|
Neue Westfälische ,
03.05.2021 :
Kritik an "Querdenken"
Die Jüdische Gemeinde Herford-Detmold zerlegt die krude Opferhaltung von Verschwörungsgläubigen - und wirbt für einen "positiven Gegenimpuls"
Florian Pfitzner
Bielefeld / Detmold. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Herford-Detmold, Matitjahu Kellig, hat die so genannten Corona-Querdenker heftig kritisiert. "Ich höre regelmäßig, das seien doch nur Spinner", sagte Kellig in einem Gespräch mit unserer Zeitung. "Das sind keine Spinner, das sind Täter."
Auf den Veranstaltungen von "Querdenken" wurden gelbe "Judensterne" gesehen, die sich Menschen an ihre Klamotten genäht haben, auf denen "Ungeimpft" steht. "Das ist nichts anderes als Volksverhetzung", sagte Kellig. "Deshalb gehören solche Aktionen unter Strafe gestellt."
Das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet Personen innerhalb der Bewegung der Pandemie-Leugner. Wie bereits der Zentralrat der Juden in Deutschland begrüßte Kellig die Entscheidung. Die Beobachtung sei "längst überfällig", sagte er. Rechtsextremisten nutzten die Proteste gegen die Corona-Regeln, um Anhänger zu gewinnen. "Sie setzen strategisch auf eine gesellschaftliche Entgrenzung, der Staat muss deshalb dringend gegenhalten."
Als Beleg für die Gefahr, die von "Querdenken" ausgehe, verwies Kellig auf eine jüngst veröffentlichte Tabelle zur Pressefreiheit. In der Rangliste der Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) fiel Deutschland erstmals aus der Spitzengruppe heraus: Wegen zahlreicher Übergriffe auf Corona-Demonstrationen hat RSF die hiesige Lage von "gut" auf nur noch "zufriedenstellend" herabgestuft. Im Kalenderjahr 2020 wurden mindestens 65 gewalttätige Angriffe gegen Journalistinnen und Journalisten in Deutschland gezählt. Damit habe sich die Zahl im Vergleich zum Vorjahr verfünffacht. In dem globalen Ranking rangiert die Bundesrepublik von 180 Ländern auf dem 13. Platz.
Reporter ohne Grenzen sieht darin ein Alarmsignal. Die Angriffe zeigten, "dass es sich hierbei nicht um Menschen handelt, die nur ihre Meinung artikulieren wollen, sondern die weitgehend bereit sind, andere Meinungen oder auch nur die Berichterstattung über ihre Bewegung niederzumachen", sagte Martin Anduschus, Initiator des "Toleranz-Tunnel", einem vom Bund geförderten Ausstellungsprojekt gegen Hass und Hetze.
Innerhalb des Projekts, zu dessen Mitgründern auch Kellig gehört, wird ausdrücklich für einen lebendigen Meinungsaustausch geworben. "Die freie Meinungsäußerung gehört zu den Grundlagen einer Demokratie", betonte Anduschus. "Das geht aber nur in einer respektvollen und toleranten Art und Weise." Auf den Veranstaltungen der selbst ernannten Querdenker werde "der aufgeklärte Diskurs verlassen", sagte der promovierte Philosoph. Wer behaupte, Deutschland nähere sich einer "Meinungsdiktatur", der greife mit dieser Erzählung "die Grundfesten unseres Zusammenlebens an".
Der Toleranz-Tunnel, im August 2020 gegründet, soll in dieser polarisierten gesellschaftlichen Stimmung einen positiven Gegenimpuls setzen. "Unsere Gesellschaft sollte sich auf Respekt und Toleranz einigen können", sagte Anduschus, "auch gegenüber Menschen, die andere Meinungen vertreten - solange sie sich im Rahmen des Grundgesetzes bewegen". Dies sei umso wichtiger, da religiöse Werte an Bedeutung verlören. Schirmherr des Projekts ist der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, Felix Klein.
Kellig, Pianist und emeritierter Musikprofessor, kritisierte auch die Aktion #allesdichtmachen um den Schauspieler Jan Josef Liefers. "Durch solche Aufrufe wird verhindert, dass so etwas wie eine Solidargemeinschaft entsteht", sagte er. "Das war wenig reflektiert. Leute wie Hans-Georg Maaßen und die AfD haben diese Aktion gefeiert und für ihre Zwecke ausgeschlachtet - die Schauspieler hätten vorher besser mal genauer nachgedacht."
Bildunterschrift: Auf "Querdenken"-Demonstrationen tragen einzelne Aktivisten einen "Judenstern", auf dem das Wort"ungeimpft" steht. "Das ist nichts anderes als Volksverhetzung", sagt Matitjahu Kellig.
_______________________________________________
Am 25. Januar 2021 wurde auf der Bundespressekonferenz, Berlin das Projekt "Toleranz-Tunnel e.V." von Felix Klein, Prof. Matitjahu Kellig - Vorsitzender des Vorstandes - sowie MdB Helge Lindh (SPD) vorgestellt.
_______________________________________________
www.toleranz-tunnel.de
www.jg-hf-dt.de
|