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Neue Westfälische - Bünder Tageblatt , 27.02.2020 :

Die KZ-Folter bleibt

Stolpersteine: Ernst Friedlich litt bis zuletzt unter den gesundheitlichen Schäden / Seinen Beruf als Zahnarzt konnte er nicht ausüben - weil er Jude war

Jasmin Hoymann

Bünde. Der jüdische Kaufmann Siegmund Friedlich lebte mit seiner Frau Mathilde, die eine geborene Marcus war, in Bünde, Auf’m Tie 3. Ihre Tochter Anna wurde ein Jahr nach dem Umzug nach Bünde am 9. November 1909 geboren. Das junge Paar bekam ihren ersten Sohn Ernst ein Jahr später Dieser sollte die Schrecken der Herrschaft der Nationalsozialisten am eigenen Leib erfahren.

Der junge Ernst bestand seine Abitur-Prüfung im Jahr 1930 am Real-Gymnasium und begann gleich danach mit dem Studium der Zahnmedizin. Nachdem er die Vorprüfung an der Universität Marburg bestanden hatte, ging er von 1932 bis 1933 für drei Semester an die Universität Münster. Während des Studiums starb sein Vater und seine Schwester wanderte nach Paris aus. Sie heiratete in Nizza und lebte dort bis in die 1980er Jahre.

Ihr Bruder legte, bevor er nach Bünde zurückkehrte, das zahnärztliche Staatsexamen ab. Doch da er Jude war, durfte er seinen Traumberuf nicht ausüben. Seine Doktorarbeit wurde auf Grund eines Gesetzes aus dem Jahr 1933 nicht anerkannt. Dies besagte, dass er das Doktordiplom nur erhalten könne, wenn er gleichzeitig die deutsche Staatsangehörigkeit ablege. Dies war ein herber Rückschlag für ihn.

Da er keine Zukunft in Bünde sah, zog er 1934 mit Margarete Heymer, die er wahrscheinlich in Paris heiratete, zu seiner Schwester nach Frankreich. Dort bewarb er sich an einer Zahnarzt-Schule, wurde dort auf Grund der fehlenden Dokumenten jedoch nicht angenommen.

Verhaftet in einem Krankenhaus in der Ukraine

Überraschend bekam er von einer amerikanischen Gesellschaft das Angebot, als Angestellter in Russland zu arbeiten. Doch dort konnte er nicht lange bleiben. Er berichtete, nach nur zwei Monaten in der Ukraine und nach nur vier Wochen Arbeit in einem Krankenhaus, der Spionage bezichtigt worden zu sein. Daraufhin wurde er vier Monate festgehalten und dann nach Deutschland ausgewiesen.

Noch am Tag seiner Ankunft in Deutschland wurde er in so genannte Schutzhaft genommen. Vier Wochen wurde er von der Gestapo in Bielefeld verhört und gefoltert, da sie hofften, von ihm Namen von NS-Gegnern in Frankreich zu erfahren. Nach diesen Wochen kam er 1936 in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Durch die Folter war er zu schwach zum Arbeiten und kämpfte zudem mit einem Leistenbruch, den ein Fußtritt verursacht hatte. Trotzdem wurde er zur Arbeit gezwungen.

Wenn er nicht mehr konnte, stachen ihm die Wärter Augenzeugen-Berichten zufolge mit Bajonetten in den Oberschenkel. Die so entstandenen Wunden wurden hinterher mit Salz und Pfeffer eingerieben. Dadurch blieben Narben. Seine Wirbelsäule verkrümmte sich immer mehr, seine gesamte Gesundheit verschlechterte sich. Seine tägliche Todesangst äußerte sich später in einem Magengeschwür. In einer Nacht, als alle Lagerinsassen zur Strafe in der Kälte strammstehen mussten, holte er sich eine Lungenentzündung, von der die Lunge dauerhaft vernarbt blieb.

Seelische Folgen der Schutzhaft blieben bis zum Lebensende

Schließlich kam Ernst Friedlich 1937 zunächst nach Dachau, anschließend in das KZ Buchenwald, wo er sich Erfrierungen an Beinen und Füßen zu zog. Die Taubheit in den betroffenen Gliedmaßen blieb bis zu seinem Tode. Zudem wurden Nahrungsmittel-Experimente an ihm durchgeführt, dessen Folgen ihn sein Leben lang begleiteten.

Während der Schutzhaft lebte seine Frau bei seiner Mutter, die allerdings im Jahr 1938 gezwungen wurde, nach Kassel zu ziehen. Als Ernst Friedlich im Jahr 1939 entlassen wurde, zog er nach kurzem Aufenthalt in Bünde mit seiner Frau ebenfalls nach Kassel. Dort stellte er für sich und seine Frau einen Auswanderungsantrag, denn wenn er nicht innerhalb von 14 Tagen ausgewandert sein sollte, wäre er wieder in Schutzhaft gekommen, so sagten es ihm hochrangige Nationalsozialisten. Heute ist nicht ganz klar, ob er nach Mexiko oder direkt nach Singapur ausgewandert ist. Dort blieb er, bis er 1941 nach Australien emigrierte, wo er den Namen Frey annahm. Im selben Jahr wurde seine Mutter nach Riga deportiert und starb dort.

Seine Ehe litt unter den Folgen der Schutzhaft und zerbrach schließlich im Jahr 1943. Ein Jahr später heiratete er Karla Martha Franz, die aus Hamburg stammte. Mit ihr bekam er zwei Söhne. Die Rechtsanwälte von Ernst Frey stellten 1954 einen Antrag auf Entschädigung in der Bundesrepublik Deutschland. Die Bearbeitung zog sich über sieben Jahre hin.

Schließlich bekam er Entschädigungszahlungen für seine Haftzeit und die Monate, die er nicht hatte arbeiten können. Auch eine Rente wurde ihm zugesichert, die allerdings zu niedrig war, um die Kinder zu ernähren. Als seelische Folgen seiner Schutzhaft kämpfte er mit Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen und Schwindelanfällen. Er starb mit fast 70 Jahren in Australien.

Die gesundheitlichen Schäden, die ihm die Nationalsozialisten zugefügt hatten, hatten sein gesamtes Leben bestimmt.

Bildunterschrift: Die Stolpersteine erinnern an das Schicksal von Ernst und seiner Mutter Mathilde Friedlich.

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