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Westfalen-Blatt / Westfälisches Volksblatt ,
29.02.2020 :
Autorin wehrt sich
Umstrittenes Cover: Buchdeckel zeigt nationalsozialistische Symbole
Von Marion Neesen
Oberntudorf (WV). Frakturschrift und im Hintergrund verschwommen Reichsadler und Hakenkreuz: Dieses Cover hat der Ammianus-Verlag aus Aachen für das Abschlusswerk der Trilogie rund um das Geseker Gerstenberg-Haus gewählt. Knapp zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Taschenbuches sieht sich die Autorin Charlotte Schroeter-Eiserich plötzlich Anfeindungen ausgesetzt. In manchen Buchhandlungen stehe der Regionalroman mit dem Titel "Eine Familie am Abgrund - Das Gerstenberg-Haus 1914 - 1945" schon gar nicht mehr im Regal.
"Der Vorwurf lautet, ich verbreite nationalsozialistisches Bild- und Gedankengut", war die ehemalige Oberntudorferin zuerst geschockt und ist nun auch empört und wütend. Eine rechtspopulistische Gesinnung weist sie weit von sich. "Mich ärgert, dass die Leute das Buch auf das Cover, für das ich nichts kann, reduzieren. Gelesen haben sie es nicht", sagt die 31-Jährige. Auf die Gestaltung des Einbandes habe sie keinen Einfluss gehabt, das habe der Verlag so ausgewählt und damit offenbar ein Stück weit polarisieren wollen. "Das Thema des Buches war dem Verlag zu ernsthaft für ein übliches Cover aus der Trivialliteratur", sagt Charlotte Schroeter-Eiserich. Nach Rücksprache mit dem Verlag wolle der keinen neuen Bucheinband entwerfen. "Das Cover haben wir inhalts- und zeitbezogen gestaltet. Der Roman behandelt die Schrecken der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Die uns vorgeworfene Verbreitung nationalsozialistischen Gedankengutes weisen wir entschieden zurück", so Geschäftsführer Michal Kuhn, der selbst Autor ist.
Charlotte Schroeter-Eiserich hat Geschichte und Literaturwissenschaften studiert. Sie legt nach eigenen Angaben großen Wert auf fundierte Recherche und historische Fakten. "Die Familiengeschichte in meinen Büchern ist natürlich fiktiv, aber eingebettet in historische Tatsachen", sagt die Autorin. Grundlage für die Trilogie seien unter anderem die Geseker Alben gewesen, in denen Alfons Dunker Bedeutsames zur Geseker Stadtgeschichte gesammelt hat. Ebenso hätten ihr das Geseker Stadtarchiv sowie verschiedene Dokumentationen als Quelle gedient. Es gäbe im Roman sowohl Sympathisanten als auch Gegner des Regimes, weil sie die Zeit des Nationalsozialismus von allen Seiten habe beleuchten wollen. "Ich wollte die Realität so darstellen, wie sie damals war. Ich habe so viel Leidenschaft und Energie in das Buch gesteckt. Mich ärgert, dass die Leute nur auf das Cover schauen und sich nicht mit dem Inhalt auseinandersetzen. Vielleicht wollen sie das aber auch gar nicht", sagt die Autorin.
"Die mir vorgeworfene politische Einstellung habe ich ganz bestimmt nicht. Das liegt mir völlig fern."
Charlotte Schroeter-Eiserich
Charlotte Schroeter-Eiserich unterrichtet im Geseker Schülermeeting. "Meine Schüler, darunter auch viele Flüchtlinge und Kinder mit Migrationshintergrund, fragen mich oft: Wie konnte das damals passieren? Ich antworte ihnen dann: Guckt euch doch an, wie es heute ist. Manches läuft ähnlich", sagt die Autorin und betont: "Es ist wichtig, sich mit dem, was passiert ist, auseinanderzusetzen.§
Die ehemalige Tudorferin bereut nicht, das Buch geschrieben zu haben: "Es ist Geschichte, die erzählt werden muss. Und manchmal gelingt das besser in einem Roman als in einem Sachbuch." Obwohl sie nicht ausschließt, dass ihr Ruf beschädigt werden könnte, bezieht die 31-Jährige Stellung zu den Vorwürfen und distanziert sich öffentlich. "Auf den Inhalt des Buches kann mich jeder ansprechen. Ich stehe dazu. Aber die mir vorgeworfene politische Einstellung habe ich ganz bestimmt nicht. Das liegt mir völlig fern", sagt sie.
Die Trilogie des Gerstenberg-Hauses ist abgeschlossen. Ein neues Buch hat die gebürtige Hövelhoferin derzeit nicht in Arbeit. "Im Moment schreibe ich gar nicht", fehlt Charlotte Schroeter-Eiserich ein wenig die Zeit, aber nach den Anfeindungen auch die Motivation. "Zwei Projekte habe ich noch im Hinterkopf. Die verlangen aber viel Recherchearbeit", so Schroeter-Eiserich. Denn auch ein mögliches neues Buch soll wieder einen realen historischen Hintergrund haben. Liebesromane seien eher nichts für sie. Am Donnerstag, 5. März, bietet Charlotte Schroeter-Eiserich in Zusammenarbeit mit der VHS erstmals eine Lesung aus dem Roman "Eine Familie am Abgrund" an. Beginn ist um 19 Uhr im Trauzimmer des alten Rathauses in Geseke.
Bildunterschrift: Charlotte Schroeter-Eiserich zeigt das umstrittene Cover, auf das sie keinen Einfluss gehabt habe.
29.02./01.03.2020
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