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Neue Westfälische - Zeitung für das Lübbecker Land , 25.02.2020 :

Briefe an die Redaktion / "Änderung dringend geboten"

Espelkamp. Ein weiterer Leserbrief erreicht die Redaktion zum Thema Straßenumbenennung Dr.-May-Ilgner-Straße. Der Autor bezieht sich hier auf eine Veröffentlichung, bei der aus einem privaten Brief zitiert worden war.

"Zweifelsfrei zeigen die vergangenen Zeitungsartikel, Kommentare und Leserbriefe deutlich, dass Max Ilgner ein Vertreter des NS-Staates von veritabler Größe war, 1947 im Nürnberger Prozess aber folgerichtig wegen "Raub und Plünderung" zu drei Jahren Haft verurteilt worden war.

Bereits 1948 entlassen, wurde er dann jedoch Mitarbeiter des Zentralbüros des evangelischen Hilfswerks in Stuttgart unter Leitung von Eugen Gerstenmeier und stieß bald zu dem Muna-Verhandlungskomplex in Espelkamp.

In dem vom Lokalredakteur Schulz erwähnten privaten Brief von Herrn Könemann an Herrn Quader wird Ilgners Tätigkeit dort in seiner Funktion als Leiter der Planung, als Entwickler und Verhandlungsführer als wichtig und erfolgreich angesehen. Genau diese Beurteilung aber, die sich bis heute in einer Straßen-Namens-Nennung manifestiert, muss bei näherem Hinschauen arg bezweifelt werden. Ich beziehe mich auf Ausführungen von Hannelore Oberpenning in "Arbeit, Wohnung und eine neue Heimat", erschienen 2002.

Zwar beauftragte Eugen Gerstenmeier schon im September 1948 Ilgner mit der Aufgabe der Organisation und Koordination zwischen den verschiedenen Verhandlungspartnern in Espelkamp (S. 44), es kam aber schon bald zum Streit, besonders zwischen dem Zentralbüro in Stuttgart und der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Im Frühjahr 1949 zeigten sich immer größere Differenzen und Erschwernisse der Kooperation zwischen den beteiligten Gruppen (S. 52).

Das Scheitern der Einbeziehung westdeutscher Industriekreise und die Gefahr, dass Gelder des Marshallplans auf Grund der Mitwirkung des ehemaligen Nationalsozialisten Ilgners nicht fließen würden, führte bereits im Sommer 1949 zur Ablehnung Ilgners auf allen Ebenen. Ilgner zog sich daraufhin aus der Mitarbeit zurück (S. 56). Die Gründung der "Aufbaugemeinschaft Espelkamp GmbH" als Gesamtaufbauträger der geplanten Vertriebenen- und Flüchtlingssiedlung fand am 4.Oktober 1949 ohne Max Ilgner statt (S. 57).

Es ist auf Grund des genaueren Blickes in die Geschichte nur schwer nachzuvollziehen, warum in Espelkamp eine Straße nach Max Ilgner benannt wurde. Eine Änderung ist dringendst geboten."

Paul Hasse
Lübbecke

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Neue Westfälische Online, 14.02.2020:

Soll nach Nazi-Größe benannte Straße einen neuen Namen bekommen?

14.02.2020 - 13.11 Uhr

Gerhard Pollheide stellte an Rat und Verwaltung einen Bürgerantrag auf Umbenennung der Dr.-Max-Ilgner-Straße in Oskar-Schindler-Straße. Nur eine Partei stimmt bislang vorbehaltlos zu.

Karsten Schulz

Espelkamp. Der Name Max Ilgner, der in Espelkamp den Weg zum Industriegebiet zwischen General-Bishop-Straße und Präses-Ernst-Wilm-Straße weist, stößt manchem Zeitgenossen sauer auf. So gab es bereits Ende der 90er-Jahre den Versuch, die Straße umzubenennen. Jetzt liegt Rat und Verwaltung wieder ein entsprechender Bürgerantrag vor.

Gerhard Pollheide wohnt seit 30 Jahren in Spanien

Gerhard Pollheide, gebürtiger Isenstedter, seit mehr als 30 Jahren in Spanien lebend und mit Zweitwohnsitz in Lübbecke ansässig, schickte ihn jetzt schriftlich an Rat und Verwaltung sowie an die Fraktionsvorsitzenden der im Rat vertretenen Parteien. Er möchte, dass sie in Oskar-Schindler-Straße umbenannt wird. Schindler war ein deutschmährischer Unternehmer, der während des Zweiten Weltkrieges gemeinsam mit seiner Frau etwa 1.200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten bewahrte.

