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Neue Westfälische - Paderborner Kreiszeitung ,
29.02.2020 :
Über den Umgang mit Rechtsextremen
Kirsten John-Stucke ist Leiterin des Kreismuseums Wewelsburg / Mit der NW spricht sie über unliebsame Sommerausflüge von rechten Kameradschaften, das Vermächtnis der Zeitzeugen und die Hausordnung
Büren. Seit den 1990er-Jahren ist die Wewelsburg, die im "Dritten Reich" eng mit der Geschichte der SS verknüpft war, ein Ausflugsort für Rechtsextreme. Im Interview mit der NW spricht Museumsleiterin Kirsten John-Stucke unter anderem über den Umgang mit geschichtsvergessenen Besuchern.
Frau John-Stucke, von den Leitern mehrerer KZ-Gedenkstätten ist zu hören, dass es vermehrt Besucher gibt, die versuchen, den Nationalsozialismus und die damals begangenen Verbrechen zu relativieren. Wie erleben Sie die Situation im Kreismuseum Wewelsburg?
John-Stucke: Wir haben seit den 1990er-Jahren Besucher, die aus der rechtsextremen Szene kommen und die so genannte Schwarze Sonne, das Marmormosaik im Nordturm, sehen wollen. Meist kommen sie zu zweit oder zu dritt. Bei öffentlichen Führungen gibt es aber auch Einzelpersonen, die so fragen oder kommentieren, dass Opfer diffamiert oder Tatsachen verfälscht werden. Etwa, dass gesagt wird: Ach, das war alles nicht so schlimm im KZ damals.
Sind solche Vorfälle mehr geworden?
John-Stucke: Solche Fälle hatten wir schon immer. Es ist nicht so, dass es früher die heile Welt gewesen wäre. Sondern wir haben schon immer Besucher gehabt, die kritisiert, relativiert und damit verharmlost haben. In den öffentlichen Führungen ist es aber den Eindrücken unserer Pädagogen zufolge mehr geworden. Insgesamt kommt aber weniger als ein Prozent unserer Besucher mit sichtbaren Kennzeichen aus der rechtsextremen Szene. Im Sommer vergangenen Jahres war es etwas mehr.
Wie kam das?
John-Stucke: Ich hatte den Eindruck, dass nach dem Terroranschlag in Christchurch mehr Leute aus der rechtsextremen Szene hier waren. Auf den Waffen des Attentäters war das Symbol der Schwarzen Sonne zu sehen. Bei den Drohungen der terroristischen Gruppe "Atomwaffen Division" gegen Politiker der Grünen wurde die Wewelsburg genannt. Das könnte erklären, warum mehr Menschen auf die Wewelsburg aufmerksam geworden sind.
Sie haben vor einiger Zeit eine Hausordnung eingeführt. Was steht da drin?
John-Stucke: Auf dem gesamten Gelände der Gedenkstätte erlauben wir es nicht, dass Leute sich rassistisch, antisemitisch oder diskriminierend äußern. Das gilt sowohl für das Gesprochene als auch für Gesten und Kleidung. Wer mit entsprechenden Symbolen gekennzeichnet erscheint, der wird aufgefordert, diese zu verdecken, auszuziehen oder eben wieder zu gehen.
Ist Letzteres schon vorgekommen?
John-Stucke: Die Hausordnung gibt es im Internet und die Vertreter der rechten Szene sind dadurch schon vorgewarnt und passen sich an. Kritisch wird es bei Symbolen wie dem Thorshammer, der verfassungsrechtlich nicht verboten ist, den wir aber auf Grund seiner Bedeutung für die SS hier nicht erlauben. Ein Mann hat sich mal darüber beschwert, dass er 400 Kilometer mit dem Motorrad hierhin gefahren ist. Er war aber nicht bereit, seinen Thorshammer abzulegen. Tja, dann kommt er eben nicht ins Museum.
Vertreter der Identitären Bewegung haben rein äußerlich nichts mehr mit den Neonazis vergangener Tage gemein. Ist das ein Problem für Ihre Hausordnung?
John-Stucke: Wenn jemand kommt und sich nicht mit seiner Gesinnung zu erkennen gibt, dann kann er auch ganz normal unser Museum besuchen. Das hält unsere Ausstellung aus. Sie ist nicht faszinierend gestaltet, sondern mit vielen Kommentaren versehen und sehr auf Distanz angelegt und entlarvend. Vielleicht können wir den ein oder anderen doch noch auf diesem Weg erreichen. Vor allem wollen wir aber verhindern, dass dieser Ort von Rechtsextremen besetzt oder missbraucht wird. Wir wollen ihnen nicht den Platz überlassen. Wenn sie sich die Sachen anschauen und wieder gehen, dann ist das halt so.
Sie haben mal gesagt, dass Sie nicht mehr missionieren wollen.
