleich zu den anderen Kultureinrichtungen gab man sich betont jung, modisch und niedrigschwellig. Diese Linie hatte man nicht immer im Griff, Peinlichkeiten wie die Beschränkung auf blonde, blauäugige, jungfräuliche und jugendliche Besucherführerinnen führten immer wieder zu kritischen Medienberichten. So sahen Zeitungen wie etwa die New York Times oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung nicht ganz zu Unrecht eine Renaissance des völkischen Germanenbildes. Die Süddeutsche Zeitung hingegen nahm es ironisch und widmete der Sache ein Streiflicht.
Der Vorstand des neu gegründeten Trägervereins distanzierte sich deutlich von der völkischen Geschichtsforschung. Unterlaufen wurde dies durch zahlreiche kleine Grenzüberschreitungen der extremen Rechten, die 1961 in Westdeutschland etwas mehr in die Offensive gingen. In ihren Medien wurde die Wiedereröffnung gefeiert, zahlreiche Organisationen und Funktionsträger aus dem Spektrum besuchten die Anlage. Die Anknüpfung wurde durch viele Details erleichtert: So stammte beispielsweise der Briefkopf von Wilhelm Petersen, dem prominentesten NS-Germanenmaler.
1974 komplett abgebrannt
Im Februar 1974 brannten die Häuser komplett ab. Davon konnte sich der Betrieb im Verlauf der 1970er Jahre nicht substantiell erholen. Unkenrufe, dass der Brand nun endlich das Ende des Germanengehöfts bedeuten würde, gab es zuhauf. Einige der deutschen Leitmedien sagten ein endgültiges Ende voraus, etwa die Zeit vom 21. Mai 1976. Diese Prognosen bewahrheiteten sich jedoch nicht. Denn 1979 begann mit Unterstützung von Stadt und Landesverband Lippe ein fulminanter Neustart mit einem für die Bundesrepublik neuartigen prähistorischen Freilichtmuseums-Konzept.
Die neuen Geldgeber bestanden auf einer konsequenten Hinwendung zur modernen Siedlungsarchäologie. Man nannte die Anlage nun nicht mehr Germanengehöft, sondern Archäologisches Freilichtmuseum. Es entstand der große Rundgang, der heute noch im Wesentlichen Bestand hat. Zusammen mit dem Berliner Museumsdorf Düppel hat Oerlinghausen das Thema lebendige Archäologie in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte wieder salonfähig gemacht. Diese Pionierleistung hat einen Durchbruch markiert - im Fach konnte wieder über vorgeschichtliche Freilichtanlagen nachgedacht werden.
Bildunterschrift: Aus der Vogelperspektive: So sah die neu gebaute Freilichtanlage aus.
Bildunterschrift: Bereits am 29. Mai 1963 konnte der 100.000ste Besucher begrüßt werden. Es war der kleine Wolfgang Teuber aus Senne II.
Bildunterschrift: Im Sommer 1961 gab man sich modisch, telegen und niedrigschwellig.
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Am 7. Mai 1961 wurde in Oerlinghausen mit einem zwiespältigen Medienecho das Germanengehöft II, als einziges nicht-römisches archäologische Freilichtmuseum zwischen der Nordsee und Schwarzwald, eröffnet.
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