www.hiergeblieben.de

Lippische Landes-Zeitung , 03.05.2021 :

Nationalsozialisten wollten "erfundene Tradition" etablieren

Landesweit setzte die NSDAP auf Maibäume und Festumzüge, um Heimatverbundenheit zu stärken / Die Veranstaltungen zum 1. Mai waren in dieser Form in Lippe zuvor unbekannt und haben nach dem Krieg in Lemgo keine Zukunft gehabt

Lemgo. Ende des 19. Jahrhunderts kämpften Arbeiter für mehr Rechte und setzten dafür auf einen Generalstreik am 1. Mai. Später versuchten die Nationalsozialisten, die Bewegung für sich zu vereinnahmen und erklärten 1933 den 1. Mai zum nationalen Feiertag. Während des Dritten Reiches wurde der Tag für Propaganda-Veranstaltungen der "Volksgemeinschaft" (natürlich unter Ausschluss aller Gruppen, die nicht dazu zählten) missbraucht. Fortan wurde dieser Tag für die NS-"Gemeinschaftspflege" vereinnahmt.

Davon zeugen auch zahlreiche Fotoaufnahmen in den Beständen des Stadtarchivs Lemgo aus den 1930er Jahren, die zum Teil sehr aufwendig gestaltete Umzüge der Betriebsgruppen mit Motivwagen, fahnengeschmückte Aufmärsche und das Begleitprogramm zeigen. Einige davon hat Stadtarchivar Marcel Oeben herausgesucht, der sich auch mit dem Nationalsozialismus in Lemgo näher befasst hat.

Unter den Aufnahmen befindet sich auch die des Marktplatzes vor dem Ballhaus. Prominent in Szene gesetzt: ein Maibaum. An der höchsten Stelle das Hakenkreuz und etwas weiter darunter das Emblem der Deutschen Arbeitsfront (DAF), die maßgeblich bei Organisation und Vorbereitung beteiligt war.

Wenn man allerdings genauer hinsieht, erkennt man Schilde mit Symbolen der verschiedenen Berufszweige, schreibt Stadtarchivar Marcel Oeben. So ließe sich dieses Gebilde auch als so genannter Zunftbaum deuten, der aus anderen Gegenden, aber auch aus Lippe durchaus noch bekannt ist und die Wappen der ehemaligen Zünfte vor Ort präsentierte. Bemerkenswert sei, dass die Aufrichtung von Maibäumen, abgesehen von anderen Maibräuchen, bis dahin nicht zum hergebrachten lippischen Brauchtumsbestand zählte und im heutigen Kreisgebiet fast unbekannt war.

Erst ab 1936 lässt sich aus den Verwaltungsunterlagen die Errichtung des Maibaumes für Lemgo nachweisen, auch eine Maikönigin wurde gewählt, für die extra ein Festwagen zum Umzug angefertigt wurde. "Man kann hier also durchaus von einer teilweise erfundenen Tradition durch die Nationalsozialisten sprechen", erklärt Historiker Marcel Oeben. Darin komme auch der Wille zu einer reichsweiten Vereinheitlichung der Traditionsbildung zum Ausdruck, der auf lokale und regionale Besonderheiten keine Rücksicht nahm. Natur- und Heimatverbundenheit im nationalen Sinne sollten dadurch gestärkt werden, so das Ansinnen der Nationalsozialisten.

Die Lemgoer Aufnahme scheint ursprünglich aus dem Fotografenhaus Fritz Ohle in der Haferstraße zu stammen. Eine Datierung sei nicht vorhanden, aber das Banner über dem Eingang zum Ballhaus "Dankopfer dem Führer" nehme sicherlich Bezug auf SA-Aktion "Dankopfer der Nation", die am 20. April 1936 (am Geburtstag Adolf Hitlers) durch den SA-Stabschef Viktor Lutze ins Leben gerufen wurde und zu Geldspenden für den "Führer" zur "Schaffung neuer großer Kulturwerte" aufrief, so Marcel Oeben.

Aktionszeitraum war dabei zumeist zwischen Mitte April und Mitte Mai. Die Lemgoer hätten daraus anscheinend direkt eine Spende für den "Führer" gemacht. Die Aufnahme könnte also 1936 oder zumindest danach entstanden sein. Ob nachfolgend jedes Jahr ein solcher Mai- oder Zunftbaum aufgestellt wurde, ist nicht gesichert. Am 1. Mai 1946 wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges erstmals wieder ein "Tag der Arbeit" durch den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund in Lemgo organisiert, der sich aber (zumindest bis 1948) mit einem "marschierenden" Festumzug durch die Stadt noch deutlich am Ablauf aus der Zeit vor 1945 orientierte.

Ab 1948 fiel der Festumzug dann ersatzlos fort. Ein Maibaum wurde nach 1945 bei den Maifeierlichkeiten in Lemgo nicht mehr erwähnt. Somit hatte sich die "Tradition", die die Nationalsozialisten versucht hatten zu etablieren, doch nicht durchgesetzt.

Mehr Informationen zu dem Thema gibt es im Stadtarchiv Lemgo im Süsterhaus, Rampendal 20, nach Vereinbarung unter Tel. (5261) 213-413 bei Stadtarchivar Marcel Oeben.

www.stadtarchiv-lemgo.de

Bildunterschrift: Ein Maibaum im Zeichen der Nationalsozialisten stand auch auf dem Marktplatz vor dem Ballhaus. Das Foto stammt vermutlich von 1936 oder später.

_______________________________________________


Am 30. April 2021 publizierte das Stadtarchiv Lemgo - "Der 1. Mai-Feiertag in Lemgo oder die (versuchte) Erfindung einer Tradition vor 85 Jahren" - in der NS-Zeit ein Propaganda-Umzug der "Volksgemeinschaft".

_______________________________________________


www.stadtarchiv-lemgo.de


zurück