"Straßenname ist eine Verhöhnung der Nazi-Opfer"

Als Begründung fügt er an, dass Max Ilgner NSDAP-Mitglied, ein Nazi und wegen Plünderung und Raub verurteilter Kriegsverbrecher war. Außerdem war er Vorstandsmitglied der IG Farben und als Geschäftsführer der Buna-Werke in Schkopau maßgeblich am 1941 durch die I.G. Farben erbauten rund 20 Hektar großen Buna-Werkes beim Konzentrationslager Auschwitz III Monowitz beteiligt.

Pollheide führt in seiner Begründung weiter an, dass in diesem Jahr der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 75 Jahren gedacht wurde. "Auch vor diesem Hintergrund ist es unfassbar und völlig unakzeptabel, dass es in der Stadt Espelkamp immer noch eine Straße gibt, die Ilgners Namen trägt. Es ist wie eine Verhöhnung der vielen Opfer des Holocaust", schreibt Pollheide. Es sei daher "dringend an der Zeit auch in Espelkamp die NS-Geschichte endlich komplett aufzuarbeiten".

Schreiben ging auch ans Bundespräsidialamt

Das Schreiben hat Pollheide auch ans Bundespräsidialamt, Bundeskanzleramt und den Zentralrat der Juden geschickt. Pollheide erinnert in diesem Zusammenhang an die "auch von mir geführten schmerzlichen Diskussionen hierüber". Seinerzeit hätten diese leider nicht zum Ziel der Straßennamenveränderung geführt. "Daher ist dieses jetzt dringend geboten." Auf offene Ohren stößt der in Spanien lebende Künstler vor allem bei den Grünen. "Wir unterstützen den Antrag und finden auch die Vorstellung gut, dass die Straße zukünftig nach Oskar Schindler benannt werden soll", sagt Andreas Sültrup im Gespräch mit nw.de.

Unternehmen müssten viel Geld in die Hand nehmen

Auch Hartmut Stickan (SPD) findet den "Bürgerantrag so in Ordnung". Er stellt allerdings die Frage in den Raum, ob dies eine gute Lösung sei. Er weist darauf hin, dass an dieser Straße mehrere Unternehmen ihren Sitz haben, beispielsweise auch das Weltunternehmen Plümat oder auch die Gebäudereinigung Schulz und viele kleinere Firmen. Sie müssten zum Teil "erhebliche Summen" in die Hand nehmen, um bei einer Umbenennung die Anschrift zu ändern. Stickan machte den Vorschlag, eine zusätzliche Tafel unterhalb der Straßenschilder aufzustellen, um auf die problematische Vergangenheit Ilgners hinzuweisen.

CDU spricht darüber in einer Fraktionssitzung

Noch keine Aussage treffen wollte in diesem Zusammenhang CDU-Fraktionssprecher Wilfried Windhorst. Man werde darüber in der kommenden Fraktionssitzung sprechen und "eine Linie finden". "Im Augenblick habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht", so Windhorst. Auch Unabhängigen-Sprecher Paul-Gerhard Seidel wollte sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht dazu äußern, ob seine Fraktion einer Umbenennung zustimmt. "Wir werden darüber in einer Fraktionssitzung beraten und es dann mitteilen", so Seidel.

"Jeder hat die Chance eines Neuanfangs"

Gerhard Könemann vom Espelkamper Geschichtskreis hat sich in einem Schreiben an Unternehmer Roland Quarder, der die Umbenennung ebenfalls unterstützt, zur Person Max Ilgner geäußert. Ilgner habe im Auftrag des Zentralbüros des Evangelischen Hilfswerkes und auf Empfehlung Birger Forells etwa ein Jahr lang das Planungsbüro in der Muna geleitet und dabei eine Industrieplanung entwickelt und Vorverhandlungen mit dem Land NRW geführt.

Dies habe zur Gründung der Aufbaugemeinschaft und damit Espelkamps geführt. Er merkt in diesem Zusammenhang an, dass Ilgner im IG-Farben-Prozess in Nürnberg zu drei Jahren Haft verurteilt worden ist. Er habe diese Strafe abgesessen. Könemann abschließend: "Alle demokratischen Rechtssysteme sehen für solche Leute die Chance eines Neuanfanges vor."

Bildunterschrift: Das Straßenschild mit dem Namen Dr.-Max-Ilgner-Straße leuchtet in der Abenddämmerung. An der Ausfahrt zur General-Bishop-Straße ist im Hintergrund die Gewerbetafel mit den Namen der dort ansässigen Unternehmen zu sehen.


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