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Westfalen-Blatt / Herforder Kreisblatt , 05.05.2021 :

Was tun mit Wehrmachts-Stein?

Ein alter Findling auf dem Hammersmith-Gelände wirft Fragen auf - SEH im Gespräch mit Kommunalarchiv

Von Niklas Gohrbandt

Herford (HK). Nachdem das Herforder Kreisblatt am 17. März über die geplanten Umbaumaßnahmen auf dem Gelände der ehemaligen Wentworth- und Hammersmith-Kasernen berichtete, hat sich ein Leser anonym bei der Redaktion gemeldet, der früher als Bundeswehr-Reservist in eben jener Einrichtung mit den britischen Soldaten trainiert hatte.

Sein Anliegen galt einem Stein, der unter der Turmuhr der ehemaligen Kaserne lag, die Teil der Berichterstattung war, und einer der früher dort stationierten Einheit gewidmet war. Bei genauerer Betrachtung stellte sich heraus, dass der besagte Stein keiner britischen Einheit, sondern einer der Wehrmacht galt. Die Turmuhr soll versetzt und in das neue Baukonzept integriert werden. Aber wohin dann mit dem Stein? Und warum liegt er überhaupt dort? 1935 hatte Nazi-Deutschland mit dem Versailler Vertrag gebrochen, der die Armee auf 100.000 Mann beschränkte. Stattdessen wurde aufgerüstet. Als die Wehrmacht ins Leben gerufen wurde, sollten auch in Herford Soldaten stationiert werden.

Also wurden auf dem Stiftberg drei Kasernen-Gelände gebaut. In die Estorff-Kaserne zwischen Vlothoer Straße und dem Stiftskamp und benannt nach General von Estorff, dessen Soldaten im Ersten Weltkrieg in Herford stationiert waren, zogen am 3. Oktober Soldaten vom I. Bataillon des Infanterieregiments 58 ein. Der Findling ist ihnen gewidmet. Heute ist er ein Zeugnis, wie eng die Herforder Geschichte von 1935 bis 1945 mit der Geschichte der Wehrmacht verknüpft ist.

Die Herforder Soldaten wurden der 6. Infanterie-Division der Wehrmacht zugeordnet. Als der Zweite Weltkrieg begann, kämpften sie zunächst während des Westfeldzuges 1940 in Luxemburg und an der Somme in Frankreich. Beim anschließenden Überfall auf die Sowjetunion wurden sie der Heeresgruppe Mitte zugeordnet.

"Der Findling befindet sich auf dem Teil, der noch der Bima gehört."
Norbert Landshut (SEH)

Unter dem Decknamen "Operation Barbarossa" überfiel das Deutsche Reich im Juni 1941 die Sowjetunion. Die deutschen Soldaten rückten bis kurz vor Moskau vor, bis die Rote Armee sie dort im Winter 1941 abwehren und schließlich zurückdrängen konnte. Dabei und darüber hinaus verübten die SS und Wehrmachtssoldaten vielerorts Kriegsverbrechen, indem sie die Zivilbevölkerung für die deutsche Rüstungsindustrie versklavten, Lebensmittel raubten und bei ihrem Rückzug buchstäblich nur "verbrannte Erde" hinterließen.

Allein in Russland fielen zwischen 17 und 25 Millionen Einwohner der deutschen Aggression bis 1945 zum Opfer. Es stellt sich nun die Frage, wie im Rahmen der geplanten Umbaumaßnahmen mit ihrem Findling umgegangen werden soll.

Nach Einschätzung von Archivar Christoph Laue liegt historisches Quellenmaterial vor, mit dem sich untersuchen ließe, ob Herforder Soldaten tatsächlich an Kriegsverbrechen beteiligt waren. Selbst wenn diese Untersuchung nicht erfolgen sollte, ließe sich der Findling mit einer Tafel versehen, die über die Verbrechen der Wehrmacht im Allgemeinen aufklärt.

Aber wohin mit dem Findling? Laue schilderte die Möglichkeit, in Zukunft einen Raum auf einem der drei Kasernen-Gelände für die Geschichte des Areals einzurichten. Der Findling ließe sich dort mit einer besagten Tafel aufstellen.

Norbert Landshut, der Geschäftsführer der Stadtentwicklungsgesellschaft Herford (SEH), die für die Umbaumaßnahmen zuständig ist, teilte dem Herforder Kreisblatt dazu schriftlich mit, dass "derartige Elemente eines Ortes ( … ) für uns und für die Stadt selbstverständlich so zu bewerten [sind], dass man sie an geeigneter Stelle in der Zukunft verortet".

Allerdings läge der Findling auf dem Teil des Geländes, für den noch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) verantwortlich ist. Dementsprechend habe "die Hansestadt Herford auf den Findling keinen Anspruch", so Landshut. Die Stadtentwicklungsgesellschaft stehe wegen der Zukunft des Findlings in Kontakt mit dem Kommunalarchiv, also mit Christoph Laue.

Bildunterschrift: Der Findling liegt unter der Turmuhr der Hammersmith-Kaserne. Noch gehört dieser Teil des Geländes der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben.

Bildunterschrift: Soldaten des Infanterieregiment 58 beim Verlassen der damaligen Estorff-Kaserne 1938.

Bildunterschrift: Im Zuge der Umgestaltung des Quartiers soll die Turmuhr einige Meter versetzt wieder aufgestellt werden.

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Am 3. Oktober 1935 zog in die Herforder Estorff-Kaserne das 1. Bataillon des Infanterie-Regiments 58, 6. Infanterie-Division, ID, Großverband der Wehrmacht, ein, Regimentskommandeur war Oberst von Döhren.

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www.archive.nrw.de/kommunalarchiv-herford


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