www.hiergeblieben.de

Lippische Landes-Zeitung , 03.05.2021 :

Kein Platz für "Wir" und "Die"

Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer nimmt den Populismus aus der Mitte der Gesellschaft in den Blick / Er erklärt wie man falsche Behauptungen entlarvt und stellt Strategien gegen Stammtischparolen vor

Yvonne Glandien

Kreis Lippe. "Alle Ausländer sind kriminell, die schlagen doch ihre Frauen." "Die vergewaltigen unsere Mädchen und bringen die Drogen nach Deutschland." Solche und ähnliche Sprüche sind nicht nur an Stammtischen gang und gäbe, sie liegen in der Mitte der Gesellschaft. Das weiß Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer. Sein Fachgebiet ist die Politische Bildung gegen Rechtsextremismus. Im interaktiven Workshop der Landeskirche hat er nun mit 50 Teilnehmern trainiert, wie man sich in solchen Diskussionen behaupten kann.

"Wer schon einmal mit einer Stammtischparole konfrontiert wurde, berichtet häufig, er war platt, überrumpelt, ihm ist nichts eingefallen, um zu reagieren", sagt Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer. Davon berichten auch die Workshop-Teilnehmer: "Ich saß im Zug, ein junges Mädchen hat sich dazu gesetzt. Als sie mitbekommen hat, dass ich mit meiner Partnerin WhatsApp-Nachrichten geschrieben habe, hat sie gerufen, das sei eine Sünde und ich käme in die Hölle. Da wusste ich gar nicht mehr, was ich sagen soll", berichtet eine junge Frau. Eine andere Teilnehmerin sagt: "Ich falle dann erstmal in so eine Art Schockstarre." Übergriffige Fragen oder Kommentare - "Sind das etwa Ihre eigenen Kinder?", "Sie sprechen aber gutes Deutsch" -, hilflose Reaktionen. "Oft bleibt ein beschämendes Gefühl", sagt Hufer.

Parolen ließen sich häufig schon durch Einflugschneisen im Gespräch identifizieren. "Geht das los mit "Ich hab’ ja nichts gegen, aber ... " oder "man wird ja wohl noch sagen dürfen ... ", dann können Sie davon ausgehen, jetzt wird genau das gesagt, was man angeblich nicht sagen darf." Etwa Legenden wie die Umvolkung durch den Zuzug von Menschen, die keine Deutschen sind und der Austausch der einheimischen Bevölkerung, hielten sich hartnäckig und das schon seit den 1920ern. Auch der Begriff "Freiheit" werde von Rechts reklamiert. Und die Äußerungen werden nicht nur verbal getätigt. "Vieles findet heutzutage in den Sozialen Medien statt. Wenn Sie Teil einer Facebook-Gruppe sind, sind Sie mit Sicherheit schon mit solchen Äußerungen konfrontiert worden." Und eben dort, wo man nicht damit rechnet: Im Gespräch am Gartenzaun, mit Kollegen, in den Schulen, in den Kirchen, am Familientisch. Dabei werde das Problem mitnichten kleiner. "Es sind die, die nicht begreifen, dass sich die Welt entschieden verändert hat. Die Zahl derer, die herkommen, wird noch größer sein. Hinter Corona lauert ein noch größeres Problem: Der Klimawandel", sagt Hufer. In den nächsten Jahren werden es 150 bis 200 Millionen Menschen sein, die aus klimatischen Gründen zu Flüchtlingen werden. "Deutschland ist ein Einwanderungsland, für viele ist das immer noch nicht einsichtig."

Populistische Äußerungen fingen da an, wo in "Wir" und "Die" geteilt wird. In den von Hufer so benannten Stammtischparolen finde man immer wieder dieselben Attribute. Sie seien etwa aggressiv, verkürzt, kompromisslos und menschenverachtend. Aber: "Nur 5,8 Prozent aller Menschen leben in einer Demokratie. Wir sind in einer privilegierten Situation, und die sollte man verteidigen", sagt Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer. Um dies zu tun, gibt Hufer seinen Workshop-Teilnehmern einige Ratschläge an die Hand. "Parolen-Schwinger springen zwischen den Themen, tappen Sie nicht in die Falle, bleiben Sie beim Thema!", sagt der Professor. Auch sei es wichtig, strukturiert und reduziert zu antworten. "Liefern Sie keine Argumentationsfluten, damit verheddern Sie sich." Daneben rät Hufer, Brücken zu bauen und so Gemeinsamkeiten mit dem Gesprächspartner zu finden, Kategorisierungen abzulehnen und nachzuhaken, wer denn nun mit "Die" gemeint sei und vor allem immer weiterzufragen, den anderen aus der Angriffsposition in die Verteidigung zu bringen. "Sie alleine können zwar die Welt nicht ändern, aber Sie sind nicht alleine - viele denken so wie Sie", sagt Hufer. Dem pflichten auch die Workshop-Teilnehmer bei, die sich in einem kurzen Rollenspiel erproben. Was ihnen dabei auffällt: "Es ist erstaunlich einfach, immer weiter flache Parolen zu äußern. Und das obwohl man selbst gar nicht so denkt", heißt es von einer Teilnehmerin.

"Es ist ein Thema, das im Moment besonders aktuell ist", resümiert Bildungsreferentin Sabine Hartmann von der Lippischen Landeskirche. Und ihre Kollegin Monika Korbach stimmt zu. "Es stimmt mich sehr nachdenklich, was wir gehört haben und es wird mich sehr bereichern", sagt sie im Anschluss an das zweistündige Training. Es sei ein Thema, das es verdiene, dass sich nachhaltig damit beschäftigt werde. Daher wolle die Landeskirche, sobald es die Situation zulasse, an die Veranstaltung mit einem ganztätigen Präsenzworkshop anschließen. Auch für Vorschläge zu weiteren (Online-)Veranstaltungen sind die Verantwortlichen offen.

Die Mitarbeiter der Erwachsenenbildung der Lippischen Landeskirche sind per E-Mail an bildung@lippische-landeskirche.de erreichbar. Kontakt zur Redaktion: yglandien@lz.de oder (05321) 911189.

Bildunterschrift: Gemeinsam mit Prof. Klaus-Peter Hufer von der Universität Duisburg-Essen trainieren die Teilnehmer im Workshop, auf rechte Parolen zu reagieren.

_______________________________________________


Am 23. April 2021 lud die Lippische Landeskirche zu einer Zoom-Videokonferenz - als interaktiver Online-Workshop zum Thema "Stammtischparolen", mit Prof. Klaus-Peter Hufer (Universität Duisburg-Essen) ein.

_______________________________________________


www.lippische-landeskirche.de


zurück