John-Stucke: Genau. Damals in den 1990er-Jahren kamen häufiger Gruppen von Skinheads - schwarz gewandet und in Springerstiefeln. Da haben wir gesagt, so geht es nicht. Die verängstigen die anderen Besucher. Wir haben uns dann bemüht, mit den rechtsextremen Gruppen ins Gespräch zu kommen, allerdings erfolglos. Seit 2006 gilt unsere Hausordnung, in der geregelt wird, dass keine verfassungsfeindlichen oder rassistischen Symbole und Gesten gezeigt werden dürfen.
Werden die Mitarbeiter speziell geschult?
John-Stucke: Wir haben Kataloge, in denen steht, welche Zeichen und Symbole gerade "in" sind. Es gibt also fachliche Schulungen für unsere Pförtner und Pädagogen, worauf sie achten müssen. Dann führen wir auch immer wieder entsprechende Kommunikationstrainings durch, etwa zur Deeskalation. Es geht darum, wie man die Leute anspricht. Für die Pädagogen ist das wichtig, damit sie den Störenfrieden nicht das Gespräch und damit den Raum überlassen.
Wenn wir über die "rechte Szene" sprechen, ist das etwas diffus. Wer schaut sich denn im Kreismuseum Wewelsburg um?
John-Stucke: Es kommen verschiedene Gruppierungen. Die einen sind leichter erkennbar als die anderen. Also Mitglieder der Identitären Bewegung bekommen wir auf Grund der Kleidung ja nicht mit - außer sie hinterlassen irgendwelche Aufkleber. Es gibt auch immer noch diesen Dreiklang bei Ausflügen der rechten Kameradschaften. Die machen dann Sommerausflüge in den Teutoburger Wald zum Hermannsdenkmal, den Externsteinen und zur Wewelsburg. Und dann kommen rechte Esoteriker, die in der Wewelsburg ein besonderes Kraftfeld verspüren wollen, was angeblich vom Nordturm auszugehen scheint.
Was macht das mit Ihnen als Historikerin, die sich seit fast 30 Jahren mit diesem speziellen Ort beschäftigt?
John-Stucke: Ich finde die Verharmlosungen und rechten Geschichtsklitterungen sehr ärgerlich und natürlich versucht man, dagegen anzugehen. Gerade diese Umdeutungen von Geschichte versuchen wir zu verhindern. Wir haben aber häufig auch das Gefühl, dass es wenig Sinn macht, sich mit diesen Menschen auseinanderzusetzen, weil sie renitent und nicht einsichtig sind. Ich vertrete da eher die Meinung, dass wir versuchen sollten, die anderen Besucher aufzuklären und präventiv tätig zu werden.
Haben Sie die Befürchtung, dass es in der Gesellschaft eine weitere Verschiebung des Diskurses nach rechts geben könnte?
John-Stucke: Wir Gedenkstätten formulieren diesen Rechtsruck schon seit mehreren Jahren. Die Frage ist: Wie geht die Gesellschaft jetzt damit um? Schaffen wir es, das aufzuhalten? Ich glaube schon, dass die Bürger jetzt gewarnt sind und wir sehen werden, wie sich das durch die nächsten Wahlen weiterentwickeln wird. Ich vertraue darauf, dass wir gesellschaftlich und politisch gefestigt sind, glaube aber auch, dass wir wachsam sein müssen. Dinge, die man vor zehn Jahren nicht für möglich gehalten hätte, weil man sich in Sicherheit wähnte, muss man heute wieder aktiv bearbeiten.
Ist da etwas abhanden gekommen?
John-Stucke: Bei Gedenkfeiern heißt es: "Nie wieder". "Nie wieder Faschismus" und dergleichen. Die Zeitzeugen konnten das voller Überzeugung sagen. Das haben wir natürlich immer unterstützt. Nur diese Zeitzeugen gibt es nicht mehr. Wir sind jetzt quasi flügge, aber haben dieses Vermächtnis von den Überlebenden mitbekommen. Als einen Teil meiner Aufgabe sehe ich den politischen Auftrag, das zu bewahren.
Das Interview führte David Knapp.
Bildunterschrift: Im "Dritten Reich" ist die Wewelsburg eng mit der Geschichte der SS verknüpft. Heute dient das Kreismuseum der Aufklärung und Informationsvermittlung über die Gräueltaten von damals. Doch Menschen mit rechtsextremer Gesinnung schauen immer wieder vorbei. Zum "Internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust" wurde die Wewelsburg illuminiert, um ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und wachsenden Antisemitismus zu setzen.
Bildunterschrift: Kirsten John-Stucke ist Leiterin des Kreismuseums Wewelsburg.
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www.wewelsburg.de
www.vielfalt-lieben.de
www.mobile-beratung-owl.de
29.02./01.03.2020
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