|
Neue Westfälische ,
05.05.2021 :
Studie über Antisemitismus in Rap-Musik
Hip-Hop ist die größte Jugendkultur in Deutschland / Der migrantisch geprägte Straßen-Rap versteht sich als antirassistisch - das schütze aber längst nicht vor der Verbreitung von antisemitischen Klischees, sagen Forscher der Universität Bielefeld
Florian Pfitzner
Düsseldorf. Die Frankfurt-Hymne "069" legt in der ersten Zeile offen, was schief läuft im Straßen-Rap. "Rothschild-Theorie, jetzt wird ermordet", posaunt Haftbefehl großspurig ins Mikrofon. Unter deutschsprachigen Rappern wird gerne mit Verschwörungserzählungen über die jüdische Bankiersfamilie gespielt - neben Feuilleton-Liebling "Hafti" haben sich auch Musiker seines Labels Azzlack, Celo und Abdi, durch antisemitische Stereotypen in ihren Texten hervorgetan.
Forscher der Uni Bielefeld haben jetzt eine Untersuchung zur Empfänglichkeit junger Menschen für antisemitische Inhalte in der Rap-Musik vorgestellt. Die Studie belege durch eine repräsentative Erhebung bei jugendlichen Hörerinnen und Hörern, dass aus dem Konsum von Gangsta-Rap später verfestigte antisemitische Einstellungen hervorgehen könnten, erklärte Projektleiter Marc Grimm vom "Zentrum für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter".
Im Auftrag der NRW-Antisemitismus-Beauftragten Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hatten die Wissenschaftler in den Jahren 2019 bis 2021 Einzelinterviews und Gruppengespräche über Gangsta-Rap geführt. Zusätzlich sei eine für das Land repräsentative Zielgruppe von 500 Zwölf- bis 24-Jährigen per Fragebogen interviewt worden.
Kurz vor dem Erhebungszeitraum, im Frühjahr 2018, waren die Rapper Kollegah und Farid Bang in der Kategorie "Album des Jahres" für den Musikpreis Echo nominiert. Ihr Werk JBG3 ("Jung, brutal, gutaussehend") gehörte zu den meistverkauften; in einem Song prahlt Farid Bang mit seinen Muskeln, indem er rappt: "Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen."
Durch den Eklat erfuhr eine größere Öffentlichkeit, dass einige erfolgreiche Straßen-Rapper ihre Verachtung für Menschen jüdischen Glaubens offen zur Schau tragen - und trotzdem zu Deutschlands wichtigstem Musikpreis eingeladen werden. Der Echo wurde folgerichtig abgeschafft.
Fragwürdige Haltungen sehen Fans und Forscher schon länger im Straßen-Rap. So gehörten ein "hypermaskuliner Körperkult und autoritäre Machtfantasien" zu den zentralen Motiven der Selbstinszenierung, sagte Grimm. "Ideologien der Ungleichheit" - die Herabwürdigung von Frauen, hartnäckige Homophobie und Antisemitismus - seien Kernelemente für das in Deutschland ökonomisch erfolgreichste Subgenre des Sprechgesangs. Man könne davon ausgehen, sagte Grimm, dass "die Texte der Künstler auch Einfluss auf die Werthaltungen, Demokratie-Verständnis und Diskriminierungsneigungen von jungen Menschen haben".
Dabei zeigte sich in der Befragung der Bielefelder Forscher, dass Textzeilen manchmal gar nicht verstanden werden. Unter anderem habe man Fard und Snagas gemeinsamen Track "Contraband" besprochen - "ein recht martialisches, gewaltgeladenes Musikvideo, in dem auch Motive des islamistischen Terrorismus gegen Israel bedient werden", erklärte Projektmitarbeiter Jakob Baier. Die Metropole Tel Aviv werde darin als Feindbild herausgestellt. Einer der jungen Konsumenten habe indes nicht "Tel Aviv" gehört, sondern "C’est la vie".
Die Studie ergab, dass Straßen-Rap entgegen einer weitläufigen Annahme nicht nur von prekarisierten Jugendlichen gefeiert wird. "Die Mehrheit der Hörerinnen und Hörer stammt aus einem Milieu, das man dem mittleren Wohlstand zuordnen würde", sagte Baier, manchmal kämen sie sogar aus einem hohen Wohlstand. Drei von fünf Hörern sind männlich. Hörerinnen konsumierten die Musik trotz frauenfeindlicher Texte häufig nur wegen ihrer Freunde.
Im "Antisemitismus-Index", der die Zustimmung zu antisemitischen Aussagen erfasst hat, hätten sich 26,5 Prozent der Befragten als "sehr antisemitisch" erwiesen, 37 Prozent als "etwas antisemitisch" und 36,5 Prozent als "nicht antisemitisch". Unter den sehr antisemitisch Eingestellten gaben über 81 Prozent an, "(sehr) gerne" Gangsta-Rap zu hören. Was tun? Texte könnten in der Schule kritisch hinterfragt werden, empfahl Leutheusser-Schnarrenberger. Mit dem erhobenen Zeigefinger werde man die Jugend aber sicher nicht erreichen. Haftbefehl habe sie mal gehört, für ein Gespräch zeigte sie sich offen. "Die Frage ist, ob es dazu eine Bereitschaft gibt."
Dass Haftbefehl, bürgerlich Aykut Anhan, zu Selbstkritik fähig ist, zeigt er in dem Podcast "Reflektor". Auf den Begriff "Rothschild-Theorie" angesprochen, sagt der 35-jährige Anhan, er habe "Sachen gesagt, die er nicht hätte sagen sollen - manchmal macht man Fehler im Leben".
Bildunterschrift: Der Rapper Aykut Anhan, alias Haftbefehl, Identifikationsfigur junger Migrantinnen und Migranten, hat mit dem einen oder anderen Song antisemitische Stereotype verbreitet.
_______________________________________________
Am 4. Mai 2021 wurde die Erhebung "Die Suszeptibilität von Jugendlichen für Antisemitismus im Gangsta-Rap und Möglichkeiten der Prävention" der Universität Bielefeld, des IPSOS-Forschungsinstitut vorgestellt.
_______________________________________________
www.uni-bielefeld.de/fakultaeten/erziehungswissenschaft/zpi/projekte/antisemitismus-gangsta-rap
|