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Westfalen-Blatt / Höxtersche Zeitung , 27.02.2020 :

Altenbekens Schicksalstag

Vor 75 Jahren zerstörten Bomben den Viadukt und forderten viele Todesopfer

Altenbeken (WB). 75 Jahre ist es am vergangenen Samstag her gewesen, dass in Altenbeken die Luftschutzsirenen heulten - und die Eisenbahner-Gemeinde kurz darauf von einem Schicksalsschlag getroffen wurde. Bomben der alliierten Streitkräfte zerstörten den Viadukt. Ortsheimatpfleger Rudolf Koch, heute 84 Jahre alt, kann sich noch an den schrecklichen Tag erinnern, den er als Neunjähriger miterlebte.

Der britische Rundfunk meldete am 22. Februar 1945: "Bomber eines Spezialkommandos zerstörten heute die Eisenbahnbrücke in Altenbeken. Damit wurde eine der wichtigsten Nachschubstrecken zur deutschen Westfront lahmgelegt." Mittags gegen 13.30 Uhr, erinnert sich Koch, ertönten die Sirenen zum ersten Mal an diesem Tag. "Wir sind, als es Fliegeralarm gab, in den Wasserbogen der Eisenbahn-Unterführung Sagestraße geflüchtet. Etwa 100 Altenbekener waren dort, und die Feuerwehr sorgte für Ordnung", erzählt er.

Zwölf Flugzeuge des Typs Martin B-26 "Marauder" bombardierten zunächst den Westteil des Bahnhofsgebäudes. Dabei wurden schwere Dampflokomotiven von den Gleisen gerissen, und auch ein Stellwerk stürzte ein. Häuser in der Nachbarschaft wurden schwer beschädigt und fielen teilweise zusammen. Um 15.09 Uhr gab die Luftschutzsirene Vorentwarnung. Zu dem Zeitpunkt waren bereits zehn Menschen gestorben, 100 wurden verletzt.

"Im Bunker waren Erschütterungen spürbar, es wurde viel gebetet."
Rudolf Koch

Um 15.36 Uhr wurden die Einwohner erneut von der Sirene in die Keller und Unterführungen gehetzt. 17 britische Avro 683 "Lancaster"-Bomber mit einem Geleitschutz von 59 Jagdflugzeugen flogen gegen 15.50 Uhr das Beketal aus Richtung Westen an. Ihr Ziel: der Viadukt. Die Eisenbahnbrücke war erst seit dem 10. Februar 1945 wieder befahrbar, nachdem die Schäden der vorherigen Bombardements vom 26. und 29. November 1944 notdürftig repariert worden waren. Schon als der erste Zug wieder über das Bauwerk fuhr, wuchs bei vielen Altenbekenern die Angst vor einem erneuten Angriff der Alliierten - nun wurde sie zur Realität.

Um 15.54 Uhr fiel die erste knapp 5,5 Tonnen schwere "Tallboy"-Bombe auf den Viadukt. Begleitet von erdbebenähnlichen Erschütterungen folgten weitere Bomben und zerschlugen mehrere Brückenbögen. Koch erinnert sich, dass die Erschütterungen im Bunker deutlich zu spüren waren: "Es wurde viel gebetet, und es existierte die ständige Angst, dass eine Bombe auf unseren Unterschlupf fällt." Als der Angriff vorbei war, erfuhren Rudolf Koch und seine Familie, dass seine Tante und zwei ihrer Kinder das erste Bombardement nicht überlebt hatten.

Um 16.13 Uhr traf die letzte "Tallboy"-Bombe den Viadukt. Ein Lancaster-Bomber konnte den Bunkerbrecher nicht wie geplant auf den Viadukt abwerfen und zielte statt dessen auf den östlichen Ausgang des Rehbergtunnels bei Langeland. Die Bombe traf ihr Ziel jedoch nicht. Der Krater ist noch heute zu sehen.

Die 5.443 Kilogramm schweren und mit 2.358 Kilogramm Sprengstoff gefüllten "Tallboy"-Bomben verursachten nicht nur Schäden am Viadukt und in der näheren Umgebung. Der am Fuß der Brücke errichtete so genannte Stapelsberg, ein langer Schutzbunker für Arbeiter, erwies sich als tödliche Falle: Die Bomben bohrten sich tief in den Boden und zerstörten mit ihrer Sprengkraft den mit Schienen und Holz ausgebauten Grubenbau. Der Stollenmund wurde zertrümmert und in Geröllmassen gehüllt. Viele Freiwillige kämpften tagelang um die verschütteten Arbeiter. Nach elf Tagen konnte der erste Hohlraum freigelegt werden, wo sieben tote Flakhelfer und elf tote ukrainische Arbeiter geborgen wurden.

Ein schwer verletzter russischer Bergmann berichtete über das Schicksal der Eingeschlossenen, die verhungerten, verdursteten und erstickten. Er selbst starb vier Tage nach seiner Überführung ins Krankenhaus.

Der verstorbene Ortsheimatpfleger Heinrich Neuhäuser hielt in seinem Heimatbuch fest: "Der Stollen trägt seit dieser Zeit den Namen Todesstollen, und die Umgebung wird diesen Namen für alle Zeiten behalten."

Viele Altenbekener mussten damals ausgebombte Bewohner in ihren Häusern aufnehmen. Koch erzählt: "In dieser Zeit war Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft eine Selbstverständlichkeit. Die Zerstörungen sind immer noch im Gedächtnis, genau wie die etwa 1.000 Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die von der SS bewacht und misshandelt wurden."

Die Opfer wurden auf dem Alten Friedhof beigesetzt, wo die ausländischen Arbeiter heute noch ruhen. Zur Mahnung und Erinnerung wurde vor fünf Jahren ein Gedenkstein über einem ehemaligen Eingang des Luftschutzstollens aufgestellt.

Bildunterschrift: Zum 75. Mal jährte sich am vergangenen Samstag der Bombenangriff während des Zweiten Weltkrieges auf den Viadukt in Altenbeken. Zahlreiche Todesopfer waren zu beklagen Die Eisenbahnbrücke war nach einem ersten Bombardement im November 1944 gerade erst wieder aufgebaut worden.

Bildunterschrift: Durch die Wucht der Explosionen wurden sogar schwere Loks von den Gleisen gerissen.

Bildunterschrift: Ein Gedenkstein erinnert an die Zerstörung des Viadukts und die Getöteten.

Bildunterschrift: Auch im Altenbekener Unterdorf mit der Kirche wurden vor 75 Jahren durch die britischen Bomben, die den Viadukt zerstörten, erhebliche Schäden angerichtet.


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